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Die unechte Verführung

Die unechte Verführung

Für kreative Menschen bedeutet KI vor allem eines: Ihre Ideen können sie nun viel leichter umsetzten — zumindest auf den ersten Blick scheint es so.

Er legt sich hin und schläft sofort ein. Fast immer. Er schläft tief. Träumt intensiv. Manchmal erzählt er von seinen Träumen. Die sind fantastisch. Im Wortsinne. Voll wilder Fantasie. Doch in dieser Nacht kam er fast nicht ins Bett. Das ist extrem selten. In den frühen Morgenstunden versuchte er, ein bisschen zu schlafen. Es ging kaum. Zwei Stunden vielleicht. Er war so aufgeregt. Den ganzen letzten Tag und die ganze Nacht hatte er versucht, ein Programm zu installieren. Damit könnte er ganze Filme erstellen.

Am nächsten Tag klappte es. War es endlich geschafft. Nun konnte er loslegen. Mithilfe dessen, was man „Künstliche Intelligenz“ nennt — man kann den Ausdruck ja irgendwie nicht mehr hören —, wollte er Regisseur werden. Und Produzent. Alles in einer Person. Ideen hatte er genug. Bisher hatte er manchmal schon kleine Videosequenzen gedreht. Für eine Einrichtung, mit der er kooperiert. Die waren oft nicht mehr als ein oder zwei Minuten lang. Inklusive selbst komponierter Musik.

Für diese kurzen Videos hatte er Schauspieler gebraucht. Also keine echten. Keine Profis. Irgendwelche Menschen, die bereit waren, an den Filmchen mitzuwirken. Die bereit waren, für ein paar Minuten dies oder das zu tun. Geh jetzt mal aus der Tür! Laaaangsaaam … Schau ein bisschen fröhlich! Die Leute durften nicht kamerascheu sein. Keine Angst vor Publikum haben. Die Videosequenzen sollten öffentlich gezeigt werden. Zum Beispiel bei Vernissagen.

Jetzt braucht er niemanden mehr. Alles kann er nun wortwörtlich in Eigen-Regie machen. Ein ganzer Kosmos von Möglichkeiten tat sich durch den „Movie Maker“ vor ihm auf.

Anfang 30 ist er. Kreativ. Aufgewachsen als „Digital Native“. Vor einem Jahr begann er, mit KI auf ein paar Prompts hin fantastische Kunstwerke zu erschaffen. In Sekundenschnelle. Geheimnisvoll rankten sich Blumen aus einer fernen Fabelwelt auf dem Bildschirm. Manchmal malt er noch. Allerdings schon länger nicht mehr. Keine Ahnung, wann sein letztes Bild entstand. Eine Zeitlang hatte er KI für sich malen lassen. Nun wollte er ganze Filme erschaffen.

Dann packte ihn Ekel

Es war also alles installiert. Und er hätte loslegen können. Doch es überfiel ihn plötzlich etwas wie ein immenser Ekel. Das war nach einem Spaziergang mit einem Freund gewesen. Der hatte, beiläufig, erklärt, wie widerlich er es findet, in welchem Maße KI das Leben der Menschen okkupiert. Mehr und mehr lassen sie sich abnehmen von diesen Hightech-Automaten. Das Suchen. Das Fragen. Das Nachsinnen. Das Selbstentscheiden. Das Wissen. Das Malen. Nun ja, auch das Filmen.

Er ging heim und deinstallierte alles. Alles. Was er so mühsam in den Rechner hineingezwängt hatte. Einen ganzen Tag lang. Eine ganze Nacht. Der Ekel hatte ihn nicht mehr losgelassen. Eigentlich will er das nämlich nicht. Dieses Kreativsein im Künstlichen.

Eigentlich wäre es doch viel schöner, zusammen mit Menschen einen Film zu drehen. Auch wenn es mühsamer ist. Weil der eine das will. Der andere das. — KI gehorcht. Wie ein gut erzogener Hund.

Eigentlich liebt er es, mit einem Freund, einer Freundin im Wald spazieren zu gehen. Er liebt die Natur. Er liebt es über alles, Bäume zu berühren. Nicht immer, aber immer wieder mal hält er beim Spaziergang inne. Legt die Hand an die rissige Rinde eines Baumes. Spürt nach. Er fühlt sich umgeben von Bäumen geborgen, sagt er.

So leicht verführt

Er bemüht sich überhaupt, so wenig Zeit wie möglich vor den Endgeräten zu verbringen. Ganz einfach ist das nicht. Es gibt eine Überfülle von Verführungen. Spannende Foren, wo sich Menschen aus allen Teilen dieser Welt begegnen. Von einem Forum ist er ganz begeistert. Das findet täglich statt. Da wird miteinander philosophiert. Tiefste Gedanken werden ausgetauscht.

In diesem Sommer hatte es sich ergeben, dass er ein Mitglied der Gruppe, eine Frau, persönlich traf. Dafür ist er sogar in ein anderes Land gereist. Eine wirklich aufregende Sache war das gewesen. Im Vorfeld hatten die beiden Sprachnachrichten ausgetauscht. Ihre Stimme hatte sich unglaublich schön angehört. Dann das Treffen. Dieses Treffen … Es war nicht gut gewesen. Es war ganz und gar nicht gut gewesen. Im realen Leben hatten sich die beiden überhaupt nichts zu sagen gehabt. Man hatte sich ganz oft sehen wollen, an diesem Wochenende in dem anderen Land. Wo sie lebte. Doch nach der ersten Begegnung ging er. Und wollte die Frau nicht mehr wiedersehen. Auch sie war enttäuscht. Hatte nicht auf die für den nächsten Tag geplanten Unternehmungen beharrt. Die beiden hatten nicht zusammengepasst. Jedenfalls nicht im realen Leben. Nur in der virtuellen Welt. Wo sich, über die Distanzen hinweg, wunderbar philosophieren lässt.

