Für viele Kinder und Jugendliche ist es ein Schock. Für manche kommt die Erkenntnis allmählich, schleichend, andere erfahren es durch ein einziges durchschlagendes Aufklärungsgespräch mit ihren Eltern. Es ist der Moment, in denen ihnen bewusst wird, dass ihr Leben — wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben — nicht mehr ihnen selbst gehören wird, dass es vielmehr verpfändet ist an ein Monstrum, dass allgemein als „die Arbeit“ bezeichnet wird. Ohnehin haben sich diese jungen Menschen schon an den Schulalltag gewöhnt. Der „frisst“ ihren halben Tag — mindestens. Mit Hausaufgaben und Nachmittagsunterricht kommen in der Regel noch mehr Stunden zusammen. Und in den letzten Jahren sind die Freiräume zunehmend geschrumpft. In meiner Kindheit galt lange Jahre die Regel: Von 8 bis 13 Uhr hatte ich in der Schule zu sein. Dann war Mittagessen. Nachmittags frei — abgesehen von Hausaufgaben, die aber überschaubar waren.
Dann aber am Tag der Enthüllung die Drohung der Eltern: „Jammer nicht, jetzt geht es dir ja noch gut. Wenn du erwachsen bist, musst du nicht 5 Stunden, sondern 8 Stunden in die Arbeit. Mindestens. Du hast auch nicht 11 Wochen Ferien, sondern 4, allerhöchstens 6.“ „Warum?“ „Das ist halt so.“ „Aber das will ich nicht. Wann soll ich dann meine Freunde treffen und spielen? Es ist auch so schon anstrengend genug.“ „Ob du das willst, spielt keine Rolle. Das war schon immer so. Alle machen es so. Das wirst du auch nicht ändern können. Und vergiss nicht: Wenn du abends dann frei hast, musst du zusätzlich die Hausarbeit erledigen, die jetzt noch Mama und Papa für dich machen.“ „Und wann hört der ganze Wahnsinn auf?“ Naja, vielleicht in 50 Jahren, wenn du so alt bist wie jetzt 0pa und Oma. Aber dann stirbst du bald.“
Ein Monster, das das ganze Leben verschlingt
Nach einem solchen Gespräch — und in vielen Biografien dürfte es sich ähnlich abgespielt haben — bricht für das Kind eine Welt zusammen. „Warum ist das so? Warum lassen alle sich das gefallen? Wie komme ich aus diesem Albtraum heraus?“ Im Laufe der Jahre lernt das Kind dann allerlei Rationalisierungsstrategien kennen. Es lernt, sich abzufinden. Weil es ja alle machen. Weil ein Ausweg nicht zu erkennen ist — außer für die wenigen „Versager“, die für ihre Arbeitsverweigerung mit Geld- und Statusverlust bestraft werden.
Wer 20 oder 30 ist, hat gelernt: Wir müssen arbeiten, weil unsere Eltern ja nicht ewig für uns sorgen können. Weil wir nicht einfach all diese Dinge in Anspruch nehmen können, die andere mit ihrer Arbeit für uns geschaffen haben — Lebensmittel, Kleidung, Autos, Wohnungen —, ohne auch selbst etwas herzustellen, was andere dann brauchen können. Das ist fair. Und so ist das Leben.
Einige haben das Glück, ihren Beruf zu mögen und sich mit seiner Hilfe gut „verwirklichen“ zu können. Für die anderen sieht es düster aus: Die Arbeitswelt saugt sie mit 15, mit 20 oder 25 Jahren auf und speit sie Jahrzehnte später wieder aus: ausgelaugt, verhärmt und desillusioniert — dann schon im Endspurt in Richtung Grab befindlich.
Ist diese Darstellung arg pessimistisch? Ja, wahrscheinlich. Es ist dann am Ende nicht so schlimm, wenn man sich daran gewöhnt hat. Es gibt Lebensfreude — auch solche, die aus der Arbeit selbst erwächst. Es ist am Ende nicht nur unmöglich, es ist gar nicht wünschenswert, überhaupt nicht zu arbeiten.
