Auftragslücken sind weder „leisure time“ noch ein Hinweis auf mangelnden Erfolg: „Auszeiten“ sind berufstypisch und werden zudem für Selbstvermarktung, Vorsprechreisen und Produktionsvorbereitungen benötigt. Die Terminabstimmung ist oft kompliziert, Bühnenproben oder eine Vorstellungsreihe im Theater sind mit weiteren Aufträgen im gleichen Zeitraum — Drehtage, Sprechertätigkeiten et cetera — schwer zu vereinbaren. Nicht alle finden eine passende Agentur, und für 10 bis 15 Prozent Provision bietet nicht jede Agentur Full Service.
Und die emotionale Belastung? Nie zu wissen, wie es weitergeht, ständig geprüft und beurteilt zu werden, sich nonstop bewähren zu müssen, oft und oft abgelehnt zu werden, auch das gehört zum Berufsalltag.
Viel Arbeit, wenig Kohle
Die Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stuft den Schauspielberuf mit dem höchsten Anforderungsniveau 4 als „hoch komplex“ ein. Doch die Entlohnung „rangiert am Theater nicht selten unterhalb der Vergütung von Hilfs- und Anlerntätigkeiten mit dem niedrigsten Anforderungsniveau 1“, so der Bundesverband Schauspiel (BFFS). Immerhin: Seit 2025 beträgt die Theater-Mindestgage 3.285 Euro/Monat brutto, und für „gastierende Solo-KünstlerInnen liegt die Vorstellungsgagen-Untergrenze weiterhin bei 10 Prozent der Mindestgage (…)“. Auf dem Papier. Die realen Gagen sind oft weitaus kärglicher, und Sozialversicherungsbeiträge für kaum oder gar nicht entlohnte Probenzeiten an Privattheatern müssen selbst bezahlt werden.
Drehtagsgagen sehen nur für Ahnungslose üppig aus. Liest ein Laie „1.500 Euro“, so rechnet er das flugs und neidvoll auf 220 Jahresarbeitstage hoch und liegt mit dieser Berechnung schwer daneben.
Einem Acht- bis Zehn-Stunden-Drehtag — mit etwas Pech noch länger und draußen bei Kälte, Regen und Wind — geht viel Arbeit voraus: Bewerbungen, Social-Media-Marketing, Castings, Vertragsverhandlungen, Drehbuchlektüre, Textlernen, Konzeptgespräche, Kostümproben, Reisetage; je nach Projekt kommen noch Fotoshootings, Interviews et cetera dazu.
Und nicht vergessen: „Plötzlich krank“ bedeutet Pech — außer Spesen nix gewesen. Es sei denn, man spielt mit Bronchitis oder Nierenbeckenentzündung; das kommt nicht selten vor.
Faktencheck zum Gehaltsscheck
Laut Bundesagentur für Arbeit verdient ein „Schauspieler/in-Experte“ im Mittel rund 3.787 Euro monatlich. Brutto. 30 bis 40 Prozent des Einkommens gehen als Steuern und Abgaben an den Staat.
Schauspielerinnen haben es noch weit schwerer als Schauspieler
Von „Schauspielenden“ als homogene Gruppe zu sprechen, wäre jedoch falsch. Schauspielerinnen sind stark benachteiligt. Das Männer-Rollenangebot ist üppiger, die Männer-Gagenangebote sind generöser, die Verdienstmöglichkeiten für Schauspiel„er“ also weitaus besser. Weitaus geringer hingegen ist der Anspruch an ihn, jung, schlank, schön und sexy zu sein und sich attraktiv hüllenlos zu präsentieren. Aber das sind nicht die einzigen Hürden.
Frauen sind deutlich unterrepräsentiert
Eine Studie der MaLisa Stiftung zur „audiovisuellen Diversität“ 2016 ergab: Frauen sind in deutschen audiovisuellen Medien deutlich unterrepräsentiert. Über alle Fernsehprogramme hinweg kommen auf eine Frau zwei Männer. Nur bei Telenovelas und Daily Soaps sind die Damen leicht an der Spitze: circa 51 Prozent Frauen, 49 Prozent Männer. Allerdings machen Soaps und Co. nur 3 Prozent aller Sendungen aus, und die Frauen unterhalten sich dort vornehmlich über Männer und Beziehungen. 2020 hatte sich laut einer neuen Studie das Geschlechterverhältnis nur unwesentlich gebessert.
