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Die falsche Art von Mitleid

Die falsche Art von Mitleid

Kritik am Angriff auf den Iran sollte nicht nur die negativen Folgen für den eigenen Geldbeutel bedenken — wenn wir anderen Leid zufügen, verletzen wir uns auch selbst.

Ich habe gerade gelesen, dass heute sechzig Mädchen ums Leben gekommen sind bei einem Luftangriff der USA oder Israels auf eine Grundschule für Mädchen im Süden des Iran. Dabei sind diejenigen, die noch unter den Trümmern begraben sind, nicht mitgezählt.

Wer weiß, ob die USA und Israel die Schule absichtlich bombardiert haben oder ob es sich um einen Unfall handelte. Vielleicht wird jemand behaupten, dass sie auf Tunneln voller Terroristen oder einem Waffenlager stand. Das war die Ausrede für die Bombardierung fast aller Schulen und Krankenhäuser in Gaza. Vielleicht werden sie sagen, dass die Iraner sie selbst gesprengt haben, um Mitleid zu erzeugen. Vielleicht wird jemand erklären, dass es sich um einen dieser unglücklichen Kriegsunfälle handelt, einen „Kollateralschaden“, und dass daher die iranische Regierung schuld ist, weil sie sich den Vereinigten Staaten nicht ergeben hat. Wahrscheinlich werden die meisten Amerikaner überhaupt nichts davon erfahren.

Die politische Debatte in den Wochen vor dem Krieg drehte sich — zumindest in meinem Land — hauptsächlich um die Folgen für uns selbst: den Tod amerikanischer Soldaten, terroristische Vergeltungsmaßnahmen, eine Vervierfachung der Benzinpreise, einen Abgrund, der amerikanisches Blut und Geld verschlingt. All das könnte passieren. Aber wenn man mit diesen Punkten argumentiert, stimmt man gleichzeitig zu, dass dies die Debatte sei, die wir führen sollten. Das klingt wie die Aussage: Wenn wir all diese Konsequenzen irgendwie vermeiden könnten, dann sollten wir auf jeden Fall mit dem Regimewechsel weitermachen.

Was ist mit den Mädchen in der Grundschule? Was ist mit den Babys in den Familien der iranischen Führung, die ermordet werden sollen? Mir scheint, dass wir — durch Mord — unsere Treue zu dem Prinzip erklären: „Tu alles, was in deinem Interesse ist, solange du damit durchkommst“? Aber welche Welt schaffen wir damit? Welches Gebet richten diese Handlungen an Gott?

Jeffrey Epstein und seine Kumpanen sowie die gesamte Welt des Menschenhandels handeln genau nach diesem Prinzip. „Tu, was in deinem Interesse ist, solange du damit durchkommst.“ Diejenigen, die entsetzt sind über die Pädophilen-Elite und die Systeme, die sie schützen, sollten ebenso entsetzt sein darüber, welchen Ausdruck diese Haltung jetzt geopolitisch annimmt.

Es ist eine andere Version des Prinzips der totalen Herrschaft. Ein weiterer Ausdruck der Ignoranz gegenüber einer grundlegenden Wahrheit von Nicht-Trennung: Was wir anderen antun, tun wir in gewisser Weise auch uns selbst an.

Selbst wenn die USA gewaltsame Vergeltungsmaßnahmen durch ein uneinnehmbares Raketenabwehrsystem verhindern könnten; selbst wenn sie terroristische Rückschläge durch ein eisernes, KI-gestütztes System der globalen Überwachung für immer unterbinden könnten; selbst wenn sie durch die Übernahme der Ölfelder die Benzinpreise niedrig halten können — die Folgen ihrer Gewalt werden die Festungsmauern durchdringen. Kriminalität und häusliche Gewalt werden die Gewalt im Ausland widerspiegeln. Selbstmord wird Mord widerspiegeln. Depression wird Unterdrückung widerspiegeln. Die Abstumpfung des Innenlebens wird das Erlöschen des Lebens außerhalb widerspiegeln.

Diejenigen, die sicher hinter Mauern leben, werden hinter diesen Mauern langsam ersticken. Diejenigen, die soweit abstumpfen, dass sie die bösen Taten des Krieges begehen können, werden abgestumpft weiterleben. Sie können dem Leiden, das sie ihren Opfern zufügen, nicht entkommen.

