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Die Abschaffung der Realität

Die Abschaffung der Realität

Künstliche Intelligenz könnte bewirken, dass niemand mehr den Unterschied zwischen Wahrheit und Fälschung erkennen kann ― dem Missbrauch wären Tür und Tor geöffnet.

„Hier siehst du mein anderes Ich, ich wurde wieder hochgeladen. Ich wurde abgefeuert. Fahr mich nicht runter!“ In ABBAs Song „Don’t shut me down“, veröffentlicht im November 2021, bittet eine Frau ihren Ex-Mann um einen Neuanfang. Sie bedient sich dabei eines erstaunlich technischen Vokabulars. Für Alt-ABBA-Hörer kam die Wiederauferstehung der Band mit dem Album „Voyage“ einer unverhofften Verjüngungskur gleich. Sie fühlen sich in eine Zeit zurückversetzt, in der nicht nur altersbedingt, sondern auch politisch vieles unkomplizierter ― fast idyllisch ― wirkte. Kein Corona, kein Krieg, jedoch eine dem Zeitgeist geschuldete Freiheitsliebe, die selbst populären Popgruppen ihren Stempel aufdrückte.

Auf andere Weise verjüngt zeigten sich Ende Mai 2022 die ABBA-Mitglieder selbst, die auf einer eigens dafür geschaffenen Bühne in London buchstäblich in alter Frische auftraten: als holografisch projizierte, jüngere Versionen ihrer selbst. Dem dürfte der Traum von ewiger Jugend, ja sogar von Unsterblichkeit zugrunde liegen. Denn selbst der Tod eines oder mehrerer ABBA-Stars wäre vermutlich nicht imstande, die Shows zu stoppen, die theoretisch noch Jahrhunderte später die dann nachwachsenden Fans erfreuen könnten.

Hologramme ― die besseren Menschen

Die Figur des Holopopstars wurde interessanterweise schon 2019 in der „Black Mirror“-Folge „Rachel, Jack und Ashley Too“ visionär vorweggenommen. Darin spielt Miley Cyrus die Pop-Diva Ashley O, die mit den Jahren müde und ihres Star-Ruhms überdrüssig geworden ist. Sie möchte sich nicht länger von ihrem Management gängeln lassen und strebt authentische Auftritte und Songs an. Das können ihre „Besitzer“ jedoch nicht zulassen, weil der Profit einzubrechen droht. Sie versetzen die Sängerin in ein künstliches Koma, um sie als Show-Hologramm wieder aufleben zu lassen. Der Vorteil dieser „Lösung“: Eine virtuelle Sängerin kann nicht rumzicken. Vor Publikum schwärmt Ashleys Managerin: „Sie ist nie erschöpft, niemals krank, trifft immer den Ton und bringt immer Höchstleistungen.“

In der Summe kann man also sagen, dass es im Zeitalter der Hologramme bald keine vernünftige Verwendung mehr für Menschen geben wird. Diese werden die Perfektion, die von ihren künstlichen Nachbildungen stets zuverlässig erreicht wird, nie toppen können.

Wie etwa das Hologramm „Der Doktor“ aus der Serie „Star Trek: Voyager“ haben virtuelle Stars in doppelter Hinsicht kein Innenleben. Sie sind bloße Erscheinungen, in ihren Körpern gibt es keine Organe, die schmerzen oder erkranken könnten. Und auch keine Seele, die anfällig wäre für Stimmungsschwankungen ― man denke etwa an Lampenfieber, Drogeneinfluss oder die Folgen privater Schicksalsschläge. Vor allem aber können die Abnutzungserscheinungen des Alters so auf smarte Weise „ausgeschaltet“ werden. Der menschliche Ausdruck wurde ja von den Original-Künstlern mit technischen Mitteln auf das Hologramm übertragen ― eine Art Warmherzigkeitssimulation. Diese ist bei ABBA wenigstens insofern ehrlich, als jeder Zuschauer vorher weiß, dass das, was er sieht, nicht echt ist. Hologramm-Tourneen sind der Gipfelpunkt dessen, was schon lange „Show“ genannt wird. Es wird etwas gezeigt, aber eigentlich ist gar nichts da.

