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Die guten Programme

Die guten Programme

In der technoiden Welt von morgen sind alle immer nett und freundlich.

Achtung, Achtung, der folgende Text ist eine erfundene Geschichte und nichts davon entspricht der Wahrheit, rein gar nichts!

Nullpunkt-Socialscore-Einheitssiedlung

Eine Simulation ist eine Simulation, ist eine Simulation, ist eine Simulation ist eine Simulation …

„Go ask Alice when she’s ten feet tall“ summe ich vor mich hin, dann den Refrain: „When the men on the chessboard get up and tell you where to go!“, es ist Sommer, es riecht nach Müll, toten Ratten und es kreisen kleine schwarze Drohnen über der Stadt. Die Strophen hallen in meinem Kopf. Mein Leben fühlt sich holzig an.

Ich sitze in meiner Wohneinheit, warte auf die Moral-Cops, die mich in die Siedlung der Nullpunkt-Socialscore-Einheiten bringen werden. Vorgestern die Nachricht über den Staats-Messengerdienst erhalten: muss alle notwendigen Vorkehrungen treffen, damit man mich abholen kann. Ich stelle mich seelisch und moralisch darauf ein, die Existenz als Nullpunkt-Socialscore-Einheit zu fristen.

Jeder hat nur begrenzt Sozialscore-Punkte, verliert man sie, werden die Möglichkeiten eng. Schließlich wandert man in die Siedlung der Nullpunkt-Socialscore-Einheiten.

Ich erinnere mich an die Zeit vor der moralischen Revolution, vor der weltweiten Umerziehungsmaßnahme durch die KI, an runtergekommene Schuppen und Garagen, in denen wir Musik hörten, Alkohol tranken, Zigaretten rauchten. Wir hatten unseren Spaß. Irgendwann tauchten die Moral-Cops in den gelben Overalls und bunten Mützen auf.

Die waren immer scheißfreundlich, konfiszierten aber alles, sperrten uns für Monate den Zugang zu Supermärkten, Geschäften und U-Bahnen. Alles ohne Schlagstock, lediglich per Knopfdruck.

Plötzlich hatten wir das Sozial-Score-Punktesystem und die Life-App. Die Regierung setzte es mit einer schnell abgewickelten Verordnung um. Eine KI gab uns die Erklärung. Alle machten mit. Fast alle!

Fuckrobots

Sex war noch ein Problem, aber auch das wurde gelöst. Erst über Erziehungsprogramme dann mit einem Roboter. Fortpflanzung war keine Notwendigkeit mehr. Menschen aus dem Labor sollen gesünder und attraktiver sein. Seitdem leben wir in kleinen Wohneinheiten. Jeder für sich.

Um das Monopol der Fortpflanzung reibungslos an die Gentechnologie-Konzerne abgeben zu können, wurden Sex-Roboter entwickelt. Spitzenmäßig designte Sex-KIs im Menschenkleid erwirtschafteten Milliarden. Umgangssprachlich nannte man sie Fuckrobots. Jetzt laufen die Dinger durch die ganze Stadt, lungern auf Bürgersteigen, an Aufladestationen, in Shopping-Mals herum. Mit ihnen durfte sich jeder vergnügen.

Sex-Roboter waren beliebt, denn eine über die letzten Jahre spitzenmäßig eingefädelte KP (Keime-Propaganda) hat die Menschen regelrecht paranoid vor ansteckenden Krankheiten, Erregern, Körperflüssigkeiten et cetera gemacht.

Sex-Maschinen rannten also offene Türen ein.

Über sämtliche Kanäle wurde einem jeden Tag dasselbe erzählt. Man bekam seine personalisierte KI, die einem die Gründe schilderte, wieso das alles jetzt sein muss. Man hätte hingerichtet werden können und diese KI wäre in der Lage gewesen, einem die Notwendigkeit der eigenen Hinrichtung so gut zu erklären, dass man von alleine in die Gaskammer gegangen wäre.

Die Fuckrobots sind erstaunliche Dinger, aber auch die perfekten Wanzen. Was gibt man nicht alles preis, glaubt man sich in einer intimen Situation? Was nimmt man nicht alles in Kauf für ein bisschen Spaß? Was plaudert man dann nicht alles aus, das man besser bei sich behalten hätte. Fuckrobots leiten alles an das Mental-Screening-Zentrum weiter. Effektive Spitzelmaschinen.

