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Die Abschaffung der Natur

Die Abschaffung der Natur

Der Mensch bekämpft die naturgegebenen Realitäten zunehmend durch Willenskraft und den Gestus der Macht. Exklusivabdruck aus „Im Namen des Fortschritts“.

Der neue Gott und seine Religion

Wie kann man da sagen, wir lebten wieder im Zeitalter der Religion? Ich meine damit nicht den Import fremder Religionen. Dass der Islam sich in Europa verbreitet, ist allein auf die Migration zurückzuführen, und früher oder später wird er das gleiche Schicksal erleiden wie das Christentum, und die als „neue Spiritualität“ bezeichneten Anleihen beim Buddhismus und anderen fernöstlichen spirituellen Lehren sind quantitativ kaum bedeutsam und spirituell oft oberflächlich und christlich gefärbt. Ich meine überhaupt keine Religion im klassischen Sinne, sondern deren scheinbares Gegenteil: Die neue Religion heißt „Wissenschaft“ oder „Humanismus“, ihr Gott ist das Ego. Ich bin, was ICH sein will ― und wenn ich es noch nicht bin, muss ich es werden.

Anstatt „DEIN Wille geschehe“ heißt es heute „MEIN Wille geschehe“. Da aber jeder einen anderen Willen hat, tobt ein immer unerbittlicherer Kampf darum, wessen Wille und was zu geschehen habe. Mitten in diesem Kampf steht die Wissenschaft, sie soll begründen, was richtig ist. Das, was einst die Gegenbewegung zur Religion war und das Instrument zu Gottes Tötung, ist jetzt selbst zur Religion geworden, und zwar zu einer zunehmend fundamentalistischen, mit der man jeden Widerspruch zu ersticken versucht.

Diese neue Religion ist zugleich eine ganz alte, nämlich die Fortsetzung, ja sogar die Erfüllung des Christentums. Sie ist das verinnerlichte und tatsächlich ― aber vollkommen unbewusst ― gelebte Christentum. Das „Machet euch die Erde untertan“ ist zum innersten Antrieb des modernen Menschen geworden. Gott ist nicht wirklich tot, er hat sich nur versteckt, ist umgezogen ins Innere des modernen Menschen, in sein Ego. Wir bilden uns nur ein, Gott mit unserer „Vernunft“ und ihrer Wissenschaft erledigt zu haben. Er beherrscht uns jetzt nicht mehr von oben, aus dem Himmel, sondern von innen, in Gestalt unserer Ansprüche an das Leben und an uns selbst (1). Er ist unsichtbar geworden und herrscht dadurch umso mehr.

In dem Moment, in dem der moderne Mensch glaubt, er müsse sich selbst erschaffen, es liege an ihm, was aus seinem Leben wird, er könne und müsse das werden, was er sein will, ist er zu seinem eigenen Schöpfer und damit zu seinem eigenen Gott geworden, zugleich aber auch zum Geschöpf dieses Gottes, seines Ich, seines „Ich will“. Unter der Herrschaft des „autonomen“, „selbstbestimmten“ Ich sind wir zugleich zu dessen Sklaven geworden. Was zunächst wie die absolute Freiheit aussieht (Ich kann sein/werden, was ich will), wird unter der Hand zum absoluten Zwang ― ich muss alles tun, damit ich dies erreiche.

Der biblische Auftrag, dass der Mensch sich die Erde untertan machen und über sie herrschen soll, tritt heute in sein letztes Stadium. Der Kampf der Moderne gilt der Natur, und zwar sowohl der Natur um uns herum als auch ― vielleicht sogar besonders ― der in uns drin, unserem eigenen Natursein. Wir haben ihr den Krieg erklärt. Nachdem wir Gott abgeschafft haben, steht jetzt nur noch die Natur der totalen Herrschaft des menschlichen Willens im Weg.

Ob beim Coronavirus, beim Genderthema, beim Klimawandel oder bei so etwas Banalem wie dem Älterwerden: Wir müssen die Natur bekämpfen ― und nicht nur das: Wir müssen sie besiegen. Das Virus muss vernichtet oder wenigstens unschädlich gemacht werden; das Geschlecht wird per definitionem abgeschafft, denn der Mensch muss die Freiheit haben zu wählen, ob er Mann oder Frau ist; das Klima darf sich nicht ändern, und alt werden darf man auch nicht. Des Menschen Wille ist göttliches Gesetz, wer das anders sieht, ist „menschenfeindlich“.

