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Das Monströse umarmen

Das Monströse umarmen

Die Grausamkeit mancher Taten macht uns sprachlos — sie haben aber mehr mit uns zu tun, als wir meist wahrhaben wollen. Teil 2/3.

Der erste Teil mit dem Fokus auf Hiroshima findet sich hier.

II. Das Video der Folter und die Pädophilen

Was ist mit einem Video, das die Folterung eines Kindes auf der Tonspur festhält? Was ist mit dem Monströsen, das sich rational nicht überformen lässt? Auch nicht als Irrtum sedierend, ein Irrtum begangen, um Gutes zu bewirken wie in San Miniato, wo die US-Amerikaner Italien doch von den Faschisten befreien wollten?

Monströses endet nicht unversehens an einer bestimmten Grenze. Das geht aus dem Ziel des Sieges und dem Trieb hervor, der zum Sieg verdammt. Und stellt man die „rationale“ Apparatur in Rechnung, wie ich sie zuvor als integralen Bestandteil des Monströsen herausgestellt habe, und ebenso die prinzipielle Uneingeschränktheit der Macht, Hunderttausende für einen Zweck, der nichts mit ihnen zu tun hat, auszulöschen und zu verkrüppeln, auf Generationen hinaus, so kann es nicht wundern, ja, es ist gewissermaßen zwingend — anthropologisch zwingend —, dass diese Machtapparatur, das heißt, das Personal, das in ihr wirkt, auch vor der Folterung eines Kindes — oder Tausender Kinder — nicht halt macht.

Dass diese Kindesfolter keinen offensichtlichen geopolitischen Vorteil verschafft, kann kein Grund sein, sie nicht auszuführen. Auch bei den Atombombenabwürfen ist der Trieb ein auslösendes Moment: eine Waffe ausprobieren, sehen, was damit zu bewirken ist, sehen, wie die Fliege damit zurechtkommt, wenn die Flügel entfernt sind oder wenn die Beinchen fehlen — bis hin zum Rausch und zur Befriedigung, die allein Macht verschafft. Und die Erklärung danach: den Japanern zuvorkommen, den Sowjets ein Zeichen setzen: Wie „rational“ ist denn solches?

Lust am Töten

Es geht um die Lust am Töten, wie sie die Bildsequenzen, von Julian Assange sichtbar gemacht, bezeugen. Weder da noch bei einer Kindesfolterung greifen rationale Überformungen als Sedierungsmittel wirklich und zuverlässig. An die anderen, die härteren Mittel ist zu denken. Und wenn das Verschleiern versagt, muss das Ganze zum Verschwinden gebracht werden. Keinem, der etwas gesehen, soll in den Sinn kommen, etwas zu sagen. Und wenn er es sich doch getraut oder die Gefahr bestehen könnte, er würde es, dann wäre er selbst zum Verschwinden zu bringen. Ganz einfach. Plump. Assange hat sich getraut, bevor er zum Verschwinden gebracht wurde. An ihm wird ein Exempel statuiert. Es soll niemand Lust auf Wiederholung haben.

Bei dem, was Assange offengelegt hat, ging es nicht um eine Kindsfolterung. Es ging um Massaker im geopolitischen Rahmen. Im Fall eines Foltervideos zu privaten Zwecken — ist wirklich klar zu trennen? — dagegen würde das ausführende Personal aus dem Machtapparat, wären sie nicht mehr zu halten, ohne den Apparat selbst zu schädigen, dann doch geopfert. Bis dahin aber — auch dies trivial — wird das betroffene Personal qua Teil der Apparatur und also des Monströsen die Instrumente, die ihm zur Verfügung stehen, einsetzen, um die drohende Dekonstruktion und in Folge ihre Opferung zu verhindern. Durchaus im Einvernehmen mit dem Apparat selbst, so lange alles stabil bleibt.

Wie weit die Macht bei der Dekonstruktionsverhinderung geht, mag im Einzelfall differieren. Dass sie prinzipiell sehr weit geht, ins Totale und Totalitäre, ist jedoch gesetzt, weil die Macht ins Totale zielt. Es ist die gleiche Apparatur, die Atombomben abwirft ohne militärischen Grund. Oder Bomben auf spezifisch zivile Ziele in Libyen, in Serbien und im Irak. Und sehr weit wird sie auch dann gehen, wenn eine Angelegenheit zwar nicht primär geostrategischer Natur ist, jedoch eine erhebliche Anzahl an Personen aus dem Machtapparat direkt oder indirekt mit einer Angelegenheit verknüpft ist. Bei den Reparaturmaßnahmen — vielleicht treffender als Event-Management oder Event-Nachsteuerung bezeichnet — kann der Apparat, so triebgesteuert die Folterung eines Kindes ist, gänzlich auf die der Machtapparatur strukturell eingeschriebene und vom Kapital gespeiste Logistik zurückgreifen.

Folterung eines Kindes

Das Video zeugt auf der Tonspur von der Folterung eines Kindes (10). Dass diese Szene eine Darstellung nur sei und das Video also Darstellung einer Darstellung ist meines Erachtens unwahrscheinlich, gleichwohl hätten die Erkenntnisse, die ich im Folgenden herauszustellen versuche, auch dann Geltung, wenngleich auf einer abstrakteren Ebene. Tom-Oliver Regenauers Recherche über das Wirken der Eliten (11) ist auf dieses Video angelegt und wenn Regenauer darauf verweist, dass dieses Video mit Bedacht angeschaut werden soll und ich dies an dieser Stelle wiederhole, so zunächst zögernd, weil solche „Warnungen“ in aller Regel Mittel sind, die Aufmerksamkeit zu steigern, und sie also zu einem journalistischen Instrumentarium gehören, das dem System, dessen Monstrosität ich in diesem Text auf der Spur bin, eingeschrieben ist. Dass durch solche Hinweise in aller Regel der Erkenntnisfokus durch den Empörungsfaktor von vornherein überschrieben wird, ist evident. Und doch verweise ich darauf, weil dieses Video schlicht durch Mark und Bein geht. Auch dies eine menschliche Konstante, die vielleicht eines Tages anders zu nutzen wäre als zu Zwecken der Empörungsbewirtschaftung.

Weshalb geht dieses Video durch Mark und Bein, weshalb nicht Hiroshima und Nagasaki? Vielleicht nicht einmal Fotografien aus Buchenwald oder Auschwitz? (12) Neben der Tatsache, dass das Medium — gerade mit dem Fokus auf den Ton — eine unmittelbare Präsenz herbeiführt, ist es ebenso und damit verknüpft der eine Fall, das Einzelne, was den Lauf der Dinge eher aufzubrechen imstande ist denn die Tausend Fälle, die Hunderttausend Opfer, die sich schnell in der Abstraktion verlieren. Auch das hat mit der Beschaffenheit des Modells Mensch zu tun. Und diese Beschaffenheit mag mit ein Grund sein, Maddie McCann und eben dieses Video als Anlass zur Aufklärung zu nehmen. Ein Vorwurf ergibt sich daraus nicht, Bedenken indes sind angebracht. Der unbedingte und vielleicht auch verzweifelte Wille, das, was das Video bezeugt — und wofür es ja auch politisch pars pro toto steht, das darf nicht vergessen sein: für die in diesem Fall mit Indizien belegte, nicht bewiesene Monstrosität der Machtapparatur —, zu beenden und dieses Kind, gerade auch als Einzelnes, aus seiner Einsamkeit zu erlösen, ist ja ebenso Teil der menschlichen Beschaffenheit. Vielleicht ist das Liebe.

