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Der Alterswahn

Der Alterswahn

Nicht nach Jugend, nein, nach baldiger Pensionierung sehnen sich immer mehr Menschen — für unsere fremdbestimmte Arbeitswelt ist dies ein Armutszeugnis.

Einige Jahre ist es her, dass ich auf verstärkte Bemühungen meiner Mitmenschen stieß, vorauseilend zu altern. Alle reden von Jugendwahn, aber es gibt auch eine große Alterssehnsucht.

Sicher gab es das Phänomen schon vorher, längst gab es Indizien: Die Schrankwände jung verheirateter Paare oder vorgekaute Formen zu reisen, die an Butterfahrten erinnerten. Und natürlich die ganze Bequemlichkeit des gegenwärtigen Wohnens als ein ewiges Herumsitzen, das einst den Menschen im bäuerlichen Altenteil vorbehalten war, und selbst denen nur, soweit sie wirklich nichts anderes mehr tun konnten.

Aber nun gibt es da doch eine neue Qualität.

Im Oderbruch wird man kaum Bauland finden, denn es ist potenzielles Überschwemmungsgebiet. Baut hier doch mal jemand ein neues Haus, dann fällt das auf. Seit einigen Jahren lassen sich junge Familien auf den raren Baugrundstücken beobachten, die dort flache Wohnbungalows errichten. Irgendwann werden sie diese ohne Treppen erklimmen können, rollstuhlgerecht, sicher und bequem. Spricht man sie darauf an, bekommt man mit großem Ernst zur Antwort:

„Na das Haus ist altersgerecht!“

Ich dagegen staune über die große Bereitschaft, jetzt schon so zu leben wie man es dermaleinst zu befürchten hat.

In jener Zeit, als die altersgerechten Wohnschachteln das Bild der Dörfer zu ergänzen begannen, lernte ich auf einem schwedischen Campingplatz eine junge Familie kennen, Mutter, Vater, zwei Kinder. Er war Anfang dreißig und Berufssoldat, netter Kerl. Auf meine Nachfrage nach seinem Berufsweg erklärte er mir, er sei in die Marine gegangen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass die deutsche Marine jemals zum Einsatz käme, recht gering sei. Er wusste schon genau, wann er den Dienst beenden und in einen gesicherten Zivilberuf eintreten würde, um schließlich — er kannte schon das genaue Datum — in einen außerordentlich frühen Ruhestand treten zu können.

Die Begeisterung des jungen Mannes für sein zeitiges Rentenalter ließ mich aufhorchen. Wahrscheinlich ist sie ein Merkmal der Gegenwart: vorzeitige Erschlaffung in massenhaften Erscheinungsformen.

Und nun, tatsächlich, bin ich umzingelt von Menschen, die die Tage zählen.

Christine ist Lehrerin, und sie erzählt mir, wie lange sie noch machen muss. Die Arbeit sei einfach nicht mehr zu ertragen. Die sinnentleerende Digitalisierung des Unterrichts, das ständige Evaluieren im Dienste formelhafter Kompetenzziele und die extrem unterschiedlichen Voraussetzungen der ihr anvertrauten jungen Menschen machen das Lehrerdasein zu einem Krampf. Sie müsse noch sieben, acht Jahre durchhalten, dann könne sie es beenden.

Mein Automechaniker erklärt mir unterdessen, dass seine freie Werkstatt wohl noch bis zur Rente funktionieren würde, aber da sei kaum etwas weiterzugeben, denn Werkstätten, die nicht Filialbetriebe eines Konzerns seien, würden schrittweise vom Markt gedrängt. Es ginge auch nicht mehr ums Reparieren, sondern um den Austausch von Bauteilen und um die Umwandlung von Automobilen in Endgeräte eines vollkommen kontrollierten Mobilitätssystems. Das ist nicht der Beruf, den er ausüben möchte.

