„Peter Thiel will die Menschen zu Maschinen machen.“
Mit diesen einfachen, in der Einleitung wiedergegebenen Worten erklärt Tariq Hübsch seinem siebenjährigen Sohn, wer dieser Herr Thiel ist, über den er hier gerade ein Buch schreibt. Wie es für ein Kind erwartbar ist, reagiert der Sohn verstört. Mit diesem szenischen Einstieg in das Peter-Thiel-Buch setzt Hübsch die Duftmarke für den Inhalt des Buches. Die darin verhandelten Themen erzeugen bei Kindern automatisch eine Abwehrreaktion. Bei Erwachsenen entsteht der Eindruck, dass ebendiese Reaktion vielfach nicht mehr vorhanden ist. Die Technik an sich und in sich heran- und hereinrücken zu lassen, ist vielen heute gar nichts mehr Abstruses oder Wahnwitziges, sondern ganz schlicht eine Form von … Fortschritt.
Diesem Fortschrittsglauben, dem seit geraumer Zeit viele Menschen unverbrüchlich anhängen, halten die Autoren Chaudhry und Hübsch ein dickes Fragezeichen entgegen. Wo ist Platz für den Menschen, ist ihm überhaupt noch ein Platz in der Welt beschieden, wenn künstlicher Intelligenz (KI), Technokratie, Trans- und Posthumanismus, letztlich der Singularität vollumfänglich der Vorrang eingeräumt wird?
Direkt im Klapptext zitiert das Autorenduo aus dem mittlerweile legendären wie entlarvenden New York Times-Interview von 2025, in welchem Thiel auf die Frage, ob ihm etwas an dem Fortbestand der Menschen gelegen sei, in ein unfreiwillig offenbarendes Stottern und Stocken gerät, welches mehr sagt als die dabei herausgestammelten Wörter.
Thiel ist wahrhaftig ein Mann, dem es mithilfe seines finanziellen, technologischen und ideologischen Einflusses daran gelegen ist, den Menschen zugunsten einer künstlich intelligenten Entität zur Disposition zu stellen.
Wie kommt ein Mensch, und eben nicht nur einer, auf eine derart selbstvernichtende Idee? Die Beantwortung dieser Frage verlangt es, wie es sich gleich zu Beginn des Buches herausstellt, den zeitlichen Bogen weit in die Vergangenheit zu spannen, das Phänomen Thiel & Co nicht allein von dem Standpunkt der Gegenwart aus zu betrachten, sondern es auch aus nächster Nähe zu studieren.
Zwischen beiden Ebenen abwechselnd, nähern sich die beiden Autoren Peter Thiel und seiner Ideologie. Gleich im ersten Kapitel entführt Chaudhry den Leser nach San Francisco, in den „Frontier Tower“, den Turm der Zukunft. Mit ausgesprochen lebhaften Schilderungen nimmt uns der Autor mit in die schillernde Parallelwelt der Techies, der Nerds und der Transhumanisten, die bei einem Event im besagten Turm ihre extravaganten, um nicht zu sagen zutiefst geistesgestörten, seelenlosen Pläne und Visionen zu präsentieren. Dabei ist das „Trans“ von „Transhumanisten“ auch im woken Sinne zu verstehen. Mit der lebhaften Beschreibung schriller Personen wie der selbst ernannten „Chief Cyborg Officer“ Dünya Baradari hebt Chaudhry hervor, inwieweit die Transgender-Ideologie der geistige Steigbügelhalter für den Transhumanismus ist.
Nach diesem fiebertraumartigen Einstieg ist der Punkt erreicht, da sich das Buch nur noch schwer aus der Hand legen lässt. Das zweite Kapitel von Tariq Hübsch ist nicht weniger spannend, nur weil es vom sicheren Schreibtisch aus verfasst wurde. Es handelt sich dabei um eine ausführliche Nachzeichnung der Entstehungsgeschichte des Silicon Valleys. Dabei zieht Hübsch einen roten Faden von der Entdeckung des LSDs, der Entwicklung erster Computersysteme, den MK-Ultra-Programmen der CIA, der Hippie-Bewegung bin hin zu der Entstehung von Social-Media-Plattformen und der heutigen Allgegenwart von KI-Systemen.
„Was wäre, wenn MK-Ultra niemals aufgehört hat? Was wäre, wenn diese negativen Konsequenzen der Digitalisierung nicht einfach nur logische Folgen der kapitalistischen Ausbeutung der Biochemie des Menschen wären? Was wäre, wenn sie ein bewusst herbeigeführter Zustand sind, mit dem Ziel, den Menschen zu kontrollieren und neu zu programmieren? Was wäre, wenn man durch das digitale Netz (…) eine perfekte Umwelt geschafften hat, um das Bewusstsein des Menschen durch die Kontrolle seiner Wahrnehmung zuerst zu löschen und dann neu zu programmieren? Der Mensch als Computer, sein Gehirn nur ein Netzwerk von Neuronen, das gezielt gesteuert, verändert und schlussendlich ‚hochgeladen‘ werden kann? (…) Die letzte große Erfindung aus dem Silicon Valley ist die künstliche Intelligenz — und genau diese wird von den Transhumanisten, von den Thiels und Kurzweils, als das Medium betrachtet, über das sich der Mensch von seinem biologischen Körper befreien und im besten Fall Unsterblichkeit sowie eine wahrhaft globale Vernetzung hin zu einem einzigen Organismus erlangen kann. Die künstliche Intelligenz ist das LSD der 2020er“ (Seite 81).
Der letzte Satz ist eine Anspielung auf die Aussage des für die LSD-Verbreitung innerhalb der Hippie-Bewegung bedeutsamen Psychologen Timothy Leary: „Der Personal Computer ist das LSD der 90er.“
Die ersten beiden Kapitel wären für sich genommen schon ausreichend für ein ganzes Buch, doch stellen sie gerade einmal den Anfang dar. In dieser Abwechslung geht es informativ und fesselnd weiter.