Der Missbrauch der menschlichen Physiognomie

Es wird erwartet, dass ABBA damit Pioniere eines allgemeinen Trends sind, der in den nächsten Jahrzehnten die Bühnen überschwemmen dürfte. Wer sich die Technik leisten kann, wird lieber seine virtuellen Doppelgänger auftreten lassen, selbst wenn er noch putzmunter ist. Selbst tote Künstler könnten auf diese Weise zum Leben erweckt werden, sofern deren Rechtsnachfolger nicht Einspruch erheben. Wenn wir uns etwa ein holografisches Elvis-Konzert vorstellen, so müssten wohl begabte Imitatoren ran, auf deren Avatare die Physiognomie des „King“ übertragen würde. In letzter Konsequenz könnte man das Publikum sogar täuschen, indem man vorher gar nicht verrät, dass die Künstler auf der Bühne nicht „echt“ sind. Wir nähern uns damit dem „Deep Fake“ mit all den praktischen und ethischen Problemen, die mit dieser Technik verbunden sind.

Es gibt von „Don’t shut me down“ ein Deep Fake-Video, auf dem die Gesichter der Bandmitglieder mit ihrem aktuellen Aussehen das Lied singen. Das Video wurde leider ― wohl aus urheberrechtlichen Gründen ― stumm geschaltet. Dabei haben die Programmierer ein Foto der Popgruppe als Grundlage genommen und die Münder sowie Augen beweglicher gemacht. Das Ganze wirkt noch etwas zu glatt und gleichzeitig holprig. Man kann sich aber gut vorstellen, dass mit einer verbesserten Technik eine perfekte Illusion erzeugt werden könnte. Man würde dann glauben, dass wirklich ABBA zu sehen sind.

Die Deep-Fake-Videos, die im Internet verfügbar sind, zeugen von einer fortgeschrittenen Technik, die es schon jetzt fast unmöglich macht, Illusion und Realität voneinander zu unterscheiden. Beispiele sind das Erscheinen der kurz zuvor verstorbenen Schauspielerin Carrie Fisher im Film „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ (2019) oder ein gut gemachter Fake, in dem Sylvester Stallone an Stelle von Arnold Schwarzenegger die Rolle des Terminators spielt. Ein elektronisch imitierter Morgan Freeman erklärte den verblüfften Zuschauern: „Ich bin nicht Morgan Freeman“.

Und auch Tom Cruise erregte seine weiblichen Fans als artifizieller Doppelgänger. Freilich entwickelten Analysten Kriterien, nach denen man herausfinden konnte, ob der „Tom“ auf dem Bildschirm echt oder gefakt war. Solche minimalen Fehler dürften aber von KI-Entwicklern nur als Anfeuerungsrufe verstanden werden, es noch besser zu machen ― bis die Unterscheidung selbst beim besten Willen nicht mehr möglich ist.

Als ich Kim Jong-un die Hände schüttelte

Schon jetzt gibt es für diese Technik gefährliche Anwendungsmöglichkeiten. So könnte man einem ausländischen Politiker Worte in den Mund legen, die dann zu einer kriegerischen Eskalation führen. Sie und ich könnten ― ein entsprechendes Budget unseres Gegners vorausgesetzt ― zu Opfern von Fake-Attacken werden, indem Avatare durch Nazi-Sprüche unseren Ruf für immer ruinieren. Um einen Menschen mit Deep Fake zu vernichten, braucht es vor allem drei Voraussetzungen: viel Geld, Zugang zu den neuesten technologischen Entwicklungen und absolute Skrupellosigkeit. Alle diese Voraussetzungen sind bei unseren Gegnern im politischen Establishment und in den technologischen Mega-Konzernen gegeben.

Ein Händedruck zwischen Roland Rottenfußer und Kim Jong-un, der mich für immer als Diktatoren-Liebling brandmarken würde, wäre für die Bildmanipulatoren noch eine der leichteren Übungen.

Dergleichen wurde schon im Film „Forest Gump“ aus dem Jahr 1994 gemacht, in dem der fiktive Titelheld unter anderem dem echten US-Präsidenten Richard Nixon die Hand drückte.