Die Frage, die bleibt, ist allerdings: Muss es so viel Arbeit sein? Muss Arbeit das Leben, anstatt es zu ergänzen, dominieren und geradezu überwuchern? Während das Schlaraffenland eines bequemen Lebens ohne Arbeit von vornherein eine Illusion ist — niemandem zugänglich außer ein paar Adeligen, Erben und Aktienhändlern —, ist der Wunsch, weniger zu arbeiten, keineswegs absurd. Er zeugt vielmehr von psychischer Gesundheit sowie einem guten Gefühl für Balance und das Gemeinwohl. Es gab Epochen und Weltgegenden, in denen Arbeit das Leben der Menschen nicht zu stark dominierte und eine Kultur des Müßiggangs verbreitet war — ohne Reue und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Indigenes Volk mit 15-Stunden-Woche
Einer, der die Kulturanthropologie der Arbeit gründlich erforscht hat, ist der britische Sachbuchautor James Suzman. In seinem Bestseller „Sie nannten es Arbeit“ beschreibt er unter anderem noch existierende indigene Völker wie die „Ju‘/Hoansi“, Buschleute aus dem heutigen Namibia. Suzman fand heraus, dass es den Stammesangehörigen entgegen westlicher Erwartungen auch materiell recht gut geht — mit wenig Arbeit.
„Doch wie wir jetzt wissen, stimmt es gar nicht, dass Jäger und Sammler wie die Ju‘/Hoansi ständig am Rand des Verhungerns lebten. In Wirklichkeit waren sie normalerweise wohlgenährt, hatten einen höheren Lebensstandard als die meisten Ackerbaugesellschaften, arbeiteten selten mehr als 15 Stunden die Woche und verbrachten einen Großteil ihrer Zeit damit, sich zu regenerieren und ihre Hobbys zu pflegen.“
15 Wochenstunden — das sind noch weniger, als ich als Schuljunge zu bewältigen hatte: 25 Wochenstunden plus Hausarbeiten.
Die Frage, die Suzman nun daran anknüpft, ist: Warum scheint es heute — zumal in Zeiten eines rasanten Produktivitätsfortschritts — unmöglich zu sein, eine derartige Lebensqualität zu genießen? „Warum messen wir Heutigen der Arbeit so viel größere Bedeutung bei, als unsere jagenden und sammelnden Vorfahren es taten? Warum bleiben wir im Zeitalter eines nie da gewesenen Überflusses so fixiert auf das Schreckgespenst der Knappheit?“ Suzman behandelt in einem ausführlichen historischen Rückblick die gesellschaftlichen Veränderungen, die durch Sesshaftigkeit, Ackerbau, Tierhaltung, später durch Industrialisierung und Verstädterung ausgelöst wurden.
Doch kein Schlaraffenland
Der bekannte britische Ökonom John Maynard Keynes war es, der 1930 weissagte, „die Automatisierung der Arbeit könne der Schlüssel zu einem wirtschaftlichen Schlaraffenland sein“. Der technologische Fortschritt, so Keynes, sollte dazu führen, dass wir „gegen Anfang des 21. Jahrhunderts im Eingangsbereich zu einem ‚gelobten Land‘ ankommen, mit einer Wirtschaft, die die Grundbedürfnisse aller Menschen mühelos stillen würde und in der infolgedessen niemand mehr als 15 Stunden pro Woche arbeiten werde“. Wie wir alle wissen, ist es nicht so gekommen.
In Ländern wie Japan, China und Südkorea häufen sich Todesfälle durch überstundenbedingte Erschöpfung. Auch hierzulande machen immer mehr Menschen den Eindruck, sich eher mit Ach und Krach als freudig durch den Tag zu schleppen, ständig über Stress und Überlastung klagend.
Der Arbeitsdruck ist in Deutschland teilweise heute wieder höher als noch vor 10 oder 20 Jahren.
