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Deutschland, ein Herbstmärchen

Deutschland, ein Herbstmärchen

Raymond Ungers neuer Roman „2015“ setzt auf grandiose Weise in Szene, was die Bundesrepublik in und seit diesem denkwürdigen Jahr bewegt.

Mecklenburg-Vorpommern, Casablanca, Hamburg. Drei Welten werden auf den rund 350 Seiten aufeinanderprallen. Wer sich beim Aufschlagen des Romans zuallererst das Personenregister durchliest, bekommt eine Ahnung davon, welch entzündliches Gemisch hier zusammenkommen wird.

Doch worum geht es? Wir befinden uns, wie es der Titel schon vermuten lässt, im Sommer der Flüchtlingskrise und der Grenzöffnung 2015. Die gut situierte Hamburger Familie Volkmann zieht es aufs Land. Allen voran die Homöopathin Gesine. Auch ihr Ehemann, der gehemmte Künstler und Maler Christian, ist nicht abgeneigt, während die 17-jährige Tochter Eva entschieden dagegen ist. Denn es soll nach Mecklenburg-Vorpommern gehen, in die Kleinstadt Stolpenhagen. Ein dort leerstehendes Immobilienobjekt hat es Gesine und Christian angetan; eine alte Schule aus rotem Backstein. Die Visionen sind groß. Die Ruine aus DDR-Zeiten soll zu einem spirituellen Bewusstseinszentrum für ganzheitliche Heilung umgebaut werden. Der Maler Christian sieht in der großräumigen, nebenan befindlichen Scheune den schon immer herbeigesehnten Platz für ein großes Atelier. Es wird nicht lange gefackelt, sondern die risikoreiche Investition getätigt und ein neues Leben begonnen.

Ein neues Leben beginnt ebenso für den 18-jährigen Marokkaner Abbad. Sein Lebenswandel geschieht dabei — anders als bei dem Alster-Adel — nicht aus einer Wohlstandsbefindlichkeit heraus, sondern notgedrungen und aus der unverhofften Chance, dem Slum von Casablanca entfliehen zu können. Wer in diesem von Elend geplagten Milieu über ein Smartphone verfügt, bekommt über Social Media Videos auf den Screen geflutet von jungen Syrern, die es über die Balkanroute nach Deutschland geschafft haben und sich dort teils sogar ein ungleich komfortableres Leben aufgebaut haben. Zugleich sickern Informationen durch, wonach die deutschen Grenzen geöffnet seien und Menschen aus — vermeintlichen — Kriegsgebieten regelrecht eingeladen werden, nach Deutschland zu reisen. All das weckt unermessliche Sehnsüchte bei den jungen, perspektivlosen Männern. Als Abbad von seinem Großvater unerwarteterweise ein Art Voraberbe, in Form eines enormen Geldbündels zugesteckt wird, das ausreicht, um sich eine Fluchtroute über die Türkei und den Balkan zu finanzieren, fasst er den Entschluss, nach Deutschland zu flüchten und sich dort ein Leben aufzubauen, das es ihm ermöglichen soll, seine Großeltern nachzuholen.

So begleiten wir als Leser den jungen Marokkaner bei seiner nervenaufreibenden Flucht über Istanbul, Izmir, Lesbos, Ex-Jugoslawien und Österreich, bis er dann schließlich im bayerischen Erding bei München ankommt. Dabei kommt es zu unzähligen Unwägbarkeiten und Hürden, bei denen das Unterfangen beinahe scheitert. Lebhaft und authentisch, wie diese Odyssee beschrieben ist, könnte man meinen, Raymond Unger wäre selbst probeweise über diese Route geflüchtet. Ihm gelingt es, den beschwerlichen Weg so eindrücklich zu schildern, dass man als empathischer Leser nicht umhin kann, mit Abbad mitzufiebern.

Man will, dass es der Flüchtling nach Deutschland schafft!

Die Flüchtlingsbewegung wird analog dazu aus einer weiteren Perspektive begleitet: der von Ben Keller, einem moralinsauren Haltungsjournalisten, der mit giftig spitzer Feder seinem zu erziehenden Leservieh die richtige Haltung zu diktieren gedenkt. Die Figur ist Unger überaus gut gelungen, verkörpert sie doch alles, was Rezipienten freier Medien an Leit- und Altmedien abschreckt, beziehungsweise was Michael Meyen in „Propaganda-Matrix“ über das Journalistenmilieu geschrieben hat. Aus der moralisch gefärbten Sichtweise Kellers begleiten wir als Leser die Fluchtbewegung — wobei Abbad noch nicht unter den Flüchtenden ist — von Budapest bis an die ostösterreichische Grenze. Dabei können wir dem Karrieristen genauestens über die Schulter schauen, wie er Informationen und Bilder so filtert, dass sie ins merkel’sche Bild der Willkommenskultur passen.