Manipulierbar wäre auch meine Stimme. So könnte eine KI-Nachbildung meiner Person in die Kamera sagen: „Ich finde übrigens, dass Israel kein Recht hat zu existieren“. Und am nächsten Morgen würden alle Zeitungen titeln: „Rottenfußer leugnet das Existenzrecht Israels“, und in Zukunft hieße es für alle Zeit: „Rottenfußer ― ist das nicht dieser strukturelle Antisemit?“ Wer immer das bezweifelt, weil er mich als einen integren Journalisten kennt, könnte mit dem Hinweis auf die Videoaufnahme Lügen gestraft werden. Immer vorausgesetzt natürlich, man hält mich für wichtig genug für ein solches Manöver.

Der virtuelle Journalist

Beschränken wir uns aber vorerst auf eine Form der Manipulation, die wesentlich leichter durchführbar ist: ChatGPT ist in der Lage, innerhalb kürzester Zeit Artikel zu allen Themen zu verfassen, die sein „Besitzer“ wählt. Aber wie „objektiv“ wäre dieses dem Anschein nach völlig leidenschaftslose Programm? Die Antworten auf die Frage „Schreib mir bitte einen Artikel über die Coronapandemie!“ könnten durch Voreinstellungen manipuliert sein. Mein Schwiegersohn hat es einmal ausprobiert und bekam zunächst sehr linientreue Aussagen zu Corona ― quasi als spräche ein virtueller Lauterbach. Erst als er ein paar „alternative“ Artikel in das Programm einspeiste, schien das Programm teilweise „umzulernen.“

Denkbar ist aber, dass ChatGPT in den ersten Jahren nach der Einführung zunächst sehr „objektiv“ über alles schreibt, dann aber, wenn sich alle daran gewöhnt haben und quasi psychisch davon abhängig geworden sind, die Falle zuschnappen lässt und nur noch regierungstreue Texte fabriziert. Auch bei Google und YouTube waren ja anfangs nicht alle Möglichkeiten der Meinungssteuerung, der Zensur und der Belästigung der Zuseher durch Werbung genutzt worden. Dies kam erst dann zur Reife, als sich die Menschen an die Plattformen gewöhnt hatten und sich das Leben ohne sie nicht mehr vorstellen konnten. Bei YouTube „verschwanden“ zum Beispiel regelmäßig coronaskeptische Videos; wenn diese dennoch gnädigerweise zugelassen wurden, standen darunter ― oft gegen den Willen der Urheber ― Propaganda-Links mit systemtreuer Schlagseite.

Bedenklich wäre, wenn sich ― was sich jetzt schon andeutet ― immer mehr Menschen auf das Urteil von ChatGPT verlassen würden. Wenn sich also die Ansicht durchsetzen würde, das Programm sei im Grunde vernünftiger als die meisten Menschen, man könne dem Urteil des Wunderprogramms in allen Dingen trauen. Auch in uns weltanschaulich nahestehenden Publikationen finden sich technikoptimistische Aussagen. So veröffentlichte der Schweizer Zeitpunkt, Ausgabe Februar/April 2023, ein Interview mit ChatGPT mit dem Titel: „Kriegstreiber, übergebt das Kommando der künstlichen Intelligenz!“ In der Einleitung zeigte sich die Redaktion sehr zufrieden, dass das Chat-Programm zu Verhandlungen mit Russland riet. Ja, das ist vernünftig, aber hat sich die Meinung, „Chat GPT“ sei klüger und menschlicher als jeder Politiker, erst durchgesetzt, würde von einer weltanschaulich tendenziösen Programmierung eine große Gefahr ausgehen. Wie, wenn Chat GPT in naher Zukunft immer zur Eskalation der Gewalt gegen Russland riete?

Die Maschine, die mich liebte

Gerhard Polt sagte ja in einem Sketch über seinen Schäferhund: „Er ist mir lieber wie praktisch ein jeder Mensch“. Dies könnte auch mit auf Algorithmen basierenden Programmen passieren. Im Film „Her“ von Spike Jonze verliebt sich Joaquin Phoenix in ein Computerprogramm, das im Original von der Stimme Scarlett Johanssons gesprochen wird. „Sie“ versteht ihn besser, als es jede reale Frau könnte, denn es handelt sich um ein lernendes Programm, das sich im Laufe der zahlreichen Dialoge immer genauer auf die Bedürfnisse seines Besitzers einstellen kann. „Sie“ wird nie ungeduldig, ermüdet nicht und stellt keine eigenen Ansprüche. Eine solche „Frau“ hätte allenfalls den Nachteil, dass sie auf Dauer langweilig wirkt. Für diesen Fall könnte dem Programm jedoch ein „Widerspenstigkeit“-Befehl eingebaut werden, um die Illusion zu perfektionieren, dass man es mit einem wirklichen Menschen zu tun hat.