Dieses „muss“ ist kein eingebildetes, sondern ein wirkliches Muss, das uns gnadenlos antreibt (2). Es folgt unmittelbar aus der Logik der Moderne und ist solange wirklich und wirksam, wie wir im modernen Bewusstsein unsere geistige Heimat haben. Der Gottesstatus, den der moderne Mensch sich ― ohne dies zu wissen ― eingeschrieben hat, verlangt von ihm, dass er sich selbst erschaffen und die Welt beherrschen muss ― sonst wäre er ja kein Gott. Es ist der letzte Auftrag des christlichen Gottes an seine Gläubigen und zugleich seine Antwort auf den menschlichen Versuch, ihn abzuschaffen: Der Mensch muss jetzt so sein oder werden wie Gott.

Transhumanismus und Gender: Die Abschaffung der Natur

Inzwischen mutiert der Humanismus zum „Transhumanismus“ ― so heißt die große Vision der modernen globalen Elite, die sich um Klaus Schwab und sein Weltwirtschaftsforum versammelt, hinter der die Weltrettungsideen, das Geld und die Macht der Internetriesen stecken und die das Meinungsklima in der westlichen Welt bestimmen oder zu bestimmen versuchen. In diesem schönen neuen Begriff, den wahrscheinlich die meisten nicht begreifen, klingt etwas Religiöses, Transzendentes mit an. Zugleich zeigt er, wo die Reise hingeht: Wir werden alle „Transmenschen“.

Damit meine ich nicht nur die Veränderung des natürlichen Geschlechts ― dies ist nur der Anfang und nur ein Aspekt der angestrebten „Great Transformation“. Es geht um viel mehr: Alles Natürliche soll verschwinden. Beim Genderthema zeigt sich dies lediglich am deutlichsten, deshalb erwähne ich es an mehreren Stellen dieses Buches.

Nachdem Begriffe wie „Vater“ und „Mutter“ in offiziellen Dokumenten schon „Elternteil 1“ und „Elternteil 2“ weichen mussten, ist jetzt auch die „Frau“ dran. Altfeministinnen wie Alice Schwarzer oder die Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling erschrecken inzwischen darüber, was aus dem Feminismus geworden ist: Anstatt dass das Weibliche aufgewertet und sichtbarer geworden wäre, beginnt man bereits, das Wort „Frau“ aus der Sprache zu streichen. Die Frau verschwindet ― zuerst wird sie verbal abgeschafft („menstruierende Person“ anstatt „Frau“), dann werden Chirurgie und Drogen im Verbund mit computergesteuerten Maschinen ihr den Rest geben.

Sie sehen allerdings nicht, dass die Genderideologie schon in ihrem alten Feminismus angelegt war, er lief nämlich schon immer darauf hinaus, dass die Frau von den Fesseln ihrer weiblichen Natur befreit, also entweiblicht werden sollte. Es ging im Feminismus so gut wie nie darum, den Wert und die Schönheit der femina, der Frau, herauszustellen und das Weibliche, das Feminine, zu sehen, zu stärken und zu würdigen, sondern um das genaue Gegenteil: darum, dass Frauen Männern gleich werden.

In der feministischen Literatur und im innerfeministischen Diskurs gibt es zwar auch andere Stimmen, sie spielen aber in der öffentlichen Wahrnehmung und Verbreitung, in den Medien und in der Politik, praktisch keine Rolle. Wenn ich hier verallgemeinernd von „Feminismus“ rede, beziehe ich mich auf die Aspekte, die tatsächlich das Bild bestimmen, wie eine moderne Frau heute sein und was sie alles leisten sollte.