Währenddessen soll in Stolpenhagen nach aufwendigen und kostspieligen Renovierungsarbeiten das „Zentrum für Bewusstsein“ eingeweiht werden. Das von Gesine Volkmann vermittelte Bewusstsein beschränkt sich jedoch auf das urbane Wohlstandsklientel. Es kommt, wie es kommen muss: Die lebensferne Blase saturierter Küchenesoteriker und Eso-Gurus kollidiert knallhart mit der ostdeutschen Post-Wende-Realität. Das Zentrum floppt und droht zum finanziellen Ruin der hanseatischen Oberschichtfamilie zu werden. Doch die rettende Idee lässt nicht lange auf sich warten. Denn eine von Gesines Freundinnen und Kolleginnen aus Hamburg, Nora Hoffmann, ihres Zeichens Spätjournalistin und moralische Einpeitscherin, hat einen zündenden Einfall. In der Flüchtlingskrise sieht sie — wie sie öffentlichkeitswirksam kundtut — eine immense moralische Verpflichtung aller Deutschen, wenn es darum geht, die geflüchteten Menschen unterzubringen. Wenn also Meditationen in der ostdeutschen Provinz weder Anklang noch Nachfrage finden, warum dann nicht Flüchtlinge im Bewusstseinszentrum unterbringen? Schließlich würde der Staat dies kräftig subventionieren.

Während Eva, die inzwischen mit den Jungs der lokalen Neonazi-Gruppierung anbandelt, von der Idee nichts wissen will, ist es für Christian und Gesine ein Nobrainer. Kurzerhand wird die riesige Buddha-Statue vor dem Zentrum verschrottet und selbiges in ein Flüchtlingsheim umgebaut — gerade noch rechtzeitig. Denn schon karrt der Bus die hierfür eingeplanten 20 Flüchtlinge heran — unter ihnen Abbad aus Casablanca.

Es entsteht ein sozial entzündliches Gemisch: teils strenggläubige muslimische Migranten, verblendete und präpotente Neonazi-Jugendliche, merkelhörige Politiker, desillusionierte Ostdeutsche und überhebliche Westdeutsche. Mit einem IS-Terroristen kommt der explosive Zündfunke nach Stolpenhagen …

Ein Feuerwerk der Ideologiekritik

Raymond Unger skizziert das Deutschland in der Flüchtlingskrise allseitig, ohne — und das ist sein großer Verdienst — explizit Partei zu ergreifen. Er schafft das, wogegen die heutigen Diskurse allergisch sind: Ambiguität und Vieldeutigkeit. Die Gegebenheiten liegen in der Schwebe. Es wird nichts festgelegt, sondern der Leser wird auf jeder Seite herausgefordert, sich selbst zu reflektieren.

Insofern wäre es wünschenswert, wenn auf diese Rezension noch viele weitere folgen würden. Insbesondere dann, wenn sie aus weltanschaulich verschiedenen Federn kämen.

Ein Ostdeutscher liest diesen Roman mit Gewissheit ganz anders als ein Westdeutscher. Und AfD- sowie BSW-Wähler würden zwischen den Buchdeckeln jeweils unterschiedliche Trigger wie auch Zeilen der Bestätigung vorfinden.

Und wer sich gerne im „spiritual bypassing“ ergeht, in lebensabgewandte Eso-Welten flüchtet, würde vielleicht gar nicht so weit kommen, um eine Rezension zu schreiben. Am Ende könnte eine solche Sammlung an unterschiedlichen Rezensionen fast genauso interessant wie das Buch selber sein.