Und auch 2026 gilt noch immer: „Wenn Frauen vorkommen, dann als junge Frauen.“
Schauspielen — Zwischenbemerkung zu einem schwachen Verb
Selbst in Interviews mit Stars ist zu lesen, er oder sie „schauspielere“ erfolgreich. Laut Duden bedeutet schauspielern „etwas vortäuschen, spielen, was nicht der Wahrheit (…) entspricht“ und wird abwertend gebraucht; umgangssprachlich auch für Menschen, die als SchauspielerIn auftreten, allerdings oft „ohne Ausbildung, ohne Könnerschaft“, „schauspielen“ also. Ein Fußballer allerdings fußballert nicht, sondern spielt Fußball … Aber wie fleißig sie auch schauspielen: Für Frauen springt wenig dabei heraus.
Frauen kommen nur als junge Frauen vor — beim Berufseinstieg schon zu alt?
So wichtig eine fundierte Ausbildung ist, auch das obligate vierjährige Hochschulstudium wird Frauen zum Verhängnis. Ergattert eine nach dem Abi einen der begehrten Schauspiel-Studienplätze, macht sie erst mit 23 oder 24 die ersten Schritte im Beruf. Als „Master of Arts“ bleiben ihr dann gerade mal sechs oder sieben aussichtsreiche Jahre: Die Hälfte ihrer „guten Zeit“ hat sie im Studium verbracht. Und was ist mit dem Kinderwunsch?
Kinder sind Luxus
Kinder sind unter solchen Bedingungen Luxus. Fremdbetreuung ist teuer, selbst betreuen nicht günstiger, denn es bedeutet Auftrags- und Verdienstausfall. Berufliche Reisen und verwegene Arbeitszeiten sprengen sämtliche Kita- und Hortangebote. Und krank werden die lieben Kleinen ja gelegentlich auch — und durchaus öfter als nur gelegentlich.
Vaporisiert und mundtot gemacht
Bis zum 30. Geburtstag kommen Frauen in den fiktionalen und nonfiktionalen Unterhaltungsformaten noch in etwa gleich oft wie Männer vor. Danach verschwinden Frauen nach und nach von Bühne und Bildschirm in allen Sendern, Genres und Formaten.
Weder Mütterrollen noch weibliche Tierfiguren
Die MaLisa-Studie besagt weiter: Auch „weibliche Fantasie- und Tierfiguren sind (…) deutlich unterrepräsentiert: 82 Prozent der Tierfiguren sind männlich, bei pflanzlichen Figuren und Objekten sind es 95 und bei Robotern und Maschinen 77 Prozent.“
Am 7. Januar 2026 berichtete die Süddeutsche Zeitung von einem neuen Hype, Boys Love (BL): „BL ist eines der beliebtesten Genres der japanischen Mangas. Es beschreibt ausschließlich romantische Beziehungen zwischen zwei jungen Männern.“ Bei Omegaverse, „einer frauenlosen Fantasiewelt, in der manche Männer schwanger werden können“, sieht es ebenso finster aus. Zwar geht es hier um Zeichentrick, heißt aber: keine Rollen für Synchronschauspielerinnen.
Und in Dokumentarfilmen erzählen überwiegend männliche Off-Sprecher von den Schönheiten und Schrecknissen dieser Welt.
Weniger Rollen, geringeres Einkommen, niedrigere Renten, höheres Armutsrisiko. Gleichberechtigung? Ha. Und die Auswirkungen von „MeToo“ sind hier noch nicht einmal einberechnet. Wer mir eine Frau nennt, die in den 1970er-Jahren Karriere gemacht und niemals hüllenlos agiert hat, den oder die lade ich auf einen doppelten Espresso ein.
Unfassbare Unterrepräsentierung
Mütterrollen fehlen fast komplett, wie schon an anderer Stelle berichtet. Die Bühnen- und Medienlandschaft ist ein Mütterfriedhof. Wer mir mehr als drei Filme nennen kann, in denen eine Mutter vorkommt, die positiv dargestellt wird, einen Namen trägt und bis zum Schluss überlebt, der oder dem spendiere ich zum Kaffee noch einen Kuchen.
Dass selbst die erschreckende flächendeckende Abwesenheit von Mutterfiguren niemandem aufzufallen scheint, in der so wichtigen Studie noch nicht thematisiert und in den Medien nie diskutiert wurde, ist verwunderlich, wo doch sonst so penibel darauf geachtet wird, alle und alles „angemessen abzubilden“.
