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Das Monströse umarmen

Das Monströse umarmen

Die Grausamkeit mancher Taten macht uns sprachlos — sie haben aber mehr mit uns zu tun, als wir meist wahrhaben wollen. Teil 3/3.

Teil 1 findet sich hier, Teil 2 hier

III. Ende mit Aussicht — Daniele Ganser und Mary Bauermeister

Für das Ende dieses Essays über das Monströse sind mir Daniele Ganser und Mary Bauermeister sozusagen über den Weg gelaufen. Ich beschäftige mich nicht allzu oft mit Daniele Ganser, weiß indes, dass er an Dekonstruktion im Bereich des Monströsen einiges geleistet hat. Konkret, historisch, mit einfachen Worten. Deshalb wird er angefeindet. Das ist banal. Was ich an ihm — soweit ich das verfolgen kann — am meisten schätze: Er setzt gegen das Monströse, das er aufdeckt, keine Kategorien.

Er verlagert das Monströse nicht an diese oder jene aus. Was er aufdeckt, ist eine Machtapparatur, zu der niemand gehört, weil er so oder so ist. Auch nicht, weil er Amerikaner ist. Im mündlichen Sprachgebrauch spricht er zwar zuweilen von „den Amerikanern“, aber der Kontext ist immer eindeutig: Er spricht von der Machtapparatur, die, was die Zeiten betrifft, die er im Fokus hat, zur Hauptsache eine US-Apparatur ist. In dieser Hinsicht, die sich zeigt in einer ausgeprägten „Aggressionslosigkeit“ — Gehässiges, auch nur in der Wortwahl, ist ihm fremd —, weist Ganser meines Erachtens einen Weg mit Aussicht.

Als in einer Sendung des Schweizer Fernsehens der Versuch unternommen wird, ihn in monströs-faschistischer Weise zu zersetzen, bleibt er erstaunlich ruhig. Auch da keine Aggression und auch im Nachhinein kein Versuch, die Täter in Kategorien der Abartigkeit auszulagern. Ich dagegen habe diese Ruhe nicht, sehe die „Menschheitsfamilie“, ein Lieblingsbegriff Gansers, skeptisch, sehe auch mich dann und wann ins Emotionale zurückfallen und zu Kategorien der Auslagerung greifen. Bei Ganser hingegen finde ich meine analytische Erkenntnis, was das Vermeiden von Kategorien betrifft, gelebt vor.

Sobald wir gegenhassen, sind wir Teil

Noch Deutlicheres zum Umgang mit Monströsem anlässlich eines Zufalls. Eine Rundmail von Milosz Matuschek Mitte August im Rahmen seiner Freischwebenden Intelligenz. Die Mail beginnt so:

„Stellen Sie sich vor, Sie fahren durch Deutschland, weil Sie einen Dokumentarfilm über Corona drehen wollen und plötzlich merken Sie: Kein Hotel nimmt Sie noch auf, und Ihre Unterkunft bei AirBnB kündigt Ihnen wegen fehlenden Tests. Es ist November 2021. Sie sitzen mit einem befreundeten Pärchen und Ihrer Freundin bei einem Bekannten und sind quasi ab jetzt obdachlos. Dann folgen ein paar hektische Telefonate im Hintergrund. Müssen wir zurück in die Schweiz? Das Vorhaben des Filmdrehs wieder abbrechen? Nein.

