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Der Wahnsinn des Krieges

Der Wahnsinn des Krieges

Ein italienisches Chanson von Francesco de Gregori zeigt: Selbst wenn der Krieg „gewonnen“ wurde, gibt es nur Verlierer.

Francesco de Gregori (geboren 1951 in Rom), Liedermacher in der Nachfolge von Bob Dylan, kam erst mit etwas Verzögerung beim Publikum an. Er begann mit 17 Jahren in einem römischen Lokal, in dem Nachwuchsmusiker auftraten, spielte auch mit Antonello Venditti zusammen — der vor ihm den Durchbruch schaffte —, später mit Lucio Dalla und mit Fabrizio De André. Zusammen mit Venditti gab er im Juni 2022 im Olympiastadion in Rom ein Doppelkonzert — für beide quasi ein Heimspiel. Francesco De Gregori gehört seit Langem zu der auch von Kollegen hoch respektierten alten Garde italienischer Cantautori, also derer, die ihre Lieder selber schreiben und vortragen.

Eines seiner bekanntesten Lieder ist „Generale“, das de Gregori anlässlich seines Militärdienstes 1978 schrieb. Er war in Südtirol stationiert, wo militante Gruppen die Loslösung von Italien forderten. Gewaltsame Auseinandersetzungen waren also nicht nur Theorie.

In „Generale“ macht de Gregori auf seine poetische Weise die Banalität des Krieges spürbar, indem er schildert, was selbst dann zurückbleibt, wenn der Krieg gewonnen wurde: Der Soldat will nur schnell wieder zurück in sein altes Leben! Die menschlichen Empfindungen und Gefühle kehren aber nur langsam zurück. So gibt es auch keine Freude über den Sieg — es war ja auch nicht sein Krieg ...

In diesem Antiwarsong kommt das Wort „Frieden“ kein einziges Mal vor, das Wort „Krieg“ nur zweimal. „Generale“ ist kein flammendes Plädoyer für „Ein bisschen Frieden“, es ist kein empörter Aufschrei „Nie wieder Krieg!“. Angesprochen wird ein General — der vermutlich im gleichen Zugabteil sitzt wie der einfache Soldat, aus dessen Blickwinkel de Gregori beobachtet — in einem Monolog, der rastlos von einem Bild zum nächsten gleitet; passend dazu hat das Lied auch keinen Refrain. Dies sind keine „Bilder einer Ausstellung“, die man ausgiebig betrachten kann. Es sind Blicke aus einem fahrenden Zug, vermischt mit Flashbacks und den Assoziationen dessen, der sich gerade auf dem Weg in die Heimat weiß — denn der Krieg ist aus, der Feind geflohen oder geschlagen. Die Musik, speziell der wiederkehrende Riff, unterstreicht dieses unaufhaltsame Dahinrollen des Zuges, der nicht mehr anhält, nicht einmal zum Pinkeln, man fährt direkt nach Hause, ohne weiter zu denken — wie es einem immer gesagt wurde —, dass der Krieg schön ist, auch wenn er weh tut. Jetzt will man nur noch wieder zurückkehren, um zu singen und um uns lieben zu lassen, und wenn es nur die Liebe der Krankenschwestern ist.

Inmitten einer Weide steht eine Bäuerin, gekrümmt im Sonnenuntergang erscheint sie wie ein Kind von fünfzig Jahren, mit fünf Söhnen, die zur Welt kamen wie die Karnickel, in die Welt zogen als Soldaten und noch nicht zurück kehrten.

Noch wirkt hinter dem Hügel die Nacht dunkel und mörderisch, aber klar, dort ist jetzt niemand mehr, nur Piniennadeln und Stille und Pilze, die gut zu essen und gut zu trocknen sind — und weiter springen die Assoziationen zurück in die alte Normalität: um sich die Soße zu machen, wenn es Weihnachten wird — und weiter zu einer mit Weihnachten verknüpften Erinnerung: wenn die Kinder weinen und nicht schlafen gehen wollen.

