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Das Waffen-Woodstock

Das Waffen-Woodstock

Der Campus der Bundeswehr-Universität München wurde am 6. Juni 2026 zur Kulisse eines bizarren Schauspiels. Vorbeifliegende Eurofighter, Nahkampfnachstellungen und Matrosenlieder aus der NS-Zeit sind offenbar etwas für die ganze Familie.

Wochen vor dem Tag der Bundeswehr blieb kaum eine Werbetafel im Stadtgebiet von der dazugehörigen Werbung verschont. „Für euch tauchen wir auf“, hieß es etwa auf einem der Werbeplakate in der Überschrift, neben einem an die Wasseroberfläche gekommenen U-Boot. Ein anderes Plakat versprach: „Unsere Technik muss sich nicht verstecken.“ Abgebildet waren mehrere Panzerfahrzeuge in Camouflage. Es sollte sichergestellt werden, dass niemandem, wirklich niemandem, entging, dass die Bundeswehr am 6. Juni ihre Pforten öffnete.

Das Gelände der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München war einer von zehn Standorten in Deutschland, der die Demonstration von Kriegsgerät als vergnügliches Happening für die ganze Familie deklarierte. Um sicherzustellen, dass auch jeder an den mit ÖPNV schlecht angebundenen Ort gelangte, wurden hauseigene Shuttlebusse sowie Busse der Deutschen Bahn, also zivile Fahrzeuge eingesetzt. Mit Erfolg. Weit über 40.000 Besucher strömten auf das Gelände der Kriegsakademie — fast das Dreifache der Einwohnerzahl Neubibergs!

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Zivile Busse im Dienst des Militärs. Auch das ist eine Form der Militarisierung des öffentlichen Raums. Foto: Nicolas Riedl

Für die Fußgänger wurden in geradezu idiotensicheren Abständen Wegweiser aufgestellt, damit sich niemand auf der etwa einen Kilometer langen Fußstrecke zwischen der U-Bahnstation und dem Austragungsort verlief. Sollte es dem potenziellen Nachwuchs nicht möglich sein, sich eine derart kurze Strecke einzuprägen? Darauf kommen wir später noch einmal zurück.

So offen sich die Bundeswehr auch darstellte, so misstrauisch begegnete sie zu Beginn ihren Besuchern. Rucksäcke und Taschen mussten an den Eingangsschleusen zwecks Kontrolle geleert werden. Was fürchtete man? Ganz ausgegoren war das Sicherheitskonzept nicht und mit dem von Flughafenkontrollen gar nicht erst zu vergleichen. Die Soldatin, die meinen Rucksack kontrollierte, fragte mich, ob ich Deos oder Taschenmesser mit mir führen würde. Letzteres bejahte ich. Daraufhin wurde ich gebeten, das Messer irgendwo außerhalb des Geländes in einem Gebüsch zu verstecken.

Als ich beim zweiten Anlauf zur Taschenkontrolle zurückkehrte, fragte mich der andere Soldat, der nun die Kontrolle bei mir vornahm, nicht nach derartigen Gegenständen — ich hätte diese somit in das Gelände mit hineintragen können. Das ist also die Armee, die Deutschland verteidigen möchte? Gut.

Kriegsspielplatz

Was bringt eine — deutsche — Familie dazu, an einem überwiegend sonnigen Juni-Samstag mit den Kids die Bundeswehr aufzusuchen? Ist es die Langeweile? Ein unbewusster Todestrieb? Ein transgenerationaler Trauma-Wiederholungszwang? Hat man die Geschichte der Großeltern vergessen? Oder wurde sie schlicht nie erzählt? Es bleibt spekulativ, weshalb der Familienandrang am Tag der Bundeswehr so groß war.

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Foto: Nicolas Riedl

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Foto: Nicolas Riedl

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Foto: Nicolas Riedl

Während man in den Straßen kaum noch Kinder sieht, war ihr Anteil auf dem Gelände der Bundeswehr-Universität so hoch, dass man hätte meinen können, man befinde sich auf dem Sommerfest einer Grundschule.

Kinder turnten und staunten zwischen Panzerfahrzeugen und an mit Tarnnetzen überdeckten Tischen, auf denen Waffen und anderes Kriegsgerät ausgestellt waren. Soldaten absolvierten mit den Kleinen Übungen, bei denen es darum ging, einen schweren Sack über eine gewisse Distanz hinter sich herzuziehen. Die Eltern standen applaudierend und kritiklos dahinter. Jedes Wort aus Reinhard Meys „Nein, meine Söhne geb’ ich nicht“ war hier offenkundig ein Fremdwort.

An einem weiteren Stand waren Miniaturmodelle von Militärfahrzeugen aufgereiht. Manche von ihnen ließen sich, unter den begeisterten Blicken der kleinen Besucher, wie ein Spielzeugauto fernsteuern. So kann und wird das Bellizistische verniedlicht und vermeintlich kindgerecht aufbereitet werden.