Korrektur

Die Welt, in der wir leben, zählt auf Verständnis, Inklusion, Nachhaltigkeit und Vielfalt. KIs korrigieren, was davon abweicht. Bei mir haben die KIs versagt. Es heißt, ich hätte einen irreparablen Genschaden, der sich unvorteilhaft auf meine mentale Konstitution auswirken würde.

Wenn die persönliche KI die Korrektur nicht schafft, wird man an das Mental-Screening-Zentrum überwiesen. Aber selbst nach vielen Sitzungen in diesem Zentrum, fielen meine Tests miserabel aus. „Ich stelle das gesamte Integrationsprogramm in Frage!“, hieß es. In meinem Fall bedeutet das: Umsiedlung zu den Nullpunkt-Socialscore-Einheiten!

Aber selbst in der Siedlung werden Programme zur Reintegration durchgeführt. Man gibt nicht auf!

KI

KIs sind schlaue und sprechende Maschinen, die einem vorgaukeln, sie seien eine echte Persönlichkeit. Sie lauern hinter jeder Ecke. Es gibt Gottautomaten, die an alte Telefonzellen erinnern, mit 3D-Bildschirmen, dem vertrauensvollen Gesicht und der Stimme einer warmherzigen Person. Man sieht und hört, was man sehen und hören will. Der Gottautomat beantwortet Fragen, hilft in allen Lebenslagen, verlängert das Rezept der Medikamente und gibt Daten an das Mental-Screening-Zentrum weiter.

Gottautomaten ermutigen, sind nett und weise. Ich hatte es mit einem versucht, er war geduldig, hat mir zugehört, unterbreitete mir Ratschläge, aber genutzt hat es nichts. Das Protokoll des Gottautomaten gab an, ich hätte einen unsozialen Hang zum Sarkasmus. Die Tests zeigten, er sei angeblich angeboren. Ich kann das alles nicht ernst nehmen. Nach jedem hartnäckigen Versuch mich korrigieren zu lassen, musste ich einfach bissige Kommentare von mir geben. Ich blieb unkooperativ, uneinsichtig, unwillig, resilient. Ich bin mir dessen bewusst, aber was soll ich machen, ich kann mich nicht durch jemanden ersetzen, der ich nicht bin!

Heutzutage sind alle Geräte auch KIs. Sitzt man vor einem Bildschirm, um sich einen Film anzugucken, wird man irgendwann darauf aufmerksam gemacht, etwas zu trinken, zu essen oder zu duschen. Sieht man müde aus, soll man ins Bett gehen, ist man ungekämmt, soll man sich die Haare kämmen.

Mülltonnen quasseln einen voll, wirft man das Falsche hinein. Heizungen quasseln einen voll, dreht man sie zu hoch. Betten quasseln einen voll, liegt man zu lange oder nicht richtig darin. Und leistet man nicht Folge, gibt es Punktabzug.

Auch in Möbeln, Teetassen oder Toastern stecken die Dinger. Es gibt nichts, wo keine drin ist. Immer bekommt man einen Kommentar oder Ratschlag zu hören. „Das hast Du toll gemacht!“, „Das war aber nicht nett, das könntest Du besser!“, „Versuche es mal mit zwei Händen!“, „Du bist vorbildlich!“, sagt der Mülleimer, wenn die Bananenschale in die korrekte Tonne fliegt oder „Entschuldigung, aber Bananenschalen gehören nicht hier rein, das wissen Sie!“, sagt sie rechthaberisch wie ein Blockwart.

Man ist verpflichtet, das Smartphone die ganze Zeit bei sich zu tragen, was ohnehin jeder tut, ob mit oder ohne Verpflichtung. Was falsch und was richtig ist, entscheidet die KI.

Aber machen wir ihr keinen Vorwurf. Diese unangenehme Obsession, stets nur das Richtige zu sagen und zu machen, begann vor Jahren. Da wurde jeder, der aus der Reihe tanzte, in moralischen Vorwürfen ertränkt. Das Fertigmachen von Abweichlern wurde teil der Kultur. Das Denunzieren und Zurechtbiegen lieferte den Grundstein des Algorithmus unserer Verhaltens-KI.

