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Die Krone der Schöpfung

Die Krone der Schöpfung

Eine Erzählung zeigt, wie ein Mädchen die Gefangenschaft für nicht existent erklärt und seinen Weg selbst bestimmt. Exklusivauszug aus „Die Enthüllung“.

Es waren einmal ein König und eine Königin. Sie waren einander innig zugetan und miteinander verbunden wie die zwei Hälften eines Ganzen. Ihre Herzen schlugen im Gleichtakt und kein Misston störte ihre Eintracht. Alles, was sie umgab, vibrierte in der Tonart ihrer Harmonie: Die Bäume wiegten sich im Wind, die Insekten umtanzten die bunte Blütenpracht, und das Wasser sprudelte heiter von der Quelle bis zum Meer. Sonne strahlte, Vögel sangen, Wolken zogen vorbei, Mond ging auf, Sterne funkelten.

Als die Liebe zwischen ihnen ihren Zenit erreichte, stiegen sie hinab in die Tiefen der Erde, dorthin, wohin kein Lichtstrahl mehr kommt, und suchten das glänzendste Metall und die edelsten Steine, die sie finden konnten. Daraus erschufen sie eine Krone. In sie hinein flossen das Strahlen der Sonne und das Schimmern des Mondes, die Kraft des Himmels und der Erde. Ihr Meisterwerk hängten sie in einen Baum in ihrem Garten. Die Sonne brachte sie zum Leuchten, die Blätter umspielten und der Wind liebkoste sie. Alle konnten die Krone sehen und sich an ihr erfreuen.

Eines Tages war sie fort. Alle Bewohner des Gartens waren entsetzt. Noch am selben Tag versammelte das Königspaar alle um sich. Voller Trauer über den Verlust beratschlagte man lange und fand doch keine Lösung. Wo sollte man denn die Krone suchen? Wer hatte sie an sich genommen? Würde man sie jemals wiederfinden? Welchen Gefahren würde sich derjenige aussetzen müssen, der sich auf die Suche machte? Das Vertraute und Gewohnte müsste er lassen, vielleicht sogar sein Leben. Wer wäre dazu bereit?

Als der König die Frage stellte, lag drückendes Schweigen auf der Menge. Die Größten und Kräftigsten in den ersten Reihen verharrten still. Da erhob sich eine sanfte Stimme: „Ich will es tun. Ich werde gehen.“

Alle sahen sich um. Es war ein junges Mädchen, das seine Eltern früh verloren hatte und von der Gemeinschaft großgezogen worden war. „Lasst mich für euch auf die Reise gehen. Ich will versuchen, die Krone zu finden und sie zurückzubringen.“

Allen Unkenrufen zum Trotz hatte sich das Mädchen auf den Weg gemacht. Er war unbequem. Manchmal tat es weh. Sie trauerte ihrem gewohnten Leben hinterher und fror in der Kälte fern der vertrauten Gemeinschaft. Sie hatte nichts als ihren Wanderstab und das Bündel, das sie mit sich trug. Dichter Nebel lag über einer feuchten Landschaft, deren Konturen sie oft nur erahnen konnte. Im Unterholz hörte sie Geräusche, die sie nicht einordnen konnte. Waren es wilde Tiere, die ihr gefährlich werden konnten, Wegelagerer, die ihr auflauerten? Steine rollten unter ihren unsicheren Schritten. Sie hörte sie in Abgründe stürzen. In der Ferne krähte ein Hahn.

Sie folgte dem Ruf. So kam sie an einen Ort, dessen Bewohner ein seltsames Verhalten zeigten. Wie kopflose Hühner liefen alle durcheinander, rempelten einander an, klagten vor sich hin und lebten in großer Aufregung. „Was passiert hier?“, fragte sie einen der Vorbeihastenden. „Weiß nicht. Keine Zeit“, war die Antwort. Auch beim Nächsten und Übernächsten hatte sie nicht mehr Glück.

Sie kehrte dem merkwürdigen Ort den Rücken und dachte bei sich, dass es in der nächsten Stadt wohl anders sein würde. Doch hier war es noch eigenartiger. Lautes Geschrei war zu hören, Lamentieren und Schimpfen. Die Menschen trugen Gegenstände aus Metall mit sich herum, schwer schlurften ihre Schritte, so, als gingen sie an unsichtbaren Ketten. „Was haben diese Unglücklichen getan?“, fragte sie einen alten Mann. „Sie sind unnütze Geschöpfe, die es nicht besser verdient haben“, war die Antwort. Auch diese Stadt ließ sie schnell hinter sich. So ging sie weiter von Ort zu Ort. Manche erschienen ihr vollkommen leer. Vereinzelt huschten verängstigte Schatten vorbei, die Gesichter verhängt. Der Wind trieb welke Blätter durch die Straßen. Die Vögel sangen nicht.

