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Der neue alte Retter

Der neue alte Retter

In Davos hat Javier Milei das Hohelied auf das freie Unternehmertum gesungen — Teer Sandmann war in der Nähe.

Diesmal kurz, Kinder. Da ist ein neuer Heiland am Horizont aufgetaucht, aus der argentinischen Asche auferstanden. Er heißt Milei und hat in Davos, einem an Hässlichkeit nicht zu überbietenden Schweizer Bergdorf, eine Rede gehalten, die manch einer als Heilsverkündigung, andere als Vorlesung begriffen haben wollen. Thema: Wie Wirtschaft wirklich geht und was das Gute in ihr an der Entfaltung hindert.

Ich muss zur Textsorte vorneweg gleich schon mal sagen, Kinder: Ja, meine langweiligen Professoren machten Vorlesungen so. Lasen das Zeugs ab vom Blatt. Und schauten dann und wann ins Plenum, um, für Augenblicke frei, das, was sie zuvor abgelesen haben, mit stimmlichem Nachdruck zu wiederholen und sicherzustellen, dass alle auch verstanden haben, was sie als Botschaft abzusetzen hatten. Wenn ich mit dem pathologischen Auftritt der von der Leyen im Stile einer stimmlich und motorisch noch nicht optimal eingestellten Roboterhenne der ersten Generation anlässlich der gleichen Kurortveranstaltung vergleiche, Kinder, dann war dieser Milei auf jeden Fall besser und allein schon eben stimmlich, zumal in meinen Tinnitusohren, angenehmer, sogar um Welten. Dass er nicht in Gebell und Gebrüll ausgebrochen ist, wie im deutschen Bundestag üblich, das ist ihm jedenfalls anzurechnen.

Was den Inhalt betrifft, so hat er, wie manch einer aus der Gesunder-Menschenverstandsfraktion des Coronawiderstands ebenso, rein seismographisch viel Richtiges gesagt. Alles nämlich, was er zum Westsystem und dessen Bürokratie und den Haltungen und Korrektionskorsetten und also zum Menschzermürbenden und letztlich Abtötenden dieses Werteverbundes gesagt hat, kann ich unterschreiben. Ist ja auch nicht so schwierig, den Irrsinn in diesem Verbund zu erkennen. Selbst einem Reitschuster und ein paar anderen Deutsch- und Westnostalgikern ist das nämlich nicht entgangen. Dennoch, Milei hat diesen Irrsinn herausgestellt und zwar vor den Schwabs, Leyens und Konsorten als Zuhörern, also vor just den diesen Irrsinn generierenden Irren selbst.

Damit aber hat es sich und ich muss meine Freunde in ihrem Mileirausch allein lassen. Denn was übers Seismographische hinausging und als Rettung vorgetragen wurde, hat man ja nicht nur da und dort schon gehört, es ist vielmehr immer wieder mal über die Welt ausgerollt worden: Das freie Unternehmertum, hurra.

Nun muss man leider dem Volkswirt Milei – ich bin ja nur Philosoph, ich gebe es zu, kann aber unter Anstrengung auch Fachfremdes lesen – einfach mal sagen, dass ihm bei der seismographischen Bestandsaufnahme eben doch ein Fehler unterlaufen ist. Es ist nicht so, Kinder, wie selbst ihr ja ganz leicht erkennen könnt, dass das freie Unternehmertum im WEF-WHO-Vakzine-Korrektionsbetrieb zum Erliegen gekommen wäre, ganz im Gegenteil. Da hat der Volkswirt und Retter Milei das Geschäftsmodell eines Herrn Gates und eines Herrn Zuckerberg und eines Herrn Bezos oder auch dieser beiden Injektionstürkdeutschen, um nur einige zu nennen, offenbar nicht ganz begriffen. Gerade die Unternehmungen der Genannten zeugen von einem Unternehmergeist auf höchstem Level.

