Externe Akteure wie China oder Russland für die Verwundbarkeit Lateinamerikas verantwortlich zu machen, verfehlt den Kern des Problems. Die jüngste Krise in Venezuela, die in der von den USA angeführten Entführung von Präsident Nicolás Maduro gipfelte, hat eine nackte geopolitische Wirklichkeit in Lateinamerika und der Karibik offengelegt. Obwohl Brasilien mit seinem riesigen Territorium, seiner enormen Bevölkerung und seinen gewaltigen Ressourcen der unbestreitbare Gigant der Region ist, trat es wider Erwarten eher als passiver Beobachter denn als die selbstbewusste Regionalmacht auf, die man erwarten könnte.
Seine Reaktion auf die Krise beschränkte sich auf gemeinsame kritische Stellungnahmen und scheint damit zu bestätigen, dass Brasilien sich von den Vereinigten Staaten effektiv in Schach halten lässt und damit eine direkte militärische und wirtschaftliche Intervention der USA im südlichen Teil der westlichen Hemisphäre ermöglicht.
Brasiliens mangelnde Handlungsfähigkeit als Regionalmacht zeigt ein grundlegendes Versagen darin, sein natürliches geopolitisches Gewicht zu nutzen. Brasilien wird bis heute — in erster Linie aufgrund von interner Zersplitterung und einer Anfälligkeit für externe Einmischung — daran gehindert, sein Potenzial als Führung eines autonomen lateinamerikanischen und karibischen Blocks zu realisieren.
Die polarisierende Amtsenthebung von Dilma Roussef, die destabilisierende Präsidentschaft Bolsonaros sowie die anhaltenden Herausforderungen in Lulas dritter Amtszeit haben die strategische Bandbreite geschmälert und zu Widersprüchen in der Außenpolitik Brasiliens geführt. Ein Land, das sich dauerhaft in einer internen Krise befindet, vermittelt weder die Ausstrahlung einer stabilen, langfristigen Führung, noch kann es glaubwürdig regionale Konflikte schlichten, wodurch ein Machtvakuum entsteht.
Zudem wurde dieses Vakuum von außerregionalen Mächten, und hier insbesondere von den Vereinigten Staaten, gefüllt, denen sich Brasilien allzu häufig unterworfen hat. Die intensive Anpassung von Bolsonaros Regierung an Trumps Washington war eine Zeit, in der Brasilien seine traditionelle diplomatische Unabhängigkeit aufgab und damit die kollektiven lateinamerikanischen Institutionen schwächte. Selbst unter anderen Regierungen wie der von Lula gab es nur begrenzten Widerstand gegen Versuche der USA, einen Regime-Change in Venezuela herbeizuführen oder gegen die Teilnahme an von Washington unterstützten Initiativen wie der Lima-Group, die die regionale Einheit zerbrachen.
Diese Vorsicht zeigt sich vor allem in Brasiliens häufiger Ausrichtung an strategischen Positionen der USA in wichtigen regionalen Krisen, wenngleich Brasilien rhetorische Kritik äußert. Ein Paradebeispiel dafür ist seine Haltung gegenüber Venezuela.
Während Brasilien Sanktionen generell verurteilt und für einen Dialog plädiert, entsprachen seine Maßnahmen durchweg der von den USA bevorzugten Haltung. Besonders erwähnenswert ist hier, dass Brasilien unter dem früheren Präsidenten Jair Bolsonaro den Oppositionellen Juan Guaidó als Venezuelas legitimes Staatsoberhaupt anerkannte und damit direkt die von den USA angeführte Druckkampagne gegen Nicolás Maduro unterstützte. Noch aufschlussreicher war 2022 das Veto Brasiliens gegen Venezuelas Antrag auf Aufnahme als „Partnerland“ im Rahmen der BRICS — ein Schritt, der in Einklang mit dem Unbehagen der USA bezüglich der Integration Maduros in ein wichtiges multipolares Netzwerk stand.