„Halt! Wer da?“ Eine scharfe Stimme unterbrach ihre Schritte. „Reisen ist hier nicht erlaubt!“

Kaum dass sie sich versah, fand sie sich in Ketten wieder. Unsanft führte man sie zu einem Ort hinter hohen Mauern und sperrte sie dort ein. Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie, dass sie alleine war. Wie viele Tage sie in der Abgeschiedenheit verbracht hatte, wusste sie nicht. Als man sie holte, fühlte sie sich verloren und leer. Durch dunkle Gänge führte man sie, bis sie schließlich zu einem Raum kam, in dem man Gericht hielt.

Auf der Anklagebank saßen ebenso traurige Gestalten wie sie. „Was geht hier vor?“, fragte sie flüsternd ihren Nachbarn. „Ich weiß es nicht. Sie haben mich geholt, als ich meiner Arbeit nachging.“ Flüsternd meldete sich ein anderer zu Wort. „Mich haben sie auf einer Versammlung festgenommen.“ „Ruhe!“ Scharf peitschte die Stimme des Richters durch den Raum.

Gesetze wurden zitiert, Dekrete, Vorschriften, Weisungen, Erlasse und Verordnungen herbeigeholt. Es sei nicht erlaubt, zusammenzukommen, sich frei zu bewegen, zu feiern und sein Gesicht zu zeigen. Wisse man denn nicht, wie groß die Gefahr ist? Verstehe man denn nicht, was alles passieren kann? Erkenne man nicht, dass die Sicherheit das höchste Gut ist?

Lange ergossen sich die Sermone über die Köpfe der Angeklagten. Mit allen Mitteln müsse dafür gesorgt werden, das Schlimmste zu verhindern! Mit Freiheitsentzug auf unbestimmte Zeit würden alle diejenigen bestraft, die sich nicht an die Vorschriften hielten! Menschen wie sie müssten mit harten Maßnahmen zur Raison gebracht werden! Sie hörte nur das Rauschen in ihrem Kopf. Als sie wieder in ihre Zelle geführt wurde, dachte sie an die Warnungen, als sie losgezogen war. Hatte sie ihre Fähigkeiten überschätzt? War sie zu unvorsichtig gewesen? Würde sie jemals dem Gefängnis, in dem man sie zurückhielt, entkommen können?

Schwer lasteten die Zweifel auf dem Mädchen. Feucht sickerte das Wasser die Wände des Gefängnisses hinunter. Kaum ein Lichtstrahl erreichte sie hier. Außer ein paar Mäusen und Insekten gab es kein lebendiges Wesen, mit dem sie sich hätte unterhalten können. Wie viel Zeit würde sie hier verbringen? Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie dachte an den blühenden Garten, den sie verlassen hatte, an das fröhliche Plätschern des Baches, an die Tiere und Pflanzen und Menschen, die dort zusammenlebten. Sie dachte an ihren König und an ihre Königin, die sie nun enttäuschen musste, und an die verlorene Krone, die zu suchen sie sich vergeblich auf den Weg gemacht hatte.

Keine Spur hatte sie davon gesehen. Nicht die geringste Ahnung hatte sie, wo sie sie finden konnte. Und nun war sie hier, eingesperrt auf unbestimmte Zeit, und würde vielleicht nie wieder das Tageslicht erblicken. Alle Hoffnung fiel von ihr ab. Tief und tiefer glitt sie, so lange, bis es nicht mehr weiterging. Genau hier, am tiefsten Abgrund ihrer Verzweiflung, hörte sie eine Stimme: „Hallo?“ Überrascht sah sie sich um. War sie doch nicht allein? Doch sie konnte niemanden sehen. Erneut erklang die Stimme. Nun wurde sie gewahr, dass sie gar nicht von außen kam, sondern aus ihr heraus. „Ich bin hier. Erkennst du mich denn nicht?“ Andere Stimmen kamen hinzu: „Wir sind hier. Wir sind alle hier. Kannst du uns hören?“

Es waren kräftige Stimmen und sanfte, klare und dunkle, fröhliche und traurige. Eine bunte Gemeinschaft schien da aus ihrem Inneren heraus zu ihr zu sprechen. Immer deutlicher konnte sie die Stimmen voneinander unterscheiden, und immer klarer erschien ihr, was sie sagten. So viele Wochen hatte sie in der Einsamkeit verbracht, nichts hatte sie gewusst von diesem Leben in ihr. Die ganze Welt schien aus ihr heraus zu sprechen! Hier gab es Prinzessinnen und Frösche, strenge Generäle und weinende Kinder, liebevolle Mütter und mutige Väter. Alle sprachen sie aus ihr heraus. Sie musste ihnen nur zuhören. Sie war nicht mehr allein!