Und aus diesem Geist und dieser Freiheit heraus haben die Genannten die ganzen Top-Down-Repressionsketten mit staatlichen Korrektiven plus faschistoider Bündelungen in ihre Geschäftsmodelle integriert und siehe da, was aus ihrem Kapital wurde: Es wurde einfach riesig, Kinder, und nochmals riesiger und schoss in alle himmlischen Höhen, viel höher noch, als es jedes vorangegangene freie Unternehmertum je in die Höhe zu schießen vermochte. Kurz: Freier und erfolgreicher war ein freies Unternehmertun nie als mit der Lockdown-Freiheit. Klar, es mussten ein paar Konkurrenten die Fühler strecken, vor allem aus dem Mittelstand, aber so geht eben Konkurrenz. Der mit der besseren Idee gewinnt, der andere geht unter. Banal. Hätten eben selber auf die Idee mit den Viren und der Integration des Staatsterrors ins Geschäftsmodell kommen können. Kurz: Kapitalismus vom Feinsten — und muss nun tatsächlich ich als Philosoph das dem Milei erklären?

Okay Kinder, ein Fehler muss auch ein freier Unternehmer machen dürfen, ohne gleich auf die Abfallmulde der Geschichte oder in den Verbrennungsofen einer toxischen Industrie geschmissen zu werden. Geben wir Milei noch eine Chance und schauen, was er als Lösung wirklich vorgetragen hat. Es ist, mit Verlaub, alter abgestandener Müll. Und soll Milei und seine Geschäftsidee sozusagen ein letztes, durch Wunder überlebt habendes Paradigma dieses großartigen freien Unternehmertums sein, dann sind wir definitiv aus der Vorlesung raus und tief drin in einem Trauerspiel gelandet. Ich sag nur: Maggie, Kinder. Gott hab‘ sie selig. Bei ihr der Ton schriller, ne Spur näher bei der Leyen. Dann kamen die Nachfahren.

Gerade in Südamerika kann man sich über das Ausbleiben von Testzonen für das freie Unternehmertum ja wirklich nicht beklagen.

Von Mileis Vorvorgänger über den Japaner in Peru bis zurück zum Urgestein in Chile, der dem britischen Besen noch vorausging. Etwas unterschiedlich der Blutgehalt im Freiheitsbrei, den sie anrührten. Wer das Steak besonders blutig mochte, fand bei Pinochet, was er suchte. Insgesamt waren es allein in Südamerika Hunderttausende, die durch ihren Tod den Motor des freien Unternehmertums am Laufen hielten. Tja, offenbar braucht es dieses Blut, Kinder, sonst kann sich die Freiheit des freien Unternehmertums einfach nicht richtig entfalten.

Nun, Kinder, kurz zwischen uns: Jeder, der noch ein paar Synapsen in Betrieb hat, weiß, dass freies Unternehmertum in Verschränkung mit dem anthropologisch angelegten Optimierungszwang exakt dahin ausschlagen muss, wo wir als Menschheit — Familie hin oder her — gerade mal stehen. Das geht nicht darauf zurück, dass das Kapital unterdrückt wäre, sondern darauf, dass es freie Bahn hat. Hat man auch im sogenannten Coronawiderstand häufig nicht verstanden. Muss man leider so sagen, Kinder, und das sieht man, wenn aus diesem Widerstand heraus über ein Buch geurteilt wird, das Gates Rolle kritisch beleuchtet und zum Schluss kommt, er sei zu enteignen und sein freies Unternehmertum also zu beenden. Da lese ich dann: Das Buch sei auf halbem Weg stehen geblieben, weil es die Enteignung fordert.

Der ganze Weg ist die Enteignung freilich nicht, aber über der Hälfte des Weges wäre man damit allemal. Und da sind wir wieder bei Milei, Kinder, und seiner Rede an diesem hässlichen Kurort in den Alpen, ich mag den Namen schon gar nicht mehr aussprechen, in der er, man reibt sich die Augen, in der Tat doch die Sowjetunion wieder aus der Kiste holt, als brauche seine Freiheit dieses Böse, um als Freiheit überhaupt erkennbar zu werden. Wir stellen fest: Noch mehr alter Brei, es wird unappetitlich.