Das Tandem zwischen Reportage und Sachtext funktioniert ausgesprochen gut und kann den Spannungsbogen kontinuierlich aufrechterhalten.
Wir erfahren in allen Einzelheiten, wie Peter Thiel im Laufe seines Lebens zu dem wurde, der er heute ist. Tief geht es in die nerdigen Fantasiewelten Thiels, in seine Vorliebe für unter anderem für J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Detailliert wird beschrieben, wie sich die Terminologie dieser fiktiven Welt im „Thielverse“, in seinen Unternehmen und Standorten wiederfindet und wie er, Thiel, die Saga und ihre zutiefst menschliche Botschaft derart zurechtbiegt und selektiv auslegt, sodass sie sein unmenschliches Weltbild, seine posthumanistische Ideologie stützen.
Mit der Akribie eines Dossiers wird die sogenannte „PayPal-Mafia“ skizziert, in der Thiel eine tragende Rolle spielte. Die Übersicht ist eine wichtige Grundlage um zu verstehen, wer im weiteren Verlauf des 21. Jahrhunderts mit wem unter der gleichen geschäftlichen wie ideologischen Decke steckte. Diese Chronik führt selbstredend zu Palantir, dem Überwachungsunternehmen schlechthin, mit dem Thiel fast schon symbiotisch assoziiert wird. Gleichermaßen detailreich wird Funktion, Finanzierung und Machtumfang des Konzerns skizziert, ebenso die bei den behördlichen Kunden zur Anwendung kommende Software.
Ein für Deutschland überaus relevanter Aspekt sei an dieser Stelle vorweggegriffen: Geht es um die großflächige Überwachung mittels Palantir, kristallisiert sich schnell heraus, dass die Alternative für Deutschland keine Alternative ist. Das blaue Ensemble der Oppositionsdarsteller ist bei den entscheidenden Fragen auf einer Linie mit den übrigen Blockparteien. Generell ist dem Buch hoch anzurechnen, dass die Hopium-Protagonisten der Pseudo-Opposition — MAGA, Trump, Vance, Musk et cetera — vor dem Hintergrund ihrer Machenschaften und Verstrickungen mit Thiel & Co. mit Nachdruck als ebensolche falschen Heilsbringer entlarvt werden.
Des Weiteren geht es tief in philosophische Gefilde bei der Aufdröselung, welche ebenso selektiv ausgelegten Philosophien, abseits irgendwelcher Fantasiewelten, die Grundlage für das Handeln und Denken von Thiel und anderen darstellen. Ein ganzes Kapitel widmet sich allein der in Deutschland noch viel zu wenig beachteten „Dunklen Aufklärung“ und mit ihr dem Akzelerationismus. Den Vordenkern und Hauptfiguren dieser neomonarchistischen und überaus einflussreichen Denkrichtung wird viel Raum gegeben: Curtis Yarvin und Nick Land. Insbesondere dieses Kapitel trägt maßgeblich zum Herausschälen des großen Gesamtbilds bei.
Das letzte Kapitel kann begriffen werden als Mahnschild für all jene, die schon seit Jahren für jedes noch so leicht zu bewältigende Alltagsproblem die KI hilfesuchend konsultieren.
Hübsch zeigt hierin anhand von Studien und Berichten schonungslos auf, was drei Jahre etwa mit ChatGPT bei — jungen — Menschen angerichtet haben. In seiner Drastik ist das Kapitel dazu geeignet, beim Leser eine Berührungsangst mit KI-Modulen hervorzurufen.
Unterm Strich ist zu konstatieren, dass Tahir Chaudhry und Tarqi Hübsch eine mitreißende Fusion aus Reportage und Sachbuch gelungen ist. Die Informationsdichte ist extrem hoch. Insofern ist es keine Schwäche, sondern ein dankenswerter Umstand, dass die Autoren inhaltlich einander wiederholen, sodass sich das Gelesene noch besser in der Erinnerung verankert. Dennoch ist es sehr empfehlenswert, bei der Lektüre Bookmarker bereitzuhalten, um relevante Stellen zu markieren; man sollte sich allerdings nicht dazu hinreißen lassen, jede vierte Seite zu markern.
Das Peter-Thiel-Buch ist ein Kunststück in Sachen Ideologiekritik und Infotainment. Es bräuchte in Form und Inhalt viel mehr solcher Bücher. Bei all dem Lob zu diesem Werk muss dennoch auf ein Haar in der Suppe hingewiesen werden: Bei der Dekonstruktion der überaus religiös aufgeladenen Ideologien von Thiel kommt Hübsch in seinem Schlusswort dann selbst zu religiösen Auslegungen, die mindestens einmal diskussionswürdig wären und mit einem Fragezeichen versehen werden sollten.
Und apropos Schlusswort: Vielfach stellen in Sachbüchern die abschließenden Bonus-Kapitel lediglich eine Art Beilage dar, die inhaltlich nichts weiter zur Essenz beiträgt. Nicht so in diesem Buch. Chaudhry steuert diesem Werk zum Ende hin ein i-Tüpfelchen bei, in Gestalt eines überaus bewegenden und fast schon cineastisch lebendig geschriebenen Reiseberichts. Was er dort berichtet, kann sich keine KI ausdenken.

Hier können Sie das Buch bestellen: Grenzgänger-Verlag
Die Autoren sind ab August auf Lesetour.
Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem kleinen Dauerauftrag oder einer Einzelspende unterstützen.
Oder unterstützen Sie uns durch den Kauf eines Artikels aus unserer Manova-Kollektion .