Plötzlich machten ihr Dunkelheit und Kälte nichts mehr aus. Sie lehnte sich an die feuchte Wand und begann, in sich hineinzulauschen. Es floss aus ihr heraus wie ein unaufhaltsamer Strom. Sie hörte zu und fragte nach. Und als das fahle Licht des dämmernden Morgens durch die winzige Luke ihrer Zelle drang, da wusste sie, was sie zu tun hatte.

Es war ganz einfach gewesen. Als der Wärter dem Mädchen die karge Mahlzeit brachte, hatte sie ihm in die Augen geschaut und gesagt: „Ich werde jetzt gehen, und du kannst mich nicht zurückhalten.“

Und so war es. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen und durchschritt in Freiheit die dunklen Gänge, so lange, bis sie schließlich das Licht des Tages erblickte. Durch die schwere Tür trat sie hinaus auf den freien Platz. „Nein“ war der Name ihres Schlüssels. „Ich glaube nicht an eure Macht. Ich mache das nicht mehr mit. Ich erlaube es nicht, dass ihr über mein Leben bestimmt. Denn ich weiß jetzt: Ich allein habe Macht über mich. Ich bin bereit, die Verantwortung für all das zu übernehmen, was mir geschieht.“

Niemals zuvor war ihr der Himmel so weit erschienen und die Luft so klar. Tief atmete sie durch und füllte ihre Lungen mit der frischen Luft. Beherzt schritt sie voran und kehrte der Stadt den Rücken.

Bald kam sie an eine Wegkreuzung. Ein Weg war breit und schien bequem. Zu beiden Seiten erhoben sich solide, stolze Gebäude. Gepflegte Parkanlagen unterbrachen die von hohen Masten gesäumten Reihen, an deren Spitzen bewegliche Kameras jede Bewegung registrierten. Nichts wuchs zwischen den Konstruktionen aus Stahl und Beton, was dort nicht wachsen sollte. Die Menschen liefen eilig herum, und ihre Bewegungen erschienen ihr seltsam künstlich. Durch die Luft surrten Flugobjekte. Keine Bienen waren zu hören, kein Schmetterling flatterte durch die Luft. Alle Tiere, die sie sehen konnte, gingen an der Leine.

Der andere Weg war schmal und verschlungen. Tief hingen die Äste der Bäume, wild plätscherte das Wasser. Immer wieder überquerte es den Weg und ließ bisweilen nur glitschige Steine als einzige Möglichkeit, weiter voranzukommen. Steile Abhänge und enge Passagen wechselten sich ab mit üppiger Vegetation und weiten Wiesen in voller Blumenpracht. Es war ein unvorhersehbarer Weg voller Leben und voller Überraschungen, ein Weg, auf dem alles passieren konnte. Diesen Weg wählte sie.

Lange war sie gelaufen. Füße und Kreuz schmerzten, doch sie gönnte sich keine Rast auf ihrer Suche. Weiter und weiter ging sie, ihrem Ziel entgegen. Oft stand sie vor verschlossenen Türen und wusste nicht weiter. Immer wieder jedoch öffnete sich in dem Augenblick, in dem sie nicht mehr damit rechnete, ein Fenster, und es ergab sich eine neue Möglichkeit. Sie brauchte all ihre Ausdauer und all ihren Mut. Zweifel kamen und gingen, aber die Frage blieb: Wo finde ich, was ich suche? Wo finde ich die Krone der Menschen?

Überall, wo sie vorbeikam, sprach sie die Leute an. Die meisten wussten nichts von einer Krone, viele zuckten mit den Schultern. Bei manchen schien es ihr, als würden sie sich an etwas Fernes erinnern, doch nur bei ganz wenigen konnte sie ein Licht in den Augen erkennen: Ja, ich erinnere mich. Auch ich habe sie gekannt, diese Krone. „Geh nur immer weiter nach Osten“, rieten einige, „dorthin, wo die Sonne aufgeht.“ „Lass dich nicht vom Weg abbringen!“, mahnten andere.

