„Tolerance is an ugly word“ (Osho).
Diese Worte Oshos enthalten — wie so viele seiner Gedanken — eine tiefe Weisheit. Heute gilt Toleranz für viele Menschen als zentraler Wert moderner, demokratischer Gesellschaften. Entsprechend weit verbreitet ist die Überzeugung, man müsse Toleranz durch Regeln, Gesetze und gesellschaftliche Vorgaben erzwingen und institutionalisieren.
Ein Blick auf die Etymologie des Wortes lässt jedoch bereits Zweifel aufkommen, ob Toleranz tatsächlich das ist, wofür man sie hält. Das lateinische tolerare bedeutet „aushalten“, „ertragen“. Das klingt wenig nach Freude, Gleichwertigkeit oder echter Begegnung — und noch weniger nach einer angeblich „bunten, multikulturellen und glücklichen Gesellschaft“.
Osho wies darauf hin, dass der Tolerierende den Tolerierten durch seine Toleranz letztlich demütigt. Toleranz signalisiert Überlegenheit: Wer toleriert, stellt sich implizit über den anderen, gibt zu verstehen, weiter, heiliger oder verständnisvoller zu sein. Der Tolerierte wird gnädig erduldet — und gerade dadurch als „anders“ markiert. Seine Existenz erscheint abhängig von der Gunst der Tolerierenden.
Menschen aber sollen sich auf Augenhöhe begegnen. Dafür braucht es keine Toleranz, sondern Akzeptanz. Jeder Mensch hat ein natürliches Recht, er selbst zu sein. Dieses Recht ergibt sich nicht aus der Großzügigkeit anderer, sondern aus der bloßen Tatsache der Existenz. Dass ein Mensch so geboren wurde, wie er ist, ist bereits der Beweis seines Akzeptanzrechts. Das Universum, die Natur, Gott — wie immer man es nennen mag — haben jeden Menschen von Beginn an so angenommen, wie er ist.
Toleranz hingegen errichtet einen künstlichen Schutzraum für Gruppen, die diesen Schutz gar nicht bräuchten, wenn Akzeptanz gelebt würde. Sie verteilt Etiketten, ordnet zu, trennt. Akzeptanz hingegen kommt ohne Label aus. Sie unterscheidet nicht, sie verbindet. Ihr Leitmotiv lautet: We are one, but we are not the same.
Akzeptanz kennt keine „BIPOC“ und keine „Weißen“. Sie kennt nur Menschen. Sie braucht keine Cancel Culture, keine Wahrheitsministerien, keine Berufsverbote aufgrund von Nationalität oder Gesinnung, keine Kontenkündigungen, keine Parteiverbote. Sie unterscheidet nicht zwischen „woke“ und „unwoke“. Akzeptanz bedeutet schlicht: Du bist, wie du bist, und du darfst so sein. Und ich bin, wie ich bin, und ich darf so sein.
Gerade deshalb wird Kommunikation möglich — inklusive Hinterfragen, Kritik, Widerspruch, Streit und Versöhnung. Akzeptanz ermöglicht Diskurs, Offenheit und echten Dialog. Immer und mit jedem.
Akzeptanz beginnt bei der Selbstakzeptanz. Nur wer sich selbst kennt und annimmt, kann andere akzeptieren, statt sie lediglich zu tolerieren. Selbstakzeptanz verleiht innere Sicherheit, Stärke und Klarheit. Sie schützt vor Angst, Überheblichkeit und ideologischer Blindheit — all jene Haltungen, die Toleranz oft begleiten.
Toleranz ist letztlich eine subtile Form von Abwertung. Man erduldet etwas, das man als falsch, störend oder unerwünscht empfindet. Das natürliche Recht auf Akzeptanz wird ignoriert und durch ein Toleranzrecht ersetzt, das aus der Gnade der angeblich „Normalen“ oder „Guten“ gewährt wird. Akzeptanz braucht keine Quoten, keine Sonderregeln, keine verordnete Sprachpolitik. Sie benötigt keine geschützten Räume und schon gar keine Unterscheidung nach Hautfarbe oder Herkunft.
Gerade in der Gegenwart zeigt sich Toleranz oft als eine neue Form von Rassismus: Menschen werden aufgrund äußerer Merkmale oder Identitätszuschreibungen in Sonderkategorien gesteckt, bevorzugt oder ausgesondert, mit Sonderrechten oder Sonderbehandlungen versehen. Ihr Sosein wird als besondere Verletzlichkeit dargestellt — nicht als selbstverständliche Normalität. Wer Menschen aufgrund ihres Soseins bevorzugt oder sonderbehandelt, etwa bei der Vergabe von Arbeitsplätzen oder politischen Mandaten, handelt diskriminierend. Wer Menschen vor Kritik schützen will, weil sie einer bestimmten Hautfarbe, Religion oder Identitätskategorie angehören, handelt überheblich und ausgrenzend.
Gleichheit bedeutet auch, sich Kritik, Diskussion und Verantwortung zu stellen. Marginalisierte Gruppen haben jahrzehntelang oder jahrhundertelang für Gleichheit gekämpft — nicht dafür, erneut etikettiert, abgegrenzt und mit Samthandschuhen behandelt zu werden.
Gleichheit bedeutet nicht Schonung, sondern gleiche Maßstäbe. Wer biologische Kategorien vollständig negiert, sie aber gleichzeitig ständig reproduziert, muss sich der Diskussion stellen. Wer Sprache ideologisch überlädt, muss sich Kritik gefallen lassen. Wer Geschichte einseitig moralisiert, Schuld kollektiv verteilt und komplexe Zusammenhänge auf Hautfarbe oder Herkunft reduziert, beschreitet einen gefährlichen Weg. Dieser Weg führt zwangsläufig zu neuen Schuldzuweisungen, neuen Feindbildern und neuen Formen der Diskriminierung. Geschichte zeigt, wohin solche Denkweisen führen können.
Bemerkenswert ist, dass es im Deutschen zwar das Adjektiv „tolerant“ gibt, nicht jedoch „akzeptant“. Wir müssen auf eine umständliche Umschreibung ausweichen. Es gibt tolerante Menschen — aber sprachlich keine akzeptanten. Vielleicht ist das mehr als ein Zufall. Akzeptanz nährt sich aus dem Wissen, dass alle Menschen sind, wie sie sind, mit denselben Chancen, Herausforderungen und der gleichen Würde. Sie gründet auf der Gewissheit, dass alle Menschen in Freiheit und Verantwortung gleich sind und nur für ihr eigenes Handeln verantwortlich gemacht werden dürfen.
Eine Gesellschaft, die Akzeptanz statt Toleranz lebt, etikettiert nicht. Sie denkt nicht in Schuld, Scham, Ideologie oder Dogma. Eine akzeptierende Gesellschaft ist getragen von Mitgefühl, Liebe und Frieden — und sie besitzt zugleich die innere Stärke, diese Werte zu schützen.
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