Aber sogar das Statistische Bundesamt lässt Mütter über 75 einfach unter den Tisch fallen. Auf die Frage „Wie viele Mütter gibt es in Deutschland?“ gibt Destatis an: „Im Jahr 2022 lebten in Deutschland insgesamt 20,3 Millionen Mütter im Alter von 15 bis 75 Jahren.“ Mütter mit 15 werden gezählt, Mütter über 75 totgeschwiegen.
Mütter ü75 sind selbst für die Statistik nicht vorhanden
Jenseits der 75 wird der Mutterstatus entzogen. Das passt zu den Diskussionen, in denen die Mütterrente als überflüssig erachtet und der Wunsch nach gleicher Mütterrente für alle Rentenmütter als lächerlich abgetan wird. Auf die Frage „Wie viele Mütter über 75 gibt es in Deutschland?“ antwortete Destatis: „Leider liegt uns die Zahl der Mütter im Alter über 75 Jahren nicht vor.“ Wie bitte? Ein „Her-mit-den-Mutterrollen“-Hashtag ist überfällig.
Zaghafte Stimmen
Auf dem roten Teppich wurde die triste Realität lange glänzend hinweggelächelt. Alle Interviewten tun so, als sie ob jedes Drehbuch sorgfältig prüfen, bevor sie zusagen — dabei sind die meisten froh, wenn ihnen überhaupt ein Drehtag angeboten wird. Inzwischen gibt es immerhin mutige Stimmen zu „MeToo“ und seit Coronazeiten, Kürzungen des Kulturetats und KI-Konkurrenz auch vermehrt zum Thema Gender-Pay-Gap.
Dramatischer Rückgang von Schauspielbeschäftigungen
Der BFFS beklagt einen „dramatischen Rückgang von Schauspielbeschäftigungen“ mit bislang tiefstem Stand im Jahr 2024.
Mitbetroffen von den finanziellen Verlusten sind die Agenturen. Ulrich Meinhard, Vorsitzender des VdA (Verband der Agenturen für Film, Fernsehen und Theater): „Ohne eine so offensichtliche Ursache für die Krise, wie die Corona-Pandemie sie war, können KünstlerInnen oft nicht erkennen, dass ihre individuelle Flaute die Flaute der ganzen Branche ist. Stattdessen interpretieren sie die mangelnden Arbeitsangebote als persönliches Versagen.“
Die guten alten Zeiten
Richten wir den Blick auf alte Zeiten, als noch die eine oder andere günstige Altbauwohnung zu finden war, in der Romeo und Julia unrenoviert-kohleöfchengewärmt-bescheiden wohnen konnten. Alternde Schauspielerinnen hatten es auch damals nicht leicht; für alle anderen war das Angebot an Bühnen- und Fernsehrollen groß. Es gab mehr staatliche und städtische Bühnen, also viele Festengagements. Berufstypische Lücken zwischen zwei Engagements oder in auftragsarmen Phasen ließen sich mit der Arbeitslosenhilfe überbrücken. Die Alhi war eine steuerfinanzierte, bedürftigkeitsabhängige Sozialleistung für Berufsgruppen ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld und schützte viele davon, von einer Krisenklippe gleich in den Armutsabgrund zu stürzen.
Die Sender produzierten viel und zahlten für erneut ausgestrahlte TV-Produktionen Wiederholungshonorare. Zeitaufwendige Castings wurden mit Aufwandspauschalen entgolten. Und die Zentrale Bühnen- und Fernsehvermittlung ZBF, heute ZAV-Künstlervermittlung, war als Teil des Arbeitsamts, heute Bundesagentur für Arbeit, eine provisionsfreie Schauspielagentur, bei der man sich nicht nur professionellen Rat holen, sondern auch Zuschüsse beantragen konnte, zum Beispiel für Vorsprechreisen und berufsnotwendige Umzüge. Jene güldenen Zeiten sind schon lange vorbei …
Agenda 2010 und die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe
Mit der Agenda 2010 und der Grundsicherung für Arbeitssuchende nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) wurde um 2005 alles noch schwieriger, wobei „Arbeits-suchende“ hier zwar korrekt laut damaliger Bundesagentur für Arbeit wiedergegeben wird, grammatikalisch jedoch schon immer falsch war.