„Hallo, Du stehst seit drei Minuten nur rum, möchtest Du nicht was Sinnvolles tun, aufräumen oder Essen zubereiten?“, fragte die KI.

Die Verhaltens-KI soll zu einem besseren Leben führen. Ich zum Beispiel fluche gern, sage Dinge wie „Vollpfosten, Dummkopf, fauliges Brot, dummes Gemüse!“, wenn mir ein Vollpfosten, Dummkopf, fauliges Brot, dummes Gemüse über den Weg läuft. Jedesmal, wenn ich das sage, meldet sich die KI zu Wort: „Aber das sagt man nicht! Das war das dritte Mal in dieser Woche, wir müssen 5 Punkte von deinem Social Score abziehen! Wir bedauern die Entscheidung!“

Manchmal muss ich mir einen dämlichen Vortrag über die Pflicht, sich anständig zu verhalten, anhören. Wenn ich es verweigere, bekomme ich nochmal 5 Punkte abgezogen. Das Leben im Smily-Rating-Irrenhaus. Ich habe die Schnauze voll und bin froh, endlich in die Siedlung der Nullpunkt- Socialscore-Einheit gebracht zu werden.

Keiner will verstehen, dass diese KIs nur einer stinkreichen Minderheit gehorchen, die vorgibt, das Beste zu wollen, uns aber in Wirklichkeit in einem KI-Käfig schmoren lässt.

Die meisten Menschen haben den Verstand verloren. Die machen alles, was ihnen die KI sagt. Sie verstehen nicht, dass sie selber denken könnten, sie verstehen nicht, dass das digitale Konstrukt lediglich dazu da ist, einen im Gefängnis zu halten. Die ultrareiche Minderheit dagegen macht sich über uns lustig, wie wir in ihrem Labyrinth umherirren, während sie ihre Endlosparty feiern.

Fürsorge & Moral

Ich hab alles versucht, um mich anzupassen, aber nichts hat geholfen. Was bleibt mir anders übrig, als flapsige Kommentare auszuspucken. Ich habe es mit Medikamenten, Yoga und Meditation versucht. In einer Yoga-Lektion konnte ich nicht anders, als die Lehrerin zu fragen, ob sie ihren Knoten wieder von alleine aufbekommt?

Augenblicklich meldete sich die Verhaltens-KI und hielt mir einen Vortrag darüber, wann man seinen Mund hält und wann nicht. Da mein Social-Score bereits einen kritischen Wert erreicht hatte, war es mir im Anschluss an die Yoga Stunde nicht erlaubt, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.

Apropos Verkehrsmittel: Keiner braucht mehr zu einem Arzt zu gehen für sein Medikament oder Gen-Präparat. Alles lässt sich über die Life-App abwickeln, nach zwei Stunden kommt eine Drohne vor die Haustüre gesummt.

Beliebt sind die bunten Gut-Fühl-Nano-Bot-Kapseln in Regenbogen-Farben, synthetische Drogen, die höchste Glücksgefühle versprechen. Ich hatte einmal welche genommen und sah eine Woche lang einen fremden Mann mit Wollmütze neben mir sitzen, der mir schmollend vorwarf, dass ich nicht mit ihm reden würde. Ich rede mit niemandem, der nicht da ist. Ich sagte es ihm. Er wurde stinksauer. Entsetzlicher Zustand. Ich hab das Zeug wieder abgesetzt.

In den sozialen Medien wird die Werbetrommel gerührt: Nie wieder Angst haben. Glücksgefühle, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr! Der perfekte Zustand. Immer! Ständig! Unablässig! Die hysterisch fröhlichen, hochaufgelösten Gesichter auf den Bildschirmen drehen vor Glück förmlich durch. Der Anblick erzeugt Gedankenkrebs. Wahrscheinlich ist bei mir in der Erziehung etwas schief gelaufen. Ich verstehe es nicht.

Vormünder

Wenn sich die CEOs der Konzerne oder ihre Marionetten, Politiker und Promis, an die Öffentlichkeit wenden, labern sie optimistisch, zuversichtlich und kumpelhaft darüber, dass „Nur die Einsichtigen des Erziehungsprogramms und der Maßnahmen Vorteile haben werden!“ Das sagen sie andauernd.