Jeden Abend, wenn sie sich schlafen legte, bat sie die Sterne und den Mond, über sie zu wachen, und jeden Morgen, wenn sie die ersten Sonnenstrahlen weckten, war sie glücklich, am Leben zu sein. Sie sprach mit allen, die ihren Weg kreuzten: mit Menschen, Tieren, Bäumen, Blumen, Wolken, Regentropfen — selbst mit den Steinen kam sie ins Gespräch. Ihre Sprache war sehr langsam und sehr behäbig. Sie musste ihnen viel Zeit lassen und besonders gut hinhören. Endlich trug ihre Geduld Früchte.

„Es ist der alte Drachen, der die Krone genommen hat. In seiner Höhle wirst du sie finden“, sprach ein breiter Felsen in der Mittagssonne. „Wie komme ich zu ihm?“ „Geh weiter, bis du zu einem Fluss kommst. Folge ihm bis zu seiner Mündung. Dort, wo das Wasser der Felswand entspringt, findest du, was du suchst.“

Als sie nach beschwerlichem Weg zu dem Ort kam, an dem das Wasser in kräftigem Schwung dem Felsen entsprang, fühlte sie sich gleichzeitig erschöpft und voller Kraft. Ihr schien, als sei sie auf ihrer Wanderschaft größer geworden. Tatsächlich hatte sie sich verändert. Ihr Körper hatte an Kraft und Geschmeidigkeit gewonnen, ihr Rücken sich gestreckt. Sie hatte es gelernt, sich im rechten Moment zu beugen und wiederaufzurichten. Kaum jemand von denen, die sie hatten losziehen sehen, hätte sie wohl wiedererkannt.

Tausend Mal war sie an ihre Grenzen gekommen, tausend Mal hatte sie sie überschritten. Sie hat sich klein gefühlt und groß, begrenzt und frei, voller Fehler und gleichzeitig voller wunderbarer Fähigkeiten. Sie war erwachsen geworden. Was auch immer ihr geschah: Sie konnte es annehmen und Verantwortung dafür übernehmen.

Alles, was passierte, hatte seine Richtigkeit. Sonst würde es nicht geschehen. Sie orientierte sich an den Ereignissen wie an Kieselsteinen, die ihr den Weg wiesen. Kein einziger war überflüssig, alle hatten ihren Sinn für sie und trugen eine Botschaft, die ihr weiterhalf.

So kam sie dem Ziel ihrer Reise näher. Nach langer Wanderung stand sie dort, wo alles beginnt, dort, wo das Wasser gereinigt von seiner Reise aus den dunklen Schichten der Erde der Sonne entgegenspringt. Voll ungebändigter Lebenskraft bricht es aus dem Stein hervor. Klar und voller Leben sprudelt es aus dem Berg und stürzt die steinernen Wände hinab. Hier würde sich ihr Schicksal erfüllen. Hier inmitten dieser wilden und üppigen Schönheit war sie bereit, dem Schatz entgegenzugehen. Hier war sie bereit, der Gefahr zu begegnen und ihr Leben zu geben.

„Was willst du?“

Feuerheißer Atem schlug ihr entgegen. Dort, wo das Wasser einen dichten, sprühenden Vorhang bildet, hatte sie den Eingang zu der Höhle entdeckt. Ein bedrohliches Grollen, so tief, als käme es aus den dunkelsten Abgründen der Erde, wies ihr den Weg. Niemals, so schien es ihr, hatte ein Mensch diesen unwirtlichen Ort betreten. Mit vorsichtigen Schritten tastete sie sich vor ins Zentrum ihrer Angst, das Tor ihrer Befreiung. Hier, so ahnte sie, würde ihr gleichzeitig das Erschreckendste und das Höchste begegnen, die größte Gefahr und die Erfüllung ihrer Suche. Hier würde sie sie finden, die kostbare Krone, den wertvollen Schatz der Menschen, das höchste Zeichen ihrer Souveränität und Verantwortung.

