Triggerwarnung: In diesem Artikel werden Fallbeispiele sexueller Gewalt und damit verbundene belastende innerpsychische Vorgänge dargestellt. Gerade auf Frauen, die Vergleichbares erlebt haben, könnte dies verstörend wirken, obwohl sich der Autor auf die Seite der Opfer stellt und sein Text der Aufklärung über Sachverhalte sowie als Warnung vor Missbrauchstätern dienen soll.
Es gibt eine typische Täterpsyche bei sexuellen Gewaltdelikten. Ebenso gibt es aber auch eine Charakterstruktur des „idealen“ Opfers. Die französische Lektorin und Autorin Vanessa Springora beschreibt sie so:
„Ein abwesender, unerreichbarer Vater, der eine unergründliche Leere in meinem Leben hinterlassen hat. (…) Eine gewisse sexuelle Frühreife. Und vor allem ein ungeheures Bedürfnis, gesehen zu werden.“
Springora meint mit dieser Beschreibung sich selbst. Mit 14 Jahren wurde sie die Geliebte eines fast vier Jahrzehnte älteren Mannes, eines Intellektuellen und Päderasten, den sie „G.“ nennt. Freiwillig.
Mit dieser Freiwilligkeit ist es freilich so eine Sache. Der Titel ihrer Autobiografie — „Die Einwilligung“, die 2020 zum Bestseller avancierte, nimmt genau auf diesen Punkt Bezug. Ein Mädchen ist einem erfahrenen Mann normalerweise nicht gewachsen — schon gar nicht, wenn er über erprobtes Talent verfügt, weibliche Wesen mit rhetorischen Mitteln „rumzukriegen“. Man nennt es auch Sprachgewalt. Nicht umsonst sind ja der Gesetzgeber wie auch die öffentliche Meinung besonders empfindlich, wenn es um Vertrauensmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen geht. Vanessa Springora, die erst über 30 Jahre nach diesem prägenden Ereignis ihrer Jugend die Worte fand, um über das Geschehene zu berichten, schreibt:
„Die Schutzbedürftigkeit ist genau der Spalt, durch den Menschen mit psychischen Profilen wie G. einen Fuß in die Tür bekommen. Sie ist der Grund, weshalb die Begriffe ‚Einwilligung‘ oder ‚Einvernehmen‘ den Sachverhalt letztlich nicht treffen.“
Was heißt hier „freiwillig“?
Vanessa lernte den wesentlich älteren Gabriel Matzneff — In Vanessa Springoras Text wird er als „G.“ anonymisiert, während in der Öffentlichkeit sein tatsächlicher Name Gabriel Matzneff verwendet wird — 1986 bei einer gesellschaftlichen Veranstaltung in Anwesenheit ihrer Mutter kennen. Sofort beginnt der prominente Schriftsteller zu gockeln und schreibt dem Mädchen intime Briefe.
In diesem gebildeten Milieu wird die Aufmerksamkeit des Stars zunächst eher als Ehre denn als Belästigung empfunden. „Wie hätte ich mich nicht geschmeichelt fühlen sollen, dass ein Mann und noch dazu ein ‚Literat‘ die Güte gehabt hatte, seine Augen auf mich zu richten?“
Bald aber ist Matzneffs Wunsch, mit Vanessa zu schlafen, nicht mehr zu übersehen. Warum sich das Mädchen darauf einlässt, erklärt sie selbst:
„Ich fühle mich unfähig zu reagieren und überrumpelt, vor allem aber will ich nicht wie eine Idiotin dastehen (…) und auch nicht wie eine dumme Göre, die keine Ahnung vom Leben hat.“
Der über 50-jährige setzt seine ganze Lebenserfahrung und Überredungskunst ein, um zum Ziel zu gelangen:
„In zärtlichem Tonfall brüstet er sich mit seiner Erfahrung und seinem Können, dank derer es ihm gelungen sei, auch sehr junge Mädchen zu entjungfern, ohne ihnen jemals wehzutun. Er geht so weit, zu behaupten, dass sie ihr ganzes Leben lang gerührt daran zurückdächten (…)“
Die Kumpanei der Linksintellektuellen
Bald darauf ist Vanessa Springora quasi offiziell Matzneffs Geliebte. Jeder weiß es — auch ihre Mutter. Im Rückblick kommt es ihr so vor, dass „jemand“ sie damals vor all dem hätte beschützen müssen.
