Mehrmals die Woche muss ich durch die Hölle der Breaking-Bad-News. Um auf eine Plattform zu gelangen, die lediglich über die Browser Google Chrome oder Microsoft Edge zugänglich ist, wähle ich letztgenannten als kleineres Übel. Dieses Übel zeigt sich in Gestalt der Nachrichtenseite msn, die sich bei Microsoft Edge zu Beginn automatisch öffnet. Oben links, dort, wo der Blick zuallererst hinfällt, wartet die Seite direkt mit einer horriblen Unglücksmeldung auf. Meist irgendetwas mit einem Autobahnunglück. Unter einem Toten und mehreren Schwerverletzten geht dort nichts. Dieses Maß an Mindestschrecken muss erfüllt sein, damit es die Meldung auf den ersten Eye-Catcher-Platz schafft. Die Wirkung entfaltet sich bei mir als Rezipienten — und sicherlich nicht nur bei mir — augenblicklich. Ein Drücken aufs Gemüt, auf die vormals vielleicht gute Stimmung.
Die Gedanken gehen zu den Opfern und den Hinterbliebenen. Für mehrere Menschen, Familien ist an diesem Tag die eigene Welt untergegangen. Nur — warum muss ich das wissen? Warum muss das überhaupt irgendjemand wissen, der von diesem Fall nicht betroffen ist? Warum bekommen Menschen im gesamten Land mitgeteilt, dass irgendwo — vielleicht sogar in einem fernen Bundesland — Menschen durch ein Verkehrsunglück ums Leben gekommen sind? Worin besteht der Mehrwert? Wo der Informationsgehalt für den eigenen Alltag oder für das Verständnis größerer Zusammenhänge?
Globales Gaffen
Dass diese regional begrenzten Schreckensereignisse überregional, teils international berichtet werden, sei an nachfolgendem Beispiel skizziert: Anfang Juni ereignete sich zwischen Dachau und München ein Schulbusunglück, bei dem ein Schüler ums Leben kam und mehrere schwer verletzt wurden. Man sollte annehmen, dass sich die Berichterstattung über diese Tragödie auf die Lokalpresse des Landkreises Dachau und vielleicht noch München begrenzt. Doch weit gefehlt. Meldungen über dieses Ereignis finden sich selbst in Medien-Outlets weit entfernter Orte, beispielsweise im Kölner Stadtanzeiger*oder im *Hamburger Abendblatt. Sogar in der ausländischen Presse wird darüber berichtet, so etwa in der Südtiroler Tageszeitung oder in der Neuen Züricher Zeitung.
Warum müssen Menschen in Köln, Hamburg, in Tirol und in der Schweiz über ein Unglück in Oberbayern informiert werden, welches sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gar nicht persönlich betrifft?
Zur Beantwortung dieser Frage muss zunächst auf den zugrundeliegenden Mechanismus der Medialisierung dieses und ähnlicher Ereignisse geblickt werden. In den Redaktionsstuben der genannten Presseorgane sitzen selbstredend keine Schreiberlinge, die eigenhändig die bundesweiten Polizeimeldungen durchforsten. Es sind Meldungen — zumeist von dpa —, die übernommen und gegebenenfalls noch leicht abgeändert werden. Wir haben es folglich mit einem Automations- sowie einem Vereinheitlichungsprozess der Nachrichten-Produktion zu tun: Ein Ereignis trägt sich zu, wird anschließend in eine dpa-Meldung umgewandelt, die sich dann wiederum in nahezu alle Medienoutlets bundesweit ergießt.
Es ist ein Mechanismus, der persönliche Tragödien unter dem Brennglas der medialen Öffentlichkeit vergrößert und die darin verwickelten Menschen derselben aussetzt — teils ohne jedwede Rücksichtnahme auf die Persönlichkeitsrechte.
Ein besonders anschauliches Beispiel hierfür ist das Unglück eines Chinesen aus Taizhou, der im Dezember 2025 die Kontrolle über seinen Wagen verlor, in einen Fluss stürzte und von einem herbeieilenden Ex-Soldaten durch das Schiebedach gerettet wurde. Das Gesicht des Mannes ging — teils unverpixelt — um die Welt. Womöglich handelt es sich um einen einfachen Bürger Chinas, der nie ein gesondertes Bedürfnis hatte, in der Öffentlichkeit zu stehen — erst recht nicht in einer solch unschönen Situation. An einem Unglückstag gerät er in eine missliche Lage und wird — als wäre dies nicht schon desaströs genug — in diesem Moment der Schwäche und der Hilflosigkeit zusätzlich den Augen der Weltöffentlichkeit ausgesetzt. Das Gaffen wird global. Unwiederbringlich. Denn die Bilder bleiben im Netz.
Das, wofür Passanten hierzulande strafrechtlich verfolgt werden, nämlich das Gaffen, ist im Medienbetrieb ein „Daily Business“, das unbescholten betrieben und sogar noch bis auf globale Ebene hochskaliert wird.
Und hier stellt sich noch einmal die Frage nach dem Warum: Warum muss alle Welt erfahren, dass etwa in einer chinesischen Stadt — von der die allermeisten Menschen noch nie etwas gehört haben dürften — ein Mann beinahe in seinem Wagen ertrunken wäre? Es gibt weder einen Mehrwert noch irgendeinen Nutzen dabei, wenn man über dieses Ereignis in Kenntnis gesetzt wird.