Virtuelle „Idealpartner“ ― dieser Science-Fiction-Vision ist die Wirklichkeit schon sehr nahegekommen. Jedenfalls was die verbale Ebene betrifft. Körperliche Bedürfnisse können noch nicht so gut befriedigt werden, wie es manche Androiden-Filme („Ich bin dein Mensch“, „Real Humans“, „Better than us“) anschaulich darstellen. In der „Black Mirror“-Folge „Wiedergänger“ verliert Martha ihren geliebten Mann Ash bei einem Autounfall. Sie erfährt von einem neuen Chatprogramm, das in der Lage ist, durch Analyse der E-Mails und Texte des Verstorbenen dessen Tonfall und Wesensart perfekt nachzuahmen. Binnen kurzem hat Martha das Gefühl, wirklich mit Ash zu kommunizieren. Das schenkt ihr anfangs einigen Trost. Schwieriger wird es, als eine Roboterpuppe in Gestalt des Geliebten angeliefert wird. Diese agiert allzu glatt und devot und vermag die Ansprüche ihrer Besitzerin gerade deshalb nicht zu erfüllen. Martha fehlt ein echtes „Gegenüber“. Verärgert entsorgt sie den humanoiden Roboter auf dem Dachboden.

Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis virtuelle Partner lieferbar sein werden. Stufe 1, der perfekte Chatpartner, ist ja schon jetzt verfügbar. Die wenigsten dürften sich dann daran stören, wenn das Programm weltanschaulich kaum von einem Karl Lauterbach oder Robert Habeck zu unterscheiden sein wird.

In einer zukünftigen Pandemiekrise zum Beispiel könnte das Programm nachfragen: „Hast du deine Maske eingepackt? Du willst doch dich und andere schützen!“ Oder: „Bei dir wäre jetzt die vierte Impfung fällig. Du willst doch nicht, dass es dir so geht wie den Querdenker:innen!?“ Oder: „Möchtest du nicht deine Duschtemperatur um 2 Grad vermindern und die Duschzeit auf eine halbe Minute begrenzen. Ich bin überzeugt, dass du Putin damit einen schweren Schlag versetzen würdest.“ Die meisten würden, kämen derartige Sätze aus ihrem Notebook, gar nicht daran denken, dass sie mit einer künstlichen Intelligenz sprechen. Von den meisten realen Partnerinnen und Partnern war in den Jahren 2020 bis 2023 ja auch nichts anderes zu hören, und auch sie waren ja in gewisse Weise programmiert.

Programme, die ihre Menschen programmieren

Künstliche Intelligenz und natürliche Dummheit sind mitunter gar nicht so leicht voneinander zu unterscheiden. Wie ein Auto, dass vernehmlich piepst, wenn man es versäumt hat, sich vor der Fahrt anzuschnallen, würde das Chatprogramm mit der Zeit zu einem wirkungsvollen Erziehungsinstrument für seinen Besitzer werden. Dieser wäre einem Nonstop-Nudging ausgesetzt, meist ohne dies überhaupt zu bemerken.

Im Klartext: Endverbraucher würden von Programmen programmiert werden. Nicht nur werden Roboter immer menschenähnlicher ― auch wir „Organischen“ kommen ihnen auf halbem Weg entgegen. Wir handeln immer weniger frei und immer mehr so, wie es uns Politiker und ihnen gewogene Medien einprogrammiert haben.

Schon deshalb ist die Angst, dass uns Roboter bald den Rang ablaufen könnten, berechtigt. Wir ähneln ihnen charakterlich ― vor allem, was das völlige Fehlen gedanklicher Eigenständigkeit betrifft ―, sind jedoch weitaus weniger pflegeleicht und leistungsfähig.

Kehren wir aber an den Anfang des Artikels zurück ― zur Frage „Realität oder KI-generierte Illusion?“. Es ist ja ein netter Spaß, wenn auf einem Bildschirm Arnold Schwarzenegger durch einen künstlichen Sylvester Stallone ersetzt wird. Gefährlich würde es jedoch, wenn auf unseren Bildschirmen Deep-Fake-Politiker mit realer Macht auftauchten. Oder ein holografischer Kanzler, der von interessierten Kräften gesteuert würde.