Eine mögliche Erklärung dafür, dass wir auch noch im Jahr 2026 „jenseits von Eden“ leben, hat John Maynard Keynes bereits angedeutet — obwohl er schon 1946 starb. Er diagnostizierte eine Art Inflation der menschlichen Bedürfnisse. Keynes unterschied zwischen „absoluten Bedürfnissen“ wie „Nahrung, Wasser, Wärme, Komfort, Freundschaft und Sicherheit“ sowie „relativen Bedürfnissen“, die im Gegensatz zu den erstgenannten kein Ende nähmen, „weil wir Menschen, sobald wir uns eines davon erfüllt haben, sofort ein anderes, wahrscheinlich noch ehrgeizigeres Bedürfnis an seine Stelle setzen“. Dazu gehört auch das Verlangen, mit unseren Mitmenschen „mitzuhalten“, was Status und materielle Anschaffungen betrifft.
Heute könnte man diesbezüglich luxuriöse Autos und Wohnungen, Abonnements von Streamingdiensten und Fitnessstudios, den Besuch teurer Restaurants, aufwändige Urlaube und exklusive Hobbys nennen, deren Bezeichnungen auf „-ing“ enden. Suzman schreibt über Keynes: „Es sind nach seiner Überzeugung diese Bedürfnisse, die uns animieren, immer noch mehr und härter zu arbeiten, auch wenn unsere Grundbedürfnisse längst befriedigt sind.“ Anders gesagt: Die Konten von Jägern und Sammlern wurden nicht durch die monatliche Flatrate-Gebühr für ihre Smartphones belastet — sie ahnten nicht einmal, dass ihre Nachfahren dergleichen in ferner Zukunft für unverzichtbar halten würden.
Die Erlösung lässt auf sich warten
So kommt es zu einem Phänomen, das man in Anlehnung an einen Romantitel von Franz Werfel den „veruntreuten Himmel“ nennen könnte.
Das Paradies lag immer wieder zum Greifen nahe, es zog sich aber gleich einer Fata Morgana immer genau dann zurück, wenn wir es fassen versuchten. Wir wurden um das Paradies betrogen — oder haben dies durch einfältige Kooperation mit den Betrügern selbst verschuldet.
Die französische Schriftstellerin Viviane Forrester schrieb in ihrem Buch „Der Terror der Ökonomie“ 1996: „Sollte die Erlösung vom Arbeitszwang, vom biblischen Fluch, nicht logischerweise dazu führen, die eigene Lebenszeit freier einteilen, freier durchatmen zu können, sich lebendig zu fühlen, ohne herumkommandiert, ausgebeutet und in Abhängigkeit gehalten zu werden?“ Statt mehr Freiheit hat die industrielle Massenproduktion aber nur zweierlei bewirkt: mehr Unfreiheit für die vom Arbeitsprozess Ausgeschlossenen und mehr Leistungsdruck auf jene, die man gnädiger Weise noch an ihm teilhaben lässt. Wer hätte gedacht, schreibt Forrester, „dass eine Welt, die auch ohne den Schweiß auf der Stirn so vieler Menschen auszukommen vermag, sogleich zur Beute einiger weniger würde und dass man nichts Dringlicheres zu tun haben würde, als die überflüssig gewordenen Arbeiter gnadenlos in die Enge zu treiben“.
Während Keynes also die mangelnde Genügsamkeit der Konsumenten als Ursache für ihren Stress beim Gelderwerb nennt, betont Forrester die Schuld der Eliten im Kapitalismus, welche die Arbeitserträge vereinnahmen und die Bevölkerungsmehrheit gnadenlos vor den Karren der Profitmaximierung für Wenige spannen. Beide Aspekte sind im Folgenden zu berücksichtigen.
Arbeitsverdichtung oder Seele baumeln lassen?
James Suzman skizziert im Weiteren zwei entgegengesetzte Strömungen der Wirtschaftslehre. Die eine, begründet von Frederick Winslow Taylor (1856-1915), setzt auf die Steigerung der Arbeitseffizienz um jeden Preis. Ausgehend von der These, Arbeitnehmern sei grundsätzlich zu misstrauen, da diese dazu neigten, es bei der Arbeit „locker angehen zu lassen“, entwarf Taylor Maßnahmen, die darauf abzielten, jede Sekunde, in der sich Angestellte im Betrieb aufhielten, „in unternehmerischen Gewinn umzusetzen“. Suzman fasst zusammen:
„Eine nach den Vorgaben der wissenschaftlichen Methode Taylors organisierte Fabrik war ein Ort, an dem Duldsamkeit, Gefügigkeit und die Fähigkeit, sich dem metallischen Schlagrhythmus mechanischer Hämmer zu ergeben, als Qualifikationsmerkmale sehr viel mehr zählten als Qualitäten wie Fantasie, Ehrgeiz und Kreativität."