Die rettende Antwort taucht fast aus dem Nichts auf. Es gäbe da jemanden, der uns für ein paar Nächte Unterschlupf gewähren könnte, meint der Freund eines Freundes. Wir fahren zu besagter Adresse in der Nähe von Köln, doch die Person ist nicht persönlich anwesend. Wer lädt uns so großzügig in sein Haus und ist dann selbst nicht mal da? ‚Ihr werdet sie morgen treffen‘, erfahren wir von Wolfgang. ‚Sie erhält heute den Kunstpreis NRW für ihr Lebenswerk.‘ Am nächsten Morgen führten wir am Küchentisch dieses Gespräch mit Mary Bauermeister, der Mitbegründerin der Fluxus-Bewegung. Sie trat auch in unserem Film „Pandamned” auf, der schließlich doch noch fertig wurde.“

Mary Bauermeister verstarb am 2. März 2023. In besagter Rundmail findet sich ein Interview mit ihr. Ich habe diese bekannte Künstlerin nicht gekannt und fand in der Mail von Milosz Matuschek Passagen, die für den Abschluss meines Essays wie gerufen schienen. Sie nehmen die Sicht auf das Monströse, die ich aus der Lektüre von Michael Ewert und Tom-Oliver Regenauer entwickelt habe, in gewissem Sinne auf, geben dem Monströsen indes eine Wendung mit Aussicht. Solche Wendungen peile ich in aller Regel nicht unbedingt aktiv an. Doch begegnen sie mir per Zufall, so werde ich sehr wach. Hier die Passagen von Mary Bauermeister:

„Ich habe nicht an das Böse geglaubt. Bis ich erfahren habe, es gibt das Böse als Element, nicht als Sieger des Kampfes, sondern als etwas im Grunde Fantastisches. Es ist da, damit wir erwachen. Damit unsere Erkenntnis immer kristalliner und immer klarer wird, brauchen wir das. Ohne das Böse kann kein freier Wille entstehen, kann kein Mensch in die Ich-Findung finden. Wenn wir das nicht hätten, wären wir gar nicht Mensch — wenn wir nicht ständig diese Auseinandersetzung hätten, auch moralisch zu entscheiden.“

(…)

„Denn wie heißt es im Faust so schön: ‚Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.’ Da ist auch die Erkenntnis der Wichtigkeit des Bösen: Letztlich, so habe ich zumindest das Gefühl, wird dieses vom Guten immer wieder eingemeindet und umarmt. Wir müssen das Böse umarmen. Wir können es nur in Liebe auflösen. Sobald wir gegenhassen oder Angst entwickeln, sind wir schon Teil des Ganzen.“

(…)

„Wenn du in die Reaktion gehst, hast du schon verloren. Dann wirst du Teil dessen, worauf du reagierst. Wenn du mit Wut auf etwas reagierst, hat die Wut dich bereits in ihrer Macht. Das ist eine Gratwanderung. Und gerade in einer Zeit wie heute, in der wir umgeben sind von Ablenkung und Katastrophen, ist es sehr schwierig, im Gleichgewicht zu bleiben. Und da würde ich sagen: Meditation als Flucht vor dem Alltag ist Unsinn. Aber Meditation als Möglichkeit, sich immer wieder zu sagen: Setz dich hin, fokussiere dich nach oben, sehe das als Tatsache des Weltgeschehens, und — vor allen Dingen — urteile nicht. Wir urteilen viel zu schnell. Schau es dir an, aber ver-urteile es nicht.“

Angesichts abgeworfener Atombomben, angesichts der Folterung eines Kindes scheint dies als ethischer Grundsatz irritierend, vielleicht gar zynisch. Für das Aussteigen aus der Spirale der Gewalt indes ist exakt dieser Grundsatz die Voraussetzung, auch erkenntnistheoretisch gesehen. Und es ist wohl schon hilfreich, wenn im Ur-teilen, präzis, kompromisslos und angstfrei, das Bewusstsein, wie es Bauermeister fasst, mit enthalten ist.

Mit einem Schlucken von Monströsem hat das nicht nur nichts zu tun, vielmehr stellt ein solches Bewusstsein das Monströse als das, was es ist, überhaupt erst heraus.

Von sedierenden Kategorien, in welche dieses Herausgestellte sodann ausgelagert wird, haben weder Menschen, die unter einer Atombombe verglühen, noch Kinder, die gefoltert werden, etwas. Ganz im Gegenteil, Einteilungen sind die Mittel der Macht.


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