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Die Einsamkeit des Genies

Die Einsamkeit des Genies

Was die Seele nährt, überlebt in einem Umfeld, wo Mittelmaß dominiert, oft nur durch Zufall.

Genies treten nicht in Rudeln auf, bemerkte der geniale Dramatiker Heiner Müller einmal. Wohl wahr. Allenfalls in den Speisekammern der Kreativität, wo Proviant für Jahrhunderte lagert. Dort mögen sie sich drängeln, die Dichter und Denker, die Maler, Musiker und gesegneten Misanthropen, die Ingenieure und Baukünstler, die Bildhauer, Erfinder und Entdecker, die Philosophen, Forscher und Komponisten, die Heiler und Helfer, die Revolutionäre, die Strategen und Visionäre, Propheten und Landschaftsgärtner, die traurigen Poeten, auch Staatsmänner sind dabei, denken wir an Marc Aurel oder diverse chinesische Kaiser. Sie alle stehen an, um ihr Ingenium zu empfangen, mit dem sie ihrer zugewiesenen Epoche Glanzlichter aufsetzen, deren Strahlkraft von ihren Zeitgenossen für gewöhnlich verkannt wird, um dem Volk später, wenn das Genie längst wieder in der Speisekammer ansteht, als wissenschaftliche oder kulturelle Zierde zu dienen.

Arme Genies. Sie tragen schwer und werden zu Lebzeiten meist verkannt oder missverstanden, verboten manchmal, häufig lächerlich gemacht und vom Hof gejagt von den geistigen Kleingärtnern ihrer Generation, die ihr gescheitertes Leben auf den Marktplätzen als Offenbarung verhökern.

Gepeitscht von außen und gepuscht von innen, weil das verliehene Talent keine Kompromisse an den Zeitgeist duldet.

Ich beschränke mich hier auf die Künstler unter den Freigeistern. Igor Strawinsky steht für viele. Die Uraufführung seines Balletts Le Sacre du Printemps eskalierte zum größten Skandal der Musikgeschichte. Das Pariser Théâtre des Champs-Elysées verwandelte sich am 29. Mai 1913 in ein Schlachtfeld. Das Publikum begrub die Darsteller unter einen Schwall von Beleidigungen und verteilte Ohrfeigen gegen jedermann, der ruhig sitzen blieb. Das Theater leerte sich noch während der Vorstellung. Heute zählt Le Sacre du Printemps zu den einflussreichsten Werken der Musik- und Kulturgeschichte, das den Übergang zur Moderne markiert.

Und Bach. Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Als Thomaskantor und Musikdirektor zu Leipzig stand er ständig unter Beobachtung des Leipziger Stadtrates und der Kirchenverwaltung. Die sechs Kantaten seines Weihnachtsoratoriums waren den Herrschaften zu komplex, zu dramatisch und zu opernhaft. Heute gehört Bachs Weihnachtsoratorium, das er 1734 unter enormen Zeitdruck und gegen erheblichen Widerstand komponierte, zu den absoluten Highlights der Musikgeschichte.

Blaise Cendrars (1887 bis 1961) fällt mir ein, ein französisch-schweizerischer Dichter und Abenteuer, dem ein Missgeschick der besonderen Art passierte. Cendrars erzählt in seinen Erinnerungen von einem Roman, den er geschrieben und auf dem Weg zum Verleger nach einer amourösen Begegnung in einem Pariser Stundenhotel liegen gelassen hat, wo es vom eintreffenden Reinigungspersonal sofort der frühen Müllabfuhr übergeben wurde. So kann ein Stück Weltliteratur uns eben auch vorenthalten werden. Das Manuskript umfasste 1.800 Seiten und trug den Titel: EUROPA OHNE KOPF. In ihm ging es darum, dass die jungen Pariser Maler Picasso, Braque, Léger, die Musiker Satie, Strawinsky und Ravel sowie die Dichter Apollinaire, Max Jacob und Cendrars selber, die alle noch unbekannt waren, von einer Verbrecherbande im Auftrag des Staates ermordet werden, damit ihr „Ungeist“ die Gesellschaft nicht unterminiert. Cendrars:

„Es ging um die Frage, ob man die geistige Zukunft Europas und damit der Welt, der Vormundschaft der Journalisten, Politiker und Pseudokünstler überlassen darf.“

Und wenn es Max Brod (1884 bis 1968) nicht gegeben hätte, wäre die Welt zwar immer noch kafkaesk, aber den Begriff gäbe es nicht, der sich auf das Werk Franz Kafkas bezieht. Brod war es, der Kafkas unveröffentlichte Manuskripte nicht verbrannte, wie es sein Freund verlangt hatte, sondern sie herausgab. Ohne Brod wären Der Prozess, Das Schloss oder Der Verschollene verloren gegangen.

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“, betonte Kafka gegenüber Brod.

Aber dieser Befreiungskampf gehe niemanden etwas an. Dichterblut sei heilig und dürfe niemals zur Schau gestellt oder an fremden Federn kleben.

So dachte sicher auch Fernando Pessoa (1888 bis 1935). Pessoa war Angestellter eines Lissabonner Handelshauses, er arbeitete am Stehpult, wo er die meisten seiner Texte niederschrieb, um sie nach Feierabend bei sich zuhause in einer Truhe zu verstecken. Dort wurden sie nach seinem Tod durch Zufall entdeckt. Auf diese Weise ist uns Das Buch der Unruhe geschenkt worden und auch alle anderen Texte, die er unter den Pseudonymen Alberto Cairo, Ricardo Reis und Álvaro de Campos verfasste.

Ein befreundeter Maler schenkte mir vor Kurzem ein Bild, in das ich mich auf einer seiner Ausstellungen verliebt hatte. Es ist ein übermaltes Plattencover der Kindertotenlieder von Gustav Mahler. Ich habe es soeben aufgehängt. Nun ist das so eine Sache mit dem Aufhängen von Bildern. Die Dinge in meiner Wohnung stehen in einer sehr ausgewogenen Komposition zueinander, sie alle beanspruchen ihre Sphäre. Pflanzen, Bilder und Möbel sind eifersüchtiger, als wir denken. Allerdings spürte ich, dass mein „Salon“ noch Platz barg, dass er dieses Kunstwerk sogar nötig hatte. Es galt lediglich, die passende Stelle ausfindig zu machen. Das ist nicht einfach, es kann eine Angelegenheit von Millimetern sein. Aber wie von Zauberhand schien das Bild seine Position von selbst zu finden. Die Bestätigung ließ nicht lange auf sich warten: zum ersten Mal seit Tagen kam die Sonne hervor und über die verfremdeten Kindertotenlieder legte sich der schmale Schatten des Fensterkreuzes.

Warum erzähle ich das? Auch Gustav Mahler gehörte zu den verkannten Komponisten der Moderne. Die meisten seiner Werke fanden erst nach dem Tod Anerkennung. Die erwähnten Kindertotenlieder und auch Das Lied von der Erde haben mich tief berührt und tun es noch heute.

Sie und viele andere Zeugnisse großer Geister sind nicht auf aktuellen Beifall angewiesen, sie sind in die Zeit gelegt worden und treiben ihre Blüten dort nach eigenen Gesetzen. Wir sind es dann, die sie pflücken dürfen. Leider nicht zum Entzücken ihrer Schöpfer, denn die sind häufig vor uns gegangen, einsam, missachtet oder missverstanden. Ein Los, das wir Gemeinsterblichen nicht tragen müssen — weil wir unsere Seelen mit ihrer genialen Hinterlassenschaft immer wieder aufs Neue füttern können.


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