Gewinner des Taylorismus waren klar die Aktionäre und Vorstände der Unternehmen, in denen seine Methoden eingesetzt wurden. Diese schlügen sich „umgehend in einer erhöhten Produktivität und in glorreichen Dividenden nieder“.
Als einen Antipoden Taylors nennt Suzman den britischen Anthropologen Sir John Lubbock (1834-1913), der als eine Art Vater der Work-Life-Balance bezeichnet werden kann — auch wenn es den Begriff zu seinen Lebzeiten noch nicht gab. „Arbeit ist eine Daseinsnotwendigkeit“, sagte Lubbock. Aber er fügt hinzu:
„Ruhen ist nicht dasselbe wie Nichtstun. (...) Hin und wieder an einem Sommertag unter einem Baum im Gras zu liegen, dem Murmeln des Wassers zu lauschen oder die Wolken dabei zu beobachten, wie sie über den Himmel ziehen, ist keineswegs vergeudete Zeit.“
Zwischen der Methode Taylors und der Methode Lubbocks bewegten sich Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen seither in Großbritannien und anderswo in einem Spannungsfeld. Wobei meistens die Befürworter eines rigiden Arbeitsregiments und seltener jene die Oberhand behielten, die darauf bestanden, gelegentlich „dem Murmeln des Wassers zu lauschen“. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts waren Arbeitszeiten von über 70 Wochenstunden durchaus noch üblich.
Die große Entkoppelung
Begeistert vermeldet James Suzmann dann aber verbesserte Arbeitsbedingungen zum Ende des 19. Jahrhunderts: „Spätestens 1870 arbeiteten die meisten in Fabriken beschäftigten Männer nicht mehr 78, sondern 'nur noch' rund 60 Stunden pro Woche, verteilt auf sechs Tage à zehn Stunden.“ Bereits in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts war dann in vielen Ländern — so unter anderem in den USA — die 40- oder 38 Stunden-Woche die Norm. Sogar eine 30-Stunden-Woche war unter Präsident Franklin D. Roosevelt im Gespräch. Nimmt man die zuletzt skizzierte Entwicklung zum Maßstab, so müsste sich die Durchschnitts-Arbeitszeit in den Jahrzehnten zwischen den Präsidentschaften Roosevelts und Donald Trumps eigentlich auf 0 zubewegt haben. Wie wir alle wissen, kam es jedoch nicht so.
James Suzman stellt in seinem Buch dazu eine naheliegende Überlegung an:
„Trotz der Tatsache, dass die Arbeitszeitproduktivität in den Industrieländern seit Ende des Zweiten Weltkriegs um den Faktor vier oder fünf gestiegen ist, bewegt sich die durchschnittliche Wochenarbeitszeit nach wie vor um knapp unter 40 Stunden und wird allem Anschein nach weiter auf diesem Niveau verharren.“
Während die durchschnittliche Wochenarbeitszeit seit einem knappen Jahrhundert in den Industriestaaten wie festgefroren anmutet, stieg der Lebensstandard der Arbeitnehmer dort lange Zeit noch parallel mit dem Unternehmenserfolg. Die Lohn- und Gehaltsempfänger hatten meist das Gefühl, „dass in dem Maß, wie das Unternehmen, für das sie arbeiteten, reicher wurde, auch sie reicher wurden“. Das lief so bis ungefähr zum Jahr 1980, als sich ein seltsames Phänomen zeigte:
„Im Zuge der 'großen Entkoppelung' wuchsen zwar Produktivität, Output und das Bruttoinlandsprodukt stetig weiter, doch Löhne und Gehälter begannen (außer bei den Spitzenverdienern) zu stagnieren, viele Leute stellten im Lauf der Zeit fest, dass sie mit ihrem Monatsgehalt nicht mehr so weit kamen wie früher, obwohl sie nach wie vor denselben Job im selben profitablen Unternehmen ausübten.“
Im Folgenden werde ich nun in Anlehnung an Suzman und andere Quellen versuchen, die Gründe für besagte „Große Entkoppelung“ aufzuschlüsseln. Warum kommt der Produktivitätsfortschritt bei denen, die ihn erarbeitet haben, nicht in Form von Gehaltserhöhungen an?