In der Folge konzentriere ich mich auf die grundsätzlichen Elemente bei dieser Dekonstruktion des Monströsen, ich rekapituliere die Fälle als solche nicht und beschränke mich, was die „Fakten“ betrifft, aufs Notwendigste, um Zusammenhänge — auch ohne die Lektüre des Textes von Regenauer, die ich aber empfehle — begreifbar zu machen und um aufzuzeigen, an welchen Stellen und wie die Dekonstruktion des Monströsen selber ins Monströse überkippen kann.

Denn darum geht es mir in erster Linie: Monströs sind nicht einfach die anderen. Ewert zeigt es in seinem Artikel über Hiroshima: Unser Schlucken des Monströsen ist Teil davon.

Dekonstruktion in schwierigem Umfeld

Regenauer stellt in seinem Beitrag Indizien heraus, die darauf verweisen, dass beim Video, das eine Kindsfolterung bezeugt, Personen aus der US-amerikanischen Machtapparatur als Ausführende beteiligt sind. Weiter zeigt er — das macht den Text gefährlich spektakulär —, dass auch im weltweit bekannten und in allen Boulevardforen ausgebreiteten „Fall“ des seit 2007 vermissten Mädchens Maddie McCann Täterindizien in diese Machtapparatur hineinweisen. Bei aller Personalisierungsgefahr und damit verbunden der Boulevardisierung — auch die Unschuldsvermutung für diese Personen ist um jeden Preis zu beachten, sie ist eine Errungenschaft der Aufklärung selbst — leistet der Text Regenauers durchaus Aufklärung, vor allem, wenn man bei der Lektüre abstrahiert vom passagenweise ausgeprägt personalisierten Fokus.

Weiter — und strukturell bedeutsamer noch — stellt der Beitrag heraus, dass die gegebenen Indizien nicht dazu geführt haben, in die von ihnen gewiesene Richtung zu ermitteln. Vielmehr — auch das belegt die Arbeit mit Quellen — sind Ermittlungen, hätten oder haben sie den Machtapparat tangiert, unterbunden worden. Am augenfälligsten bei der Entlassung des zuerst ernannten Chefermittlers der portugiesischen Polizei, Gonçalo Amaral, der davon ausgeht, dass eine Entführung bloß vorgetäuscht worden sei, um einen Unfall zu kaschieren, an dem die Eltern beteiligt gewesen sein sollen.

Dass die weiteren Indizien für ein gezielt an der Machtapparatur vorbeiführendes „Event-Management“ auf weniger eindeutigen Fakten beruhen, ergibt sich aus der Sache beziehungsweise aus der Macht des Apparates selbst, der seine — in diesem Fall etwaigen — monströsen Taten mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln naturgemäß verdeckt halten wird. Das Ableben von Personen, die in Richtung Machtapparatur ermittelt haben, kann insofern nicht überraschen. Suizid ein gängiges Erklärungsmuster. Und es versteht sich, dass hier Zusammenhänge schwer greifbar sind. Soweit ein kurzer Überblick.

Namen und Spekulation

Konkret als Tatverdächtige — teilweise in beiden Fällen — genannt werden John Podesta, 23. Stabschef im Weißen Haus während der Präsidentschaft Bill Clintons, Leiter des Teams, das Barack Obamas Präsidentschaft personell vorbereitete, oberster Wahlkampfmanager beim Versuch Hillary Clintons, ins Weiße Haus einzuziehen, Vorsitzender der Denkfabrik „Center for American Progress“ und seit 2022 von Joe Biden ernannter „Senior Advisor to the President for clean Energy Innovation and Implementation“, sein Bruder Tony Podesta, von der Systemquelle Wikipedia als einer der mächtigsten Lobbyisten in Washington bezeichnet, wie auch Anthony Weiner, ehemaliger Abgeordneter der Demokraten im Repräsentantenhaus (13).

Die drei Personen erwähne ich, weil die Ähnlichkeiten zwischen drei aufgrund von Zeugenaussagen gezeichneten Gesichtern, die im Fall des verschwundenen Mädchens in der Nähe zum Tatort und zur Tatzeit gesehen worden sind, und den Gesichtern eben dieser drei Genannten erheblich sind. Und dass frappante Übereinstimmungen gerade auf alle drei zugleich zutreffen, verstärkt die These der Anwesenheit jedes einzelnen — was grundsätzlich nichts mit einer Täterschaft zu tun haben muss — abermals: Dass ein Gesicht zufällig aussieht wie dasjenige von John Podesta, wäre mit Wahrscheinlichkeit zu erklären, Menschen ähneln sich zuweilen. Gleichen jedoch drei der gezeichneten Gesichter zwei sehr unterschiedlich aussehenden Brüdern und einer weiteren, mit diesen Brüdern verbundenen Person signifikant, so ist das mit Wahrscheinlichkeit nicht zu erklären (14). Bei einer solchen Indizienlage und in einer solchen Konstellation nicht zu ermitteln, kann kaum anders als Beleg dafür gelesen werden, dass nicht ermittelt werden soll oder darf oder kann.

Andere in Regenauers Text angeführten Belege und Indizien, ich habe es bereits angedeutet, erreichen die Verweisstärke dieser Phantombilder nicht und unterlaufen durch das Gewicht, das ihnen stellenweise beigemessen wird, zuweilen den aufklärerischen Ansatz. Die Verbindung zu Hillary Clinton über Indizien ist, was besagtes Video und das Verschwinden von Maddie McCann betrifft, nicht greifbar. Dass Menschen, die in die Apparatur hineinleuchteten und in weiteren „Fällen“, die Regenauer anführt, so etwa im Bereich Kinderhandel in Haiti, als Privatpersonen ermittelt haben, mittlerweile tot sind, ist belegt. Darunter Menschen, welche die Clintons mit im Verdachtsfokus hatten und bei nahenden Gerichtsterminen hätten aussagen sollen oder können. Die Verbindung von Hillary Clinton zu Pädophile, Kinderpornografie oder Kinderhandel basiert einzig auf spekulativer Deutung von Zeichen, teilweise explizit auf Gerüchten. Kontaktschuld und generell Framing spielen beim Aufbau von Verdachtsmomenten eine zentrale Rolle.

Meines Erachtens wäre eine Beschränkung auf gut belegte Indizien — solche führt Regenauer an, die übereinstimmenden Gesichter zuallererst — ohne Referenz auf Gerüchte und Quellen mit starkem Boulevard-Charakter der Sache und also der Dekonstruktion des Machtapparates in diesem Fall dienlich gewesen.

