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Die Insel der Hoffnung

Die Insel der Hoffnung

Auf einem internationalen Aktivisten-Treffen im Friedensforschungszentrum Tamera in Portugal erlebten Menschen am eigenen Leib, wie eine friedliche Welt aussehen kann.

Der azurblaue Himmel hatte einen Hauch Karmin. Vielleicht hatte die sengende Sonne den trockenen roten Boden verdampft. Vor einer Stunde war mein Zug um 18:30 Uhr vom Bahnhof in Lissabon losgefahren, doch die zitronengelbe Sonne stand noch immer über der Landschaft. Mein Mitreisender, ein Mann aus Bangladesch, war in eine WhatsApp-Romanze mit seiner Geliebten vertieft, während Olivenbäume und entlaubte Eichen unter dem regenlosen portugiesischen Sommer glühten.

Immer wieder kamen mir Gedanken an Aldous Huxleys letzten Roman „Eiland“ in den Sinn. Das Konzept von Pala, einem idyllischen Reich des Friedens und des Mitgefühls, blieb lebendig. Huxleys Frage nach dem Überleben friedlicher Gemeinschaften im Angesicht des Raubtierkapitalismus hatte in seiner Erzählung zu einem tragischen Ausgang für die Palanesen geführt.

Hier war ich nun, Jahre später, und begab mich auf eine Reise zu einer anderen Insel der Hoffnung — einem Ort, der als Tamera bekannt ist. Meine Absicht war es, zu erforschen, wie ein modernes Pala, eine Gemeinschaft des Friedens, inmitten des Ansturms des Turbokapitalismus überleben kann.

Als ich aus dem Fenster blickte, überkam mich ein ungewohntes Gefühl. Von Goa inspirierte Häuser, grüne Kiefern im Afro-Stil und dunkle Eukalyptusbäume standen harmonisch nebeneinander. Der Zug fuhr in Richtung Süden, in das Hinterland. Vor mir erstreckten sich sanfte Hügel, ausgedörrte Erde und karminroter Boden, der an die Landschaften des indischen Bundesstaats Telangana mit seinem milden Klima erinnerte. „Estação Funcheira“, ertönte die Ansage, und es war Zeit für mich, auszusteigen.

Am Bahnhof Funcheira begrüßte mich ein Mitglied der Tamera-Gemeinschaft namens Ben sehr herzlich. Wir setzten uns in das Gemeinschaftsauto und fuhren Richtung Südwesten, um die letzten Reste der orange-gelben Strahlen am Horizont einzufangen. Tamera lag nur noch 30 Minuten vor uns, und in mir regte sich ein Gefühl der Vorfreude.

Was lag an diesem rätselhaften Ort vor mir? Welche Erfahrungen erwarteten mich? Die Fragen nahmen kein Ende, denn die nächsten drei Wochen sollte ich im Heilungsbiotop von Tamera verbringen. Ich wollte sehen, wie diese nachhaltige Ökogemeinschaft fast ein halbes Jahrhundert lang Pionierarbeit in der Friedensforschung geleistet und Aktivisten, Gemeinschaftsführer und Studenten dazu gebracht hatte, gemeinsam eine alternative Welt zu träumen. Mein Traum fing gerade erst an.

Die Wurzeln der Gemeinschaft gehen auf die Zusammenarbeit des bekannten Psychoanalytikers und Autors Dieter Duhm mit Visionärinnen wie Sabine Lichtenfels, Charly Rainer Ehrenpreis, Sarah Vollmer und acht anderen zurück. Bereits 1978 hatte Duhm sein einflussreiches Buch „Die Angst im Kapitalismus“ verfasst und das Kollektiv in Süddeutschland gegründet. 1995 fand die Gemeinschaft ihre Heimat in Monte do Cerro, eingebettet in die ländliche portugiesische Region Alentejo.