General, diese fünf Sterne; diese fünf Tränen auf meiner Haut — welchen Sinn haben sie im Lärm dieses Zuges, der halb leer ist und halb voll — einerseits sind viele gefallen, andererseits haben welche überlebt —, und der schnell der Rückkehr entgegenfährt — in zwei Minuten ist es quasi Tag und quasi Zuhause und quasi Liebe. Krieg macht alles andere relativ — quasi ...

Das Lied „Generale“ ist wohl jedem Italiener geläufig. Das wurde auch deutlich, als Italiens größter Rockstar Vasco Rossi sein Konzert „Rock sotto l´assedio“ (Rock während der Belagerung, San Siro/Milano, 1995) mit „Generale“ begann — da sang das ganze Stadion mit. Vasco Rossi damals: „Es ist ein Lied gegen den Krieg — gegen ALLE Kriege!“ Mit diesem Konzert wollte er seinen Respekt für die Musiker ausdrücken, die während der fast 4-jährigen Belagerung Sarajewos ein Konzert organisierten, aus dem Bedürfnis nach ein wenig Normalität im Wahnsinn des Krieges.


Francesco De Gregori - Generale


Medienpartner

Nacktes Niveau (Paul Brandenburg), Punkt.preradovic, Kaiser TV,
Hinter den Schlagzeilen, Demokratischer Widerstand,
Eugen Zentner (Kulturzentner), rationalgalerie (Uli Gellermann), Protestnoten, Radio München (Eva Schmidt), Basta Berlin, Kontrafunk und Ständige Publikumskonferenz.

Weitere können folgen.

Ablauf

Samstag 9.7.2022 SONG Fortunate Son (Creedence Clearwater Revival)
TEXT Marcus Klöckner Die Doppelmoral der Kriegsmacher — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 15.7.2022 SONG Redemption Song (Bob Marley)
TEXT Jens Fischer Rodrian Botschafter für eine gerechte Welt — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 23.7.2022 SONG Friedensbewegung (Kilez More)
TEXT Eugen Zentner Liebe und Leidenschaft — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 30.7.2022 SONG Es ist an der Zeit (Hannes Wader)
TEXT Roland Rottenfußer Der wirkliche Feind — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 6.8.2022 SONG War — what is it good for? (Edwin Starr)
TEXT Lüül Wozu ist Krieg gut? — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 13.8.2022 SONG Another brick in the wall (Pink Floyd)
TEXT Alexa Rodrian Der Ziegel in der Wand — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 20.8.2022 SONG Anthem (Leonard Cohen)
TEXT Madita Hampe Durch alles geht ein Riss — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 27.8.2022 SONG Feeding off the love of the land (Stevie Wonder)
TEXT Nina Maleika Zurück Zur Verbundenheit — ZurZur Aktion Friedensnoten

Samstag 3.9.2022 SONG Drei Kreuze für Deutschland (Prinz Pi)
TEXT Nicolas RiedlDer Sog des Krieges — ZurZur Aktion Friedensnoten