Aufklärung und ihr Überkippen

Allerdings geht es in Fortführung des Gedankengangs zur Steuerung des Monströsen nach Hiroshima um mehr:

Es geht darum, ob sich das Monströse nicht „plötzlich“ auch in der Dekonstruktion des Monströsen zeigt? Es geht um unseren Anteil am Monströsen — und gerade für die „Konzipierung“ einer Wirklichkeit ist das nicht unwesentlich.

Deutungen, Gerüchte, generell Wirklichkeitskonstruktionen funktionieren oft nach der Logik der Geschichten, die sie „freilegen“ beziehungsweise anprangern möchten. Denken wir den Fall Maddie McCann und das Video, also die Anlässe des Monströsen, unter dieser Vorgabe nochmals durch.

Eine Machtapparatur, die weltweit Monströses betreibt, macht vor Kindern nicht halt. Das ergibt sich aus der Struktur der Macht. Und die Tatsache, dass Ermittlungen in Richtung des Machtapparats ausbleiben — trotz Hinweisen, die, zielen sie auf einen Durchschnittsbürger außerhalb der Machtelite, erfahrungsgemäß längstens ausreichen, um Ermittlungen in Gang zu setzen, staatsanwaltschaftliche Überfälle inbegriffen —, ist ein weiterer Verweis auf die Monstrosität und deren Wirkmächtigkeit. Und wenn Regenauers Text — und nicht nur dieser — darüber hinaus herausstellt, dass Menschen, die der Machtapparatur zu nahe kommen, im konkreten Fall den Handlungen des Clinton-Clans, auffällig häufig sterben — in jungen Jahren, ohne Erkrankung, offiziell nicht selten durch Suizid —, dann wäre auch dies Anlass, Ermittlungen aufzunehmen. Doch das geschieht nicht und geschah nie.

Selbstredend können längst nicht alle Indizien glaubwürdig sein, die sich in einem Umfeld ergeben, das unsichtbar gehalten werden soll. Das liegt in der Natur der Sache. Die Apparatur selbst hat alles Interesse, die Szenerie großflächig unbeleuchtet zu belassen und wie Leitmedien der Machtapparatur „begegnen“, von der sie mittlerweile weitgehend Teil sind, ist bekannt. So werden und müssen sich Quellen einstellen, deren Glaubwürdigkeit — bei allem Respekt vor „nicht professionellem“ Journalismus — mitunter fraglich sind. Und wenn das Monströse an bekannte Namen gehängt werden kann, verselbständigen sich „boulevardeske“ Muster der Empörungsbewirtschaftung nur allzu leicht. Die Personalisierung ist ohnehin mitgeliefert. So auch im Fall der Clintons. Allerdings lässt sich mit Sicherheit sagen: Beträfe es einen Vladimir Putin, so würde eine Verdachtslage, wie sie bei den Clintons gegeben ist, nicht nur bei ARD und ZDF, sondern vielmehr auch bei einst angesehenen Blättern wie NZZ und FAZ längstens ausreichen, um eben einen Putin definitiv zum Mörder und Monster zu machen samt Stempel „bewiesen“ drauf.

Gesetzt ist: Wenn die von Regenauer mit glaubwürdigen Belegen genannten und belasteten Personen aus der US-Machtapparatur bei einer Indizienlage, die bei Menschen außerhalb dieser Apparatur längstens für das Eingreifen staatlicher Organe reichen würde, von eben solchen Organen wie Polizei und Staatsanwaltschaft unbehelligt bleiben, so ist das naturgemäß — der Zirkelschluss hebt die Aussage eben nicht auf, denn ansonsten gibt es kein Einbrechen in die Apparatur — ein deutliches Indiz für die Zugehörigkeit der betreffenden Personen zu einer Apparatur, die Einfluss darauf nehmen kann, wann Staatsorgane aktiv werden, wann sie ruhen. Deep State. Dass die Machtstrukturen, von denen die Rede ist, qua solche eine Deep-State-Dimension aufweisen müssen, ist so zwingend, wie eine Grammatik eine Tiefenstruktur haben muss, aus der heraus sie erklärbar ist.

In diesem Sinne ist es eine Leistung von Regenauers Beitrag, deutliche Hinweise zur Monstrosität der US-Machtapparates herausgestellt zu haben, gerade auch bei Fällen, die wir diesem Apparat — im Gegensatz zu Hiroshima, das zur Notwendigkeit sediert werden kann — im Grunde nicht zutrauen würden. Die Monstrosität, die sich als Lesespur durch die Geopolitik des 20. Jahrhunderts zieht, zeigt sich unversehens bei scheinbar gänzlich anders gearteten „Fällen“.

Gleichwohl erfasst angesichts einer gefilmten Kindsfolterung — ich wiederhole: ich gehe nicht von einer Darstellung einer Darstellung aus — aus seltsamen Gründen die allermeisten, mich inbegriffen — das allein ist schon ein Element, auf welches eine Nachsteuerung bauen kann — eine Art Ungläubigkeit, wenn in Verschränkung mit Kindsfolterung auch Namen aus dem politisch obersten Segment der Apparatur fallen, in diesem Fall jene von Hillary Clinton und den Podestas. Einen Atombombenabwurf würde man solchen Personen zutrauen, dass Hillary Clinton Gaddafis martialische Ermordung über Screen verfolgte und mit den Worten kommentierte: „We came, we saw, he died“, ist belegt, dass sie Aufträge erteilen würde, Personen umzubringen, die ihrer Karriere schaden könnten: auch dies denkbar, eine Kindsfolterung indes — erst noch unter „pädophilen“ Lustaspekten, wie dies in Regenauers Text impliziert ist — hingegen: da verweigert das Gehirn zunächst die Gefolgschaft, zumal Hillary Clinton als Strahlefrau in der ganzen westlichen Welt aufgetreten ist, mit Frauenrechten auf ihrer politischen Agenda und bei der Kampagne für die weltweite Heraufsetzung des Schutzalters bei Prostitution auf 21 Jahre an der Spitze. Dass sie als Gegenspielerin zu Donald Trump fungierte, ergänzt das Bild. Und diese Frau soll möglicherweise an Kindsmissbrauch beteiligt sein?

