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Die Lynchjustiz der Herzen

Die Lynchjustiz der Herzen

Mit einer App versuchen russische Frauen einander vor Dates mit Männern zu warnen, die den eigenen Ansprüchen nicht genügt haben.

„Wir haben uns auf Pure kennengelernt. Er war nett, aufmerksam, wir haben zwei Wochen lang über alles geschrieben. Keine Nudes, kein Druck, einfach normal.

Dann treffen wir uns in einer Bar. Zwei, drei Stunden reden, essen, trinken. Danach zu mir. Wieder reden. Dann heißer Sex. Er so: Ich bleib heute Nacht.

Und dann fragt er: Hast du Mineralwasser da. Ich sage nein. Er sagt: Kein Problem, ich geh kurz in den Laden um die Ecke.

Er geht raus.

Und kommt nicht zurück. Kein Anruf, keine Nachricht, keine Reaktion. Einfach weg.

Und ich sitze da und denke: Wozu der ganze Aufwand? Zwei Wochen Charme, zwei Stunden Bar, großer Auftritt, und dann flieht er wie ein Dieb. Mit einer Ausrede. Wegen Mineralwasser. Einfach widerlich!“

Das ist ein Posting aus der Telegram Gruppe blacklistrussianemigration, jenem digitalen Verbraucherschutz, bei dem „Frauen“ sich gegenseitig alarmieren sollen. Eine Art toxischer Lonely Planet: Berlin, Tiflis, Istanbul, überall rote Kärtchen, damit russischsprachige Frauen in der Fremde nicht aus Versehen an einen Mann geraten, der sich später als emotionaler Totalschaden entpuppt.

Die Betreiberinnen betonen ausdrücklich: Nichts wird gelöscht, Gegendarstellungen sind nicht vorgesehen, Kontrolle findet nicht statt. Statt Redaktion gibt es einen Durchlauferhitzer, mehrmals täglich.

Beinahe 80.000 Abonnenten klicken sich da durch, und längst nicht alle davon sind Russinnen auf aktiver Partnersuche. Das ist von der Dimension her Sitcom-Publikum auf einem Privatsender. Man guckt mit, weil es läuft. Was auch verständlich ist, denn wir haben es mit einer dramaturgischen Maschine zu tun, die aus jedem Satz eine Szene macht und aus jeder Szene ein Urteil. Das Genre der öffentlichen Denunziation bringt eine eigene Sprache hervor: pathetisch, gekränkt, bühnentauglich, auch wenn der Vorhang nur ein Bildschirm ist.

Bei Weitem nicht jede Geschichte ist so harmlos wie die eingangs zitierte. In der Gruppe stapeln sich die Anschuldigungen: von schäbigen Übergriffen und Anzüglichkeiten über Betrug und Untreue bis zu finanzieller Unredlichkeit sowie psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt.

Ob hinter den Vorwürfen Substanz steht, kann niemand seriös behaupten. Die Administratorinnen erklären ausdrücklich, dass sie nichts überprüfen. Damit taugen die Meldungen nicht als Faktenbasis. Und wenn darin Delikte mit strafrechtlicher Relevanz geschildert werden, dann gehört das in die Hände der Polizei, nicht vor ein besorgtes Publikum. Warum wurde dann keine Anzeige erstattet?

Es werden Fotos, Klarnamen und teils intimste private Informationen über die Männer veröffentlicht und damit deren Ruf, Familie und Existenz beschädigt. Über Schuld und Sühne soll dann nicht ein Richter nach dem Gesetz entscheiden, sondern die Öffentlichkeit nach ihrem kollektiven Gewissen, wie in einem amerikanischen Dorf, das nach Gefühl darüber befindet, ob Jimmy schuldig ist, ob man ihn hängen muss oder vielleicht doch nicht. Für Lynchjustiz taugen Geschichten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die dramaturgische Grundlinie dieser Geschichten ist fast immer dieselbe: Ich lerne ihn auf einer Dating App kennen und noch bevor man „Hallo“ sagen kann, trudeln ungefragt Dickpics ein. Charmant wie ein nasser Waschlappen.