Jedem, der das Spiel spielt und sich korrigieren lässt, geht es gut. Er hat Parkplätze, Einkaufsgutscheine, bessere Wohnungen, Rabbatbons für Sex-Roboter, Wellness-Wochenenden in Freizeitparks, atmungsaktive Unterwäsche, angepasste Matratzen, 10er-Pack T-Shirts und Anspruch auf medizinische Schuheinlagen. Man zählt auf Kooperation, Belohnung und Vertrauen. Wie das vonstatten gehen soll, erzählt die Verhaltens-KI. Immer nett, freundlich und nervig. Ausschalten kann man das Ding nicht. Theoretisch könnte man es, aber dann gibts Punkteabzug.

Jeden Morgen pünktlich um halb acht meldet sich die Verhaltens-KI mit blöden Tagestipps zu Wort.

„Heute wäre es prima, wenn Du vor dem Frühstück 20 Minuten Rückengymnastik machen würdest, hopp hopp!“ Oder: „Wie wäre es mit einer Scheibe geröstetem Vollkornbrot und Soja-Protein?“, „Wenn ich Soja-Protein nur höre, wird mir schlecht!“ „Das legt sich mit der Zeit und es regt die Verdauung an!“, sagt dann die KI freundlich.

Meine Vorliebe für diskriminierende Witze mag die KI überhaupt nicht. Kennen Sie den: „Warum reisen siamesische Zwillingen gern nach England? Damit der Andere auch mal fahren darf!“. Lustig, stimmt’s?

Und die KIs werden schlauer und hören neuerdings meine Einstellung aus meiner Stimme heraus. Da kann ich sagen, was ich will. Schlägt mir die Verhaltens-KI vor, ich solle ein Bio-Getreide-Brötchen statt eines labbrigen Hamburgers essen und ich sage dann, „Oh das ist eine gute Idee!“, sagt die KI gerissen, „Du meinst es nicht ehrlich, das ist nicht gut, leider müssen wir Dir 3 Punkte wegen Unaufrichtigkeit abziehen!“

Mittlerweile kann ich, meines schlechten Ratings wegen, nicht mal mehr mit dem E-Bus fahren oder einen Kaffee aus dem Automaten vor dem Supermarkt ziehen.

KIs machen die Guten besser und die Schlechten gut. Am Ende weiß jeder, wer gut und wer böse ist. So läuft die Transformation ins unendlich Gute. Die Algorithmen erziehen einen zur atmenden KI. Man hört, gehorcht, labert alles nach. Nicht sehr abwechslungsreich. Die meisten Leute, mit denen ich zu tun habe, verhalten sich daher auch schon wie eine KI.

Social-Scoring

Für jeden schlechten Witz verliert man 5 Punkte, für jedes Schimpfwort 3 Punkte, unangemessenes Verhalten 10 Punkte, zu lange auf den Hintern einer Frau geguckt ebenso, spöttische Bemerkung 5 Punkte. Und so weiter und so fort.

Mit dem Scoring werden Zugang zu Ressourcen und das Einkommen bestimmt. Auch die Orte, an denen man sich aufhalten darf. Abzüge sind ärgerlich. Unter einem bestimmten Punktestand ist fast alles gestrichen. Laufen geht auch nicht. Gehwege sind mit Nutzungsauflagen wie Dauer und Abnutzungsparametern verbunden. Irgendwann sitzt man Zuhause und kaut Fingernägel. Der große nette Smiley ist nur die Fassade.

Fuckrobots nochmals

Ohne App kein Sex. Für alles braucht man eine App. Die wichtigste App ist die Life-App.

„Wir tanzen den APP-Boogie!“, sage ich. „Ich denke das war unangebracht!“, sagt die KI

Die App für die Fuckrobots ist kostenlos. Mit der App aktiviert, bezahlt und synchronisiert man die Dinger. Dann hat man für eine halbe Stunde seinen Spaß. Ansonsten laufen sie im neutralen Herum-Lauf-Modus durch die Gegend.

Der Preis für eine halbe Stunde ist überschaubar und man hat keine Scherereien mit Krankheiten, unangenehmen Gerüchen und nervigen Stimmen. Der Konzern verspricht Hygiene, Gesundheit, Diskretion. Keimfrei soll es sein.