Setzt man im spektakulären und boulevardmäßig weltweit ausgepressten Fall Maddie McCann ein Gegennarrativ zwecks Machtdekonstruktion mit diesen oder jenen Netzwerken aus dem US-Machtapparat als Täter, so ist die Macht des Monströsen, die einen Chefermittler absetzen kann, eine zentrale Komponente des Monströsen und seiner Wirkmacht. Daraus ergibt sich mindestens eine augenfällige Diskrepanz: Weshalb soll es dem Machtapparat gelungen sein, jenen besagten Chefermittler, der von einem möglicherweise in eine politisch unerwünschte Richtung lenkenden „Unfall“ ausging und auch Jahre nach seiner Absetzung der These eines politisch unbedeutenden Einzeltäters widerspricht — es klingen Muster aus geopolitisch Fällen mit politisch ganz anderen Dimensionen an, John F. Kennedy, Olof Palme — erfolgreich aus seinem Amt zu entfernen? Und weshalb sollen es diese Machtstrukturen gleichzeitig nicht geschafft haben, die Verbreitung des Buches, das dieser Chefermittlers nach seiner Absetzung verfasst hat und in dem er seine These, die zumindest optional die Beteiligung machtrelevanter Täterkreise nicht ausschließt, einem weltweiten Publikum darlegt, gerichtlich zu unterbinden? Natürlich bleiben andere Instrumente wie beispielsweise die Diffamierung ad personam von Menschen, die „Falsches“ verbreiten, gleichwohl bleibt die Frage des gerichtlichen Scheiterns.

Story-Telling und Kategorie

Bedeutender als dies und für das Unterlaufen der Dekonstruktion gefährlicher ist aber die Setzung einer Gegenstory an sich. Aufwühlende, ja, gerade aufwühlende Storys sedieren am Ende, weil sie Oberflächenprodukte sind. Sie führen allenfalls zu einem Köpfe-Rollen und behalten den Status quo bei. Ohne strukturelle und wesentliche Einsicht in die Monstrosität, deren Ausmaß sich ja gerade aus der institutionellen Verschränkung ergibt und aus unserer Beteiligung, bleibt es beim Monströsen, das heißt konkret auch: beim im Text suggerierten monströsen und unbehelligten — und weil unbehelligt monströsen — Zugriff auf Maddie McCann. Das Systemkritische aber rückt mit jedem kriminalistisch-fiktiven beziehungsweise spekulativen Element, das in der Dekonstruktion einlagert, aus dem Fokus. Dazu gehören Gerüchte, auf die referiert wird. Dazu zählen auf irgendeiner „Alltagspsychologie“ basierende Deutungen von Gesagtem, beispielsweise der ersten Worte der Mutter McCann nach ihrer Entdeckung des Verschwindens ihrer Tochter. Dazu zählen mit „framender Bedeutung“ versehene Motive wie rote Schuhe, welche die Kinder der McCanns bei einem Ausflug getragen haben und welche die Eltern in die Richtung eines pädophilen Netzwerks verschieben sollen. Auch die Sprache selbst ist ein Element, das in diese Richtung führt, Beispiel:

„Der dritte im Bunde: Anthony Weiner, ein verlogener wie moralisch verdorbener progressiver US-Politiker aus dem Dunstkreis der Clintons, der bereits seit 2011 mit Sex-Eskapaden im Internet für Furore sorgt und 2017 wegen 'Sexting' mit einer Minderjährigen zu 21 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt wurde.“

Das ist Boulevard, Klartext, halbwegs schon Ventil für die Massen.

Das Kernelement, was das Unterlaufen der Aufklärung betrifft, scheint mir indes die Schaffung von Täterkategorien und eine Verknüpfung solcher Kategorien mit Abartigkeit. Geschieht dies, wird nicht einfach bloß Aufklärung unterlaufen, vielmehr wird selbst Monströses fortgeschrieben.

Dieser Kategorie widme ich mich im Folgenden präzise.

Aus politischer Verzweiflung?

Dieses Video, der Fall Maddie als Anlass zur Machtdekonstruktion: Ist da auch Verzweiflung dabei? Sie schlucken alles, die Menschen, und haben alles immer geschluckt, haben die Bombenabwürfe geschluckt, die Implementierung eines offensichtlichen Mordregimes in Chile, Terrorakte, haben ein erkenntnistheoretisch haarsträubendes Narrativ zu 9/11 geschluckt, die Folterungen in Guantanamo und Abu Ghraib inbegriffen, haben das Totalitäre, das mit Corona ausgeworfen wurde, geschluckt, und sie sind bereit für die nächste Pandemie, bereit zu schlucken, Pillen, Injektionen, Herzinfarkte.

Ist dieses Video, ist eine Kindesfolter in Verzahnung mit dem Fall Maddie die allerletzte Möglichkeit eines erkenntnistheoretischen Erwachens? Ist dies der Hammer, der uns „wachhaut“, auf dass wir endlich sehen, was gilt, welche Wirklichkeit? Ist eine Rettung immerhin noch möglich, wenn diese „Eliten“ als pädophil enttarnt werden? Weil „die Pädophilen“ zum Abschaum gehören, zu den Abartigen? Ist dieser Kniff notwendig? Und würde er funktionieren, was genau würde da funktionieren?

Diese Fragen sind aus einer gewissen Irritation gestellt. Eine Machtdekonstruktion im Bestreben, die mögliche geopolitische Dimension im „Fall Maddie“ — eine problematische Begrifflichkeit — und eines Videos, das emotional zum Himmel schreit, auf Elemente des Storytellings abzustellen, zum Beispiel auf rote Schuhe, welche die Kinder der Familie McCann auf einem Ausflug getragen haben, das irritiert. Sollte den Eltern, und das ist auch bei der von Regenauer gelieferten Quellenlage durchaus immer noch sehr wohl eine Option, über die Nachlässigkeit hinaus keine Schuld am Verschwinden des Kindes zukommen, so wäre eine solche Verschiebung für sie, die den Verlust eines Kindes zu tragen haben, jedenfalls doppelt abscheulich. Monströs. Dem wäre Rechnung zu tragen. Die Kontaktschuld zu einem Sigmund Freud-Neffen jedenfalls, einem Mann, dem nach dessen Tod und Jahre nach dem Zusammentreffen mit den McCanns Kindsvergewaltigungen vorgeworfen werden, irritierende mediale Aktivitäten, eine angebliche emotionale Kälte und das Verweigern von Antworten auf polizeiliche Fragen — immerhin, es sind Staatsorgane, mögliche Vorbehalte gegenüber Handlungen solcher Organe müssten für Menschen aus der Dissidenz nachvollziehbar sein –: Können solche „Argumente“ bei einer Dekonstruktion des Monströsen zum Anschlag kommen, ohne dass sich diese selbst aushebelt?

Die Pädophilen, Auslagerung und leichtes Schlucken

Der Kern des Monströsen bei der Dekonstruktion bildet die Schublade selbst, in welche diese Verfahrensweisen münden und in der das Monströse aus- und abgelagert wird: die Pädophilen.

Eine allererste Wirkeigenschaft solcher Kategorien ist die: Der „Durchschnittsbürger“ — der, der alles schluckt — kann sich mühelos davon absetzen. Er ist ja nicht pädophil. Die Kategorie selbst stellt sicher: Es sind die anderen, es sind jene, es sind solche und die Monstrosität ein „Problem“ eben dieser.

Wird eine solchermaßen operierende Dekonstruktion nicht allzu leicht Teil einer Sedierung? Im besten Fall — ich habe es schon erwähnt — würde das Personal ausgetauscht, vielleicht gar — unwahrscheinlich — die Clintons entfernt.