Beschaffen ist der Roman wie die Malerei selbst — die in der Handlung ebenfalls eine wichtige Rolle spielt —, die nicht allein mit Schwarz und Weiß auskommt, sondern sich über verschiedene Farbspektren erstreckt, statt für eine bestimmte politische Ausrichtung Farbe zu bekennen. Unger zeigt hier nicht für eine Weltanschauung klare Kante, sondern Unschärfen. Und eben diese Unschärfen jenseits von Gut-Böse-Dichotomien sind es, die die Widersprüche wie auch die innerseelischen Motive der jeweiligen Paradigmenträger sichtbar werden lassen. Man beginnt vor dem jeweiligen psychosozialen, sozio-ökonomischen wie auch metaphysischen Hintergrund der jeweiligen Romanfiguren damit, ihr Handeln, ihr Denken und teils auch ihr Umdenken nachvollziehen zu können.

Der Roman hält das Potenzial bereit, dass — zugespitzt formuliert — der Teddy-Werfer den PEGIDA-Anhänger zu verstehen beginnt und umgekehrt.

Basierend auf äußerst wahren Begebenheiten

Bereits in seinem letzten Roman „KAI“ — den ich ebenfalls begeistert rezensierte — hielt Unger die Trennschicht zwischen Fiktion und Wirklichkeit dünn. In „2015“ ist sie hauchdünn wie Bibelpapier. Während in „KAI“ die Personen noch leicht umgetauft wurden, sodass jeder halbwegs aufmerksame Leser erkennen konnte, wer gemeint ist, werden in „2015“ die Namen genannt — von realen Personen und Organisationen. Mutig ist das durchaus. Manchen der genannten Persönlichkeiten aus Politik, Medien und Kultur wäre eine Abmahnung durchaus zuzutrauen.

So schiebt Unger spielerisch die Versatzstücke aus den einschneidenden Ereignissen der Migrationspolitik ab 2015 herum. So findet beispielsweise das „#WirSindMehr“-Konzert nicht in Chemnitz statt, sondern in Stolpenhagen. Darüber hinaus beinhaltet der Roman betreffend der Migrationspolitik eine große Bandbreite an Hintergrundwissen und Fakten — zumindest entsteht der Eindruck, dass vieles in der Geschichte auf realen Tatsachen beruht. Denn selbstverständlich hat die Belletristik keine Quellenpflicht. Da scheint es sinnvoll, in Ungers beleghaltigen Sachbüchern der letzten Jahre noch einmal die Migrationskapitel nachzuschlagen — etwa in „Vom Verlust der Freiheit“ oder „Die Heldenreise des Bürgers“.

Was bei all der erstaunlich gut gelungenen Tatsachennähe bedauerlicherweise unter den Tisch fällt, ist der Aspekt, wie islamistische Terrororganisationen überhaupt entstanden sind und welche imperialen Kräfte diese radikalen Strömungen des Islams erst finanziell und militärisch aufgebaut haben. Mit viel schreiberischem Fingerspitzengefühl arbeitet Unger den Unterschied zwischen Flüchtlingen und Flüchtlingen heraus — solchen, die aus realer Not geflohen sind, und solchen, die insgeheim (selbst)mörderische Absichten gegen den Westen im Schilde führen. Doch wie diese Kräfte überhaupt entstanden sind, bleibt unerwähnt. Das ist bedauerlich. Dieser elementare Aspekt wäre gerade in dem heute so aufgeheizten Gesellschaftsstreit so wichtig zur Stärkung der Unterscheidungskraft zwischen den aufklärerischen und destruktiven Strömungen des Islams. Elf Jahre nach „Wir schaffen das“ und zwei Jahre nach „döp dödödö döp“ werden Muslime aller Couleur — ob Sufis oder Wahhabiten — in den gleichen Topf geworfen. Reifte die Erkenntnis heran, dass jene Messerstecher, Amokfahrer und anderweitigen Gewalttäter dieser Art das — sekundäre — Endprodukt jener Kräfte sind, die der Westen, in Sonderheit die USA, herangezüchtet hat, erschienen all die Bluttaten der letzten Jahre in einem ganz anderen Licht.

Mit Buchstaben gemalte Bilder

Selbstredend müssen hier noch ein paar Worte über den Schreibstil verloren werden. Im Grunde genommen könnte ich hierbei die Passagen meiner Rezension zu „KAI“ 1:1 rüberkopieren, denn „2015“ glänzt diesbezüglich gleichermaßen wie „KAI“. Das Werk ist cineastisch geschrieben, einzelne Details werden eingestreut, sodass sich beim konzentrierten Lesen ein Spielfilm vor dem eigenen Auge abspielt.