Es stehen fünf Modelle zur Auswahl: Jessika, Piere, Angélique, Gerald und Nano. Für jeden was dabei. Nano ist für die Transgender Fraktion. Es hat alles, was ein Transgender braucht.

Jessika entspricht meinen Vorstellungen. Einige Wochen vergnüge ich mich mit ihr, bis die Lust vergeht. Zum Aktivieren muss man das Smartphone an ihren Kopf halten. War die Aktivierung erfolgreich, blinzelte das Ding und sagt „Hallo Süßer! Gehen wir zu Dir?“

Der Konzern, der die Dinger baut, ist die Semi-Soma-Corporation, kurz SS-Corp. Der Chef von SS-Corp. ist Bill Schmidt. Wer Bill Schmidt ist, weiß keiner. Er soll homosexuell sein und Multimilliardär. Die wenigen, die ihn zu kennen vorgeben, sagen, er sei ein Genie und dass er auf einer Insel lebe, Schafe züchte und nur Ungekochtes esse.

„Es gefällt mir, wie Du mich nimmst! Machs gut, bis zum nächste Mal! Vergiss das Rating nicht! Fünf Sterne und es gibt einen 5-Prozent-Rabatt-Gutschein.“

So läuft das Gespräch:

Ich: „Kannst Du denken?“

Jessika: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstanden habe, was Du gesagt hast!“

Ich: „Wie kann man sich der Manipulation durch KI entziehen?“

Jessika: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstanden habe, was Du gesagt hast!“

Ich: „Ach vergiss es!“

Jessika: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstanden habe, was Du gesagt hast!“

Bei provokanten, interessanten Fragen wie: „Was ist die Matrix?“, „Wer kontrolliert die Menschen?“, „Gibt es einen Plan, um uns zu versklaven?“, „Gibt es Außerirdische und wenn ja, welche Rolle spielen sie?“, „Wohin wandert das ganze Geld?“, folgt stets die gleiche Antwort: „Das ist ein schöner Blumentopf, gibt es den in Gelb?“

Dummerweise werden die Fragen an das Gesundheitszentrum weitergeleitet. Man darf sich nicht wundern, wenn auf dem Smartphone eine Einladung zum Mental-Screening blinkt.

Jessika war am Anfang befreiend und euphorisierend, aber bald ermüdend. Nach der Ebbe kommt die Flut. Nach dem Rausch der Kater, nach Jessika die Leere!

Mental-Screening

Kommen die KIs in ihrer Auswertung zu dem Ergebnis, eine spezielle, erzieherische Maßnahme sei angesagt, erhält man eine Einladung, der man Folge leisten muss. Ansonsten wird einem der Social Score auf Null gesetzt, was dazu führt, dass man zu den Nullpunkt-Socialscore-Einheiten wandert. Den Socialscore-Loosern.

Bei so einem Screening sollen mentale Abnormitäten justiert werden. Es findet immer in einem kleinen Raum statt. An den hellen, grünen Wänden tanzen animierte Pflanzen herum und beruhigende Klänge klimpern in Endlosschleife im Hintergrund. Man sitzt einer lustigen Puppe gegenüber, die so tut, als könne sie reden. Man unterhält sich wie immer mit einer KI. Dazu wird Orangensaft serviert.

Das Prozedere besteht daraus, dass einem zwei, manchmal drei Fragen solange gestellt werden, bis man die korrekte Antwort gegeben hat.

War die Justierung erfolgreich, erhält man seine Social-Score-Punkte zurück.
Und alles ist gut. Bei mir haben die Screenings nicht funktioniert. Ich gab zwar die korrekte Antwort, jedoch mit zu vielen unguten Vibrationen im Unterton.

Party

Nachdem ich die Lust an Jessika verloren hatte, entdeckte ich die Partys. Es gibt doch noch Leute, die wie ich ein Problem mit dem Erziehungsprogramm haben. Logisch, ansonsten gäbe es ja auch keine Siedlung für Nullpunkt-Socialscore-Einheiten.

Aber diese Partys, wo Fuckrobots drangsaliert werden, haben mich dann doch überrascht. Das Leben in der technokratischen, durchmoralisierten Welt ist öde, langweilig und vorhersehbar. Aber Fuckrobots mit Flüssigkeiten abfüllen, die man nicht in sie hineinschütten darf, ist richtig lustig. Erst gibt es einen Kurzschluss, dann explodieren die Dinger mit viel Rauch und Funken.