Gründe, die beim Staat oder beim Wirtschaftssystem als Ganzem liegen
Hier ist vor allem die hohe Steuerquote zu nennen. 40 bis 50 Prozent des Bruttogehalts vieler Menschen — gemeint ist die gesamte Abgabenlast einschließlich Sozialversicherung — wird ihnen von Staat und Sozialversicherungsträgern genommen. Dabei stellt eine Mischung aus struktureller Gewalt, Überredung und Gewöhnung die Ursache für solche Duldsamkeit dar.
Schaut man sich die Faktoren für die bekannte Unersättlichkeit des Steuerstaates an, so finden wir vor allem die Militärausgaben, Ausgaben für die Aufrechterhaltung des „Apparats“, Ausgaben für andere Länder wie die Ukraine und Entwicklungshilfe sowie Ausgaben für Menschen, die nie in die Sozialsysteme eingezahlt haben, jedoch nun Gelder aus diesen zugeteilt bekommen.
Weiter ist auch der durch die Dynamik von Zins und Zinseszins verursachte Abfluss von Geldern an die Verleiher von Kapital zu nennen. Er macht etwa 35 bis 41 Prozent der durchschnittlichen Konsumausgaben eines Haushalts aus. Der Zins wirkt auf der Ebene der Staatsverschuldung, wie auch aufgrund der Verschuldung von Unternehmen, die diese zu Zurückhaltung bei Lohnzahlungen bewegt. Er wirkt individuell im Fall von Privatverschuldung sowie über die Preise und Mieten als „versteckter Zins“.
Gründe, die bei den Unternehmen liegen
Ein wichtiger Faktor, der die „große Entkoppelung“ — also die Zweckentfremdung von Gewinnanteilen, die gerechterweise den Arbeitenden zukämen — bewirkt hat, sind überhöhte Managergehälter. Hierzu führt James Suzman aus:
„Die Vorstandsvorsitzenden der 350 größten US-Unternehmen verdienten 1965 ungefähr das Zwanzigfache eines 'Durchschnittsarbeiters'. Bis 1980 erhöhte sich dieses Verhältnis auf den Faktor 30, und 2015 erreichte es den Faktor 300.“
Suzman spricht von einem Vergütungszuwachs bei CEOs um 937 Prozent zwischen 1978 und 2016 — bei Arbeitern im gleichen Zeitraum nur um 11,7 Prozent. Dieses obszöne, einseitige Wachstum wurde durch Einschleusen passender Narrative in den „Zeitgeist“ kampagnenartig unterstützt, zum Beispiel durch die Behauptung, es herrsche global ein „Krieg um Talente“, der nur durch monströse Gehälter für Topmanager zu gewinnen sei.
Bei den Wirtschafts-„Eliten“ machte sich die Überzeugung breit, „durch überragende Leistungen dorthin gekommen zu sein, wo sie sich befanden“. Während diese Form der Reichen-Selbstbeweihräucherung noch psychologisch nachvollziehbar sein mag, bedarf die Duldsamkeit der Verlierer in diesem Spiel einer gesonderten Begründung. Laut James Suzman „wollen sich viele der Ärmeren nicht den Traum zerstören lassen, auch sie könnten einmal solche Reichtümer erlangen, wenn sie nur lange genug fleißig arbeiten“.
Während es aber bei den Gering- und Normalverdienern beim Träumen blieb, realisierten die notorischen Oben-Schwimmer für sich durchaus jenes Schlaraffenland, das John Maynard Keynes einst für die Jahrtausendwende vorhergesagt hatte.