Katastrophen-Kapital
Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund für die Viralität von Unglücksmeldungen ist in dem todesgetriebenen, perversen Mechanismus auszumachen, der alle Subsysteme unseres Systems durchzieht: Wirtschaft, Politik in allen Facetten, und eben auch — Medien. Das Schreckliche, das Unglück ist profitabel. Ein großer Unfall mit vielen Verletzten und immensen Materialschäden ist besser für das Bruttosozialprodukt, als wenn alle Beteiligten unbeschadet von A nach B gekommen wären. Es fallen Reparaturkosten an, Krankenpflege, Operationen et cetera — allesamt Leistungen, die Umsatz generieren und Steuern abwerfen. Gleichermaßen profitiert davon das System der Medialisierung, wenn sich mehr Unglücke zutragen als weniger. Das Glück lässt sich allenfalls in der Regenbogenpresse verwerten. Für alle anderen Mediensparten gilt das unausgesprochene Motto der BILD: „Blut und Brüste“.
Auf eine kurze Formel gebracht: Des Menschen Unglücks ist des Redakteurs Glück – denn er muss ja irgendwie die Tagesausgabe füllen.
Es wird berichtet um des Berichtens willen — und natürlich zwecks der dabei generierten Umsätze durch Werbeanzeigen. Das Blut der Verunglückten wird dabei zum Treibstoff eines Medialisierungsprozesses, der das Leid für Reichweite und Umsatz ausschlachtet — wobei dieses Verb beinahe wörtlich verstanden werden kann. Der Effekt ist selbstverstärkend. Denn bekanntermaßen sind nur die „Bad News“ „Good News“ — „good“ in dem Sinne, als dass sie Sensationsgelüste beim Rezipienten ansprechen und folglich mehr Reichweite generieren. Lokalberichte, die Positives zum Gegenstand haben, etwa Unfallrückgänge bei einer vormals unfallanfälligen Straßenkreuzung, geraten gegenüber den Horrormeldungen ins Hintertreffen und finden keine überregionale Verbreitung.
Diese Form des Info-Terrors hat jedoch noch eine weitere Dimension.
Die Trauma-Tagesdosis
Einfach mal abschalten – das, wozu Peter Lustig seine Zuschauer im Kindesalter nach der Sendung immer aufforderte — ist heute kaum noch möglich. Zumindest im urbanen Raum. Wie ich an anderer Stelle schon ausführlich beschrieb, — etwa hier oder hier — leben Stadtbewohner mittlerweile in einer Mattscheiben-Matrix, das heißt, in einer durchmedialisierten Landschaft, die ein Entrinnen aus dem Einflussbereich flimmernder Monitore gar nicht mehr ermöglicht. Selbst wenn man sich im Rahmen eines digitalen Detox dazu entscheidet, das Smartphone daheim zu lassen, so flackern einem in Bus und Bahn — und zunehmend auch auf den Straßen — mittels Strörer-Digitaltafeln Bewegtbildinhalte entgegen — dazu zählen die oben beschriebenen Unglücksmeldungen.
Da will man etwa an einem Sonntag medial fasten; doch noch bevor einen der öffentliche Nahverkehr in das Grün der Natur gebracht hat, überliefern die an den Decken montierten Monitore Schreckensmeldungen aus aller Welt. Wegschauen ist geradezu unmöglich, da Bewegungen im peripheren Sichtfeld einen letztlich dann doch dazu veranlassen, hinzusehen. Bewegung könnte schließlich — evolutionär bedingt — Gefahr bedeuten. Und so gerät man — wider Willen — in den Sog aus Negativnachrichten.
Diese Beeinflussung ist weit mehr als eine Belästigung. Denn was dabei in der menschlichen Seele angerichtet wird, ist weit mehr als nur „lästig“ — es ist eine langsame, aber kontinuierliche Abstumpfung. Denn was geschieht, wenn Menschen tagtäglich und ohne nennenswerte Ausweichmöglichkeiten mit Schreckensmeldungen konfrontiert werden? Im ersten Schritt lösen derartige Meldungen in jedem psychisch halbwegs gesunden Menschen ein Mitgefühl aus. Darauf folgt unmittelbar der Drang zu helfen, Selbstwirksamkeit zu erfahren, im Sinne dessen, den betroffenen Menschen Linderung zukommen zu lassen. Werden Menschen unmittelbar Zeuge — ohne dazwischengeschaltete Bildschirme —, wenn jemand in irgendeiner Weise verunglückt, so eilen die meisten — seelisch abgerichtete Smombie-Gaffer ausgenommen — augenblicklich helfend zur Stelle.
Ist jedoch, wie bei allen Schreckensnachrichten, ein Bildschirm dazwischengeschaltet, entfällt naturgemäß jedwede Möglichkeit der helfenden und rettenden Partizipation. Der Rezipient der Horrormeldung ist in diesem Moment dazu verdammt, das Unglück tatenlos zur Kenntnis zu nehmen.
Mit der Seele von Millionen Menschen macht das etwas: Sie wird abgerichtet. Es wird zu einer alltäglichen Erfahrung, das Grundrauschen des Unglücks über sich ergehen lassen zu müssen. In Ermangelung an Handlungsoptionen bleibt — teils bewusst, teils unterbewusst — ein dumpfes Gefühl der Beklemmung, der Angst.
Vermittelt wird die Botschaft: „Das könnte auch mir passieren. Und wenn es mir passiert, dann bin ich ebenfalls — nur — eine dieser (schwer) verletzten/verunglückten ‚Personen‘ in einer derartigen Meldung, die irgendwo zwischen Wetterbericht und Werbeblock unter ferner liefen stattfindet.“
Dieses massenmedial erzeugte Grundrauschen des Unglücks perpetuiert das aus drei Takten bestehende Gesellschaftsmetronom: Angst, Arbeit, Konsum.
Ob das bewusst so intendiert ist, entzieht sich der Beweisbarkeit. So oder so ist es ein für die Systemprofiteure dankenswerter Nebeneffekt der Herrschaftsmedien. Denn Angst ist erwiesenermaßen das Schmiermittel für Machtausübung.
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