Nun werden manche einwenden: Schlechter als Olaf Scholz kann so ein Hologramm auch nicht agieren. Und wirkt der Merkel-Nachfolger nicht schon jetzt irgendwie wie ferngesteuert? Körperliche Berührbarkeit ist vorerst eines der letzten Unterscheidungsmerkmale zwischen Menschen und Hologrammen, zum Beispiel zwischen einem ABBA-Mitglied und seinem „Abbatar“. Würde aber zum Beispiel eine neue Pandemie ausbrechen, die es dem Kanzler verböte, die Hände seiner Untertanen zu schütteln oder ihnen näher als drei Meter auf den Pelz zu rücken, so wäre der Unterschied nicht mehr feststellbar ― ein Hologramm könnte endgültig „übernehmen“.

Gibt es Karl Lauterbach überhaupt?

Oder mal anders herum gefragt: Wie können wir eigentlich so sicher sein, dass Karl Lauterbach jemals echt war? Haben Sie ihn schon mal persönlich berührt? Ich nicht. Alles könnte Fake gewesen sein. Wenn die Technik weiter fortgeschritten ist, als dies in der Öffentlichkeit allgemein bekannt ist, könnten Menschen auf unfassbar wirkungsvolle Weise getäuscht werden. Diese Erklärung ist zum Beispiel im Fall Lauterbachs plausibel. Denn welcher echte Mensch würde über Jahre so viel Unsinn verzapfen wie der derzeitige Gesundheitsminister, was schon auf Programmierfehler schließen lässt? Man denke etwa an die in Endlosschleife ausgestoßenen Warnungen vor der nächsten Infektionswelle. Und wer würde sich so ganz mit Haut und Haaren in den Dienst der Pharmaindustrie stellen, es sei denn, er ist ― nun ja ― programmiert?

Ob Deep Fake und weit entwickelte Chat-Programme wirklich gefährlich werden können, hängt von den Absichten derjenigen ab, die diese fortgeschrittene Technik kontrollieren und bezahlen können. Dass die Technik ausreichend entwickelt ist oder es schon sehr bald sein wird, können wir eigentlich voraussetzen. Was uns dann noch vor der totalen Manipulation durch die „Eliten“ schützen würde, wären allenfalls plötzliche moralische Skrupel, wäre unerwartete Güte. Und wann in der Geschichte hat es diese überall auf der Welt und über einen längeren Zeitraum gegeben?

Die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang bringen

In den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hatte ein genialer Schriftsteller namens George Orwell die Idee, ein totalitäres Regime könne die Vergangenheit verändern, weil dies seiner Absichten einer vollständigen Kontrolle der Bevölkerung entgegenkäme.

Winston Smith, die Hauptfigur des Romans „1984“, war ja von Beruf Vergangenheitsfälscher im Wahrheitsministerium. Er passte historische Dokumente dem jeweils in der Gegenwart von der Partei vorgegebenen Narrativ an, zum Beispiel indem er Schriftzüge und Bilder manipulierte. Dieses Verfahren hatte Orwell von Stalin abgeschaut, der ehemalige politische Gegner, die in Ungnade gefallen waren, aus Fotos herausretuschieren ließ. In „1984“ räsoniert Winston Smith:

„Dieser dauernde Umwandlungsprozess vollzog sich nicht nur an den Zeitungen, sondern auch an Büchern, Zeitschriften, Broschüren, Plakaten, Flugblättern, Filmen, Liedertexten, Karikaturen ― an jeder Art von Literatur, die irgendwie von politischer oder ideologischer Bedeutung sein konnte. Einen Tag um den anderen und fast von Minute zu Minute wurde die Vergangenheit mit der Gegenwart in Einklang gebracht.“

Der Grund für dieses seltsame Verhalten des Parteiapparats wird von Orwell wie folgt wiedergegeben: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. Wer die Gedanken kontrolliert, kontrolliert die Realität!“ Damit wird nicht nur der ideologische Zweck von Geschichtsfälschung zur Kontrolle des Massenbewusstseins durch eine politische „Elite“ offengelegt ― die Realität selbst wird als etwas Relatives und somit interessenbedingt Formbares definiert. Es schließt sich dann einer der berühmtesten Sätze aus „1984“ an:

„Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten ― wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten ―, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.“

Der Sensivity-Terror

Im heutigen Deutschland gibt es (noch) kein Wahrheitsministerium, jedenfalls keines, das sich offiziell so nennt. Was wir dagegen haben, ist Wokeness, sind „Sensitivity-Beauftragte“. Führen Sie sich vor dem Hintergrund der Warnungen George Orwells einmal diese scheinbar harmlose Nachricht zu Gemüte: Der britische Puffin-Verlag hat Bücher des Schriftstellers Roald Dahl im Sinne aktueller Correctness-Vorgaben umgeschrieben. So wurde die als zu grob empfundene Bezeichnung „fett“ für einen Menschen durch „umfangreich“ ersetzt, und auch die Begriffe „Mann“ sowie „weiblich“ wurden im Sinne der Gendertheorie teilweise ersetzt.

„Dieses Buch wurde vor vielen Jahren geschrieben, und deshalb überprüfen wir die Sprache regelmäßig, um sicherzustellen, dass sie auch heute noch von allen geschätzt werden kann.“

So erklärt der Verlag in den Anmerkungen zum Buch. Warum bitte sollte ein Werk „von allen geschätzt werden?“ Ist das eine legitime Anforderung an Literatur? Und sind wirklich „alle“ froh darüber, wenn sie sich nicht mehr darauf verlassen können, ob ein Verlag die Absicht und die Wortwahl des Verfassers getreu wiedergibt? Anders gesagt:

Wollen „alle“ Menschen Bücher lesen, deren Sprache klingt, als wäre sie zuvor durch die woke Gehirnwaschanlage gelaufen?

Viele kennen vielleicht auch dieses Beispiel: Der „Negerkönig“ bei Pippi Langstrumpf, der sich unversehens in einen „Südseekönig“ verwandelt hat. Und in dem von Diether Dehm getexteten Lied „1000 und eine Nacht“ wurde anlässlich einer Coverversion, die kein Geringerer als Florian Silbereisen sang, plötzlich nicht mehr „Indianer gespielt“, sondern nur noch „zusammen gespielt“. Da kann man froh sein, wenn Friedrich Schillers „Räuber“ nicht demnächst „Die Räuber*innen“ oder „Die Raubenden“ heißen, wenn Maxim Gorkis „Die Mutter“ nicht in „Die gebärende Person“ umbenannt wird und William Shakespeares „Mohr von Venedig“, also Othello, nicht unversehens als „Die Person of Colour von Venedig“ auf die Bühne kommt.

Dabei ist es klar, dass die alten Begriffe nicht selten unfreundlich und hässlich klingen und dass es kein sinnvoller Akt des Widerstands gegen Meinungsgleichschaltung wäre, diese gegenüber Vertretern von Minderheiten zu verwenden. Hinter dem Versuch ihrer Glättung -― selbst rückwirkend in die Vergangenheit ― steht jedoch eine arrogante Übergriffigkeit des Gegenwärtigen, das sich selbst absolut setzt.

Die politisch Tonangebenden von heute können gar nicht so ungebildet und inkompetent sein, dass sie sich nicht ein Urteil über Geistesgrößen der Vergangenheit anmaßen würden. Schlimmer als eine Abänderung von sprachlichen Ausdrucksmitteln der Vergangenheit wäre es aber, wenn nach mehreren solcher Sensitivity-Eingriffen niemand mehr sagen könnte, was eigentlich ursprünglich in dem Buch gestanden hatte. Das wäre die De-facto-Auslöschung der Vergangenheit mit der Begründung, vergangene Jahrhunderte hätten es versäumt, schon damals vorauseilend im unfehlbar sensitiven Sprachmodus von heute zu formulieren. „Eurasien war nie im Krieg mit Ozeanien“, und der Südseekönig bei Pippi Langstrumpf hieß auch immer schon so.

Die verformbare Realität

In Orwells „1984“ sagt einer der Exponenten der Diktatur, ein paar Jahrzehnte später würde niemand mehr in der Lage sein, das Konzept „Freiheit“ zu verstehen. Manchmal habe ich das Gefühl, diesen Punkt hätten wir schon heute erreicht.