„Dafür hätte es wohl auch ein kulturelles Klima gebraucht, das weniger Nachsicht und Wohlwollen dafür gezeigt hätte als jene Zeit. Tatsächlich verteidigte eine große Zahl von linken Journalisten und Intellektuellen zehn Jahre vor meiner Begegnung mit G., gegen Ende der Siebzigerjahre, öffentlich Erwachsene, die wegen ‚verbotener‘ Beziehungen zu Minderjährigen angeklagt wurden.“
Ein offener Brief prominenter Literaten setzte sich 1977 für die Legalisierung von sexuellen Beziehungen zwischen Minderjährigen und Erwachsenen ein. Unterschrieben wurde er unter anderem von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Die Initiatoren erhielten nur wenig Absagen. Es wurde gefordert, das sexuelle Schutzalter abzuschaffen.
„Der Grund dafür ist, dass man sich in den Siebzigerjahren im Namen der Befreiung von moralischen Zwängen und der sexuellen Revolution die freie sexuelle Entfaltung aller Körper auf die Fahne schrieb. Die Beschneidung der Sexualität Heranwachsender erschien in dieser Perspektive als ein Symptom gesellschaftlicher Unterdrückung, und die Einschränkung der Sexualität auf gleichaltrige Individuen wurde als eine Form der Ausgrenzung empfunden.“
Vanessa Springora sieht in dieser „Zeitstimmung“ auch den Hauptgrund für die Komplizenschaft ihrer Mutter:
„Das waren die Rahmenbedingungen, die meine Mutter schließlich dazu brachten, sich an G.s Anwesenheit in unserem Leben zu gewöhnen.“
Matzneff war für die Mutter auch „der Vater, den sie mir nicht bieten konnte.“
Propagandist der Pädophilie
Der berühmte Schriftsteller war jedoch ein notorischer Pädophiler, der aus seiner Neigung keinen Hehl machte und es sowohl auf Mädchen als auch auf Jungen abgesehen hatte. In seinem berühmt gewordenen Buch „Les moins de seize ans“ („Die unter 16-Jährigen“) schrieb er 1974:
„Was mich fesselt, ist weniger ein bestimmtes Geschlecht als die extreme Jugend, also die Spanne zwischen dem zehnten und dem sechzehnten Lebensjahr, die mir — weit mehr, als man für gewöhnlich unter dieser Formulierung versteht — das wahre dritte Geschlecht zu sein scheint.“
Matzneff ist so eitel und fühlt sich offenbar vor gesetzlicher Verfolgung so sicher, dass er seine Eroberungen regelmäßig literarisch verwertet und die Mädchen damit vor einem großen Publikum — wenn auch anonym — bloßstellt. Seine Bücher, so formulierte es Vanessa Springora im Rückblick, „schildern seine stürmischen Liebesabenteuer mit einer Schar junger Mädchen, deren Avancen sich G. offenbar nicht entziehen kann. Diese Geliebten sind alle sehr fordernd, und weil er ziemlich schnell nicht mehr weiß, wie er ihrer Herr werden soll, jongliert er geradezu akrobatisch mit immer schamloseren Lügen.“
Die Lektüre seiner Werke öffnet Vanessa die Augen:
„Allmählich durchschaue ich sein Spiel. Er liebt es, seine Situation zu dramatisieren. Sich bedauern zu lassen. Jede Episode seines Lebens wird instrumentalisiert.“
Die Enthüllungen enthalten tatsächlich die abstoßendsten Geständnisse. So schreibt Matznaff in seinem Tagebuch über eine sextouristische Reise auf die Philippinen:
„Die kleinen Jungs zwischen elf und zwölf Jahren, die ich hier in mein Bett bekomme, sind ein seltener Leckerbissen.“
Niemals auf Augenhöhe
Zu befreien vermag Vanessa sich dennoch noch nicht.
„In der Zeit vor meinem fünfzehnten Geburtstag hat G. sich in den Kopf gesetzt, alle Bereiche meines Lebens zu kontrollieren. Er ist in gewisser Weise mein Vormund geworden.“
Dabei war ihr schon früh klar, dass sie die „Liebe“ ihres väterlichen Freundes niemals für sich allein haben würde — und dass die Affäre spätestens dann zu Ende wäre, wenn sie in seinen Augen „zu alt“ geworden wäre. G. hat „diese Geschichte schon sein ganzes Leben lang hundertmal durchgespielt.“ Vanessa schreibt, dass G. „zu sexuellen und literarischen Zwecken meine Jugend ausbeutete.“ Dennoch ist sie lange Zeit machtlos:
„Unsere Liebe war ein so machtvoller Traum, dass nichts, nicht eine einzige der spärlichen Warnungen meines Umfelds, genügt hatte, um mich wachzurütteln. Sie war der perverseste Alptraum. Sie war eine unbeschreibliche Gewalt.“
Klar analysiert sie, dass Matzneff sie durch ein erdrückendes Übergewicht an Erfahrung, Charisma und rhetorischen Fähigkeiten klein gehalten hat.