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Foto: Nicolas Riedl

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Kinder bewundern den fernsteuerbaren Spielzeugpanzer Foto: Nicolas Riedl

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Foto: Nicolas Riedl

Die Darbietungen des großen, das heißt echten Kriegsgeräts, erfolgten dann weitaus weniger altersgerecht. Immer wieder kam es auf dem nahegelegenen Rollfeld zu Detonationen. Panzerfahrzeuge rasten in hoher Geschwindigkeit über die Asphaltfläche.

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Foto: Nicolas Riedl

Ein „Highlight“ stellte der Überflug zweier Eurofighter dar. Lautsprecher kündigten ihren Überflug vier Minuten vorher an. Sie sollten aus Westen herandonnern. Dann ergänzte der Ansager am Mikrofon: „Falls Sie nicht wissen, wo Westen ist — das ist zu unserer Rechten.“ Wäre ein unzureichendes Himmelsrichtungsbewusstsein nicht schon ein Grund, ausgemustert zu werden? Welches Maß an Orientierungsfähigkeit wird heute, nach Jahrzehnten von Google Maps und Navis, noch vorausgesetzt?

Nachdem der Zuschauermenge mitgeteilt worden war, in welche Richtung sie zu schauen habe, dauerte es auch nicht mehr lange, bis zwei dunkle Punkte am Wolkenhimmel erschienen, immer größer wurden und schließlich in Gestalt zweiter Kampfjets ohrenbetäubend laut und aggressiv fauchend über die Köpfe der Menge hinwegdonnerten — und das am Rande einer Großstadt, die auf ihrem inneren Schnellverkehrring Tempo 30 eingeführt hat — wegen des Klimas.

Manche Kinder trugen Ohrenschutz, andere mussten sich mit gepressten Handflächen auf den Horchern behelfen. Generell schien sich niemand darum zu kümmern, dass die Lärmkulisse Kindern zusetzen, sie überfordern, gar ängstigend könnte. So lösten auch die zwei Kampfjets einzig Begeisterung aus. Fasziniert blickten die Besucher nach oben. Ob jemand die Transferleistung vollzog, sich vorzustellen, was es bedeutet, wenn derartiges Kriegsgerät am Himmel aus einem anderen Grund erscheint — nämlich dem, die am Boden befindlichen „Weichziele“ zu vernichten, statt sie zu beeindrucken? Doch derartige Abstraktionen wurden offenkundig bei so gut wie niemandem vorgenommen. Die ganze Veranstaltung verlief unter dem unausgesprochenen Motto eines Adrenalin-Abenteuers mit Sinnhaftigkeit.

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Zwei Eurofighter jagen über die Köpfe der Zuschauer hinweg. Im Himmel scheint es keine Sprit-Krise zu geben. Foto: Nicolas Riedl

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Ein Kind mit Ohrenschutz unter dem lauten Rattern eines Militärhelikopters. Eine kindgerechte Veranstaltung? Foto: Nicolas Riedl

Eine weitere Stilblüte der Realitätsferne war bei einer Nahkampf-Show zu bestaunen. Ein junger Soldat und eine junge Soldatin in Uniform führten Zweikämpfe mit jeweils einem anderen Soldaten durch, die beide schwarz gekleidet waren. Schließlich sollte jeder der Zuschauer wissen, wer die „Bösen“ sind.

Der Realismus der Kampf-Choreographie bewegte sich irgendwo zwischen „Alarm für Cobra 11“ und „Fast & Furious“ und vermittelte ein entsprechend wirklichkeitsfremdes Bild einer Nahkampfsituation. Insbesondere die Vorführung, wie die beiden mit erhobenen Händen dastehenden Soldaten sich schlagartig umdrehten und ihre mit MGs ausgestatteten Gegner entwaffneten, war selbst für einen Kampflaien lachhaft unrealistisch. In einer echten Auseinandersetzung mit echten Waffen wären beide Soldaten erschossen worden, noch ehe sie sich umgedreht hätten. Dieses offenkundige Zerrbild eines Nahkampfes hielt die Zuschauer nicht davon ab, frenetisch zu applaudieren.

Die Realitätsferne zeigte sich zudem in der gesteigerten Faszination, die manche Besucher beim Anblick der Schnellfeuerwaffen zeigten, ja die einen regelrechten Fetisch für das Tötungsgerät nur schwer verbergen konnten. Ein Besucher stach mir dabei besonders ins Auge. Ein junger, äußerst schmaler Mann war in ein angeregtes Gespräch mit einem Soldaten verwickelt, der neben einer Ausstellerpuppe mit umgehängtem Gewehr stand. Ich stand zu weit weg, um einzelne Worte hören zu können, doch augenscheinlich fachsimpelten sie über die technischen Details und Fähigkeiten der Waffe. Dann imitierte besagter Mann das Schultern des Gewehrs und gab dabei „Ratatatata“-Geräusche von sich, so, als würde er mit dieser Waffe feuern. Dabei strahlte er wie ein Honigkuchenpferd. Seine kognitive Dissonanz und Fehleinschätzung war sogar aus der Ferne zweifelsfrei zu erkennen. Weder wäre er mit seiner Körperstatur überhaupt imstande gewesen, eine solche Waffe zu halten, geschweige denn den Rückstoß abzufedern. Dass er auch nur einen Gedanken daran verschwendete, was ein solch abgefeuertes Projektil mit dem Ziel, also einem Menschen (!) anrichtet — das bezweifelte ich, obwohl ich nicht in seinen Kopf sehen konnte.