Die seit fast 50 Jahren bewährte Arbeitslosenhilfe wurde abgeschafft, mit verheerenden Konsequenzen auch für die Schauspielbranche. Den „Freien“ blieb im Notfall nur noch das Arbeitslosengeld II (ALG II). Der Bedarfsregelsatz für Bedürftige wurde trickreich auf Sozialhilfeniveau heruntergerechnet, die jährlich so gesparten zwölf Milliarden Euro zur Senkung des Spitzensteuersatzes verwendet.
Ungemach
Selbst für gut beschäftigte Glückspilze bedeutete das neue Sozialsystem Ungemach.
Hatten Ophelia und Hamlet vor den Reformen vielleicht hie und da noch mit knapper Not 360 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungstage innerhalb von drei Jahren zusammenbekommen und damit Anspruch auf Arbeitslosengeld erwerben können, so waren nach den neuen Regelungen mehr als 360 Beschäftigungstage in nur zwei Jahren vorzuweisen.
Damit fielen fast alle freien Bühnen- und Medienschaffenden ungebremst durch die Maschen des sozialen Netzes; im Krisenfall blieb ihnen nur noch das Jobcenter.
Doch wenigstens waren die vogelfreien Freien als „Unständige“ ja noch verlässlich versichert.
Die unbeständige Unständigkeit
Als „unständig“ — nicht zu verwechseln mit „unanständig“ — gilt, wer berufstypisch nur unregelmäßig und tageweise beschäftigt ist, wie zum Beispiel bei Rollen mit wenigen Drehtagen oder bei der Arbeit vorm Mikro im Tonstudio. Der Status der Unständigkeit beugte Versicherungslücken vor: Nach einem Beschäftigungstermin blieb man 21 Tage lang krankenversichert.
Doch dann, ab 2005, wurde die Unständigkeit umgangen. Besprechungsergebnisse zur Versicherungspflicht von SynchronschauspielerInnen und Film- und Fernsehschauspielenden führten zu neuen, komplizierten, rechtswidrigen Regelungen und nachhaltigen Verwirrungen: Standen mehreren Profis in ein und derselben Produktion vor dem Mikro, so hatte mitunter jeder von ihnen einen anderen Status. In den Zeiten zwischen zwei Aufträgen musste man sich nun privat krankenversichern; doch längst nicht alle konnten das Geld dafür aufbringen, denn auch wer gut im Geschäft ist, muss oft lange auf Gagen- und Honorarzahlungen warten. Gehört hat man von diesem Elend allerdings nur im Fall eines bekannten Schauspielers, der schwer erkrankte und in Existenznot geriet, weil er nicht versichert war.
Die Künstlersozialkasse
„Aber sind die denn nicht alle in der Künstlersozialkasse?“ Leider nein. Unständige sind zwar steuerrechtlich, aber nicht versicherungsrechtlich „selbstständig“. Die Künstlersozialkasse (KSK) nimmt nur Selbstständige. Aber auch wer als nachgewiesen Soloselbstständige/r zu lange zu wenig verdient, kann auf Dauer nicht in der KSK bleiben.
„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Auch die bereits erwähnten berufstypischen Lücken müssen finanziell abgesichert sein. Also was tun? Nebenher jobben — als Regaleinräumer oder Kellnerin — ist im Schauspielberuf schon wegen der unregelmäßigen und kurzfristig anberaumten Einsätze schlecht möglich. Deshalb verdienen Prinzessin und Froschkönig lieber möglichst branchennah und CV-tauglich etwas dazu, als Klinikclown und Simulationspatientin, Seminarschauspieler, Animateur, Dozentin, Coach und Stadtführerin, als „Testimonial“ in der Werbung, als „Sherlock für interaktives Escape-Erlebnis“ oder als „Crisis actor“ bei Feuerwehrübungen, Katastrophen oder Demos … ein weites Feld für interessante Recherchen.
Heart’s Fear und das euphemistische Schonvermögen
Durch all diese Änderungen wurden ab 2009 immer mehr Freischaffende in Arbeitslosengeld II gekickt, kurz ALG II, vulgo Hartz IV, unter Insidern auch „Heart’s Fear“ und schon damals auch Grundsicherung genannt.