Einen weiteren „Gulli“, in den sehr viel von dem Geld, das gerechterweise den Arbeitenden zustünde, abfloss, hat Naomi Klein in ihrem brillanten Sachbuch „No Logo“ identifiziert. Da ja jeder Euro nur einmal ausgegeben werden könne, so Klein, sei der Wahn der Firmen, teure und aufdringliche Werbekampagnen zu finanzieren, zu einer zusätzlichen Gefahr für die soziale Gerechtigkeit geworden.
„Wenn die millionenschweren Sponsoringverträge unterzeichnet sind und die Coolness-Jäger und Marketingexperten ihre Schecks bekommen haben, dann ist vielleicht nicht mehr allzu viel Geld übrig.“
Der Anspruch der Arbeitnehmer auf angemessene Bezahlung konkurriert also nicht nur mit der Renditengier der Anleger und dem dreisten Zugriff der Topmanager auf die vorhandenen Gewinne, sondern auch mit dem überzogenen Selbstdarstellungsbedürfnis der Markenfirmen.
„Mit den verschwenderischen Ausgaben für Marketing, Fusionen und Markenerweiterungen in den Neuzigerjahren ging ein historisch beispielloser Widerwille einher, in Produktionseinrichtungen und Arbeitskräfte zu investieren. Wenn der eigentliche Produktionsprozess so abgewertet wird, steht zu vermuten, dass es den Menschen, die die produktive Arbeit leisten, ebenso ergeht.“ (Klein)
Gründe, die bei den Arbeitenden selbst liegen.
Wir dürfen bei der Betrachtung der Ursachen besagter „großen Entkoppelung“ auch nie die Psychopathologie „zufriedener Sklaven“ außer Acht lassen. Unterdrückte kooperieren erfahrungsgemäß nicht selten beim Vorgang ihrer Unterdrückung. So wie es laut Erich Fromm eine „Furcht vor der Freiheit“ gibt — die Neigung, vor der mit großem Handlungsspielraum verbundenen Verantwortung zu fliehen und bei Autoritäten unterzukriechen —, existiert ergänzend ein Phänomen, das ich die „Furcht vor der Freizeit“ genannt habe. Der Horror vacui — die Angst vor der Leere —, der sich einstellen kann, wenn sich jemand aufgrund zu vieler freier Stunden unnütz und unausgefüllt fühlt.
James Suzman erzählt in seinem Buch von einem Ereignis, das sich in der für ihre Cornflakes bekannte US-Firma Kellogg’s zutrug. Das Unternehmen sei schon in den 1930er-Jahren zur 30-Stunden-Woche übergegangen. In den 1950ern jedoch votierte eine Drei-Viertel-Mehrheit der Beschäftigten in einer betrieblichen Abstimmung für eine Rückkehr zur 8-Stunden-Schicht und zur 40-Stunden-Woche. Suzman nennt für dieses überraschende Verhalten einen eher satirisch anmutenden Grund: „Manche der Arbeiter erklärten ihr Votum damit, dass sie dank der Sechs-Stunden-Schicht zu viel Zeit unter der Fuchtel eines reizbaren Ehepartners zu Hause verbringen mussten.“ Das „Papa-ante-Portas“-Problem. In dem Loriot-Film von 1991 gehen sich die durch plötzlichen Freizeit-Überschuss des Mannes unversehens im Haus zusammengepferchten Eheleute beträchtlich auf die Nerven.
Das noch wichtigere Motiv für viele Männer, die am Syndrom „Furcht vor der Freizeit“ litten, war aber ein ganz einfaches:
„Sie wollten mehr Stunden arbeiten, um mehr Geld nach Hause tragen zu können, mit dem sie wiederum ihren Bestand an Konsumgütern — die in der wirtschaftlichen Blütezeit der amerikanischen Nachkriegsjahrzehnte massenhaft auf den Markt kamen — um das jeweils neueste und beste Produkt ergänzen konnten.“
Die Hydra der Konsumwünsche
Wir kommen damit zu einem Thema zurück, das ich schon im Zusammenhang mit John Maynard Keynes angeführt habe: die grassierende Inflation der menschlichen Bedürfnisse. Wenn es nur um den Broterwerb ginge, wäre die 15-Stunden-Woche längst in greifbare Nähe gerückt. Aber man braucht ja zusätzlich Geld für den Kuchen, sprich: für allerlei nicht unbedingt nötiges, aber offenbar reizvolles Spielzeug.