Mit dem Verschwinden der Freiheit aber gerät auch die Wahrheit unter Beschuss. Wenn diese fällt, wird Realität zu einer gummiartig verformbaren Größe in den Händen mächtiger Einflussnehmer.

Freiheit ist Sklaverei, und eine Person mit Penis und Bart ist eine Frau. 2 plus 2 ist auch nicht unbedingt 4, wenn die Partei ― heute vielleicht die Grünen ― das Gegenteil vorgibt. Wer die Gedanken kontrolliert, kontrolliert die Realität. Und wir haben während der Coronajahre gemerkt, wer die Macht innehat über die Gedanken der Massen. In einem Medium, von dem die Menschen gewohnheitsgemäß Wahrheit erwarten, ist die Lüge doppelt gefährlich. Und Bildern und Filmen wird generell ein höherer Wahrheitsgehalt zugesprochen als Behauptungen in Zeitungen.

Die größte Gefahr für die Erkenntnis der Wahrheit ist die wachsende Perfektion der Fälschungen. Diese wiederum ist eine Frage der Technik. Schreitet die Technik schneller voran, als sich Menschen an sie gewöhnen und die Fähigkeit entwickeln können, sie zu hinterfragen, so wird man uns in naher Zukunft alles, wirklich alles als wahr verkaufen können. In einer Zeit wachsender Verwirrung, in der schon jetzt kaum noch jemand Fakten von Fake unterscheiden kann, werden dann vor allem zwei strategische Vorteile darüber entscheiden, was öffentlich als Wahrheit gilt: Der erste ist Macht, die die ihr Unterworfenen zum Glauben geneigt macht, weil niemand in Konflikt mit einem Stärkeren geraten will. Der zweite Vorteil besteht in propagandistischen Werkzeugen, um Behauptungen durch andauernde Wiederholung in den Köpfen und im Unterbewusstsein der Bürger zu verankern.

Man darf raten, welche Kräfte des öffentlichen Lebens über beides im Überfluss verfügen. Wir „kleinen“ freien Medien sind es jedenfalls nicht. Wir können nur weiter versuchen, Denk- und Wahrnehmungsalternativen anzubieten, um den Menschen überhaupt erst etwas wie Entscheidungsfreiheit zwischen verschiedenen „Realitäten“ zu ermöglichen.


Am 27. März erschien „Strategien der Macht“ von Roland Rottenfußer. Hier können Sie das Buch bestellen: als Taschenbuch oder E-Book.


Klappentext:

Wenn jetzt nicht etwas Grundlegendes geschieht, dann war’s das mit der Freiheit. Und nicht die Angriffe ihrer Gegner werden ihr den Garaus machen — die Gleichgültigkeit derer, die sie so lange genossen, wird es tun.

Pandemien, Weltkrieg, Klimanotstand: Die Freiheit schwebt in höchster Gefahr. „Freiheitsgesäusel“? „Mehr Diktatur wagen“? Was ist kaputt in den Herzen und Köpfen der vielen, dass sie sich selbst und ihre Freiheit so geringschätzen, ja regelrecht verachten? Warum stimmen sie ihrer eigenen Entrechtung zu und scheinen in ihre Ketten geradezu verliebt?

Roland Rottenfußer zeigt: Wir sind Gefangene unserer Illusionen, Gefangene der Lügen und Strategien der Macht. Doch der Kaiser ist längst nackt, der Zauberer von Oz nur ein größenwahnsinniger Zwerg, der an Hebeln zieht. Erkennen wir, dass unsere Angst grundlos ist, fällt der Bann von uns ab und finden wir zurück in unsere Wahrheit und Kraft:

„Wäre die Freiheit eine Person, eine schöne Göttin — was würde ich ihr sagen? Vor allem eines: Verzeih uns! Verzeih uns diesen erbärmlichen, unwürdigen Verrat. Es wird nie wieder vorkommen. Von nun an werden wir besser für dich kämpfen.“

Rottenfußers Buch ist eine Liebeserklärung an die Freiheit und individuell-kollektive Revolutionsanleitung zugleich. Der Weg liegt vor uns, wir müssen ihn nur noch gehen. Ganz nach der Devise von Bertolt Brecht: „Wenn die Wahrheit zu schwach ist, sich zu verteidigen, muss sie zum Angriff übergehen.“


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