Die Apparatur als solche aber bliebe, gerade weil es ja ein Problem dieser und jener ist. Muss man diese und jene einfach daraus entfernen. Die Pädophilen eben.

Eine Apparatur bleibt unangetastet, wenn Kategorien im Spiel sind. Schubladen, Begriffe, Adjektive, wohin „das Böse“ ausgelagert werden kann: die Juden, die Hexen — denen übrigens teilweise ähnliche Delikte vorgeworfen wurden wie den Pädophilen: Verführung von Kindern —, die Kommunisten, diese, jene. Sind das nicht die Sargnägel einer jeden Aufklärung? Um die Frage konkret zu schärfen: Ein Pier Paolo Pasolini mit seinen Strichjungen vom Lido di Ostia (15), ein Novalis mit seiner Liebe zur 13-jährigen Sophie von Kühn (16) , die mit 15 starb und schwerkrank kurz vor ihrem Tod Goethe, der sie in Jena besuchte, noch beeindruckte: Sie würden heute zweifelsfrei in die Schublade der Pädophilen fallen.

Und doch hätten sie — ich nehme ihr Wirken in Texten und Filmen zum Maßstab — weniger mit dem Monströsen zu tun als alle, die niemals mit Strichjungen verkehren und sich niemals in eine 13-Jährige verlieben und stattdessen nur schlucken und schlucken, Atombomben inbegriffen.

Pasolini und Novalis, beide in gänzlich unterschiedlichen inneren und äußeren Welten, haben nämlich gegen Machtstrukturen angedacht und Hierarchien und Festgefügtes dekonstruiert. Sie haben nicht geschluckt, Pasolini derart ausgeprägt nicht, dass bis dato nicht geklärt ist, ob er 1975 von einer Apparatur liquidiert wurde, die auch mit dem US-Machtestablishment verbunden war. (17)

Es gibt auch Juden, nicht wenige, die sich durch die Kategorisierung der Nazis überhaupt erst als „Juden“ vorfanden. Menschenkategorien stammen aus der „Teile- und Herrsche-Kiste“. Und nähme man den Begriff der Pädophilie wörtlich, so wäre die Kindsfolterung, bezeugt auf dem Video, eines bestimmt nicht: pädophil. Das Video bezeugt das Gegenteil, es bezeugt die Tilgung eines Kindes, eines in allen Belangen ausgelieferten Subjekts.

Ich bin dein Vater, sag es!

Indes, es schluckt sich einfacher — und darum ist es dem Apparat zu tun —, wenn das Verbrechen ins Abartige abgeschoben werden kann, das es erklärt. Dabei geht das Monströse nach allem, was wir wissen, aus der Art hervor, nicht aus der Abart, und deshalb sind sie schwer zu erkennen, die Monströsen, so artig gekleidet sie sind. Die Abartigkeit indes erleichtert das Schlucken ebenso wie allfällig notwendige Abtrennungen, auf dass die Apparatur selbst nicht tangiert ist, selbst wenn etwas „auffliegt“. Der Schlucker aber, das ist seine bittere Genugtuung, ist nicht abartig. Er hat — ich rede nicht von verborgenen Winkeln — nichts mit Abartigkeit zu tun, eine Abartigkeit, die sich — die Historie grüßt — vor allem in der Kunst zeigt.

Schund als Beleg

„Abartige“ Kunstwerke, „Schund“, so Regenauer, sollen sich im Besitz der verdächtigten Podestas befinden. Marina Abramovic (18), Margi Geerlinks (19) und weitere Künstler werden genannt. Es geht nicht darum, dass ich ästhetisch zu einem anderen Urteil über etliche Kunstwerke dieser Künstlerinnen komme, es geht um etwas Grundsätzlicheres und Monströseres.

Diese Kunstwerke — dies zum einen und vorangestellt — haben weder mit dem Video noch mit dem Verschwinden von Maddie zu tun, gleichgültig, wo sie hängen, gleichgültig, wer sie anschaut. Auch dann haben sie damit nichts zu tun, wenn sie sich — zumindest aus bestimmten Deutungen heraus — auf Monströses wenden und Darstellungsformen dafür suchen.

Sollten sie das in der Tat tun, so bedeutete ihre „Verwendung“ oder „Bewunderung“ durch Menschen, die Monströses tun, zum Beispiel ein Kind foltern — oder auch Atombomben abwerfen — noch immer keine Beteiligung. Rationalität ist auch bei einer Dekonstruktion des Monströsen geboten, heißt: Es gilt, die Deutung der Welt nicht mit der Welt zu verwechseln.

Im Zusammenhang mit dem Monströsen, dem ich auf der Spur bin, ist der Spiegel der Kunst, den die Dekonstruktion ja selbst aufhängt, und das darauf bezogene Urteil der „Abart“ indes noch bedeutsamer. Es sollen Bilder — pars pro toto — von Margi Geerlinks bei den Podestas aushängen. Das ist die Verknüpfung zur Kunst, wie sie Regenauer als Teil der Dekonstruktion des Monströsen (Foltervideo, Zugriff auf Maddie McCann, beides über Indizien geschlossen) vornimmt. Die Abartigkeit, die den Kunstwerken motivisch und/oder thematisch beigestellt wird, fungiert in diesem Setting als Spiegel des Monströsen. Wer solche Kunst sammelt, liebt, betrachtet, liest, der fällt aus der Art, ist potenziell ein Monster. Regenauer verknüpft explizit:

„Und dass es in diesen Kreisen offenbar nicht bei geschmackloser Kunst bleibt, belegen regelmäßig Enthüllungen, Leaks und Missbrauchsskandale. So kursiert seit einigen Jahren ein kurzer Videoschnipsel im Internet, mutmaßlich eine Datei von Anthony Weiners Laptop, der John Podesta bei Folterung und Misshandlung eines Kindes zeigen soll.“

Nun sind zu diesem Zeitpunkt der Dekonstruktion die Podesta-Brüder — auch diese verhandle ich hier stellvertretend — bereits „aus der Art“ gefallen, die Kunstwerke fungieren also einerseits als Bestätigung des Urteils und würden, wären sie nicht in den gewünschten Kontext einzubetten, gar nicht erwähnt. Bilder von Porsches wären kein Thema. Andererseits wird ihnen von den bereits gekennzeichneten Podesta-Brüdern, bei denen sie aushängen, eine Abartigkeit rückkoppelnd eingeschrieben. Eine Spiralbewegung, wobei präzise gelesen nicht klar wird, wo der Anfang ist. Wo genau beginnt beim Spiegeln über Kunst, eingeführt, um das Urteil zu fällen beziehungsweise um das Urteil zu bestätigen, das Abartige? Was ist der Ursprung des Monströsen?

Ganz am Anfang dieses Essays — und um einen Anfang verlegen, wie immer, Sie erinnern sich — habe ich gefragt: Hat Monströses einen Anfang, eine Mitte, ein Ende? Hier holt uns die Frage ein. Dass das Monströse mit einem Atombombenabwurf — der auch als Kunst in Büros aufhängt, sogar als Kunst in Kunst, nämlich in einem FBI-Büro in der Staffel 3 von Twin Peaks — nicht endet, versuchte ich mit erhellender Hilfe von Michael Ewert herauszustellen.