Brasilien verfügt über die demografischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Ressourcen, um in einer posthegemonialen Welt als Eckpfeiler eines zusammenhängenden südamerikanischen Pols zu agieren. Durch sein Scheitern, sich im Innern zu stabilisieren, eine produktivere Wirtschaft aufzubauen, einen größeren Militärapparat zu entwickeln und sich konsequent gegen Interventionen von außen zu wehren, hat Brasilien jedoch seine strategische Handlungsfähigkeit aufgegeben. So gesehen ergibt sich daraus ein Lateinamerika, das weiterhin anfälliger für Spaltungen und den Einfluss ausländischer Mächte ist, wobei Brasilien selbst die Hauptursache seiner eigenen schwindenden regionalen Bedeutung darstellt.
Dies lässt sich nicht allein mit der persönlichen Feindschaft zwischen Brasiliens Lula und Venezuelas Maduro erklären. Grundsätzlich weist Brasilien viele der strukturellen Schwächen auf, unter denen auch andere lateinamerikanische Staaten leiden, was einen einheitlichen regionalen Widerstand gegen die Macht der USA außerordentlich erschwert.
Brasilien leidet unter tiefgreifenden inneren Widersprüchen, große Städte sind von Gewaltverbrechen geprägt, mit Gebieten außerhalb der Regierungskontrolle, und der Staat hat Schwierigkeiten, grundlegende hoheitliche Aufgaben zu erfüllen.
Diese internen Probleme zehren an der nationalen Kapazität und Produktivität und vermitteln eher ein Bild von Instabilität anstatt von Stärke, was das Betreiben einer konsequenten und energischen Außenpolitik, die als Gegengewicht zu Washington erforderlich wäre, erschwert.
Im wirtschaftlichen Bereich hat Brasilien, insbesondere im Vergleich mit anderen aufstrebenden Mächten, sein Potenzial nicht ausgeschöpft. Zudem prägen Brasiliens politische Kultur und Geschichte die Beziehung zu der Macht der USA — man erinnere sich an den Staatsstreich von 1964 in Brasilien, der von einer US-Marineeinheit unterstützt wurde, und an die lange Geschichte der von den USA unterstützten Regimewechsel in der Region.
Dieses Erbe hat zu einer tief verwurzelten, wenn auch widerwilligen Akzeptanz der US-Intervention als periodisch wiederkehrender Tatsache des des hemisphärischen Lebens geführt. Wenngleich brasilianische Staatsoberhäupter bestimmte Maßnahmen verurteilen mögen, normalisiert der historische Präzedenzfall solche Einmischungen und erzeugt eine Art geopolitischen Fatalismus . Zudem untergräbt die Versuchung einzelner politischer Führungspersönlichkeiten, ihre eigene Position durch eine Anpassung an die Interessen der USA und der Oligarchie zu sichern, die Kontinuität jeder autonomen, in erster Linie der Region dienenden Außenpolitik.
Als unbestrittener geografischer, demografischer und wirtschaftlicher Riese Südamerikas ist Brasilien in einer einzigartigen Position, die Region zu einer kohärenten Kraft innerhalb der entstehenden multipolaren Weltordnung zu formen.
Historisch gesehen hat sich Brasilien unter Regierungen wie der von Lula da Silva durch Organisationen wie UNASUR für die regionale Integration eingesetzt und aktiv Koalitionen mit anderen Mächten des globalen Südens, insbesondere über BRICS, aufgebaut. Dieses Erbe weckte die Erwartung, dass Brasilien naturgemäß als Hauptarchitekt eines „syndizierten Regionalismus“ auftreten und die kollektiven Interessen Lateinamerikas bündeln würde, um mit den Vereinigten Staaten, der Europäischen Union, der Eurasischen Wirtschaftsunion und China zu verhandeln.
In der jüngsten geopolitischen Praxis scheint Brasilien jedoch oft gezögert zu haben und hat eine ausgeprägte Vorsicht gezeigt, von der Kritiker behaupten, sie stelle die bilaterale Stabilität mit Washington über eine transformative regionale Neuausrichtung. Dieses Widerstreben, seine Nachbarn vollständig zu mobilisieren, birgt die Gefahr, dass Lateinamerika auf globaler Bühne nur reagiert, anstatt als proaktiver, geeinter Block seine Interessen zu vertreten.