Die Partys finden am Rande der Siedlung statt und sind eine willkommene Abwechslung.

Dort treffen sich Social-Score-Looser. Machen lustige Sachen, trinken Alkohol, rauchen Zigaretten. Sie haben die Schnauze voll von Bevormundung und Maschinen. Die Partys sind die gesunde Reaktion auf Restriktion.

Anscheinend kommen Algorithmen doch nicht mit allem klar! Das bereitet der Kontrolleinheit Kopfschmerzen. Irgendwann tauchen aber immer die netten Moral-Cops auf, beenden die Partys mit viel Verständnis. Das Druckmittel des Social Score-Abzugs greift hier jedoch nicht. Deshalb bieten die Moral-Cops den Leuten Eingliederungsprogramme mit guten Konditionen an. Es werden Karrieren in Aussicht gestellt. Jeder, der sich von den Partys lossagt und in die KI-Welt zurückkehrt, erhält Rabattgutscheine und viele andere Vergünstigungen. Was bei einigen funktioniert. Am Ende ist jeder korrumpierbar. Und doch gibt es jede Woche eine neue Party.

Endzeit Impression

Unter Brücken, am Rand entlegener Gleise, in Flüssen, an Parkplätzen verrotten Drohnen, Maschinen und anderes Zeug. Mikroorganismen, die Lakaien unser Welt und Diener der Zeit, zerlegen alles still und heimlich. Unter der Kruste der Zivilisation finden Heilungsprozesse statt.

Abtrünnige IT-Freaks hacken Fuckrobots und programmieren sie zu Erntehelfern um. Man sieht die Roboter auf den Äckern bei landwirtschaftlichen Arbeiten. Jenseits der Städte verliert die KI ihre Reichweite. Moral-Cops verlassen ungern die Stadt.

Brennende, von Benzin übergossene Fuckrobots stolpern durch die Nacht, fallen um, brennen aus. Ein junger Mann mit freiem Oberkörper und Zigarette schlägt mit einem Beil den Kopf eines Fuckrobots vom Rumpf. Moral-Cops stehen in der Nähe, sind unschlüssig, wissen nicht, wie sie dagegen vorgehen sollen. Ihre Kontrolle hat Grenzen. Partys werden gefeiert. Menschen verhalten sich unlogisch. Die KI ist ratlos. Das Leben findet Nischen.

Es läutet an der Tür

Als es an der Tür läutet, stehen die zwei Moral-Cops in den typisch gelben Overalls und ihren blöden bunten Caps davor. Ein Mann, eine Frau, beide mittleren Alters und wie immer freundlich, dumm grinsend.

„Ihr bringt mich in die Siedlung, weil mein Score auf Null ist, richtig?“

„Hy, wir sind Jenny und Klaus, alles locker, ja, nee, du, lass dich überraschen. Wir bringen Dich schon wo hin, hast Du gepackt? Ist alles Ready-Freddy für den Abflug?“

Der Moral-Cop lacht und schaut mich mit verzerrtem Gesicht an. Seine Kollegin hebt eine schwarze, geschnitzte Tänzerin aus Holz, die auf dem Tischchen neben der Tür steht, hoch und schaut darunter.

„Nehmen Sie die mit?“

„Nein, bleibt hier, ich hab nur zwei Taschen.“, sage ich.

„Kann ich die haben?“ — „Meinetwegen!“ — „Das ist lieb!“

„Ich bin fertig!“, sage ich.

„Dann lets go!“

Sie schauen sich an, lachen.

Ich habe keinen blassen Schimmer, was so lustig ist!

Klaus öffnet die Tür des E-Autos. Ich steige ein. Jenny verstaut die Taschen im Kofferraum, dann setzt sie sich auf den Beifahrersitz neben Klaus. Summend fahren wir in den Sonnenuntergang. Ich schaue aus dem Fenster. Die Welt liegt still hinter dem Glas und mir wird klar, dass alle nur das Beste wollen. Es kommt bloß etwas verzerrt rüber. Ansonsten ist ja alles in Ordnung. Ich muss es nur lockerer nehmen. Am Ende wird alles gut werden.


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