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Die Ordnungsmacht

Die Ordnungsmacht

Der Einzelne kommt am Ende aus lauter Ohnmacht dem Gesetz, das ihn unterdrückt, zuvor.

I.
Eine schmale Brücke. Viele wollen darüber. Darunter ein reißender Fluss. Angst überall.

Eine Ordnungsmacht ist an Ort und Stelle. Ihr Vertreter in seinem bösen Schwarz steht da. Er hindert die Vielen, damit der Einzelne über die schmale Brücke gehen kann. Seine Brust ist weit herausgestellt und er hat einen Helm aus Stahl. Seine Wangenknochen sind breit und die Augen kalt. Der Mund ist zusammengekniffen.

Er sieht wie ein Wächter aus, und die Menge, die sich vor ihm staut, glaubt auch, dass er ein Wächter ist, denn es wurde ihnen so gesagt. Die Menge wogt. Von hinten, von ganz weit hinten, wird geschoben. Vorne rufen Leute, man solle sich beruhigen. Die herrschende Macht sei vor Ort, es könne nichts passieren.

Manche schimpfen, manche fluchen, manche drohen mit Gewalt. Wir kommen gleich nach hinten, heißt es, wenn ihr euch nicht beruhigt, und wir kommen mit einem der Herrschenden und dann werdet ihr euch beruhigen müssen.

Aber es hilft nicht, im Gegenteil. Sie schieben immer kräftiger, denn sie wollen ihre Herrschenden sehen; nur mit ihnen zu drohen, ist zu wenig. Die Vorderen schieben dagegen.

Er, der EINE, der die Vielen in Einzelne trennt, ist ruhig. Ihn kümmert nichts. Er hat die Aufgabe, die Vielen in Einzelne zu trennen. So hat es sein Kommandant befohlen. Deshalb steht er da.

II.
„Wohin führt eigentlich die Brücke?“, fragt plötzlich einer. „In den Abgrund“, sagt ein anderer. „Einer der Herrschenden hat doch gesagt, wir sollen uns hier einfinden, damit wir in den Abgrund springen können. So wurde es uns gesagt. Alle haben es gesagt.“

„Der Herrscher“, sagt einer “ist uns überdrüssig geworden, will dass wir in den Abgrund springen. Dass du das nicht weißt?“

„Natürlich weiß ich das, nur ich wollte es noch einmal von dir hören — oder von einem anderen. Es ist doch wichtig, dass man gleich gesinnt ist, gerade wenn man in den Abgrund springt.“

„Sind denn alle gleich gesinnt?“

„Natürlich!“ ruft eine andere Stimme. „Alle sind wir gleich gesinnt, weil der Herrscher gesagt hat, wir sollen in den Abgrund springen. Er hat ein Gesetz daraus gemacht. Und als Volk muss man dem Gesetz folgen.“

„Aber warum sind wir alle gleich gesinnt?“, fragt ein Dritter oder Vierter. „Weil die Menge, weil wir alle nur eine Stimme kennen — die des Herrschers“, sagt ein Fünfter oder Sechster, vielleicht sogar ein Siebter.

Irgendeiner sagt: „Vor einiger Zeit hat sich eine Vielstimmigkeit ausgebreitet, alles ist unüberschaubar geworden und der Herrscher dadurch unsichtbar. Deshalb hat er ein Gesetz gemacht. Nun ist er wieder sichtbar.“

„Endlich spüren wir ihn wieder, und zwar am ganzen Körper. Er hat erkannt — oder einer unserer Herrscher hat erkannt — dass wir nicht mehr wissen, was wir tun sollen, dass wir hilflos und dumm geworden sind. Deshalb schickt er uns das Gesetz hierher, damit wir in den Abgrund springen dürfen.“

„Und er hat Recht“, sagt ein Neunter, der sich gerade mit seinen Ellenbogen ein wenig Platz verschafft. „Ich wäre auch gekommen, wenn es kein Gesetz gäbe“.

„Ich auch, ruft es, ich auch, ich auch, ich auch.“


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