Jetzt bist du wirklich eingetroffen. Mir sind sie nicht entgangen, deine leisen, aber umso eindringlicheren Vorankündigungen. Ich habe dich mehr als einmal dabei ertappt, wie du heimlich versucht hast, wenigstens probeweise einen Fuß in mein Leben zu setzen. Manchmal habe ich mit dem Gedanken gespielt, ja, ich hatte es mir vorgenommen, dich zum Bleiben zu bewegen. Aber meine Angst vor dir war größer als die Neugierde. Du wirst dich gewiss meiner Argumente erinnern, mit denen ich deine zaghaften, jedoch unaufschiebbaren Antrittsbesuche abgewimmelt habe. Aber ich wusste, dass dein Kommen unausweichlich ist.
Heftiger Regen prasselt auf das Glasdach. Aber nur wenige Minuten. Während letzte vereinzelte Regentropfen ihre silbernen Spuren im Glasfenster ziehen, kommt ein kräftiger Wind auf, der den Nebel und die Wolken vor sich hertreibt und mit ihnen fortzieht. Zurück bleibt ein tiefblauer, klarer Himmel, der durch das Glasdach auf mich herunterstarrt. Schrecklich diese Klarheit, die jeden gnädigen Zweifel ausschließt.
Die Inszenierung deines Kommens hast du wahrhaftig grandios in Szene gesetzt. Säße ich im Theater, würde ich Beifall klatschen. Für das Bühnenbild, die Dramaturgie, für den Ton … Aber der Sessel, auf dem ich sitze, steht nicht in der Theaterloge, sondern im Wartesaal des Krankenhauses. Du weißt es, du hast mich hinbestellt. Du hast alle Vorbereitungen getroffen, nachdem die Zeit reif war für die Wende …
Du konntest also nicht mehr zuwarten. Mit voller Wucht bist du in mein Leben eingedrungen, hast dich in meine Gegenwart verkrallt, schlugst meine Vergangenheit wund, und würgtest meine Zukunft, dass ihr kaum Luft zum Atmen blieb. Entsetzlich dein Hohngelächter, das meine Hoffnung beinahe sterben ließ … Stumm und verzweifelt versuche ich, deine Schläge abzuwehren, winde mich unter deinem Würgegriff, versuche, dein irres Gelächter mit lautlosen Schreien zum Schweigen zu bringen.
Allmählich werden deine Schläge kraftlos, deine Umklammerung wird zur Umarmung und dein Gelächter ist umgekippt in ein leises, zaghaftes Wimmern. Müde und erschöpft fallen wir uns in die Arme.
Milde und einsichtig umhüllst du meine Seele mit einem harten, warmen Panzer. Du richtest mich auf, zerrst mich mit dir fort.
Wendezeit
Ich habe vorläufig Asyl in der Alltäglichkeit gefunden. Ihr geschäftiges Treiben, die Beharrlichkeit und Unbekümmertheit empfinde ich ausgesprochen beruhigend. Ich genieße ihre Wortkargheit, und es macht mir nichts aus, dass sie keinerlei Rücksicht auf meine Befindlichkeit nimmt. Kühl und sachlich teilt sie mir Aufgaben zu, die ich kühl und sachlich zu erfüllen trachte. Nein, Freude empfinde ich nicht dabei, umso erstaunlicher ist mein Eifer. Ich klammere mich an die Routine, weil sie mich vor Unsicherheit schützt, der ich mich nicht auszusetzen wage.
Ist es die therapeutische Wirkung der Routine, oder ist es die Zeit, die meinen harten, warmen Panzer langsam abbröckeln lässt? Ich atme freier, der Boden unter meinen Füßen gibt nicht mehr nach. Es drängt mich zum Aufbruch. Die Zuversicht lässt sich nicht mehr zurückhalten, sie kümmert sich nicht um die Narben. Ich drohe ihr mit der Vergangenheit, aber sie lässt sich nicht einschüchtern.
Unbeirrt hakt sie sich bei mir unter, und ich lasse mich führen. Die Neugierde eilt uns voraus, ein sachter Übermut räumt die abgetakelten Hindernisse aus dem Weg und wischt die schweren Gedanken fort.
Der Fluss führt nur wenig Wasser in seinem Bett. Die Uferlandschaft dehnt sich breit und weitläufig aus. Ich setze mich auf einen verdorrten Ast, ziehe meine Schuhe und Socken aus, und lasse meine Füße im Wasser baumeln, atme die Luft des Meeres und horche auf das Murmeln des Wassers. Das unablässige Auf und Ab der Wellen, ihr Herannahen und Zurückweichen versetzt mich in den Zustand heiterer Gelassenheit und meine Gedanken schlagen Purzelbäume. Die Hoffnungen und Träume aus der Vergangenheit: Ich werfe sie ab und übergebe sie dem Fluss. Die Ängste und Bedrohungen von einst lösen sich in Hoffnung auf, und ich fühle mich stark genug, meine Schwachheit auszuhalten und sie einzugestehen. Meine Schuld verbündet sich mit der Unschuld, und beide — die Schuld und die Unschuld — sprechen mich frei.
Ich vertiefe mich weiter in das Spiel des Wassers. Die Wellen fließen, ja stürzen mit immer größerer Geschwindigkeit weiter. Doch plötzlich, ich weiß nicht, wie es gekommen ist, scheint der Fluss erstarrt. Und noch immer auf dem dürren Ast sitzend, trägt mich das Ufer still und unbewegt dahin, einer neuen Zeitenwende entgegen.
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