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Foto: Nicolas Riedl

Unironische Ironie

In ihrer Gesamtheit hatte diese Veranstaltung etwas Psychotisches an sich. Das ergab sich nicht allein aus der oben beschriebenen Kritiklosigkeit der Besucher. Es waren viele einzelne Versatzstücke aus unfreiwilliger Ironie, Geschichtsvergessenheit und Antiquiertheit, die diesen Nachmittag in der Summe zu dem Hort kollektiver Verblendung machten.

Vor einem Gebäude war — völlig ambitionslos — ein Whiteboard aufgestellt worden, mit der Aufschrift: „Institut für Psychologie — Erleben, was prägt“. Nun, wer sagt’s ihnen?

Ein anderer Plakattständer trug das mittlerweile schon aus dem öffentlichen Raum bekannte Poster, wonach die Bundeswehr die stärkste Friedensbewegung sei. Der Vergleich ist mittlerweile so ausgelutscht, dass ich es mir an dieser Stelle erspare, darauf hinzuweisen, an welchen Roman das erinnert.

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Foto: Nicolas Riedl

Die Veranstaltung war überdies auch religiös aufgeladen. Ein Plakat der „Katholischen Militärseelsorge“ — auch der Name erinnert wieder an jenen gewissen Roman — verlautbarte: „Wir sind bestärkend und ermutigend“. „Bei was?“, stellt sich unmittelbar die Frage. Bei der Missachtung eines der zehn Gebote, die das Töten strikt verbieten?

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Foto: Nicolas Riedl

Neben der Vertretung der katholischen Kirche war auch das 2021 gegründete Militärrabbinat, die jüdische Militärseelsorge zugegen. Das ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Denn bis zur Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 waren deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens von dem Dienst an der Waffe ausgenommen — aus historischer Unzumutbarkeit.

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Foto: Nicolas Riedl

Im Wehrdienstmodernisierungsgesetz ist nirgends eine konkrete Aufhebung dieser Ausnahmeregelung festgeschrieben.

Zumindest entsteht durch die Gründung dieser Einrichtung und ihrer Präsenz auf dem Tag der Bundeswehr der Eindruck, dass zukünftig auch alle jüdischen Bürger Deutschlands von dem potenziell immer schärfer gestellten Wehrdienst betroffen seien dürften. Das hat ein historisches „Geschmäckle“.

Und mit einem historischen „Geschmäckle“ spannt sich der Bogen zu der weiteren und letzten Beobachtung, mit der dieser Beitrag geschlossen werden soll. Auf einer weitläufigen Straße des Geländes ertönte mit einem Mal ein männlicher Chorgesang. Als ich zur Seite blickte, kam mir eine Truppe von Matrosen im Marschschritt entgegen, ein altes Marinelied singend. Ein durch und durch befremdlicher Anblick von Menschen, die wie aus der Zeit gefallen schienen.

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Foto: Nicolas Riedl

Ein älterer Herr verwechselte meinen verstörten bis angewiderten Gesichtsausdruck wohl mit Neugierde, trat an mich heran und erklärte ganz begeistert, dass dies ein ganz altes Lied sei. Was erwartete er wohl von mir? Dass ich es auf Spotify in meine Workout-Playlist aufnehme?

Später dann, wollte ich es genauer wissen. Was war das für ein altbackenes Liedgut? So gab ich der Suchmaschine meines Vertrauens die paar Textfetzen, die mir noch im Kopf geblieben waren:

„Drum Mädel, nun gib mir den Abschiedskuss /
Sei tapfer und treu, wenn ich scheiden muss“

Heraus kam: „Kameraden auf See“: — das Titellied des gleichnamigen NS-Propagandafilms von Heinz Paul. Der Text stammt aus der Feder des Schriftstellers Goetz Otto Stoffregen, seines politischen Zeichens SA- und NSDAP-Mitglied sowie Kulturchef des Völkischen Beobachters.

Wir halten fest: Auf dem Tag der Bundeswehr — und nicht nur dort, sondern regulär — trällern Marinesoldaten den Liedtext, der von einem hochrangigen NS-Propagandisten verfasst wurde.

Beim Verlassen der Veranstaltung konnte ich weit und breit keine Demo gegen rechts erblicken. Dabei wurden solche Proteste, gerade in München, schon wegen weniger oder gar nichts initiiert — und das bei einer bis zu sechsstelligen Besucherzahl. Wenn es aber um das Ziel der Kriegstüchtigkeit geht, drückt man wohl ein Auge zu, ganz nach dem Prinzip des Sniper-Schützen.

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Foto: Nicolas Riedl

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Foto: Nicolas Riedl


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