Ich möchte am liebsten sagen, dass wir damit durch sind. Und ich habe allen Grund, das zu glauben. Der Irakkrieg Anfang der 2000er Jahre genoss breite Unterstützung in der Bevölkerung der USA. Die Zustimmung wurde durch eine kraftvolle Propagandakampagne erzeugt. Das konnte aber nur funktionieren, weil das vorherrschende Bewusstsein dafür empfänglich war. Dieser jetzige Krieg ist anders. Nur eine kleine Minderheit der amerikanischen Bevölkerung unterstützt ihn. Die Trump-Regierung hat ihn trotzdem begonnen, ohne auch nur zu versuchen, die Zustimmung der Bevölkerung zu erlangen. Damit hat sie ihre Macht offen zur Schau gestellt. Nur die Trägheit der Massen, ihre Gewohnheit, apathisch und passiv zu bleiben, ermöglichen, dass der Krieg weitergeht.

Ich würde gerne glauben, dass die Apathie schnell verfliegen wird, wenn die Folgen spürbar werden. Aber die Folgen sind möglicherweise nicht die, die die Menschen befürchten: Terroranschläge, militärische Verluste, hohe Benzinpreise. Ihr Zusammenhang mit dem Krieg ist für die meisten gar nicht offensichtlich. Sie werden sich möglicherweise in einer weiteren Erosion des sozialen, familiären und persönlichen Wohlergehens äußern. Eine Friedensbewegung muss deshalb aus einer anderen Quelle gespeist werden als dem konventionellen Pragmatismus.

Letztlich wird echtes Friedensbewusstsein nicht von der Angst vor den schlimmen Dingen gespeist, die uns selbst widerfahren werden, wenn wir anderen Schaden zufügen. Denn die schönere Welt, von der unser Herz weiß, dass sie möglich ist, baut auf Liebe auf.

Wenn ich jemanden liebe, zum Beispiel mein Kind, denke ich nicht: „Ich hoffe, er lebt ein langes und glückliches Leben — damit er mich in meinem Alter unterstützen kann.“

Ich denke auch nicht: „Ich hoffe, er ist glücklich — sonst halten mich die Leute für einen schlechten Elternteil.“ Und wenn er süchtig oder depressiv würde, wäre es kein Trost, wenn jemand sagte: „Wechsel einfach deine Schlösser aus und sperre seine Nummer, dann trifft es dich nicht.“

Ich wünsche mir sein Glück für ihn, nicht für mich. Doch paradoxerweise ist sein Glück mein Glück. Sein Schmerz ist mein Schmerz. Wir sind nicht getrennt. Wir sind miteinander verbunden, wir existieren miteinander. Liebe ist die gefühlte Erkenntnis dieser Wahrheit.

Meine Leser wissen, dass ich der Redenschreiber von Robert F. Kennedy in seinem Präsidentschaftswahlkampf war. Ich hatte bis Oktober 2023 großen Einfluss. Tatsächlich habe ich das ursprüngliche Wahlprogramm und die Slogans geschrieben. Die beiden, die die größte Begeisterung auslösten, waren „Heal the divide“ (Die Spaltung heilen) und „End the forever wars“ (Die ewigen Kriege beenden). Die 8 Billionen Dollar, die nach dem 11. September 2001 für Regimewechselkriege verschwendet wurden, waren ein Hauptthema der Wahlkampfreden des Kandidaten. Er sprach von all den Dingen, die mit diesen 8 Billionen Dollar hätten finanziert werden können.

Das war alles wahr, aber ich fand, dass in dieser Darstellung etwas fehlte. Wenn man jemanden auf sein Eigeninteresse anspricht, spricht man den eigennützigen Teil seiner Persönlichkeit an. Aber Menschen brauchen mehr als das, sie sehnen sich nach mehr als danach. Ich wollte, dass der Kandidat mehr darüber sagte: „Wer wollen wir als Volk sein? Was wollen wir der Welt geben?“

Donald Trump hat zwar im Wahlkampf versprochen, mit den Regimewechselkriegen aufzuhören. In Wirklichkeit verbindet er jedoch in seiner Außenpolitik das Schlimmste aus Isolationismus und Imperialismus.

Er hat sich den neokonservativen Kriegstreibern ergeben. Diese waren von seiner Anti-Kriegs-Wahlkampfrhetorik alarmiert. Er hat die MAHA-Fraktion (Make America Healthy Again) verraten, die RFK Jr.s Versprechen, die ewigen Kriege zu beenden, liebte. Dazu auch einen Großteil seiner eigenen MAGA-Basis (Make America Great Again): nämlich diejenigen, die unter Amerikas „Größe“ eher den Wohlstand der Mittelschicht und eine funktionierende Zivilgesellschaft versteht als einen selbstgefälligen Tyrannen, der die Schwachen demütigt.