Bei einem Punkt, an dem leider viele Romane kranken, schwächelt leider auch „2015“ — und das gerade im Kontrast zu „KAI“. Die Rede ist von dem sparsamen Umgang mit der optischen Figurenbeschreibung. Zu Beginn erfahren wir nur bei vereinzelten Personen, wie diese eigentlich aussehen. Gerade bei einer Erzählung, bei der das äußerliche Erscheinungsbild und die damit teils verbundenen Vorurteile eine gewichtige Rolle spielen, wäre es äußerst entscheidend, zu wissen, wie die Charaktere aussehen. Dabei bleibt es gar nicht mal vollends der Fantasie des Lesers überlassen. Irgendwann erfährt der Rezipient bei manchen Charakteren dann doch, welches Erscheinungsbild sie haben. Dies allerdings erst im dreistelligen Seitenbereich. Bei meiner persönlichen Rezeptionsweise hatte das zur Folge, dass ich mir eine der wichtigsten Hauptfiguren durchgehend glatt rasiert vorgestellt habe, bis man dann auf Seite 173 erfährt, dass jene Figur einen Vollbart trägt. Bei einer anderen Figur werden entscheidende Optikmerkmale erst nach über 200 Seiten enthüllt. Solche Casting- oder Besetzungswechsel in der Mitte des Buches stören durchaus die Immersion. Das ist selbstverständlich Meckern auf hohem Niveau über ein durchaus verdaubares Haar in der sonst sehr genießbaren Suppe.

Die mangelnde Personenbeschreibung tut der Spannung des Buches keinen Abbruch. Die verschiedenen Erzählstränge werden im Laufe der Erzählung immer enger miteinander verwoben, bis sie schließlich zusammenlaufen. Die Cliffhanger an fast jedem Kapitelende verunmöglichen es beinahe, das Buch weglegen zu können.

Im Gegensatz zu „KAI“ ist dieses Werk weitaus lockerer, wenngleich äußerst ernste Themen behandelt werden – und das an den entscheidenden Stellen mit der gebotenen Sensibilität. Dass Humor durchaus eine hierfür geeignete Bewältigungsstrategie ist, beweist Unger mit seiner tragikomischen Erzählweise, wobei es stellenweise wirklich ins äußerst Makabere hineinreicht. An manchen Stellen ist der Humor schwarz wie eine Niqab und könnte mitunter den einen oder anderen Leser abschrecken. Durchaus kann man die im Buch vollzogenen Tabubrüche und die unvergesslichen Bilder, die sich einem dabei ins Gedächtnis brennen, kritisieren. Man kann sie aber auch als Trotz begreifen, als radikales Kontrasprogramm zu den unzählig mutlosen Integrationskomödien des deutschen Films aus dem Schweighöfer-M’Barek-Kartell. Bilder, wie dieser Roman sie überspitzt zeichnet, kämen niemals in einer solchen Komödie vor, denn sie zeigen ungeschönt, zu welchen Verwerfungen es kommen kann, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Dabei sind die hierbei gewählten Provokationen ob ihrer Vieldeutigkeit Lichtjahre entfernt von den stumpfen, undurchdachten und wahrhaftig rassistischen Gewaltorgien aus „Citizen Vigilante“, dem Leinwandschmutz des zurecht verschrienen Rüpel-Regisseur Uwe Boll.

Fazit

„2015“ ist der Roman für 2026! Er packt die heutigen, hochemotional geführten (Re-)Migrationsdebatten an ihren Wurzeln und beleuchtet alle Seiten. Der Inhalt zwischen den Buchdeckeln ist rohe Kunst wie sie sein sollte — kompromisslos! Denn gegenüber keinem Lager möchte das Werk gefällig sein. Es wehrt — falschen — Applaus allseits ab. Weder für — blaue — Remigrationsverfechter, noch für beharrliche „Refugees-welcome“-Aktivisten und auch nicht für gläubige Muslime bietet es einen Weltbildbestätigungsservice. Es stößt an, ist stellenweise unangenehm — gegenüber jedem Leser. Niemand wird verschont, aber ebensowenig übersehen. Alle Figuren des Romans werden trotz oder gerade wegen ihrer Funktion als Ideologieträger unverändert als Menschen gesehen — und nicht als Monster qua Geburt. Darin liegt die hoch anzurechnende Leistung Ungers.

Vielleicht mag die Literatur — und mit ihr Werke wie das vorliegende — eine der Schaufeln sein, um die gesellschaftlichen Gräben zukünftig wieder zuzuschütten.



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