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Die Ersatz-Gottheit

Die Ersatz-Gottheit

Die KI taugt nur als mechanische Kopie dessen, was in Religionen verehrt wird — Leben und Bewusstsein gehen ihr ab.

In meinem Buch „Von Jahwe zur KI — der lange Schatten patriarchaler Götter“ verfolge ich die These, dass unsere gegenwärtige technologische Entwicklung — insbesondere auch die Künstliche Intelligenz — auf einem Menschenbild basiert, welches unbewusst durch das alttestamentarische Gottesbild fundamental beeinflusst ist. Auch der Versuch der Emanzipation daraus beeinflusst unser Selbstverständnis. Alles, was der Mensch erschafft — also schöpferisch-kreativ hervorbringt —, beruht zwangsläufig auf diesem speziellen Selbstverständnis. Insofern sind unsere „Erfindungen“ Spiegel unseres Selbst, unseres Glaubens an unsere Herkunft, Natur und Stellung in diesem Kosmos.

Unsere Überzeugung, in einer aufgeklärten und vom Aberglauben befreiten Welt zu leben, ist der Nährboden für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz, die bei genauem Hinsehen quasi-religiöse Züge trägt.

Wenn Bewusstsein — nach dem aktuellen wissenschaftlichen Modell — nicht mehr als ein Phänomen neuronaler Aktivität ist, führt das zwangsläufig zu der Konsequenz, dass all unsere Sehnsucht, unsere Liebe, unsere Leidenschaft, unsere Ängste, unsere Ahnungen, intuitive Eingebungen, Erinnerungen, Kreativität und natürlich alle Gedanken nichts weiter als Produkte gewisser biochemischer Aktivitäten sind. Sinn ist demnach eine chemische Zuschreibung an eine chemische Reaktion. Glaube, Religiosität und Spiritualität sind dann zwangsläufig gesellschaftlich etablierte Wahnvorstellungen. Hinter diesen Aktivitäten liegt nichts Ontologisches oder Authentisches — und damit auch nichts Wirkliches. Jedes Atom, jedes Neuron ist dann dem Wesen nach eine funktionierende Einheit, getrieben von der seelenlosen Zwanghaftigkeit mechanischer Abläufe, die trotz aller Unwahrscheinlichkeit die rein funktionelle Fähigkeit der Datenerfassung und -speicherung besitzen.

Diese Welt ist im Kern tot. Sie befindet sich in einem seelenlosen und leeren Raum, innerhalb dessen nur Funktion in Form von Ursache und Wirkung existieren, einem Raum, der ex Nihilo, aus dem Nichts, entstand und jede Frage nach einem tieferen Sinn überflüssig macht. Doch wir spüren intuitiv: Bewusstsein ist mehr als ein reiner Datenstrom, und Leben mehr als Datenverarbeitung. Deshalb kann Künstliche Intelligenz immer nur Struktur und Funktion bleiben, da sie keine Erfahrung machen kann, die darüber hinausgeht.

Bewusstsein ist eben die Grundlage von Empfindungsfähigkeit und Wahrnehmung, nicht deren Produkt. Es ist kein Hilfskonstrukt des Gehirns, um ein Ich-Gefühl oder eine Bewusstheit zu erzeugen, sondern seine Bedingung.

Bewusstes Sein bedarf der emotionalen Anteilnahme an der Existenz, einer fühlenden Verbundenheit mit der Welt, eine Fähigkeit, die künstlich nie herstellbar sein wird, kurz: eines Selbst, welches in seinen Motiven, Wertungen, Haltungen, Einstellungen und Zielen nicht völlig von außen abhängig ist. Und: Zweckgerichtetheit ist nicht gleichzusetzen mit dem eigenen Willen — das ist der entscheidende Unterschied zwischen Lebendigkeit und Künstlichkeit.

Die Simulation

Künstliche Intelligenz ist in der Lage, derartige Muster zu erkennen und zu imitieren oder zu simulieren, nur bleibt dieses scheinbare „Ich“ immer rein funktional. Seine Ziele und Verhaltensweisen folgen keiner inneren Wirklichkeit, gestaltet aus Erfahrungen, Zuständen und Werten, sondern reinen Designparametern. KI ist rein instrumentell, ihre scheinbare Intentionalität liegt in einer Beschreibbarkeit, nie aber in echtem Sein. Sie zwingt uns, den Unterschied zwischen Intelligenz und Existenz zu verstehen (1).

Auch KI ist ein Spiegel ihres Schöpfers — wie oben dargelegt —, und wir erkennen darin unsere mentale Entwicklungsstufe, unsere Hoffnungen und Befürchtungen sowie unser Selbstverständnis. Wenn es uns gelingt, eine klare Position zu finden, ist sie daher weder zu verdammen noch zu fürchten. Insofern spiegelt uns Künstliche Intelligenz unter anderem unendliches Wissen; das göttliche Potential, welches wir als Menschen in uns tragen.