Grundsicherung beantragen durfte aber nur, wer nicht mehr besaß als das sogenannte Schon„vermögen“. Der Notgroschen, den Bedürftige noch besitzen durften, wurde kräftig gedeckelt, von zuvor 500 auf nur noch 150 Euro pro Lebensjahr. Für die KünstlerInnen bedeutete dies ausnahmsweise mal kaum eine Verschlechterung ihrer Lage, weil die wenigsten von ihnen so viel Speck im Kistchen haben.
Arbeitsanreiz und Würgereiz
Die Hinzuverdienstgrenzen, nur noch 100 Euro monatlich, wurden medial als Arbeitsanreiz beworben. Das Wort löste eher Würgereiz aus bei Hänsel und Gretel, die doch, von jeher hochmotiviert, weder Feiertage noch bezahltes Kranksein kennen und auch schon mal mit 40 Grad Fieber auf der Bühne stehen, zur Rettung von Vorstellung, Abendeinnahmen und Kollegengagen.
Die Freien wurden zu Vogelfreien. Angst vor Jobcenter, Sanktionen, Armentafel, Image- und Auftragsverlust zwang sie dazu, jeden noch so schlecht bezahlten Auftrag anzunehmen oder auch mal für Gotteslohn zu spielen, nur um „drin zu bleiben“.
Von solchen Arbeitsbedingungen kann der festangestellte Max Mustermann nicht einmal albträumen.
Anträge, Maßnahmen, Widersprüche, Sanktionen
KünstlerInnen in Engpässen waren überrascht vom Umfang der Antragsformulare mit über 50 Seiten und von der hartzigen Realität, denn im Jobcenter, an der Arbeitsvergabe-Resterampe, hatte nicht mehr die Schauspielvermittlung des Arbeitsamtes das Sagen, die hilfreiche ZAV, sondern der „Fallmanager“. Der schickte auch Vollprofis mit jahrzehntelanger Berufserfahrung zum Bewerbungstraining … für 1-Euro-Jobs. Alte Mimen wurden behandelt, als hätten sie noch keinen Tag gearbeitet, Nachwuchstalente zwischen zwei Engagements in kontraproduktive Maßnahmen verfrachtet und so aus der Arbeitslosenstatistik wegradiert. Und alleinerziehende Schauspielerinnen stellten fest, dass das Ja zum Kind den direkten Weg in die Altersarmut wies, weil die Behörde keine Rentenbeiträge mehr abführte: Bezugszeiten zählten nicht mehr. Keine guten Aussichten für Philemon und Baucis, jenes alte Ehepaar, das in einer ärmlichen Hütte am Stadtrand lebt und Eingang in die Literatur fand.
Die monatlichen ALG-II-Leistungen wurden nicht selten verspätet, reduziert oder gar nicht ausgezahlt. Sanktionen — die Kürzung oder komplette Streichung des Überlebensminimums — waren gefürchtet; zu Recht, denn diese Hungerstrafen wurden oft willkürlich verhängt. Ver.di-Mitglieder konnten sich glücklich schätzen, denn die Gewerkschaft bietet Unterstützung in rechtlichen Fragen.
Verfolgungsbetreuung und die Flucht aus der Schreckenskammer der Gesellschaft
Besonders bedrohlich: Widerspruch hatte bei einer Sanktion keine aufschiebende Wirkung. War die Hungerstrafe einmal ausgesprochen, egal wie rechtswidrig, so blieb sie in Kraft bis zum finalen Gerichtsurteil; bis dahin konnten Jahre vergehen. Etliche Betroffene traten da lieber die Flucht aus der Schreckenskammer der Gesellschaft an und zogen es vor, ohne Verfolgungsbetreuung — so hieß das wirklich — vom „Mobcenter“ — wie es auch genannt wurde — sanktionsfrei zu hungern und zu frieren.
TV-Star in der Tafelschlange
Und die Tafel? Gewiss eine Hilfe, wenn die „Grundsicherung“ nicht einmal für die Butter aufs Brot reicht; aber auch eine Schande, denn Armentafeln bedeuten mittelalterliches Almosen anstelle des Grundrechts auf Existenzminimum.