Die Wendung auf Kunst qua Spiegel des Abartigen — in Regenauers Dekonstruktion der mit erheblichen Indizien eingeführten Fälle des Monströsen vollzogen — führt zu einer These, welche auf unsere Beteiligung am Monströsen über ein Schlucken hinaus verweist.

Über das Schlucken hinaus

Der Anfang des als „Schund“ gezeichneten Monströsen ist genau genommen nicht beim Künstler und nicht beim Kunstwerk.

Es sind WIR, die wir das Monströse in der Kunst erkennen oder zu erkennen glauben.

Dazu ist sie ja auch da, die Kunst, zu Spiegelzwecken, es sei denn, es handle sich um Design und nicht um Kunst. Wir kreieren die Muster des Guten und des Bösen im Augenblick des Betrachtens. Diese Kreation ist — vereinfacht gesprochen — gebunden an Gesetze der Wahrnehmung zum einen und andererseits an die semantisch bereits vorgeordnete Welt im Kopf, das versteht sich. Im Rahmen dieser zwei Paradigmen bewegt sie sich. Sie fällt anders aus bei Quadraten, unklaren Mustern oder bei einem realistischen Bild. Und sie fällt bei Person 1 anders aus als bei Person 2 et cetera. Immer bleibt es eine Kreation im Kopf.

Und deshalb — ein Beispiel — nie bei einem fotografisch dargestellten nackten Körper oder halbnackten oder wie auch immer arrangierten Körper allein. Das Gehirn schreibt dieser Darstellung Zusammenhänge ein. Erfahrungen und Wünsche, Urteile und Begriffe, nicht zuletzt Haltungen. Diesen Festlegungen, vielleicht als „Sinn“ zu bezeichnen, können wir nicht entgehen, sie sind Bestandteil unserer Betrachtung. Man erinnere sich bei den bald folgenden Worten von Mary Bauermeister zum Ur-teilen daran!

Spreche ich von „Schund“, so ist Distanzierung im „Sinn“ mit enthalten. Schund ist nicht auf dem Bild, Schund ist nicht das Bild, Schund ist das Urteil, also der „Sinn“ mit der Distanz als wesentlichem Merkmal. Es ist ein Urteil über Gesehenes, das ich mit diesem Begriff fasse und in diesem Sinne beruhige und von mir absetze. Die Gehässigkeit, die im Begriff „Schund“ der Sache gegenüber, die gefasst sein soll, zum Ausdruck kommt, muss sich auf etwas in mir beziehen, das durch die Kunst ausgelöst wird. Wäre der Bezug emotionslos, weil mit nichts in mir verknüpft, das es abzustoßen gälte, wäre die Begriffswahl eine andere. Werde ich in einem Gespräch aggressiv, so niemals ohne Bezug zu mir selbst.

Monströses in mir

Der Grund der Emotionalität muss in mir liegen. Ich mag die Geste der Distanzierung, die mit dem Begriff vollzogen wird — „Schande“, „schänden“ sitzt im gleichen Begriff —, als Sublimation begreifen, als Ventilfunktion, als eingestandenes Entsetzen, erkennend, dass ich verknüpft bin mit dem, was ich auf dem Bild als Monströses erkannt habe, oder auch gar nicht begreifen, wie auch immer: Es bleibt ein Abstoßen und Auslagern dessen, was ich — mit welchem Bewusstseinsgrad auch immer — als das Monströse erkenne. Alleinige Kennzeichnung eines Werkes ohne ein diesbezügliches Entsetzen käme ohne das Wort „Schund“ aus. Die Entartung, welche die Nazi-Ideologie in den Kunstwerken gesehen hat, das „Kranke“, war die Entartung beziehungsweise das Kranke der Ideologie selbst.

Was weggeschoben wird, ist da. Das ist meine erste These zum Monströsen.

Auch Pasolinis Film „Salo oder die 120 Tage von Sodom“, nach dem Roman von Marquis de Sade, wäre in diesem Sinne „Schund“. Der Film wurde in einer Zeit gedreht, die vergleichsweise frei und offen für Irritationen war. Das Lexikon des Internationalen Films schreibt darüber:

„In seinem letzten Film entwirft Pasolini jenseits spekulativer Intentionen und ästhetischer Gefälligkeit eine schockierende Vision menschlicher Machtbesessenheit und barbarischer Zerstörungslust inmitten hochgeistiger kultureller Verfeinerung. Der nach einem Roman von de Sade entwickelte Stoff ist zwar im Jahr 1944 angesiedelt, dient jedoch als Kommentar zur hedonistischen Konsumgesellschaft der Nachkriegszeit, die von Pasolini als apokalyptische Verfallsepoche begriffen wird ohne Hoffnung auf Veränderung. Ein radikaler, trostloser, erschütternder Film.“ (19)

Kritikern in den damaligen Leitmedien war die Spiegelfunktion von Kunst überwiegend bewusst. Gleichwohl würde der Film, angetroffen in der privaten Sammlung eines Gewalttäters oder verdächtigten Gewalttäters, nach der Dekonstruktionslogik, die ich hier exemplarisch anführe — auch weil sie in vielerlei Hinsicht trifft und Einsichten eröffnet — als Beleg für die Abartigkeit gelten.

Das führt zu meiner zweiten These: Die Hinwendung auf das Monströse in uns und der Verzicht auf die Auslagerung an die anderen, die Abartigen, sind Voraussetzung dafür, dass eines Tages diese Kindsfolterung nicht mehr ist und keine Machtapparatur, welche sie ermöglicht.

Damit sind auch die Atombombenabwürfe passé. Natürlich ist das zu apodiktisch gesagt, auch zu modellhaft und naiv. Aber es ginge in diese Richtung, da zweifle ich nicht.

Ein Vater wäre einfach Vater, kein Gebieter und — die beiden Aspekte sind näher beieinander, als gedacht — kein Kontrolleur. Er wäre Heimat, gelegentlich, Schutz, aber nicht zu eigenen Zwecken und nicht als Verhinderer von Emanzipation, sondern eine Instanz, die Raum für Entfaltung schafft. Ein solcher Vater verlangt nicht, dass das Gegenüber „Vater“ sagt, er verlangt keine Bestätigung, er verlangt nichts und streicht nichts. Der brave bürgerliche Vater aus der bürgerlichen Familie, auf die nicht wenige aus dem Corona-Widerstand referieren als Ausdruck einer „damals“ noch „gesunden Welt“, war indes häufiger näher am Vater, der die Anerkennung einfordert, denn am Vater, der Räume öffnet.