*„Beim ersten Date erscheint er dann bestens vorbereitet: zugedröhnt, schlecht gelaunt, schlecht angezogen, schlecht rasiert. Schon nach den ersten Minuten fängt er an zu grabbeln und im Restaurant ist Gleichberechtigung plötzlich sein großes Thema, wenn es um die Rechnung geht. Wir hatten wilden Sex. Mir hat es nicht gefallen. Ich wollte fliehen, blieb aber.

Eine Woche später ist er eingezogen. Und das ist der Moment, in dem sein 'eigenes Busines' sich als sehr schlankes Geschäftsmodell entpuppt: arbeitslos, Drogen, Glücksspiel. Ein Start up, nur eben ohne Start und ohne Up. Er praktizierte Abuse, Gaslighting, Love Bombing, Ghosting, Breadcrumbing, Mansplaining, Boundary Setting, Trauma Bonding, Weaponized Incompetence, Hoovering, Silent Treatment, Stonewalling, DARVO, Triangulation, Projection, Devaluation, Intermittent Reinforcement, Emotional Neglect, Future Faking und klassische Commitment Issues.

Zwei Jahre lang lebte er auf meine Kosten und verzockte mein ganzes Geld. Außerdem ging er mir fremd und brachte seine Affären sogar mit nach Hause. Am Ende schrieb er mein Eigentum auf sich um und verschwand. Mädchen, meine Lieben, Schwestern, seid vorsichtig: ein gefährlicher Narzisst, ein Manipulator, ein Gaslighter, ein emotionaler Vampir.“

Wenn ich solche Texte lese, muss ich an de Sades Justine denken. Dieselbe Opferökonomie, derselbe Anspruch auf Makellosigkeit und Rechtschaffenheit um den Preis, die eigene Subjekthaftigkeit preiszugeben.

Was dabei besonders auffällt: Bei allen Beteuerungen von „Feminismus“ sprechen die Verfasserinnen dieser Denunziationstexte aus einer Haltung nahezu vollständiger Unsouveränität in der eigenen Entscheidungsfindung, aus Selbstobjektivierung. Und das ist folgerichtig: Würde Verantwortung bei einem selbst beginnen, müsste man die Logik der Denunziation verlassen und in den Dialog eintreten.

Das wäre ein anderes Genre, nicht weniger dramatisch, aber ungleich komplexer.

Bei de Sade ist es die Unschuld, die Justine in jeder Runde brav am Eingang abgibt. Hier sind es Konto und Wohnungstür: PIN raus, Schlüssel rein, herzlich willkommen im All inclusive Paket. Die Pointe bleibt dieselbe: Sie gibt, er nimmt und jeder neue Absatz demonstriert zuverlässig, dass die Welt keine pädagogische Anstalt ist, sondern ein Hochleistungsbetrieb zur Verwertung von Gutgläubigkeit.

Die poppsychologischen Begriffe sind das heutige Gegenstück zu de Sades moralischen Etiketten. In Justine heißen die Täter Libertins, Monster, sündige Priester, das sind Rollen, sofort erkennbar wie Masken im Theater. Heute tragen sie andere Kostüme: Narzisst, Gaslighter, Manipulator, emotionaler Vampir. Das sind keine Diagnosen, das sind Abzeichen fürs Profil und fürs Tribunal zugleich.

So wird das Erlebte in ein Schema gepresst, das jeder sofort versteht: einmal etikettieren, zack, abgeschlossen. Wie bei Justine die Predigt, die alles erklärt, nur dass die Erklärung nichts heilt. Sie ordnet, sie beruhigt, sie liefert Sätze für den nächsten Post.

Und dann kommt die eigentliche Gegenwartsform: der Chor. Justine ist bei de Sade nie allein, um sie herum reden ständig Predigt und Gegenpredigt, Tugend und Laster als Stimmen, die das Geschehen kommentieren wie ein moralisches Dauerrauschen. Wir haben davon die digitale Version: Mädchen, Schwestern, seid vorsichtig. Das ist Warnruf an den Stamm, zugleich Selbstvergewisserung und Rekrutierung. Der Text will nicht nur erzählen, er will Gefolgschaft organisieren, ein Lager bilden, eine Frontlinie ziehen.