Zahnärzte, Krankenschwestern, Verwaltungsleute erleben andere Dinge, aber auch unter ihnen treffe ich immer mehr Menschen, die sehnsüchtig auf die Rente warten. Sie sind fünfzig oder etwas darüber, und sie können nicht mehr oder sie meinen, nicht mehr zu können. Das Burnout macht die Runde, am besten im Homeoffice, die Lockdowns der letzten Jahre wurden vielerorts erleichtert begrüßt. Immer mehr Menschen wollen sich aus dem Rennen nehmen, und ich finde, die meisten sind dafür noch zu jung. Natürlich verändern wir uns, wir altern und haben nicht mehr so viel Energie wie früher, aber dafür kommen Erfahrung, Urteilsvermögen und Effektivität ins Spiel.

In manchen Berufen erlangen die Menschen erst mit sechzig Jahren ihr volles Vermögen. Aber nun träumen sie sich schon mit fünfzig in die Rente.

Man kann das leicht und grausam fortschreiben. Verzagte alte Menschen, die sich ungeliebt und schwach fühlen, werden, wenn es so weitergeht, bereitwillig ihr Sterben einleiten, wenn man es ihnen nur höflich nahelegt. „Ach, machen Sie sich keine Mühe, ich gehe schon.“ Da lob ich mir meine Oma, die den Kampf gegen den Krebs zwar damals verlor, aber im Sterben den Arm reckte und die Faust ballte. Ich selbst möchte zwar lieber in Frieden gehen, aber immerhin: Sie wollte leben.

Um aber ehrlich zu sein: Auch ich habe mich schon bei dieser Sehnsucht nach dem Ruhestand ertappt. Ich, der ich doch immer was vorhabe, der so gern Pläne schmiedet und etwas unternehmen will, der manchmal allzu leicht entflammbar ist: Ich fahre in den Urlaub und merke, wie schön es ist, alle Stecker zu ziehen. Abstand zur Arbeit zu gewinnen, das ist sicher gesund und gut, aber da ich meine Arbeit doch liebe, wundert mich das. Was ist da los? Nun, ein großer Teil meines Lebens besteht heute in der Entgegennahme und Beantwortung von Emails, es ist ein unendliches Angeschlossen-Sein an Informationsflüsse ohne erkennbaren Ertrag. Vor allem aber habe ich das Gefühl, meinen Verantwortungsbereich gegen eine zunehmend unvernünftige, übergriffige und gefährliche Umwelt schützen zu müssen.

Ich meine, dass die meisten Menschen ein gewisses Ethos haben, eine tief verwurzelte Vorstellung davon, wie sie ihre Arbeit verrichten möchten. Sie haben eigene Überzeugungen davon entwickelt, was sich gehört, welche Arbeitsweise etwas taugt und welche nicht, sie haben ihr Vermögen und ihr Wissen in eine Balance gebracht. Sie unterscheiden nach eigenen Empfindungen zwischen richtig und falsch, zwischen angemessen und unangemessen. Sie lagern Erfahrungen ein und geben dem Beruf, den sie ausüben, ein persönliches Gesicht und Gepräge. Es handelt sich dabei nicht um das, was man heute gern Professionalität nennt, denn Professionalität ist in meiner Vorstellung etwas Äußerliches, sie beschreibt die Konformität gegenüber dem Standard.

Nein, hier es geht vielmehr um die Schwingung zwischen dem, was die Gesellschaft von einem erwartet, und dem, was man ihr geben kann und guten Gewissens geben möchte. In dieser Schwingung gewährleisten die Menschen ihren Selbsterhalt. Sie sind der Welt zugewandt, und zugleich können sie zwischen sich und der Welt eine plausible Zäsur setzen:

„Ja, dies mache ich, aber dies mache ich nicht. Und ja: So mache ich es, aber so mache ich es nicht, denn so ist es nicht gut.“

Ist der Selbsterhalt in der Ausübung eines Berufs intakt, dann können Menschen ihre Arbeit lange ausüben. Deshalb gibt es zum Beispiel sehr alte Dirigenten oder Schriftsteller. Deshalb gab es früher auch sehr alte Handwerker, die den körperlichen Verfall mit großer Erfahrung kompensieren konnten.

Aber in letzter Zeit haben viele Menschen das Gefühl, dass sie ihren Selbsterhalt in ihrem beruflichen Tun nicht mehr gewährleisten können. Dass ihnen die Arbeit Dinge abverlangt, die nicht gut für sie sind und die überhaupt nicht gut sind, auch nicht für die anderen.