Die Konsumwünsche gleichen einer Hydra, der, wenn man ihr gleichsam durch Bedürfnisbefriedigung einen Kopf abschlägt, immer gleich mehrere Köpfe nachwachsen. Und wir wissen alle: Wie viele Bedürfnisse Menschen haben, müssen clevere Markenfirmen nicht unbedingt dem Zufall überlassen.
So erweist sich speziell die Werbeindustrie als doppelter Antreiber des Menschen. Erstens: Durch das hohe Werbebudget vieler Firmen kommt es zu einer Schmälerung der Löhne für diejenigen, die an der Schaffung von Werten beteiligt sind. Es wird viel weniger Geld für den Tischler als für denjenigen bezahlt, der neben ihm mit einem Megaphon steht und Passanten anbrüllt: „Kaufen Sie Happy Table — das Möbelstück, um das Sie Ihr Nachbar beneiden wird!“ Zweitens: Bedingt durch die Werbebotschaften anderer Firmen werden dem Arbeitnehmer noch zusätzlich allerlei Konsumgüter aufgeschwatzt, deren essentielle Bedeutung ihm vorher nicht bewusst gewesen war. So bleibt der Arbeiter/Konsument stets Getriebener und Verführter in einer Person. In Anlehnung an einen Satz aus Goethes „Faust“ könnte man auch sagen: „Im Konsumieren find‘ er Qual und Glück — er unbefriedigt jeden Augenblick.“
Freiheit und Freizeit wieder lieben lernen
Überhaupt scheint die Politik im Minimieren der Zufriedenheit des Bürgers ihre vornehmste Pflicht zu sehen. Es sieht fast so aus, als seien Überlastung, Existenzangst und Knappheit bei Millionen Menschen nicht nur Nebenwirkungen einer leider Gottes weniger erfolgreichen Politik, sondern die eigentlich intendierte Hauptwirkung. Wenn wir als Gesellschaft gegensteuern wollen, so bieten dieser Artikel sowie James Suzmans Buch „Sie nannten es Arbeit“ einige Anhaltspunkte, in welche Richtung es gehen könnte.
Staatlicherseits wäre eine vernünftige Ausgabenpolitik wünschenswert, die vor allem den Kostenfaktor „Tötungsvorbereitungen“ — sprich Militär — zusammenstreicht. Gesamtwirtschaftlich wäre die Lösung eine reformierte Wirtschaftsordnung, die den destruktiven Effekt des Zinses neutralisiert. Auf Unternehmensseite wäre wieder mehr Gewicht auf die Wertschöpfung zu legen, wären übertriebene Begehrlichkeiten von Werbetreibenden und „Topmanagern“ zurechtzustutzen. Und auf der individuellen Ebene brächte eine Reduktion der Konsumwünsche bei uns allen nach dem Motto „Einfachheit ist Widerstand“ großen immateriellen Gewinn. Zudem müssten viele wieder lernen, mehr mit Freiheit und — ja — auch mit Freizeit anzufangen, sodass sie keine strukturierenden Mächte mehr „über uns“ bräuchten, um unser Leben mit Sinn und Inhalt zu füllen.
Freilich, es ist mir schon klar: Das alles „geht nicht“ und wird kaum zu realisieren sein. An einem Punkt der Geschichte, an dem uns das, was „geht“, offensichtlich in den Abgrund führt, wäre es jedoch ratsam, unsere Vorstellung davon, was angeblich unmöglich ist, zu überdenken.
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Quellen und Anmerkungen:
Literaturtipps:
James Suzman: Sie nannten es Arbeit. Eine andere Geschichte der Menschheit. Verlag C.H. Beck. 398 Seiten, 16,95 Euro
Viviane Forrester: Der Terror der Ökonomie. Paul Zsolnay Verlag. 244 Seiten, 4,19 Euro
Naomi Klein: No Logo. Fischer Taschenbuch Verlag. 528 Seiten, 3,32 Euro