Warum spielen manche Frauen so eine Justine? Weil die Justine Rolle eine mächtige Erzählmaschine ist: Sie gibt dem Chaos Form, indem sie Recht behält. Wer sich als Justine erzählt, ist nicht einfach jemand, dem etwas Dummes passiert ist, sondern eine Figur im moralischen Drama. Das soll Würde retten, gerade dann, wenn man über sich selbst Unwürdiges erzählen muss. Scham wird in Sinn umgeschrieben.

Weil die Rolle Gemeinschaft erzeugt. Der Post ist ein Lagerfeuer, an dem man sich Wärme holt. Wer Justine sagt, ruft Schwestern. Wer Schwestern ruft, bekommt Likes, Zuspruch, Schutzfantasien.

Und dann kippt es in Marktlogik. Plötzlich gibt es Konkurrenz auf dem Opfermarkt: Je mehr Opferhaftigkeit man sich zuschreibt, desto höher steigt der Kurs, desto teurer wird das Mitleid. Eine Auktion der Verwundbarkeit, bei der jede neue Geschichte den eigenen Wert steigern soll.

Weil die Rolle auch Verantwortung auslagert, ohne es offen aussprechen zu müssen. Bei Justine sind Schicksal, Welt und Verderbnis schuld, letztlich ist es ein Gott, der den Tugendhaften seinen Beistand versprochen hat. In der poppsychologischen Version erledigt das ein Etikett am Täter, das alles erklärt. Dann muss man nicht mehr über eigene Entscheidungen sprechen, über das Bleiben, die zweite Chance, die dritte. Man erzählt ein Muster statt einer Entscheidung. Und Muster entlasten. Und die poppsychologischen Begriffe sind die Hashtags dazu: Genre Markierungen, damit auch wirklich niemand verwechselt, was er hier konsumiert.

Weil die Rolle moralische Überlegenheit konserviert, selbst wenn drum herum alles brennt. Justine bleibt tugendhaft, egal durch welche Abgründe man sie jagt. Der Text wäscht sie mit jedem Kapitel noch weißer und genau dadurch bekommt man die Lizenz, die Welt zu verdammen. Psychologisch ist das ein Volltreffer: Wer rein bleibt, muss nicht ambivalent sein, der muss nur anklagen.

Natürlich ist die Instanz dieses imaginären Gerichts, an die die wütenden Philippiken der gekränkten Tugend gerichtet sind, bei den Autorinnen des Kanals eine andere als bei Justine. Wenn de Sades Justine noch zum lieben Gott betet, dann adressieren diese Denunziationstexte eine diffuse progressive Zentrale, eine abstrakte Hillary Clinton mit der Dritten Pazifikflotte unterm Arm, bereit, das Böse per Luftschlag zu erziehen. Heute spielt ihr Abuse und Gaslighting, morgen gibt’s den progressiven Luftschlag.

Es ist schon bemerkenswert, im dritten Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit immer noch diese Instanz anzurufen, aber russische Progressive schaffen es zuverlässig, eine Sekunde vor der Abfahrt in den längst abgekoppelten Waggon zu springen.

Eine positive Lösung wäre, diesen Vorwürfen einmal die Maske abzunehmen und sie als Erwartungskatalog zu lesen. Man nimmt also jeden Anklagepunkt und bildet das Gegenstück: Was sollen Männer tun, damit die klagenden Frauen zufrieden sind? Und dann landet man bei einem überraschend altmodischen Ergebnis.

Denn diese Frauen, die auf Sex Apps daten und sich dabei für progressive Feministinnen halten, verlangen im Kern nichts Revolutionäres, sondern eine ganz klassische Beziehung mit ganz traditioneller Rollenverteilung. Er soll im Restaurant zahlen, aber bitte aus freier Einsicht und nicht als Patriarch. Er soll verlässlich sein, treu bleiben, obwohl man sich ja eigentlich nichts schuldet. Er soll stark sein, übernehmen, schützen, führen, liefern, kurz: der alte Mann aus dem alten Film, nur mit dem richtigen Vokabular aus der neuen Zeit.

Der romantische Ausweg wäre banal und genau deshalb so selten: klare Erwartungen, klare Konsequenzen und trotzdem ein bisschen Milde. Wenn du Ritter willst, sag es. Wenn du Freiheit willst, leb sie. Aber hör auf, nachher überrascht zu sein, dass aus einem Swipe keine Ewigkeit wird. Liebe ist mehr als ein Match und weniger als ein Tribunal.


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