Immer mehr Ausgabestellen gingen dazu über, Nahrungsmittel nicht mehr wöchentlich, sondern nur noch alle zwei Wochen auszugeben, denn es waren schon zu viele und wurden immer mehr an den Restetischen der Nation. 1,5 Millionen Menschen in Deutschland dürfen — oder müssen — sich bei fast 1.000 Tafeln ihr Futter holen. Niemand lässt sich gern dort blicken, deshalb liegen die Ausgabestellen meist versteckt in Hinterhöfen. Doch wer schon mal „im Fernsehen war“, bräuchte schon Über-mut, sich in die Schlange der Bittsteller einzureihen. Dort gesehen zu werden, wäre kaum auftragsfördernd. Und so hungern und frieren die anständigen Unständigen — und schweigen. Denn die Armut, die bleibt hinter den Kulissen und wird unter den roten Teppich gekehrt.
Endlich wieder unständig und versichert!
2018 gab es eine gute Nachricht. Dank des unermüdlichen Einsatzes des Interessenverbands Deutsches Schauspiel (IDS e. V.) und seiner Mitglieder wurden nach langen Rechtsstreitigkeiten die Freischaffenden bei Film, Funk, Fernsehen, Bühne und Synchron laut einem Gerichtsurteil vom 14. März 2018 erneut als unständig eingestuft und waren damit endlich wieder so gut wie lückenlos gesetzlich versichert.
Neue Bedrohungen und das Rote-Teppich-Tabu
Zwei Jahre legten die Coronamaßnahmen mit Auftrittsverboten und anderen Einschränkungen die „Freien“ in Fesseln und führten für lange Zeit immer wieder zu kompletten Einkommensausfällen. Staatliche Hilfen, zunächst gewährt, mussten die Maßnahme-Verarmten wegen der für künstlerische Berufe absurden Bedingungen später jedoch meist zurückzahlen.
Das größte Tabu auf dem roten Teppich ist die versteckte Armut freier Bühnen- und Medienschaffenden. Sich als arm zu outen, traut sich kaum jemand, denn arm ist nicht sexy, sondern geschäftsschädigend.
Altes Elend im neuen Gewand
Hartz IV ist längst Vergangenheit, Bürgergeld auch schon wieder auf dem Weg in die Mottenkiste. Zwar hatte die SPD in ihrem Wahlprogramm 2022 versprochen: „Wir werden statt Hartz IV ein unkompliziertes Bürgergeld einführen, das konsequent auf Hilfe und Ermutigung statt auf Sanktionen setzt“, doch besser geworden ist nichts. Zum Jahreswechsel 2025/26 war jeder zweite Bürgergeldbescheid falsch — selten zugunsten der bedürftigen Bürger. Die jüngste Reform heißt „Neue Grundsicherung“. Insider nennen sie „Altes Elend“.
Schauspieler ohne Engagement gehören nicht zum Jobcenter. Sie sollten nicht von einem fachfremden Fallmanager „beraten“ und drangsaliert werden, sondern beim „Fordern und Fördern“ ausschließlich von der ZAV betreut werden.
Und was machen Sie tagsüber so?
„Und? Was machen Sie tagsüber so?“ Immer wieder bekommen Schauspieler nach einer Vorstellung diese Frage zu hören. Hm, tja, was machen die eigentlich so?
Sie arbeiten. Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, in Film-, Fernseh-, Rundfunk-, Synchron- und Tonstudios und in allerlei anderen mehr oder weniger berufsnahen Bereichen. Sie bilden sich fort und halten sich fit. Sie trainieren Körper, Gedächtnis und Stimme und erwerben „Special Skills“.
Sie reisen auf eigene Kosten zu Castings und sprechen vor; Frauen mittlerweile seltener in Hotelzimmern bei Regisseuren in Bademänteln, sondern erfreulicherweise auch öfter mal bei Regisseurinnen, die noch nie im Bademantel gesehen wurden.
Sie recherchieren, lernen Texte und qualifizieren sich in Extrakursen oder mit Extramaßnahmen — Frauen lassen sich für Unsummen liften und botoxen, um auch jenseits der 40 noch in HD mitspielen zu dürfen.
Sie aktualisieren ihre Internetpräsenz und polieren ihr Image bei Social Media. Sie kämpfen um Aufträge und Follower. Sie jonglieren mit x Unbekannten, unter anderem mit Terminen. Sie kämpfen um angemessene Gagen und Honorare, um Rechte und Leistungsschutzrechte und gegen Urheberrechteklau durch KI. Sie stellen Anträge und schweigen dazu. Sie verzichten auf staatliche Hilfen und verstecken die Armut und die Angst davor. Immer noch. Täglich.
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