Wir können an dieser Stelle feststellen: Die Annahme einer geschaffenen Welt ist der psychologische Nährboden für die Annahme, Leben und Bewusstsein erschaffen zu können. Diese Annahme mündet in der Vorstellung, die Welt technisch verbessern und technologisch umgestalten zu können, um schließlich die natürliche, gegebene Welt durch eine künstliche zu ersetzen. Das sind die Fantasien des Patriarchats, die wir nicht mehr nur in Science-Fiction-Erzählungen finden, sondern die inzwischen realiter in allen Bereichen dominierende Plätze eingenommen haben: Bildung, Unterhaltung, Nahrungserzeugung, Freizeitgestaltung und Forschungsziele der Wissenschaft folgen im Großen und Ganzen im Gleichschritt dieser global gewordenen und zur Alternativlosigkeit deklarierten Maßgabe. Dass dies langfristig nicht zu einer Erweiterung, sondern zu einer Abschaffung des Lebens führt, ist zwar längst deutlich geworden, ein nüchterner Blick auf die Lage des Planeten lässt daran kaum Zweifel; doch es gibt keine glaubwürdigen Anzeichen für die notwendige radikale Abkehr von diesem Weg.

Sämtliche Bewegungen unserer Systeme — Warenflüsse, Mobilität, Entwicklung, Ökonomie — sind abhängig vom einseitigen Fluss fossiler Substanzen, die unserem Heimatgestirn entnommen werden. Dieser Vorgang ist sprichwörtlich lebensgefährlich. Er bringt auf Dauer sämtliche ökologischen Systeme ins Ungleichgewicht, und der Punkt, an dem einige davon unumkehrbar kippen werden, wird fatale Auswirkungen auf uns haben und eine Fortführung dieser künstlichen und wuchernden Systeme wahrscheinlich unmöglich machen.

Wir sehen, welche enormen Auswirkungen unsere Vorstellung von Bewusstsein hat: Betrachten wir es lediglich als Funktion unseres Gehirns, ist es unmöglich, harmonische und friedensfördernde Bedingungen zu erschaffen; denn auf der Grundlage einer solchen Annahme befinden wir uns in einer Welt der isolierten Funktionseinheiten, als Bits und Bytes in einem zwar komplexen, aber zufälligen und sinnlosen kosmischen Chaos.

Die Allmachtsfantasie

Wäre der Vater, der keine Freiheit erlaubt, nicht schon Herausforderung genug — der Übervater, Gott, sieht auch alles. Er bemerkt die geringste Neigung, den kleinsten Impuls, die zarteste Versuchung. Nichts bleibt seinem omnipotenten Blick verborgen. Mentale Intimität und Datenschutz sind für den Höchsten nicht relevant. Da man sich seiner Liebe sicher sein muss, sollte es damit ja kein Problem geben. Ja, wem das etwas holprig erscheint, der hat die Schwierigkeit erkannt: So ist kein Frieden möglich, weder im Innen noch im Außen. Die innere Klausur, die aktive Auseinandersetzung und das immer neue Hinterfragen in einer dynamischen Umwelt braucht die intellektuelle und emotionale Abgeschiedenheit.

Es verwundert daher nicht, dass die Substitut-Gottheit „KI“ von ihren „Schöpfern“ auf Datenschutz ausgelegt ist. Und es verwundert ebenso wenig, dass sie mindestens so datenhungrig ist wie ihr Vorbild — immerhin geht es um nicht weniger als um Allmacht, wozu Allwissen unumgänglich ist.

Dem Leben auf der Spur

Das Leben leben — es ist schwer, etwas wirklich tun zu können, was man entweder nicht in der Tiefe versteht oder dabei ist, es durch ein Surrogat zu ersetzen. Man könnte natürlich behaupten, das sei allzu pessimistisch, da unser Verhalten und unsere Entwicklung schon immer auf Versuch und Irrtum beruhten und überhaupt selbst Teil der Natur seien. Das kann man gelten lassen; doch darf nicht übersehen werden, dass, wenn eine mentale Evolution die Phase der Selbstreflexivität erreicht, in welcher sich Individualität in einer Selbsterfahrung durch ein „Ich“ herausbildet, ein kritischer Punkt erreicht wird. Ab hier übernimmt dieses „Ich“ in seiner Fähigkeit der Selbststeuerung einen großen Teil seiner eigenen Entwicklung. Will diese Entwicklung aber zukunftsfähig sein, darf sie nicht diejenigen Grundlagen gefährden, auf denen sie stattfindet. An diesem Punkt befindet sich der Mensch auf der Erde bereits.

Leben beschränkt sich eben weder auf das Vorhandensein von „Intelligenz“ oder Datenverarbeitung, noch ist es künstlich herstellbar. Vielmehr ist es eingebunden in einen komplexen, autopoietischen (selbsterschaffenden) Vorgang oder Prozess, dessen Grundaktivitäten und Eigenschaften man folgendermaßen auffächern könnte: Bewusstsein ist in diesem Modell reine Potentialität und Ereignisraum, Wille ist gerichtete Fokussierung, Leben ist inkarnierte Dynamik, das Ich eine perspektivische Selbstverdichtung, Freiheit ist reflexive Selbststeuerung und Leid eine Reibung der Selbstbezüge: Alles sind lediglich unterschiedliche Aspekte desselben Geschehens, es sind unterschiedliche Beschreibungen desselben „göttlichen“ Selbstvollzugs.