„Aber einem verbalen Schlagabtausch mit ihm bin ich nicht gewachsen. Im Vergleich zu ihm, dem Schriftsteller und Intellektuellen bin ich zu jung und unerfahren.“
Als Jugendliche konnte sie noch nicht durchschauen, was ihr als über 40-Jährige völlig klar ist: „Es ist für mich absolut unmöglich, mit ihm auf Augenhöhe zu kämpfen.“
Die Vorliebe mancher erwachsener Männer für sehr junge Frauen verweist demnach nicht allein auf eine bestimmte sexuelle Präferenz. Gerade die Tatsache, dass Mädchen in der Pubertät niemals „auf Augenhöhe“ sein können, und somit leichter im Sinne des Älteren zu lenken sind, könnte für Männer, die Angst vor einer gleichberechtigten Beziehung haben, den Reiz ausmachen.
Schriftsteller als „Vampire“
Zu den hellsichtigsten Passagen im Buch „Die Einwilligung“ gehört Vanessas Bemerkung, Matzneff sei ein Mensch, „für den der andere nicht existiert“. Viele Verhaltensweisen von Missbrauchstätern sind nur so erklärlich, dass diese in ihren Opfern lediglich „brauchbare“ leere Hüllen ohne seelisches Eigenleben sehen. Was diese empfinden, wird gar nicht wahrgenommen oder „tut nichts zur Sache“. Was zählt, ist allein die „Funktion“ der Mädchen im Zusammenhang mit den Bedürfnissen der älteren Männer. Vanessa verwendet drastische Bilder, um die Persönlichkeit ihres „Liebhabers“ zu charakterisieren.
„Schriftsteller gewinnen nicht immer bei näherem Kennenlernen. Man würde ihnen Unrecht tun, wenn man glaubte, sie seien wie alle Welt. Sie sind viel schlimmer. Sie sind Vampire.“
Auch über seine Affäre mit Vanessa hat Matzneff ja später ein Buch sowie Tagebücher geschrieben, die zwischen ihrem 16. und 25. Lebensjahr erschienen. „Wenn man mit einer solchen Brutalität vom Bild des Anderen Besitz ergreift, dann bedeutet das nichts anderes, als dass man ihm seine Seele raubt“, schreibt sie. „Meine gesamte Lebensenergie ist aus meinem Körper gewichen und wurde von der Tinte dieses abscheulichen Buches aufgesaugt.“
Die psychischen Spätfolgen: Panikattacken und Schuldgefühle
Etwa zwei Jahre nach Beginn dieser „Beziehung“, als sie 16 war, schaffte Vanessa Springora den Absprung. Zu Ende war ihre Geschichte deshalb jedoch noch lange nicht. Es gab Tage, an denen sich Vanessa wünschte, „für immer von der Erde zu verschwinden“. Als Spätfolge des Missbrauchs hatte sie häufig unter Panikattacken zu leiden. Sie entwickelte zudem extreme Essstörungen.
„Ich war im Begriff, mich zu verflüchtigen, mich in Luft aufzulösen, zu verschwinden. Ein grauenhaftes Gefühl, als würde ich dem Reich der Lebenden entrissen, aber in Zeitlupe.“
Diese psychische Erkrankung interpretiert sie als Neigung zur Selbstzerstörung. „Warum hatte ich einen solchen Berg von Schuldgefühlen in mir angehäuft, dass ich jetzt glaubte, ich würde die ‚Todesstrafe‘ verdienen?“ Ein Arzt sagt zu ihr: „Sie haben gerade eine psychotische Episode mit einer Phase der Depersonalisation erlebt.“
Es gehört zu den Verdiensten dieses mutigen Buches, dass es die psychischen Folgen sexueller Kontakte zwischen minderjährigen Mädchen und wesentlich älteren Männern drastisch deutlich macht.