Seitdem ist Tamera zu einer globalen Keimzelle für radikale Friedens-, Liebes- und Nachhaltigkeitsforschung geworden. Ihre Mission, durch den Aufbau von Heilungsbiotopen —futuristische Zentren, die eine neue planetarische Kultur erforschen und modellieren — „Terra Nova“, eine Welt jenseits des Krieges, zu schaffen, stand nicht nur mit dem Anliegen globaler Bewegungen, sondern auch mit Huxleys Vision einer besseren Welt im Einklang.

Und was genau war Tamera? Oberflächlich betrachtet war es eine 140 Hektar große Farm in Form eines Adlers mit zahlreichen Seen für die Wasserbewirtschaftung, Anbauflächen, biodiversen Plantagen — einschließlich unberührter Wildnis — und mehr. Die Landschaft beherbergt natürliche Strukturen, die als Campus-Einrichtungen dienen, darunter die Aula und ein Kulturzentrum, sowie ein Solardorf, ein Kunstzentrum, Wohngebiete und sogar Werkstätten für mechanisches und textiles Handwerk. Eine Gemeinschaft von etwa 150 „Tamerianern“, darunter die Gründer, nannte diesen Ort ihr Zuhause. Zusätzlich gingen 50 bis 80 Personen in Tamera ein und aus, um an Kursen und Work-Study-Programmen teilzunehmen.

Diese Gemeinschaft gedieh mit einer veganen Lebensweise, selbstversorgenden Energiequellen und verfügte über ein medizinisches Zentrum und eine Feuerwehr. Im Wesentlichen umfasste die Autonomie von Tamera alle Aspekte der gemeinschaftlichen Existenz.

Für kleinere Bedürfnisse arbeiteten sie mit der Außenwelt zusammen.

Tamera

Als die Sonne hinter den mit Eukalyptusbäumen bewachsenen Bergen auftauchte, erwachte ich an einem kühlen Morgen. Die Luft war noch frisch und taufeucht, als ich mich auf den Weg zu den Komposttoiletten machte. Vor mir schlenderte eine Familie von Wildschweinen entlang. Es war, als ob sie mich in Tamera willkommen hießen und die Worte der Betreuerin Valentina wiederholten:

„In Tamera kommunizieren wir mit allen Wesen, von Wildschweinen bis zu Ratten. Unser Ansatz beruht auf Gewaltlosigkeit und Respekt für alle Lebensformen.“

Ich nickte den Wildschweinen anerkennend zu und bereitete mich auf den kommenden Tag vor. Der erste Tag war im Gange, und etwa 25 Aktivisten aus Palästina, dem Sudan, den USA und anderen Ländern waren bereits anwesend.

Unser Workshop wurde von vier Mitgliedern der Tamera-Gemeinschaft geleitet: Aida Al-Shibli, eine palästinensische Beduinenfrau, die Krankenschwester, Feministin, Umweltschützerin und Friedensaktivistin war; Dara Silverman, deren Arbeit LGBTQ+-Themen, Flüchtlingsfragen und internationale Solidarität umfasste; Fredrick Weihe, ein erfahrener Tamerianer, der sich mit dezentraler Energietechnologie beschäftigte; und Martin Winiecki, ein Friedensforscher und Aktivist mit Schwerpunkt Ökologie und internationale Solidarität.

Spezielle Veranstaltungen über Trauer, Trauma und Liebe wurden von Juliet, Rocio (beide Tamerianerinnen) und Maanee Chrystal, Gründerin des Somatic Institute for Women (deutsch: Somatisches Institut für Frauen), geleitet.

„Gesehen zu werden heißt, geliebt zu werden“

Die Vorstellung, dass Männer aus nichtwestlichen Gesellschaften keine Verletzlichkeit oder Gefühle zeigen sollten, war tief verwurzelt. Dennoch habe ich in diesen drei Wochen einige Male Tränen vergossen. Das erste Mal war nicht aus Schmerz, sondern aus Liebe geschehen. Es war eine Offenbarung, zu erleben, wie ein Deutscher, ein Israeli und ein Palästinenser offen über ihre Wunden sprachen.