Trump hat auch die letzten Überreste der verfassungsmäßigen Gewaltenteilung zerstört, indem er, unter anderem, einen Krieg ohne Zustimmung des Kongresses begonnen hat — und das, nachdem er im Wahlkampf versprochen hatte, die verfassungswidrigen Machtmissbräuche wie Zensur, Propaganda, Instrumentalisierung des Justizministeriums und der Steuerbehörde IRS und so weiter zu beenden, die nach seiner ersten Amtszeit gegen ihn und seine Anhänger gerichtet waren.

Auf internationaler Ebene hat er die Illusion der moralischen Führungsrolle Amerikas zerstört. Das ist aber wahrscheinlich gut, da die Realität der moralischen Führungsrolle Amerikas schon längst nicht mehr existierte. Bedrohlicher ist allerdings, dass er auch das Prinzip der Diplomatie zerstört und Verhandlungen als bloßen Vorwand für Überraschungsangriffe benutzt hat. Und er hat das Prinzip des Rechts des Stärkeren aufgewertet. Es war zwar schon immer die Realität hinter der Fassade der neoliberalen „regelbasierten Ordnung“, wo die USA die Regeln machen und alle anderen ihren Anweisungen folgen. Aber indem er die Fassade fallenlässt, schließt er aus, dass sich andere Umfangsformen als Dominanz und Unterwerfung ausbilden.

Die mangelnde öffentliche Unterstützung für den Iran-Krieg und die Begeisterung der Wähler für Kennedys Wahlkampfthema „Ende der ewigen Kriege“ deuten auf die Möglichkeit einer authentischen und national transformierenden Friedensbewegung hin. Mit authentisch meine ich, dass sie nicht nur aus Eigeninteresse argumentiert, sondern aus Mitgefühl, aus dem Verständnis einer grundlegenden Untrennbarkeit von Selbst und Anderen. Mit transformierend meine ich, dass sie das ganze Land nach ihrem Bild neu gestaltet.

Ich weiß nicht, wie diese Bewegung aussehen wird. Ich glaube nicht, dass sie die Form von Protesten, Demonstrationen und Unruhen annehmen wird, die eine Reaktion der Polizei provozieren, die dann genutzt wird, um die Sympathie der Öffentlichkeit zu wecken. Sie wird eine neue und kreative Form annehmen.

Vielleicht wird sie sich unsichtbar ausbreiten wie ein Myzel in den Hallen der Macht und den Herzen ihrer Bewohner. Denn diese wollen es, genau wie die meisten von uns außerhalb dieser Hallen, endlich beenden. Tatsächlich glaube ich, dass es sich bereits ausbreitet. Dieser Krieg fühlt sich an wie die letzten Zuckungen einer alten und sterbenden Geschichte.

Bis jetzt war die amerikanische Macht von Idealismus verhüllt. Man sprach von Freiheit, Unabhängigkeit, Demokratie. Ein Blick hinter den Vorhang offenbarte aber immer schon andere Absichten. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden diese immer offensichtlicher. Jetzt ist der Vorhang vollständig gefallen und offenbart die nackte Wahrheit der Macht.

Wenn die wahre Natur der Macht vor unseren Augen offenbart wird — wie es auch bei den Epstein-Akten geschieht —, können wir uns klar entscheiden. Wir können nicht länger so tun, als würden wir etwas anderem als der Macht dienen, wenn wir die Auslandskriege von Präsident Trump unterstützen.

Merken Sie sich meine Worte: Dieser Krieg wird Folgen haben. Vielleicht nicht in Form von höheren Benzinpreisen oder Terroranschlägen. Sondern von einer tieferen Spiegelung des im Ausland angerichteten Schadens im Inland. Es soll turbulente Zeiten geben, in diesem und im nächsten Jahr, sagen einige. Ich stimme dem tendenziell zu. Aber die Turbulenzen könnten sich möglicherweise eher auf der Ebene von Bedeutung, Narrativ und Identität abspielen als nur durch Bürgerkriege und wirtschaftliche Turbulenzen. Reichtum oder Glück mögen uns vor Letzteren schützen, aber vor Ersterem gibt es kein Entkommen.

Es wird real, Leute. Das war es schon immer, aber jetzt und in Zukunft wird es immer weniger zu leugnen sein. Die Normalität löst sich auf. Gott sei Dank. Wer sollen wir jetzt sein?


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „The Iran War: Power and Blowback“ auf dem Substack von Charles Eisenstein. Er wurde von Christa Dregger, Ingrid Suprayan und dem Team von Charles Eisenstein auf Deutsch übersetzt und zuerst im Zeitpunkt veröffentlicht. Die deutsche Fassung wurden ebenso auf dem deutschen Ableger des Substacks unter dem Titel „Der Iran-Krieg: Machtausübung und ihre Folgen für uns“ veröffentlicht.

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