Häufig werden die damit verbundenen Langzeittraumatisierungen nicht mit der gebotenen Schärfe gesehen, was auch das Umfeld der Betroffenen zu einer Haltung der Duldung und Bagatellisierung verführt. Wenn keine physische Gewalt stattgefunden hat, wenn das Mädchen „es wollte“ und auch immer wieder zu ihrem wesentlich älteren „Liebeslehrer“ zurückkehrte, sehen viele kein Problem.
Die psychischen Langzeitfolgen solcher Affären sprechen jedoch eine andere Sprache.
Notwendige „Froschperspektive“
Geschichten, wie sie Vanessa Springora erzählt, erhielten in jüngster Zeit viel zusätzliche Aufmerksamkeit durch die Enthüllungen rund um den Investor und Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und dessen „Assistentin“ Ghislaine Maxwell. Oft dreht sich die Presseberichterstattung über den Skandal aber überwiegend um mögliche Täter und Mitwisser. Dieser oder jene Prominente habe im E-Mail-Kontakt zu Epstein gestanden und sei verdächtig, selbst in den organisierten Missbrauch von Kindern und sehr jungen Frauen verwickelt gewesen zu sein. In den Hintergrund gerät bleibt dabei meist das Schicksal der Opfer, über deren Gefühle und schwere Traumatisierungen die Berichterstattung meist hinweggleitet.
Speziell bei der Lektüre von Virginia Roberts Giuffres Buch „Nobody’s Girl. Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit“ zeigt sich jedoch drastisch, mit welcher Art und welchem Ausmaß von Verbrechen wir es hier zu tun haben. Es ist nötig, diese „Froschperspektive“ eines schwer misshandelten Mädchens genauer zu betrachten, um dann im zweiten Schritt das „große Ganze“ und auch die politischen Implikationen des Falls Epstein besser in den Blick nehmen zu können.
Virginia Giuffre, geborene Roberts, wurde vor allem durch ein Foto mit dem britischen Prinzen Andrew bekannt, an den sie von Epstein „verliehen“ worden war. In einem Akt großer Selbstüberwindung führte Giuffre mehrere nervenaufreibende Prozesse und wurde so zu einer der meistbeachteten Anklägerinnen und Zeuginnen im Fall Epstein.
Ein „Riecher“ für Mädchen mit angeknackster Psyche
Virginia Giuffres Autobiografie leistet gerade in den Anfangskapiteln einen wertvollen Beitrag dazu, wie ein Mensch dazu gebracht werden kann, eine jahrelange entwürdigende Existenz als „Sexsklavin“ hinzunehmen. Und dies, ohne durchgehend in physischer Gefangenschaft gewesen zu sein, wie es etwa das Entführungsopfer Natascha Kampusch in ihrem Buch „3096 Tage“ beschreibt. Es beginnt damit, dass sich Täter mit Vorliebe einen bestimmten Typ Mädchen für ihre „Zwecke“ aussuchen. Ghislaine Maxwell, die enge Vertraute und Komplizin von Jeffrey Epstein, hatte dafür einen „Riecher“. Eines Tages sprach sie Virginia auf der Straße an, um ihr das Angebot zu unterbreiten, bei einem reichen älteren Herrn eine Massageausbildung zu absolvieren.
Giuffre hat bei späteren Recherchen herausgefunden, „dass Menschen, die in der Kindheit Opfer von Missbrauch wurden, mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit als Erwachsene erneut Missbrauch erleben.“ Das Risiko sei „15-mal größer“. Virginia war als junges Mädchen von zwei Jungen, 17 und 18 Jahre alt, auf dem Rücksitz eines Autos vergewaltigt worden, während sie ohnmächtig war. Noch schwerer wiegt aber die Vergewaltigung durch ihren Vater in jungen Jahren.
„An diesem Abend berührte mich mein Vater in meinem Zimmer auf eine Weise, wie mich nie zuvor jemand angefasst hatte. Er erzählte mir, ich sei sein geliebtes kleines Mädchen, sein Liebling, und er zeige mir auf diese Weise, dass er mich ‚ganz besonders lieb‘ habe. (…) Bald darauf fragte er mich, ob ich gerne seine Genitalien berühren würde. Ich wollte es nicht — aber er schon. Und er war mein Vater, also tat sich es.“
Virginias Vater und einer seiner Freunde vereinbarten sogar, ihre Töchter zu tauschen. „Jenna kann bei uns schlafen und Sheila hier.“ Ihre Mutter schwieg zum Missbrauch an ihrer Tochter. Sie wurde zu einer duldenden Mittäterin.