Menschen, die die Traumata des Holocaust, der nationalsozialistischen Unterdrückung und der Besatzung erlebt hatten, zeigten ihre Fähigkeit, zu vertrauen, zu vergeben und die Aussicht auf Liebe anzunehmen. Es war eine zutiefst bewegende Erfahrung.

Unter uns war auch Sulaiman Khatib, ein palästinensischer Friedensaktivist. Mit 15 Jahren wurde er wegen bewaffneten Angriffs angeklagt, gefolgt von 15 Jahren Gefängnis, die ihn zu einem radikalen Friedensaktivisten machten. Er erzählte von seinem Wandel von Hass zu Liebe, Gewaltlosigkeit und Demut.

Als ich in Indien aufwuchs, hatte ich nur selten mit jüdischen Menschen zu tun. Doch das Schicksal wollte es, dass ich mich mit aschkenasischen Jüdinnen über ihre Religion und Spiritualität unterhielt. Wir vertieften uns in das Wesen Gottes und die Feinheiten der Spiritualität, wie sie von einer der ältesten Religionen der Welt verstanden wird. Wir dachten über Fragen der Liebe in einer so zerrissenen Gesellschaft wie Israel nach und diskutierten über ihre Herausforderungen und Hoffnungen.

Die Nächte waren gefüllt mit gemeinsamem Singen, Frauentrommeln unter der Leitung von Eva und Diskussionen über Revolutionen, wie Noas Vorstellung vom „Öffnen der Mauern“. Eine Podcasterin aus Israel, Yahav Erez, korrigierte mich, als ich versehentlich den Begriff „Konflikt“ zur Beschreibung der israelisch-palästinensischen Situation verwendete. „Besatzung“ sei der richtige Begriff, betonte sie und erinnerte mich an die Schwere des Problems. Ihre Lektion hallte tief nach.

Das Aktivisten-Retreat barg zahlreiche versteckte Schätze in sich. Unsere Gruppenleiter führten uns durch Tage, in denen wir Trauer, Trauma, Liebe, Machtdynamiken, Gemeinschaftsarbeit und sogar Momente der Freude erkundeten.

Besonders herzzerreißend war es, als Rana Bilal, eine Frau aus dem Sudan, ihrem Schmerz auf Arabisch Luft machte und die Verwüstungen des Krieges in ihrem Heimatland beklagte. Ihre Schreie verbanden uns alle mit der Notlage ihres Landes, das einst wunderschön war und nun von Gier und Unterdrückung heimgesucht wird. Jede Klage hallte in meinem Herzen wider und rief Bilder von verrottenden 12-jährigen Soldaten im Sudan hervor, die ihr Leben durch die Brutalität von Gier und Krieg verloren.

Eine Frage blieb bestehen: Gibt es einen friedlichen Ausweg, wenn ein 12-Jähriger in seiner Verzweiflung eine AK-47 in der Hand hält? Die Dritte Welt ist ein Ort des Überlebens der Stärksten, an dem die Verzweiflung alles überschattet.

Der Dollar ist oft der einzige Rettungsanker, der eine geringe Chance bietet, den unabwendbaren Tod zu überleben, den der Einbruch der Nacht oft mit sich bringt. Systematische Gier und Böswilligkeit ersticken die Aussichten auf Frieden. Dennoch setzten wir unsere Bemühungen fort.

Die Wochen vergingen, und wir blieben dem Prozess von Tamera verpflichtet. Diese Reise führte uns tief in unsere eigene Seele und in die Seelen der anderen. Rückblickend war jeder Schritt sorgfältig geplant, auf der Grundlage psychoanalytischer Prinzipien und geleitet von einer tiefen Spiritualität. Es war ein ausgewogener und sicherer Raum, der achtsam für die Heilung und Lösung von Konflikten geschaffen wurde, sowohl im persönlichen als auch im äußeren Bereich. Er bot einen Einblick in eine ideale Welt. Das einzige, was fehlte, war der Chor von Huxleys kleinen Vögeln von der Insel, die „Karuna“, „Achtung“, „Karuna“ sangen.


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