In einer Welt des Kapitalismus

Wünsche, Triebe, Urteile, Haltungen, et cetera: Das alles findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern im Rahmen einer Gesellschaft. Und diese Gesellschaft, die westliche, ist, spätestens seit Calvin und anderen Reformatoren — dem konnten sich auch die Katholiken nicht entziehen, die ihrerseits schon „Vorleistungen“ erbracht haben, etwa in Südamerika —, über Leistung definiert, die sich — so das Märchen und die Ungeheuerlichkeit — in Kapital niederschlägt. Niederschlagen in Kapital muss sich die Leistung, weil der Zugriff auf Gesellschaft über Kapital erfolgt. Wer Geld hat, hat es verdient, es zu haben und zuzugreifen. In den letzten Jahrzehnten sind auch noch letzte Nischen in diesem Sinne usurpiert worden. Es gibt nichts mehr, was nicht auch ein Business wäre.

Aneignung, Zugriff, Kontrolle: Das hat sich mit der Digitalisierung nicht nur beschleunigt, sondern geradezu ins Monströse potenziert. Wir „denken“ in Kategorien der Optimierung und des Verfügens. Alles ist zur Ware geworden, der Mensch inklusive.

Dass Körper, Nacktheit und Sexualität — ich bin nun wieder bei der Darstellung, bei der Kunst und konkret beispielsweise bei einer Fotografie von Margi Geelinks — in einem solchen Setting immer schon in die Nähe der Verfügung gerückt werden, egal, was konkret abgebildet ist, ist evident. Der „artige“ Betrachter „codiert“ im Sinne seiner Prägung, und die kapitalistische Prägung zielt auf Verfügung, auf Zugriff. So verfährt die westliche Zivilisation auch geopolitisch seit Jahrzehnten und Jahrhunderten. Andere Zivilisationen keineswegs unbedingt, eine anthropologische Konstante sollte hier also nicht vorschnell angesetzt werden. Eine genauere Auslotung der Verhältnisse wäre Sache einer weiteren Reflexion aus der Dissidenz. Hier setze ich nur den Verweis, weil die Thematik mit der Frage nach einem Monströsen, das in die „Abart“ verschoben wird, verbunden ist.

Das Artige des Kapitalismus — das hat eine Geschichte, die in der angesprochenen Auslotung zu reflektieren wäre — kann bei Betrachtung von Körpern nur immer an Gebrauch denken. Ein Belassen des Gesehenen, eines Kunstwerks, einer Szene, eines Menschen, ohne Zugriff, ohne einen Blick der Aneignung, zumindest optional, des Gebrauchs, der Verwendung, des Zwecks, des Gewinns, Profits, der Effizienz oder anderer Formen der Usurpation ist einer kapitalistischen Zivilisation fremd. Das ist mit ein Thema, wenn über den Anfang des Monströsen nachgedacht wird, ein Monströses, das am Ende stets die Streichung eines eigenständigen zweckfreien Gegenübers — in der Digitalisierung nun automatisiert vollzogen — zum Ergebnis haben muss.

Monströs und kapitalistisch artig: Das ist der Übergriff. Die Verlagerung des Sexuellen — und hierfür funktionieren als Kategorie die Pädophilen gut — statt der Gewalt ins Abartige ist folgerichtig, um eine Zivilisation des Zugriffs aufrecht zu erhalten.

Es war — auf Europa, mindestens auf Deutschland bezogen — vielleicht die Frühromantik, es war Novalis, der diesen grundsätzlichen Betriebsschaden des Westens erstmals zu Bewusstsein gebracht hat, wobei vor allem mystische Traditionen zuvor schon erhellend gewirkt haben.

Ein Sein ohne Zugriff aber steht diametral der Macht und dem Auserwähltsein entgegen, wie sie Barack Obama besungen. Auserwählte dürfen alles, denn sie brauchen alles. Sie müssen den Zugriff haben auf alles, von Ölfeldern bis zu den Daten jedes einzelnen Erdenbürgers. Sie wissen sonst nicht wie leben und sterben ohne Aneignung und Tilgung des anderen in einem fort ab.

Diese Thematik ist im Monströsen, wie ich es aufzuzeigen versucht habe, mit enthalten, mehr noch: es ist der Kern.

Der Kindsfolterer, wie immer er heißen mag, ist am Ende die erbärmlichste Figur, die sich denken lässt. Wenn etwas noch über das Monströse seiner Tat hinausgeht, so seine Erbärmlichkeit. Diese Erbärmlichkeit ist die westliche Zivilisation.

Richard Rorty hatte Recht: Der Folterer kann von seinen Opfern nichts lernen. Nicht weil diese keine Inhalte hätten, die es wert wären, gelernt zu werden. Sondern weil er sie töten muss. Das ist es, was die Indianer und Maya und die Azteken und Inkas und all die anderen vom Westen gelernt haben: Er muss sie töten, um zu sein. Und das ist es, was nun langsam geopolitisch zum Bumerang wird. Für das Kind, das gefoltert wird, ist es zu spät. Für viele ist es zu spät. Das ist schwer auszuhalten.

Im kurzen und abschließenden Teil 3 sind es die beiden Namen Daniele Ganser und Mary Bauermeister, die den Umgang mit dem Monströsen aufhellen.


Quellen und Anmerkungen:

(10) https://twitter.com/stokerocknroll/status/1663640740260376578?s=20, das Video ist Teil des Recherchematerials aus „Mord ist ihr Hobby“ (nachfolgend in Fußnote 11 angeführt). Dass in diesem Video — sozusagen in seiner analytischen Sequenz am Ende — beim Vergleich der Stimme von John Podesta mit derjenigen des Folterers auf dem Video durch die Wiederholung eines kleinsten Schnipsels suggestiv gearbeitet wird, muss objektiverweise erwähnt sein.
(11) Tom-Oliver Regenauer, Mord ist ihr Hobby, — dieser Text ist die Basis meiner gedanklichen Erkundung in Teil 2 des Essays über das Monströse. Ich empfehle den Text auch jenen zur kritischen Lektüre, die Vorbehalte gegenüber Quellen aus dem „Untergrund“ haben.
(12) Eine Anmerkung in Verbindung mit „Auschwitz“, die ich hier anfüge, weil ich in Deutschland lebe. Bereits in Frankreich wäre das selbstverständlich und die explizite Erwähnung nicht nötig: Mit den Fragen setze ich nichts gleich und belasse alle Ereignisse, die ich hier als Topos erwähne, als solche ohne Relation. Wenn ich auf die Instrumentalisierung durch die Sieger anspreche, so sind zwei Ebenen auseinander zu halten: Die Instrumentalisierung einerseits und die Monstrosität, welche „Auschwitz“ für den einzelnen Menschen, seine Einsamkeit und seine Vernichtung dort oder auch sein Überleben bedeutet. Die erste Ebene hängt zwar an der zweiten, wesentlicheren, das Monströse der Instrumentalisierung ist vom Monströsen des Ereignisses in seiner Singularität, auf das sie sich bezieht, nicht getrennt zu denken. Hingegen ist Monstrosität, wie sie der einzelne Mensch in Auschwitz erlebt hat, unhintergehbar, kein Vergleich führt dahin. Aufrechnungen, welche diese Monstrosität in eine Relation stellen, sind Teil des Monströsen auf instrumenteller Ebene.
(13) https://de.wikipedia.org/wiki/John_Podesta, https://en.wikipedia.org/wiki/Tony_Podesta, https://de.wikipedia.org/wiki/Anthony_Weiner; ich referiere deshalb auf Wikipedia, weil diese Exponenten des Machtapparats im Zusammenhang, in dem ich sich diskutiere, durchaus aus der Optik des Systems präsentiert werden sollen. Dass in diesen Darstellungen keinerlei Bezug genommen wird auf Belege oder Indizien, die sie mit den in diesem Text diskutierten Fällen in Verbindung bringt, ist evident. Dabei ist in Betracht zu ziehen, dass neben etlichen Indizien, deren Verweiskraft in der Tat fraglich ist, auch solche vorliegen, die zu ignorieren für eine Verbindung spricht. In erster Linie sind das drei der vier aufgrund von Zeugenaussagen ausgeführte Zeichnungen von Personen, die in der Nähe des Ortes, wo Maddie McCann verschwunden ist, und in direkter zeitlicher Nähe zum Geschehen gesehen worden sind. Es handelt sich bei diesen Personen eben um die Podesta-Brüder und Anthony Weiner. Die Ähnlichkeiten sind eindeutig und keine Frage der Interpretation.
(14) In der Arbeit von Tom-Oliver Regenauer werden die verschiedenen Gesichter einander gegenübergestellt, mit Verweisen auf Bezugsquellen. Die Ähnlichkeit beim vierten Bild, demjenigen von Ghislaine Maxwell — sie spielte im sogenannten Epstein-Skandal, der in Regenauers Arbeit mit in die Argumentation eingebunden wird, eine zentrale Rolle und ist mittlerweile zu 20 Jahren Gefängnis unter anderem wegen Kinderhandels und Rekrutierung von Minderjährigen zu sexuellen Zwecken verurteilt worden (die Systemsicht dazu: — ist weit weniger signifikant, das erstellte Profilbild allerdings auch an sich weniger markant gezeichnet, außerdem weist Maxwells „wahres Gesicht“ auch weniger Auffälligkeiten auf als dies bei den Männern der Fall ist. Meines Erachtens wäre politisch zu fragen, ob sie als Bauernopfer fungiert beziehungsweise „juristisch“ instrumentalisiert wurde oder: „überinstrumentalisiert“, um den Epstein-Fall zu glätten nach dem Motto: „Die Justiz und also der Apparat funktioniert“ und auch die Frage nach einem möglichen Selbstmord Epsteins aus dem Fokus zu nehmen. Jedenfalls muss im Rahmen einer seriösen politischen Dekonstruktion auch im Fall Epstein, der ein Fall US-Machtapparatur ist und den ich, obgleich bei Regenauer ebenso wie das spekulative Pizzagate mit einbezogen, bewusst in diesem Essay zum Monströsen nicht weiter berücksichtige, die Empörungsbewirtschaftung mit entsprechenden Schlagwörtern zurückgefahren und stattdessen Gewalt und Kapital stärker in den Fokus gerückt werden. Ersteres sediert Letzteres.
(15) Die Systemsicht auf Pasolini kann für einmal als Orientierung genommen werden. Auch dieser Beitrag mit Fokus auf die Ermordung gibt einen vertretbaren Überblick. Es steht fest, dass Pasolini sich anlässlich seines Romans „Petrolio“ mit den Machenschaften der staatlichen Erdölgesellschaft ENI beschäftigte. Deren Präsident Enrico Mattei wurde 1962 Opfer eines vom zweimaligen Ministerpräsidenten Amintore Fanfani später offen eingeräumten Attentats. Die Tatsache, dass Mattei sich mit der Sowjetunion arrangierte, wie auch, dass er sich für die Unabhängigkeit Algeriens — beides in Verschränkung mit geschäftlichen Beziehungen von ENI — aussprach, machte ihn in der westlichen Machtapparatur wie auch besonders in politisch rechten Kreisen zur Persona non grata. Einerseits ist es dieser Themenkomplex und andererseits sind es Äußerungen Pasolinis ein Jahr vor seinem Tod in Zeitungsartikeln, wonach die Politik, also die regierenden Christdemokraten, über Verbindungen zum organisierten Verbrechen missliebige Kommunisten, wozu er sich zählte, ermorden lassen würden. Angesichts der engen Verbindungen der christdemokratischen Nachkriegsregierungen Italiens zur CIA und zu NATO-Geheimprojekten, Daniele Gansers Arbeiten fokussieren teilweise auch darauf, ist es evident, den ungeklärten Mord an Pasolini mit seiner radikalen Kritik am westlichen Gesellschaftsmodell, welches für ihn eine konsumistische Fortsetzung des Faschismus war, in Verbindung zu bringen. Die berühmte Journalistin und Autorin Oriana Fallaci war eine der ersten, die Pasolinis Ermordung als politisches Attentat verstand. Dass die Einzeltätertheorie nicht stimmen kann, wird heute allgemein angenommen.
(16) https://www.novalis-weissenfels.de/novalis/; für eine fundierte Einführung in Werk und Leben Hans-Joachim Mähl: Friedrich von Hardenberg, Nachwort in: Novalis, Werke in einem Band, Hanser-Verlag, 1982; die im Internet auffindbaren Beiträge sind überwiegend geprägt von der repressiv-technokratischen Ideologie unserer Zeit und haben mit Novalis naturgemäß wenig zu tun; auf der Seite fembio: https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/sophie-von-kuehn/ wird im Rahmen des Eintrags zu Sophie von Kühn deren schweren Lebererkrankung zur einzigen Option des Mädchen ideologisiert, sich aus der Beziehung zu Novalis zurückzuziehen — eine monströs-faschistische Glättung zwecks Einpassung der Wirklichkeit in die Ideologie von heute; losgelöst von ideologischen Überformungen ist dagegen der Roman „Die blaue Blume“ der US-Amerikanerin Penelope Fitzgerald (original: „The Blue Flower“) aus dem Jahre 1995, der eine zwar etwas oberflächliche, aber bestimmt nicht grob verfälschende Sicht auf die Beziehung von Sophie von Kühn und Novalis wirft; aus neuerer Zeit ist für eine fundierte Auseinandersetzung mit Leben und Werk zu empfehlen: Silvio Vietta: Novalis. Dichter einer neuen Zeit. Würzburg 2021.
(17) https://artinwords.de/marina-abramovic-biografie/; auch https://artinwords.de/die-zwei-herzen-der-marina-abramovic/; siehe auch den Verweis, den Regenauer in seiner Arbeit angibt: https://www.theguardian.com/artanddesign/2020/oct/07/marina-abramovic-im-an-artist-not-a-satanist
(18) https://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/margi-geerlinks/ (dieser Link ist auch bei Regenauer angegeben); auch https://www.margigeerlinks.com/biografie/.
(19) https://www.filmdienst.de/film/details/34438/die-120-tage-von-sodom


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