Duldungsstarre als Überlebensmodus
Virginia lernte Epstein und Maxwell in einem schon deutlich „angeknacksten“ Seelenzustand sowie in einer sozial prekären Situation kennen. Beide führten Vanessa schrittweise an die dann folgende Vergewaltigung heran. Sie wurde zunächst in eine luxuriöse Villa eingeladen, wo sie ihren künftigen „Ausbilder“ kennenlernen sollte. Zu ihrer Überraschung lag dieser zur Begrüßung nackt und bäuchlings auf einer Liege.
„Erst später wurde mir die Routiniertheit bewusst, mit der die beiden meine Abwehrmechanismen Schritt für Schritt abbauten. Immer, wenn ich ein leichtes Unbehagen verspürte, sagte mir mein Blick auf Maxwell, dass ich überreagierte.“
Irgendwann, nachdem Giuffre Epsteins Rücken massiert hatte, drehte dieser sich um und begann, sich selbst sexuell zu stimulieren. „Das stört dich doch nicht, oder?“ sagte er. In diesem Moment hätte sie vielleicht noch fliehen können. Doch sie verfiel in eine Art Starre.
„In diesem Augenblick zerbrach etwas in mir. (…) Eine vertraute Leere überkam mich (…) Mein Körper konnte diesem Raum nicht entkommen, aber mein Geist hielt es dort nicht aus. Also versetzte er mich in eine Art Autopilot-Modus: unterwürfig und nur darauf konzentriert, zu überleben.“
In weiteren Schritten wurde Virginia dahin gebracht, den Geschlechtsverkehr mit Epstein zu vollziehen — ohne rohe Gewalt, jedoch mit einer Mischung aus Überredung, Überrumpelung und autoritärem Gehabe. Später vermag sie, ihre damalige Psychodynamik hellsichtig zu analysieren. Eine große Rolle spielte dabei ihre biografische Prägung:
„Wenn ein Kind von einem geliebten Menschen missbraucht wird — so wie ich von meinem Vater —, dann gelangt es zu der Überzeugung, dass Liebe und Schmerz, Liebe und Vertrauensbruch, Liebe und Grenzverletzung zusammengehören. Ich wusste nicht, dass Missbrauchsopfer Warnsignale nicht richtig erkennen können, weil sie verletzendem Verhalten gegenüber abgestumpft sind. Ich wusste nicht, dass eine häufige Bewältigungsstrategie bei sexuellem Missbrauch darin besteht, sich loszulösen von dem, was gerade geschieht, sich ‚aufzuspalten‘ in einen gefügigen Körper und einen abgeschotteten Geist.“
„Selbst schuld“?
Eine wichtige Frage, die sich für Leser in dieser Phase der Missbrauchsgeschichte stellt, ist: Warum ist Virginia Giuffre nach dieser ersten schlimmen Erfahrung und obwohl man sie nicht in Epsteins Anwesen festgehalten hat, „wieder hingegangen“ — mehrfach und sogar über Jahre? Ist sie insofern nicht an allem, was mit ihr geschehen ist, „selbst schuld“? Giuffre selbst verneint dies:
„Diese Haltung missachtet zutiefst, was so viele von uns schon durchgemacht haben, bevor wir Epstein trafen, und wie gut er darin war, Mädchen zu erkennen, deren Wunden sie angreifbar machten. Mehrere von uns waren als Kinder sexuell belästigt und vergewaltigt worden; viele von uns waren arm oder sogar obdachlos.“
Überdies drohte Epstein mit Gewalt gegen Virginias Familie, sollte sie je erzählen, was in diesem Haus vorgeht. „Wir wissen, auf welche Schule dein Bruder geht.“ Außerdem bekam das Mädchen für ihre „Dienste“ ja auch mehr Geld, als sie je zuvor in ihrem Leben verdient hatte. Ab einem bestimmten Punkt wurde es für sie zu „einem Job“, und Menschen gewöhnen sich an vieles. Schließlich wurde Virginia an Freunde und Geschäftspartner Epsteins weiter „verliehen“. In das Milieu der Reichen, Schönen und Berühmten integriert zu werden und sich ständig in einem luxuriösen Ambiente aufzuhalten, besaß für sie eine nicht zu unterschätzende Verführungskraft.
Eine für das Mädchen „schmeichelhafte“ Begegnung mit dem britischen Prinzen Andrew nahm — wie bei vielen ihrer Begegnungen mit Stars und politischen Würdenträgern eine schlimme Wendung. „Auf dem Rückweg eröffnete mir Maxwell: ‚Zu Hause machst du für ihn dasselbe wie für Jeffrey.‘ Ich wusste, Widerspruch war zwecklos.“
Natascha Kampusch und das „Stockholm-Syndrom“
Um Virginia Giuffres Beziehung zu Epstein und Maxwell zu verstehen, liegt auch der populär gewordene Begriff „Stockholm-Syndrom“ nahe.