Ja, dass ihr durch Arbeit erworbenes Wissen all dem im Wege steht, was von ihnen verlangt wird. Alles scheint darauf hinauszulaufen, dass man an Informations- und Energiekreisläufe angeschlossen wird, die blind gegenüber diesem Wissen und gegenüber den eigenen Ansprüchen an eine gute Arbeit sind.

Kontrollen, Parameter und Auflagen werden zu einem Amalgam kontinuierlicher Fremdbestimmung. Das kostet Kraft, jede Stunde, jeden Tag. Die Schule funktioniert nicht so, wie sie sollte, sie ist viel zu weit von dem, was man einst Bildung genannt hatte, entfernt. Die Medizin wird zum Betrieb, dessen Begriff von Gesundheit, nun, sagen wir, in Schieflage geraten ist. Die Kultur soll politische Ziele verwirklichen helfen, die als unabweisbar und äußerst dringend dargestellt werden, aber es bleibt kein Raum für die intrinsischen Antriebe der Künstler. Das Glaubensleben der Kirchen entfaltet sich nicht mehr aus den Gläubigen und ihren Fragen heraus, sondern aus Diskursthemen. Land- und Forstwirtschaft erscheinen als einziges Krisengeschäft, das täglich reguliert werden muss und scheinbar keine eigene Sinnstiftung mehr bietet. Der Journalismus wird auf die Jagd nach Klicks und in einen aufgeregten Konformismus geschickt — und aus der Verantwortung für die Welt, die ja sein Gegenstand ist, herausgelöst.

Die klassische Lohnarbeit unterdessen ist von früh bis spät der Predigt ihrer bevorstehenden Endlichkeit ausgesetzt: Wer weiß, wie lange das noch so weitergeht, wie lange wir das noch brauchen, bezahlen können, überhaupt gutheißen? Jede so genannte NGO scheint im Dienst der Politik heute bessere Perspektiven zu bieten als eine gute alte Fabrik.

Die Menschen haben das Gefühl, dass ihre Arbeit nicht mehr so richtig erwünscht ist, und so beginnen sie nun auch selbst, sich aus dem Arbeitsleben wegzuwünschen.

Denn Arbeitsleben heute, das heißt zunehmend, sich den Logiken eines riesigen Metabolismus zu fügen, dessen Hunger kein Interesse am Stoffwechsel der kleineren Systeme hat, und also auch nicht an ihrem. Diese kleinen Stoffwechsel stören nur, sie machen sich der Unvernunft verdächtig.

Alles auf der möglichst niedrigsten Ebene zu entscheiden, die Dinge vor allem selbst verantworten — und nur jenes an höhere Instanzen delegieren, was nicht vor Ort geklärt werden kann: Noch vor wenigen Jahren war diese „Subsidiarität“ das europäische Schlagwort schlechthin. Wer wirklich darüber nachdachte, musste damals schon erkennen, dass es dabei nicht nur um Entscheidungen auf möglichst tiefen Ebenen ging, sondern um den Selbsterhalt der sozialen Systeme, um eigene Lösungen für den kleinen Teil der Welt, in dem man etwas zu verantworten hatte. Heute spricht kein Politiker mehr von Subsidiarität, ich bin sicher, das Wort gilt als nicht mehr zeitgemäß. Wir wollen ja keinen Flickenteppich, wir brauchen gemeinsame Lösungen! Und diese Lösungen nehmen natürlich keine Rücksicht auf die Frage, ob es Frau Müller mit der Arbeit an ihrer Schule eigentlich gut geht.

In Anbetracht der eklatanten Nachwuchsprobleme in vielen Berufen, die nicht nur durch fehlende Fachkräfte, sondern auch durch das fehlende Leistungsvermögen, ja eben durch das zuweilen schwach ausgeprägte Arbeitsethos der Nachrückenden geprägt ist, wäre es doch wünschenswert, die Fünfziger noch eine Weile im Berufsleben zu halten und sie zu motivieren, ihren Selbsterhalt zu sichern. Es geht hier nicht darum, die junge Generation zu schmähen. Wahrscheinlich hat sich in ihr ein stilles Bewusstsein dafür ausgebildet, dass eine Zukunft mit einem ausgeprägten individuellen Arbeitsethos eine einzige Strafe und Plage sein wird. Also lässt man es doch besser gleich und schaut, dass man sich beizeiten einen altersgerechten Wohnbungalow hinstellt.