Man mag es drehen und wenden, wie man will, Schwab und Konsorten haben nicht vor, sich enteignen zu lassen. Gates, in wirklich ganz einfacher und verständlicher Sprache, hat nicht nur einmal und zu bester Sendezeit in die Mikrofone gesagt, wie gut sein Geschäftsmodell laufe und aufgehe. Grinsend. Ein größerer Unsinn, als die Gates, Bezos, Zuckerbergs „Sozialisten“ oder „Kommunisten“ zu nennen, ist nicht denkbar. Und das ist nicht wertend gemeint, Kinder. Mir steht der Sozialismus so fern wie der Kapitalismus.

Nein, Schwab und Konsorten sind ganz banal keine Kommunisten und dass das Kapital notwendigerweise zu einem totalitären System erster Güte führen muss und es hier für keine Sowjetunion braucht, das will nicht nur diesem Milei nicht in den Kopf.

Die Enteignung, wie gesagt, Kinder, ist nicht die Lösung. Sie wäre aber zumindest ein Indiz dafür, dass der „Zeitgeist“ langsam begriffe, was Kapital bedeutet. Nämlich am Ende ein Auschwitz, Kinder, wenn man Auschwitz als Topos für die ultimative Subjektstreichung versteht. Und Gates zu enteignen ist eine Voraussetzung, um dem vielleicht doch noch zuvorzukommen. Er muss vom Kapital und damit von Macht entbunden sein. Ist das wirklich so schwer zu begreifen? Die Enteignung kann übrigens ohne Abstrafen über die Bühne gehen — denn was geschehen ist, ist nicht auf eine persönliche Schuld zu reduzieren. An den Strukturen, an deren Spitze das Kapital als Gott thront, sind fast alle beteiligt. Auch ihr, Kinder. Gerade deshalb ist es ja zu entschärfen, das Kapital, und letztlich aufzulösen und keineswegs an eine Instanz wie den Staat zu übergeben, der vielmehr seinerseits aufgelöst gehört.

Wie sehr aber sind denn die Haudegen wirklich staatskritisch? Will Milei etwa die Ministerien für Inneres, Militär und Polizei abschaffen? Hat Thatcher, hat Pinochet das Militär- oder Polizeibudget gekürzt. Spätestens bei der Sicherheit und also beim Zuschlagen gegen Innen und Außen sind die neoliberalen Haudegen zurück im Bund. Ich jedenfalls wäre nicht überrascht, Milei würde Militär und Geheimdienst ausbauen.

Was mir von der Davoser Bergrede zuletzt noch in Erinnerung bleibt: Der Kapitalismus habe aus 95 Prozent Armen innerhalb von 200 Jahren fünf Prozent Arme gemacht. Halleluja. Pinochet hin oder her, kann man noch ergänzen.

Und in welcher Lage befinden sich diese aus der Armut Herübergeholten? In Freiheit oder einem digital optimierten Sklaventum?

Und was ist überhaupt das Kriterium für arm und reich? Materie, Geist, Seele? Nun, das ist rhetorisch gefragt, ich gebe es zu. Wenn dieses Sklaventum ein paar Geräte mehr im Haushalt bedeutet: Ist es das, was zählt im Leben? Und gehen wir nicht alle langsam drauf an und mit dieser Zählweise? Und was ist mit all den toxischen Stoffen, die im Wohlstand einlagern? Was mit der Zerstörung der Natur, was mit der Kommerzialisierng des gesamten Seins bis tief in alle seelischen Winkel? Ist es wirklich so toll, das Sein und die Seele den Ideen der freien Unternehmer auszuliefern? Und was ist mit all den Zivilisationskrankheiten? Mit Depressionen, Alzheimer, Tinnitus und all den gut funktionierenden Geschäftsmodellen des freien Unternehmertums im globalen Krankheitswesen?

Nun, vielleicht hat Milei auch nur laut geträumt, vom Wilden Westen, John Wayne, samt Ronald Reagan in einer Nebenrolle. Auch ich mag Filme von John Ford, gelegentlich. Gleichwohl und wie schon bei Trump: Kleine Störungen allein schon an der Oberfläche können Heilungen wenn nicht auslösen, so vielleicht begünstigen. Heilungen, die mit der Störung selbst nichts zu tun haben. In diesem Sinne hoffen wir auf Milei, Kinder. Auf die Rettung.


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