„Einige andere Opfer haben davon berichtet, dass sie am Stockholm-Syndrom litten, bei dem Opfer als Überlebensstrategie positive Gefühle für den Täter entwickeln. Heute erkenne ich, dass es bei mir genauso war.“
Schon Natascha Kampusch, die 1998 von dem Einzeltäter Wolfgang Priklopil entführt und über acht Jahre in seinem Keller gefangen gehalten wurde, beschreibt ihre Gefühle und Reaktionen in den ersten Stunden nach ihrer Gefangennahme sehr eindrucksvoll:
„Ein Ruck ging durch meine Welt, die Realität verschob sich ein kleines Stück. (…) Als Erwachsener weiß man, dass man ein Stück von sich selbst verliert, wenn man Gegebenheiten erdulden muss, die bis zu ihrem Eintreten völlig außerhalb des eigenen Vorstellungsvermögens waren. Der Boden, auf dem die eigene Persönlichkeit steht, bekommt einen Riss. Und doch ist die einzig richtige Reaktion, sich anzupassen, denn sie sichert das Überleben.“
Natascha Kampusch jedenfalls schuf sich einen „Kokon der Normalität“ als Überlebensstrategie. Langes Stillhalten jedoch, so verständlich es menschlich auch ist, birgt die Gefahr der Gewöhnung. Die andauernde Anpassung an den Täter deformiert das Bewusstsein des Opfers schleichend, bis hin zur Verinnerlichung von dessen Rechtfertigungsnarrativen. „Ich steckte bereits so tief in der Gefangenschaft, dass die Gefangenschaft längst in mir steckte“, schreibt Kampusch hellsichtig.
Sadismus als tiefer liegende Motivation
Schuldgefühle und Scham sind gerade bei Opfern sexueller Übergriffe zusätzliche Belastungen — Gefühle, die unbeteiligte Beobachter als „unnötige“ Selbstherabsetzung ansehen mögen, die aber nichtsdestotrotz psychische Realität sind. Die Erinnerung daran, was man alles mit sich machen ließ, ist quälend. Speziell dann, wenn die Opfer aufgrund von Stimulation sexuelle Reaktionen zeigen, ist dies mit Scham verbunden und stellt eine scheinbare Entlastung für die Täter dar.
Virginia Giuffre berichtet in ihrem Buch weiter von einer zunehmend sadistischen Komponente in Epsteins Sexualverhalten. Sie schreibt:
„Er interessierte sich neuerdings für Sadomasochismus — und zwar gänzlich ungeniert. (…) Er hatte damit angefangen, mit Peitschen, Fesseln und anderen Folterexperimenten zu experimentieren.“
Ein Kunde, an den Epstein Giuffre „ausgeliehen“ hatte, sei „nicht an Zärtlichkeiten interessiert“ gewesen. „Mehrfach würgte er mich, bis ich das Bewusstsein verlor. Er hatte Freude daran, mich in Todesangst zu sehen.“ Die Identität dieses Mannes, den sie den „Premierminister“ nennt, hat Virginia Giuffre bis zum Schluss im Dunkeln gelassen — aus Angst vor seiner Macht, die offenbar größer war als jene Epsteins oder Prinz Andrews.
Der Psychodynamik der Opfer steht jene der Täter gegenüber, die nicht ausschließlich mit sexueller Triebbefriedigung zu tun hat. Macht scheint vielfach die tieferliegende Motivation zu sein, der Vollzug von Sexualität nur deren vordergründige Ausdrucksform.
Speziell bei Epstein und Priklopil, mit Abstrichen auch bei Matzneff, scheint eine Komponente von Sadismus am Werk gewesen zu sein. Erich Fromm definiert diesen als „das Bestreben, einen anderen Menschen völlig in die Gewalt zu bekommen, ihn zu einem hilflosen Gegenstand des eigenen Willens zu machen, zum absoluten Herrscher über ihn, zu seinem Gott zu werden und mit ihm machen zu können, was einem gefällt.“
Sind Frauen das unschuldige Geschlecht?