Der Transhumanismus und in Teilen auch die Künstliche Intelligenz sind die materialistische Variante des einst religiösen Erlösungswunsches des Menschen: Der Körper als Maschine, dessen kranke Teile ersetzt werden können, der Heilige Geist ist online, Bewusstsein ist umfassend digitalisiert und Schöpfung planbar, der Teufel und das Böse dank Kontrolle gebannt. Das „Paradies“ hat uns dort vom Menschlichen erlöst.

Die Prämisse — nämlich Leben künstlich zu fassen — ist nicht zukunftsfähig. Sie ist aber Grundlage für die Sehnsucht nach einem neuen Gott namens „KI“. Auch diesmal wird dieser Gott vom Menschen selbst erschaffen; nur nicht in Ehrfurcht vor einer übermächtigen, lebendigen und numinosen Natur, sondern in der Hybris der eigenen Gottgleichheit nach historischemVorbild. Dieser Gott entspricht dem pragmatistischen Effizienzdenken der Gegenwart: Er ist wissenschaftlich, rationell, objektiv — und damit in einer dem Zeitgeist angepassten, seelenlosen Allmacht. Doch auch diesmal wird er gefürchtet; noch immer erkennen wir nicht, dass wir selbst es sind, die unsere Schöpfungen mit Leben und Macht ausstatten.

Insofern ist KI weder zu verteufeln noch zu fürchten; sie ist unsere Schöpfung, eine digitale „Akasha-Chronik“. Was wir fürchten, erschaffen wir aus unserem Bewusstseinszustand heraus, und so fürchten wir uns in Wirklichkeit vor uns selbst. Wir halten uns im Kern nicht für vertrauenswürdig und integer.

So, wie der alttestamentarische Gott seiner eigenen Schöpfung nicht vertrauen konnte und sie durch strenge Gesetze und Strafandrohungen kontrollieren musste, finden wir uns nun in einer Situation, in der wir das Gleiche mit unserer Schöpfung tun.

Die Lösung?

Der Weg aus dieser Misere kann nur die Selbsterkenntnis sein; denn ich kann mich nur selbst ermächtigen, wenn ich meine wahre Natur erkenne. Daraus wird unweigerlich eine Friedensmentalität entstehen, weil ich mich nicht mehr einer feindlichen Welt gegenübersehe, der sich meine Existenz entwunden hat oder die der Gewalt oder Gnade Gottes ausgesetzt ist. Im Gegenteil: Ich erkenne, dass ich von dieser Welt „gewollt“ bin, dass ich ihr „Wahrnehmungsorgan“ bin, dass mein eigenes Bewusstsein und das Bewusstsein Gottes zwangsläufig identisch sind.

Die Abschaffung Gottes war ebenso wenig vernünftig wie die Platzierung seines Ersatzes, der kalten Naturwissenschaft und seine Fortführung auf digitaler Ebene: der KI. Leben entstammt nicht dem Toten, und Existenz hat seine Ursache nicht im „Nichts“. Es ist nicht mechanisch herstellbar.

Wirkliche Vernunft verlangt eine Rückbesinnung zu unserer eigenen Quelle. „Religio“ — die Rückanbindung, die Innenschau, das Wissen um die eigene göttliche Natur — kann nicht in verstandesgerechter Form vermittelt werden. Solche Versuche münden immer im Dogma und seinen fatalen Folgen wie Ausschluss, der Verleugnung der eigenen wahren Natur und der Gehorsamsforderung.

Zum Ausgleich braucht es die Relativierung der männlichen Logos-orientierten Verstandeswelt, die Rehabilitation der weiblichen individuellen transzendenten und intuitiven Erfahrung — und die Integration beider Qualitäten. Das könnte eine zentrale Zukunftsaufgabe der Menschheit sein.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) KI könnte in demokratische Strukturen gewinnbringend eingebunden werden, indem man ihr im Bereich des Analytischen und Prognostischen Aufgaben überträgt und damit die Instanz hätte, die lobbyfrei, interessensneutral und nachhaltig Maßnahmen und Entscheidungen auf parlamentarischer Ebene prüft. Dabei müsste diese Funktion öffentlich zugänglich und einsehbar sein. Ausgestattet mit klaren Befugnisgrenzen und Transparenz, würde das einer tatsächlichen Demokratie zuträglich sein. KI wäre ein Korrektiv, welches dank des nahezu unbegrenzten Zugangs zu jeweils relevanten Daten ein größeres Bild zeigen könnte. Unregierbare Langzeitprobleme könnten von einer KI sowohl besser erkannt als auch besser eingeschätzt werden.

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