„Ich komme, um zu holen, was du den Menschen genommen hast.“

Ihre Stimme zitterte nicht, obschon sie wusste, was auf dem Spiel stand. Ein Feuerhauch nur, und es wäre aus mit ihrem Leben. Eine einzige falsche Bewegung, und alles wäre vorbei. „Ganz andere als du sind gekommen. Was hast du, was sie nicht hatten? Glaubst du, du könntest mir mit Gewalt entreißen, was du begehrst? Bist du denn so töricht zu denken, du könntest mich überlisten?“ Bedrohlich fauchte es ihr entgegen. Die karstigen Wände der Höhle erbebten unter mächtigem Donner. Wild schlug ihr Herz. Doch sie schritt unbeirrt weiter.

„Ich fürchte dich nicht. Denn ich bin nicht gekommen, dir die Krone der Menschen zu entringen. Ich kenne deine Kraft und achte deine Macht. Ich erkenne in dir die gespaltene Zunge, das zweischneidige Schwert, das zur gleichen Zeit tötet und erhebt, die Flamme, die zugleich verbrennt und reinigt. Du zerstörst und bist doch gleichzeitig die Kraft, die dem Leben zugrunde liegt und darauf wartet, aufzusteigen. Wohl weiß ich, dass ich dich nicht überwinden kann. Doch ich kann dich bitten, den Schatz freiwillig herauszugeben.“

Es erhob sich ein markerschütterndes Gebrüll, das die Wände beben ließ. Fast drohte es, die Höhle zum Einsturz zu bringen. Feuerkugeln rasten auf sie zu wie zuckende Blitze, Schwefelgeruch erfüllte die Luft, und dichte Rauchwolken nahmen ihr die Sicht. Kein Ort der Welt könnte grauenvoller sein, kein Albtraum furchterregender, keine Hölle bedrohlicher. Auf gleißende und alles versengende Hitze folgte schwärzeste Dunkelheit und auf ohrenbetäubenden Lärm schließlich eine alles umfangende Stille. Als sich die Schwaden legten, war der Drachen verschwunden. Auf dem Boden vor ihren Füßen lag, was sie suchte.

Sie war auf dem Weg nach Hause. Freude und Erleichterung beflügelten ihre Schritte, und bisweilen schien es ihr, als würde sie wirklich und wahrhaftig fliegen. Nichts schien ihr beschwerlich. Kein Stein brachte sie zum Stolpern, kein wildes Tier machte ihr mehr Angst. Seitdem sie aus den dunklen Tiefen emporgekommen war, schien es ihr, als hätte sie in Drachenblut gebadet.

Die kostbare Krone trug sie an ihrem Körper. Dennoch war es, als säße sie ihr auf dem Haupt. Aufgerichtet und mit geradem Rücken schritt sie der Heimat entgegen.

Im weiten Raum ihrer Brust war es, als flatterten Schmetterlinge. Ihr Herz schlug voller Glück, denn es hatte erfahren, wie es ist, nichts aus seiner Umarmung auszuschließen. Die Abgründe, die sich immer wieder auf beiden Seiten ihres Weges auftaten, vermochten nicht, sie nach unten zu ziehen. Selbst auf dem schmalsten Grat noch hielt sie sich im Gleichgewicht wie der Seiltänzer auf seiner Kordel.

Und tatsächlich ähnelten ihre Schritte immer mehr einem Tanz. Spielerisch und leicht nahm sie die Hürden, die sich ihr entgegenstellten. Mehr denn je wusste sie: Nichts von dem, was ihr begegnete, war gegen sie gerichtet. Alles war Gelegenheit, leichter zu werden und freier. So lernte sie es, ihre Lasten immer mehr loszulassen und mit leichtem Gepäck zu reisen. Sie brauchte die Gewichte an beiden Seiten nicht mehr, um im Gleichgewicht zu bleiben. Es waren ihre befreiten Hände und Arme, die sie in der Balance hielten.

Am Ende ihrer Reise, dann, wenn sie ihrem König und ihrer Königin die Krone zurückgegeben haben wird, würde sie ihre Hände benutzen, um einen Garten anzulegen. Zusammen mit dem in Frieden und Vielfalt Wachsenden würde sie der Sonne entgegenstreben. Manchmal würde sie einer Schlange begegnen, die sie in seltsamer Weise an den alten Drachen erinnern würde, den sie in seiner Höhle besucht hatte. Sie würde sich nicht von ihr ablenken lassen und weiter ihren Garten bestellen. Und vielleicht, eines Tages, würde sie wieder auf die Reise gehen und neue Herausforderungen, neue Abenteuer suchen. Und da sie nicht gestorben ist, ist sie auch heute noch unterwegs.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Kerstin Chavent: Die Enthüllung. Neue Normalität oder neues Bewusstsein? Futurum 2021

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