Im Rahmen der brutalen Machtausübung durch die Männer haben Frauen oder Mädchen nur einen begrenzten Spielraum. Ihre Macht besteht in ihrer Wirkung auf Männer in einer Begegnung, zu der sie von diesen erzwungen wurden. So gibt Vanessa Springora zu Protokoll:
„Mal fühle ich mich wie berauscht, all diese Macht! Es ist so leicht, einen Mann glücklich zu machen. (…) Ich rufe mir in Erinnerung, dass es meine Mission hier auf Erden ist, Männern Lust zu verschaffen.“
Die Schlussfolgerung, nur Männer seien zu bösem und krankem Verhalten fähig, verbietet sich angesichts der „assistierenden“ Funktion, die einige Frauen bei den in diesem Artikel dargestellten Verbrechen innehatten. So hat Springoras Mutter die Beziehung Vanessas zu „G.“ offenbar aufgrund einer Art von Eitelkeit geduldet, quasi zur Schwiegermutter eines Prominenten avanciert zu sein.
Mütter schicken ihre Töchter vor
Bei Ghislaine Maxwell liegt eine noch subtilere Psychodynamik vor.
Virginia Giuffre sieht ihr „Besitzerpaar“ als eine Einheit an. „Mit der Zeit sah ich in Epstein und Maxwell weniger ein Paar als vielmehr zwei Hälften eines bösen Ganzen.“ Maxwell, die seit 2022 in Haft ist, verkörpert psychologisch eine Art „mütterliche“ Funktion in der Beziehung: Sie duldet den Missbrauch durch den Mann an dem Mädchen und unterstützt ihn insgeheim.
Einmal fragte Guiffre ihre Peinigerin sogar ganz offen nach deren eigenen Gefühlen:
„Irgendwann fragte ich sie, warum es sie nicht störte, dass er mit so vielen anderen Sex haben wollte. Sie antwortete, es sei eine Erleichterung. Sein Sexhunger sei so riesig, dass eine einzelne Person ihn nie stillen könnte.“
Dies entspricht einer, unter anderem bei „Familienaufstellungen“ nach Bert Hellinger, aufgedeckten Dynamik. Einige Ehefrauen liefern ihre Töchter aus, um vom ungeliebten sexuellen „Dienst“ an ihren Männern entlastet zu werden.
Die Gesellschaft schaut weg
Neben der Mitschuld der Mutterfiguren an diesem Geschehen ist auch jenes der größeren Gemeinschaft zu sehen. Virginia Giuffre berichtet von einer erschütternden Szene:. Sie hatte sich im größeren Familienkreis dazu durchgerungen, offen darüber zu sprechen, dass ihr Vater sie seit Jahren missbrauchte. Wie reagierten die Anwesenden, darunter Onkel und Tante?
„Ich würde nur zu gerne berichten, dass sie alle aufstanden und einen Schutzwall um mich herum bildeten. Aber sie rührten sich nicht. Nach einer stillen Schrecksekunde packte mich mein Vater mit einer Hand an der Kehle und schlug mir mit der anderen ins Gesicht. (…) Am nächsten Morgen wachte ich mit dem Gefühl auf, dass sich ja jetzt, da ich den Missbrauch durch meinen Vater endlich lautstark offenbart hatte, etwas ändern müsse. Vielleicht würde ja wenigstens irgendjemand anerkennen, was ich durchgemacht hatte. Stattdessen tat die gesamte Großfamilie bis zu unserer Rückfahrt nach Florida so, als wäre nichts geschehen.“
Dieser Vorgang kann geradezu symbolisch für das komplizenhafte Schweigen der Mehrheitsgesellschaft zum Missbrauchsgeschehen stehen. Der Film „Das Fest“ von Thomas Vinterberg stellt einen vergleichbaren Vorgang kollektiver Verdrängung in künstlerisch hochwertiger Form dar.
Übermenschenfantasien der „Eliten“
Höchst interessant sind beide Fallgeschichten auch mit Blick auf das überhöhte Selbstbild der sogenannten Eliten.
Vanessa Springora sieht sich auch als Opfer der übermäßigen Ehrfurcht eines „gebildeten“ Umfelds vor Prominenz, Intellekt und Künstlertum. „Aber was ist schon das Leben einer anonymen Heranwachsenden wert im Vergleich zum literarischen Werk eines höheren Wesens?“, schreibt sie an einer Stelle.