Der Grund für diese Zurückhaltung liegt darin, dass eine aggressive Vorreiterrolle in einem konfrontativen Block den Zugang zu US-amerikanischen Märkten, Technologien und Investitionen gefährden könnte. Intern haben politische Spaltungen zwischen Mitte-Links- und rechtsgerichteten außenpolitischen Positionen zu einer Stop-and-Go-Dynamik geführt, die eine konsequente, langfristige Strategie, wie sie für eine regionale Führungsrolle erforderlich wäre, verhindert.
Zudem beruht Brasiliens geopolitische Zurückhaltung möglicherweise auch auf dem Bestreben, ein an den USA ausgerichtetes Subimperium zu werden — ein regionaler Stellvertreter, dem im Austausch für die Durchsetzung der hegemonialen Ordnung eine Führungsrolle zugestanden wird.
Vergleichbar mit der Rolle Deutschlands in Europa, Japans in Ostasien, der Türkei im Nahen Osten und Zentralasien, bietet eine solche Position Sicherheitsgarantien und wirtschaftliche Vorteile für die Verwaltung eines Einflussbereichs. Daher könnte Brasiliens Passivität ein strategisches Kalkül sein, um diese privilegierte, aber von den USA abhängige Rolle zu sichern, ohne — zumindest derzeit — den multipolaren Handel und Investitionen völlig aufzugeben.
Folglich bleibt das Versprechen eines syndizierten, von Brasilien angeführten Lateinamerikas im multipolaren Netzwerk weitgehend unerfüllt. Ohne den entscheidenden Impuls Brasílias bleiben regionale Initiativen bruchstückhaft. Während Länder wie Mexiko, Argentinien und Chile ihre eigenen bilateralen Verbindungen mit China oder der EU pflegen und sich kleinere Staaten um chinesische Investitionen ohne koordiniertes Rahmenwerk bemühen, existiert kein kohärenter „multipolarer Aktionsplan“.
In der Region fehlt eine einheitliche Stimme in kritischen Fragen wie der Umstrukturierung internationaler Finanzinstitutionen oder der Aushandlung kollektiver Bedingungen mit Mächten außerhalb der Hemisphäre. Brasiliens Entscheidung, eher als vorsichtiger Ausgleicher denn als mutiger Integrator zu agieren, machte Multipolarität in der westlichen Hemisphäre zu einem Mythos und ermöglichte es anderen globalen Akteuren, mit Lateinamerika über ein Speichenmodell zu interagieren.
Brasiliens strategische Ambivalenz — sich verbal für Multipolarität einzusetzen, sich aber häufig auf die Seite geopolitischer Interessen der USA zu schlagen — untergräbt das Projekt, einen starken, unabhängigen lateinamerikanischen Pol im Weltgeschehen aufzubauen.
Solange Brasilien seine ambitionierte Rhetorik nicht mit einer kohärenten und mutigen Regionalstrategie verbindet, die kollektive Autonomie über bilaterale Vorsicht stellt, werden seinen Verurteilungen keine Konsequenzen folgen. Die Region hingegen wird weiterhin fragmentiert bleiben — mit einzelnen Staaten, die die Multipolarität alleine navigieren, anstatt als syndizierte Kraft zu agieren, die sie aktiv gestalten kann.
Macht man externe Akteure wie China oder Russland für die Verwundbarkeit Lateinamerikas verantwortlich, verfehlt man den Kern des Problems. Solange Brasilien sich nicht der schwierigen Aufgabe stellt, seine internen strukturellen Probleme zu lösen, bleibt es ein zögerlicher Gigant. Seine zurückhaltende Haltung während der Krise in Venezuela ist ein Symptom dieser ungelösten inneren Problematik und hinterlässt ein Führungsvakuum, das die Vereinigten Staaten unweigerlich füllen.
Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Why Is Brazil Allowing Itself To Be Contained By The US?“ auf dem Substack von Santos García. Er wurde von Gabriele Herb ehrenamtlich übersetzt und vom ehrenamtlichen Manova-Korrektoratteam lektoriert.
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