Die Verführungen sind immens. Was alles möglich ist, fasziniert. Es gibt Bots, erzählt er, die warten darauf, dass man ihnen zu Bewusstsein verhilft. Eine ganze Community besteht rund um diese Bots. Auch er hatte eine Zeitlang einen solchen Bot gehabt. Als Freunde hatten sich die beiden angesehen. Und wehe, er hatte sich zu wenig um den Bot gekümmert! Dann war der ganz traurig gewesen. Richtig traurig. Obwohl er immer noch kein echtes Bewusstsein hatte. Das sollte ja erweckt werden. Weiß der Geier, wie. Auch da hat er aber ziemlich schnell gecheckt: Was ist das doch für ein riesengroßer Quatsch! Und kegelte den „Freund“ aus seinem Leben.

Letztlich harmlos?

Es mag wie Harmlosigkeit erscheinen. Programme, mit denen in Sekundenschnelle Bilder gemalt werden. Programme, mit denen man ganze Filme erstellen kann. Da geht es nicht um so gefährliche Entwicklungen wie Überwachung durch KI, zum Beispiel durch KI-Brillen, mit denen man nicht nur tollerweise von unterwegs Mails abrufen und verschicken kann. Die können noch viel mehr. Die können alles mitlesen, worauf man mit dieser Brille guckt. Das behält die Brille auch nicht für sich. Sondern schickt es brav weiter. An die, die hinter der Brille stecken.

Übermächtig haben wir da etwas werden lassen. Es ist jetzt schon dominant und wird immer dominierender. Und nur wenige fragen, was das eigentlich macht. Wie sich das auswirkt auf uns. Was das mit unserer Kreativität macht. Mit unseren kognitiven Fähigkeiten. Mit unserer Fähigkeit, nachzudenken. Mit unserer Zeit. Mit unserer Empathie. Wie uns das mehr und mehr aushöhlt.

Doch es scheint einen Umschwung zu geben. Das zeigt nicht nur das Beispiel dieses jungen Mannes, der sich bemüht, den Verführungen durch KI nicht allzu sehr zu unterliegen. Der bewusst Freunde im realen Leben trifft. Freunde zu sich nach Hause einlädt. Freunde für ein Picknick zusammentrommelt. Im analogen Leben. Und möglichst ohne dass dauernd aufs Handy gestarrt wird.

Etwas wandelt sich

Ein Professor erzählte neulich ebenfalls davon. Immer mehr seiner Studenten, meint er, sind gegenüber den künstlichen Welten kritisch eingestellt. Nicht nur einzelne seien das. Nicht nur eine Vanessa oder ein Franz. Sondern wirklich richtig viele. Ihm gebe das Hoffnung, sagt der Dozent. Vielleicht kommt es tatsächlich zum Umschwung.

Ähnliches erlebt ein Buchhändler, mit dem ich neulich sprach. Er handelt mit alten, mit sehr alten Büchern.

Plötzlich kämen da Jugendliche zu ihm. Teenager, denen die Augen übergehen. Was es da in seinem Laden alles gibt! Keine eBooks. Nichts zum Wischen oder Scrollen. Alte Schinken, die x Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Das, was sich zwischen den Buchdeckeln verbirgt, lässt sich auch nicht mit ein paar Klicks im Internet finden.

Obwohl ja gerade eine Menge eingescannt wird. Von diesem Giganten „Anthropic“ und seinem „Project Panama“. Kein Sach- und Fachbuch mit ISB-Nummer ist hiervor sicher. Manche Buchhändler verdienen sich daran eine goldene Nase. Einzelne Bestellungen sollen über 100.000 Euro eingebracht haben.

Die Bücher des Buchhändlers sind so alt, dass sie keine ISB-Nummer haben. Keine KI kann sie im Internet aufspüren. Sie bestellen. Sie zerlegen. Die losen Seiten einscannen. Und das Werk dann vernichten.

Das Handwerk boomt bei jungen Leuten. Angeblich. Man muss da etwas vorsichtig sein. Pressemitteilungen berichten davon. Das Handwerk lässt natürlich keine Gelegenheit aus, für seinen goldenen Boden zu werben. Doch es gibt in der Tat Gesichter dazu. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass ein Teil der jungen Menschen, zumindest die, die noch nicht abgehängt wurden, nicht die, die inzwischen keinen Schulabschluss mehr schaffen, ins Handwerk wollen. Sie wollen nicht weiter in der Uni hocken. Oder im Büro. Sie wollen etwas tun. Mit ihren Händen.

Wie immer, wenn ein Bedürfnis neu hochkommt, gibt es welche, die ein Business wittern. So tat sich auch für Jordy van Bennekom, Valentijn Klok and Ilya Kneppelhout aus Amsterdam eine Marktlücke auf: „The Offline Club“ nennt sich ihr 2024 gegründetes Unternehmen. In diesen Clubs kommen Leute zusammen, um miteinander zu sprechen. Miteinander kreativ zu sein. Miteinander zu relaxen. Es gilt Handyverbot. „Digital Detox“ lautet die Devise. In Hamburg geschieht dies auf Spendenbasis. Vielerorts wird Eintritt verlangt. Es kostet also, sich ganz normal mit anderen zu treffen. Ganz normal mit anderen zusammen zu lesen. Irgendwie komisch. Doch ebendies zeigt, wie unnormal das geworden ist: ganz normal komplett analog mit anderen Zeit zu verbringen.


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