Einmal weinte sich Vanessa bei einem Mann namens Emil aus, einem älteren Bekannten von Gabriel Matzneff, dem sie vertraute. Dieser war ihr aber keine Hilfe. Er sagte:
„G. ist ein Künstler, ein sehr großer Schriftsteller (…). Sie lieben ihn, dann müssen Sie seine Persönlichkeit akzeptieren. G. wird sich niemals ändern. Er hat Ihnen eine ungeheure Ehre erwiesen, indem er Sie auserwählt hat. Ihre Aufgabe ist es, ihn auf seinem schöpferischen Weg zu begleiten, und auch, sich seinen Launen zu beugen.“
Sie bemängelt eine Doppelmoral, die darin besteht, gegenüber Angehörigen einer „Elite“ — zum Beispiel Schriftstellern, Filmemachern oder Malern — nachsichtiger zu sein als gegenüber Tätern aus „normalen“ Milieus.
„Offensichtlich gehört der Künstler einer besonderen Kaste an, er gilt als ein Wesen, das über uns steht und das wir mit Allmachtsbefugnissen ausstatten, ohne eine andere Gegenleistung dafür zu erwarten als die Produktion eines originellen und subversiven Werkes.“
Jenseits von Gut und Böse
Als Steigerung dieser professionellen Arroganz legte Jeffrey Epstein offenbar geradezu eine Übermenschen-Attitüde an den Tag. Sie erinnert an Dostojewskis Helden Rodion Raskolnikow, der in „Schuld und Sühne“ eine ihm fremde Frau ermordet — einfach, weil er sich für den Vertreter eines überlegenen Menschenschlags ansieht, für den übliche moralische Maßstäbe nicht zu gelten haben.
„Alles, was mir in Epsteins Welt zugestoßen war, hatte nur bestätigt, dass gewisse privilegierte Menschen in einem Grenzbereich außerhalb des Gesetzes stehen, ganz gleich, wie niederträchtig sie sich verhalten.“ Vielleicht erklärt dies einiges, was uns am Verhalten der Macht-, Kultur- und Wirtschaftseliten immer wieder abstößt. Der Vorwurf, dass manche von ihnen buchstäblich über Leichen gehen, ist nicht übertrieben.
Eine unserer Protagonistinnen hat ihre Missbrauchserfahrungen nämlich leider nicht überlebt. Virginia Giuffre beschreibt am Ende ihres Buches die Langzeitfolgen ihrer Traumatisierung, die ihr Leben auch nach der Befreiung von Epstein und der Gründung einer Familie mit ihrem Ehemann Robert nachhaltig überschatteten.
Das Trauma, das im Schatten lauert
Sie beschreibt, dass sie immer wieder, wie aus dem Hinterhalt, von Flashbacks und Anflügen schwarzer Depression überfallen wurde.
„Doch Überlebende wie ich wissen nur zu gut, dass es immer noch da ist und im Schatten lauert. Egal, wie viele Jahre vergangen sind oder wie viele Therapeuten man konsultiert hat, es kann plötzlich und unerwartet wieder auftauchen, wie aus dem Nichts.“
Auf einen kurzen, jedoch erschütternden Nenner hat Herbert Grönemeyer diese Dynamik in seinem Lied „Sie“ gebracht, das von einem Missbrauchsopfer erzählt:
„Sie hat lange verzweifelt gewartet.
Die Jahre zeigen kein Erbarmen.
Das heilt keine Zeit“.
Wie im Fall Jeffrey Epsteins gibt es auch zum Tod von Virginia Giuffre „Verschwörungserzählungen“, wonach es sich um Mord, nicht um Selbstmord gehandelt haben soll. Ob sie jedoch von mächtigen Menschen um die Ecke gebracht wurde, die sich vor ihren Enthüllungen fürchteten, oder ob sie tatsächlich den zermürbenden Langzeitfolgen ihres Traumas erlegen ist — klar bleibt in beiden Fällen, dass es einen oder mehrere Schuldige an ihrem Tod gab.
Eine gründliche Aufarbeitung des Geschehens und mehr Achtsamkeit seitens der Gesamtgesellschaft sind notwendig, um diesen umfassenden Komplex verbrecherischen Missbrauchs zumindest zu begrenzen. Sonst werden auch in Zukunft immer wieder neue, unbedarfte Mädchen und auch Jungen solche Schicksale erleiden.
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Quellen und Anmerkungen:
Literatur:
Vanessa Springora: Die Einwilligung. Blessing Verlag. 176 Seiten, € 10,99
Virginia Roberts Giuffre: Nobody’s Girl. Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit. Yes Verlag. 400 Seiten, € 26
Natascha Kampusch: 3096 Tage. Ullstein Verlag. 288 Seiten, € 13,99