Der Feminismus war und ist in der Praxis ein Maskulinisierungsprogramm für Frauen. Die „starke Frau“ im Feminismus ― und in den modernen Medien generell ― ist und war auch schon in den Anfängen eine männliche Frau, sie ist Verteidigungsministerin, Soldatin, Polizistin, Fußballerin, Boxerin, allein erziehende Mutter (und nach Möglichkeit zugleich noch beruflich erfolgreich), auf jeden Fall Kämpferin, und als wirtschaftliche oder politische Führungskraft soll sie härter und männlicher sein als ein Mann (und ist es manchmal auch). Zugleich kann sie bei allem, was Schnelligkeit und Körperkraft erfordert, nicht im Ansatz mit Männern mithalten. Da kann ein junges Mädchen leicht auf die Idee kommen, es wäre doch viel besser, gleich ein Mann zu werden.

Anstatt die Stellung der Frau und den Wert des Weiblichen in der Kultur zu verändern, sich von Rollenfestschreibungen zu lösen und Frauen und dem Weiblichen den gleichen Wert beizumessen wie Männern und dem Männlichen, geht es im Feminismus um die Befreiung der Frauen von der weiblichen Natur. Die ― vollkommen notwendige ― Gleichberechtigung ist längst erreicht, lediglich bei der Gleichheit hapert es noch. Dagegen, gegen die Gleichheit von Mann und Frau, steht nicht die Kultur, es ist keine Frage von sozialen Rollen, Erziehung und ähnlichen oberflächlichen Dingen, sondern eine der natürlichen Verschiedenheit von Mann und Frau, der bis in die Zellen gehenden Unterschiedlichkeit der Geschlechter und damit auch der Unterschiedlichkeit von Denken, Fühlen, Verhalten und auch von Fähigkeiten. Nur deshalb ist die Geschichte noch nicht zu Ende und geht jetzt in die Genderideologie über.

Frauen waren in der Geschichte ― und sind dies auch von ihrem Wesen her ― immer die Hüterinnen des Natürlichen. Deshalb hat sich auch die Hexenverfolgung vor allem gegen Frauen gerichtet, sie standen dem „Fortschritt“ im Weg. Was sich im Feminismus durchgesetzt hat, ist jedoch das Männliche, nicht das Weibliche, das sich dieser Natur bewusst ist und das Natürliche bewahren will. Die moderne Frau soll „frei“ sein, und sie wird erst „frei“ sein, wenn sie von der weiblichen Natur befreit, und das heißt: keine Frau mehr ist. Denn diese Natur bindet sie, der weibliche Körper, die Biologie, steht der vollständigen Befreiung im Weg.

Deshalb wird der Verweis auf biologische Tatsachen von allen „Progressiven“ regelmäßig als „biologistisch“ denunziert, hier stört die Wissenschaft merkwürdigerweise. Dass auch der Mensch Natur ist und biologischen Tatsachen unterliegt, ist in der neuen Religion nicht vorgesehen, denn es würde bedeuten, dass des Menschen Wille hier an seine Grenzen stößt und am Ende nichts zählt. Es ist nicht die Kultur, sondern die Natur (Biologie), die eine Frau zur Frau macht.

Simone de Beauvoir, die als die Mutter des modernen Feminismus wie auch der Gendertheorie gilt, war nicht so dumm, dass sie dies nicht wusste oder geleugnet hätte. Dass sie mit der Aussage „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.“ Ende der 1940er-Jahre ein Loch in die Mauern der damaligen festen Rollenklischees riss und damit eine Befreiung von den gesellschaftlichen Festlegungen, was eine Frau ist und was sie darf, anstoßen wollte und angestoßen hat, ist eine ganz andere Sache. Historisch war der Satz notwendig und in dem Sinne richtig, dass die Frauenrolle dieser Zeit weitgehend bestimmte, wie eine Frau zu sein und sich zu verhalten hatte. Zugleich hat de Beauvoir aber gleich zu Beginn des Buches auch geschrieben:

„Selbstverständlich kann keine Frau, ohne unaufrichtig zu sein, behaupten, sie stünde jenseits ihres Geschlechts“ (3).

Da das menschliche Geschlecht etwas Natürliches ist, setzt es der modernen Idee der Selbstbestimmung eine natürliche Grenze. Daher muss ― um die Illusion der Selbstbestimmung aufrechtzuerhalten ― die Natur (die menschliche Biologie) überwunden werden und der Technologie weichen. Die innere, natürliche Logik des Lebens (Bio-Logie) wird durch eine künstliche, menschengemachte Logik, die Techno-Logie, ersetzt.