Samstag 10.09.2022 SONG Masters of war (Bob Dylan)
TEXT Wolfgang Wodarg Meister der Kriege — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 24.09.2022 SONG Die Welt im Fieber (Karat)
TEXT Maren Müller Die Welt im Fieber — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 1.10.2022 SONG Wehre have all the flowers gone (Joan Baez)
TEXT Ulrike Guérot Der Kreislauf des Krieges — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 8.10.2022 SONG Peace (Ajeet Kaur)
TEXT Philine Conrad Der Wunsch nach Frieden — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 15.10.2022 SONG Working Class Hero (John Lennon)
TEXT Tom-Oliver Regenauer Das Musik-Monument — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 29.10.2022 SONG Imagine (John Lennon)
TEXT Kenneth Anders Sich den Frieden ausmalen — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 5.11.2022 SONG (What’s So Funny ’Bout) Peace, Love and Understanding (Nick Lowe)
Text Sabrine Khalil Der unbequeme Weg des Fragens — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 12.11.2022 SONG I Can’t Write Left Handed (Bill Withers
Text Ulli Masuth Fragwürdiger Heldenmythos — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 19.11.2022 SONG Sag mir wo die Blumen sind (Marlene Dietrich)
TEXT Oli Ginsberg Vom Krieg verweht — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 26.11.2022 SONG Meinst du, die Russen wollen Krieg? (Jewgeni Jewtuschenko)
TEXT Ulli Gellermann Die Russen wollen keinen Krieg — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 3.12.2022 SONG Sympathy for the Devil (The Rolling Stones)
TEXT Paul Brandenburg Sympathie für den Teufel — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 10.12.2022 SONG Boom! (System of a Down)
TEXT Thomas Trares Der Zenit der Friedensbewegung — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 17.12.2022 SONG The human hearth (Coldplay)
TEXT Jens Lehrich Dir wird geholfen — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 24.12.2022 SONG Neu aufgenommenes Weihnachtslied (Alexa und Jens Fischer Rodrian)
TEXT Alexa und Jens Fischer Rodrian Leben im Vielklang — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 31.12.2022 SONG Wake me up when September Ends (Green Day)
TEXT Aaron Richter Feiert eure Menschlichkeit! — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 7.1.2023 SONG Draft Resister (Steppenwolf)
TEXT Jonny Rieder Ohne mich! — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 14.1.2023 SONG Falstaff (Verdi)
TEXT Martha Carli Der heimliche Held — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 21.1.2023 SONG What’s going on (Marvin Gaye)
TEXT Christian Schubert Was in uns vorgeht — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 28.1.2023 SONG War is not am Woman‘s Game (Yael Deckelbaum)
TEXT Sandra Seelig Weiblichkeit kennt keinen Krieg — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 4.2.2023 SONG Nein, meine Söhne geb ich nicht (Reinhard Mey & Freunde)
TEXT Michael Karjalainen-Dräger Wie man einen Krieg beendet — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 11.2.2023 SONG Aabeglogge (Jodlerclub Balfrin)
TEXT Jeanette Fischer Das Leben neu entdecken — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 18.2.2023 SONG 99 Luftballons (Nena)
TEXT Hannes Hofbauer Kriegsminister gibt’s nicht mehr — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 25.2.2023 SONG Russians (Sting)
TEXT Volker Schubert Auch Russen lieben ihre Kinder — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 4.3.2023 SONG Schornsteine (Prinz Pi)
TEXT Nicolas Riedl Die Schornsteine der Waffenschmieden — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 11.3.2023 SONG Give Peace a chance (Yoko Ono, John Lennon)
TEXT Alexandra Streubel Der Schlüssel zu echtem Frieden — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 25.3.2023 SONG Friedenslied (Gisela May)
TEXT Gabriele Gysi Das Friedenslied — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 8.4.2023 SONG Sei wachsam (Reinhard Mey)
TEXT Burak Hoffmann Seid wachsam! — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 15.4.2023 SONG ЖИТЬ (Григорий Лепс, Тимати, Вика Дайнеко, Николай Расторгуев и другие)
TEXT Markus Stockhausen Umarmt die Erde! — Zur Aktion Friedensnoten

Samstag 22.4.2023 SONG Generale (Francesco de Gregori)
TEXT Volker Freystedt Der Wahnsinn des Krieges — Zur Aktion Friedensnoten


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.manova.news/artikel/willkommen-im-faschutzmus

Weitere italienische Lieder, die sich mit dem Krieg beschäftigen, sind:

  • Enrico Ruggeri: Lettera del Fronte (ein Soldat schreibt an Weihnachten im Schützengraben einen Brief nach Hause)
  • Vasco Rossi: Faccio il Militare (Vasco macht sich über den Militärdienst = Kriegsspielerei lustig, was zu einem Boykott durch alle Radiosender führte)
  • Francesco Guccini: Auschwitz (Was passierte mit den Insassen? Sie endeten „im Wind“!)
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