Ich denke, Änderungen in dieser Angelegenheit kann man nicht von der Politik erwarten. Die Politik ist ja gerade für große Teile des gegenwärtigen Daueralarms verantwortlich, für die zeitenwendemäßige Abkehr vom allgemeinen Bedürfnis nach Normalität, im Sinne von Dingen, auf die man sich einfach verlassen kann. Sie ist auch ein Sammelbecken für das Desinteresse am beruflichen Verstand der Menschen, getrieben vom moralischen Diskurs. Der Diskurs aber ist medial, und die Medien folgen Interessen. Außerdem werden sie zunehmend von Menschen gestaltet, die schon aus Gründen der Selbstlegitimation ebenfalls nur wenig Interesse am Ethos einer Krankenschwester haben.

Eine Schubumkehr, die dafür sorgt, dass der Selbsterhalt der Menschen nicht von einer wachsenden Fremdbestimmung gelähmt und pulverisiert wird, kann meines Erachtens nur dadurch entstehen, dass wir beginnen, Vergleiche anzustellen und dann unsere Lage ändern: die Arbeitsstelle wechseln, oder damit beginnen, nach Spielräumen zu suchen, wie man das Leben gemeinsam mit anderen verbessern kann. Man sollte das Ganze zum Thema machen, und zwar elementar und einfach: „Das hier ist nicht gut. Wir müssen es ändern, oder ich gehe.“

Natürlich geht der gesellschaftliche Trend dahin, eben diese Spielräume zu schließen — und mit ihnen die Möglichkeiten, öffentlich über den Selbsterhalt zu sprechen, statt ihn zum Psychiater zu tragen und damit zu pathologisieren. Ihn stattdessen bei seinen Kollegen, Chefs und Mitarbeitern geltend zu machen.

Einige Jahre wurde das Schlagwort „Resilienz“ durch die Forschung getrieben, man beschwor also die Fähigkeit von Systemen, sich trotz stark beanspruchenden Umweltstresses selbst neu zu organisieren. Aber in Wahrheit erleben wir gerade eine allgemeine Zerstörung der Resilienz.

Trotzdem glaube ich an eine Abstimmung mit den Füßen und an die Erkenntnis aus dem Vergleich. Es gibt ja immer noch viele verschiedene Krankenhäuser, Schulen, Medienunternehmen, Verwaltungen, Landwirtschafts- oder Forstbetriebe, und es geht nicht überall gleich zu. Wo Menschen ihren Selbsterhalt nicht in Form einer weitgehend selbständigen Arbeit gewährleisten können, sollten sie sich fragen, ob ihr Arbeitsumfeld ein Verständnis vom Wert guter Arbeit und von den dafür unweigerlich benötigten Freiheiten an den Tag legt. Man sollte, wo immer es geht, genau hinschauen und seinen Kollegen auch deutlich machen, was einen an Ort und Stelle hält oder eben fortträgt. Statt sich in die Rente zu wünschen, könnte man noch einmal Ausschau halten, wo es lebendiger und besser zugeht. Und einen frischen Anlauf wagen.

Wer denkt: „Ach, dafür bin ich zu alt“, oder: „Das ist mitten in der Wirtschaftskrise vielleicht zu riskant“, dem sei gesagt: Wenn es einmal richtig hart kommt, dann wird es genau darauf ankommen, den Muskel des Eigensinns trainiert zu haben, ganz gleich, ob man dann noch in Lohn und Brot oder in Rente ist. Besser, man fängt beizeiten damit an.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien am 18. Dezember 2023 unter dem Titel „Vorzeitiges Altern: Selbsterhalt und Fremdbestimmung im Arbeitsleben“ auf oderamazonas.de .


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