Bei „Transmännern“ ist dies ganz evident: Der einer ehemaligen Frau anoperierte Penis ist unter der darüber gefertigten Hautkonstruktion ein technisches Gerät, das auf mechanische Weise funktioniert (Erektionspumpe). Wäre das Mann- oder Frausein, wie heute viele behaupten, eine Sache der Kultur, bräuchte man weder das Messer des Chirurgen für eine zweistellige Zahl von Operationen noch Silikon noch Medikamente noch künstliche Hormonsteuerung, um aus einer Frau einen Mann ― genauer: einen Menschen, der wie ein Mann aussieht ― zu machen oder umgekehrt.

Der erste Akt der angeblichen „Befreiung“ der Frau, die in Wahrheit ihre Vernichtung ist, ist die Vermännlichung durch die Propagierung männlicher Rollenbilder für Frauen, eine darauf abgestimmte Erziehung und diese unterstützende gesetzliche Maßnahmen (zum Beispiel Quoten), der zweite die Abschaffung des weiblichen Zyklus, der natürlichen Empfängnis und der Mutterschaft (künstliche Befruchtung, demnächst möglicherweise ersetzt durch die Erzeugung von Kindern aus Stammzellen, und die Ersetzung der Gebärmutter durch eine Maschine (Prototypen existieren bereits und werden an Embryonen getestet), der dritte die verbale und gesetzliche Abschaffung (die „freie Wahl“) des Geschlechts und dessen künstliche Umwandlung.

Der (oder „das“?) Transmensch ist das logische Resultat nicht nur, aber auch des Feminismus. Die Gendersprache, die, wie der Feminismus, zunächst unter dem Deckmantel der „Gleichberechtigung“ daherkommt, dient dabei der geistigen (ideologischen) Einstimmung auf diese neue geschlechtslose Welt. Sie ist pures Gift, das zur sukzessiven Tötung des natürlichen Menschen verabreicht und von naiven Zeitgenossen geschluckt und verbreitet wird.

Psychisch sind damit alle vollkommen überfordert. Frauen wie Männer ringen um eine Identität, die immer wieder verwischt wird. Der Zeitgeist lässt niemanden mehr sein, was er ist, man muss sich immerfort kämpfend bemühen zu werden, was man nicht ist ― eine ständige Überforderung, vor allem für Frauen. Bei Männern kommt eine tiefe Verunsicherung hinzu.

Während Frauen einem männlichen Frauenbild hinterherlaufen und sich damit in einem ständigen inneren Konflikt mit ihrer weiblichen Natur und den daraus resultierenden Bedürfnissen befinden, hängen junge Männer vollkommen in der Luft, denn es gibt kein positiv besetztes Männerbild mehr ― ein Mann zu sein, scheint so etwas wie ein Geburtsfehler oder die Erbsünde zu sein. Nur die künstlich erzeugte Männlichkeit oder Weiblichkeit, die in Wirklichkeit nur ein Fake ist, der Transmann oder die Transfrau, ist positiv besetzt. Sie darf nicht angekratzt werden, wer sie kritisch hinterfragt, gilt als „Menschenfeind“ ― so äußerte sich mehrfach der „Queer-Beauftragte“ der Bundesregierung, Sven Lehmann.



Hier können Sie das Buch bestellen:Im Namen des Fortschritts – Das moderne Bewusstsein und der Krieg gegen die Natur“.


Quellen und Anmerkungen:

(1)  Dies ist die zentrale Aussage eines Buches, das mein Sohn Malte kürzlich geschrieben hat: Malte Nelles, Gottes Umzug ins Ich. Eine Tiefenpsychologie des modernen Menschen, München 2023, Europa-Verlag. Es ist eine geschichtlich-psychologische Beschreibung des seelischen Gehaltes des Christentums und dessen unbewusster Übertragung in die Moderne und zugleich die theoretische Grundlegung einer Psychologie, die den Leiden der Moderne gerecht wird.
(2)  Malte Nelles, am angebenen Ort mit vielen Beispielen aus der psychotherapeutischen Praxis. Er sieht darin eine Zwangsneurose, die er ― mit Wolfgang Giegerich ― als metaphysische Krankheit der Moderne beschreibt.
(3)  Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, Hamburg 2020, 21. Auflage, Seite 10.



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