Stürzt ein riesiges Bauwerk ein oder passiert sonst etwas Dramatisches in der materiellen Welt, ist man flugs dabei, die Schadenssumme zu eruieren, das Ausmaß der Katastrophe sichtbar zu machen und nach Verantwortlichen zu suchen. Fast nichts davon passiert in Bezug auf das grassierende Kinderleid. Immerhin wartete das Statistische Bundesamt kurz vor Weihnachten mit einer „Schadensmeldung” auf. Bei 72.800 Kindern und Jugendlichen stellten die Jugendämter 2024 eine Kindeswohlgefährdung fest. Das ist ein neuer Höchststand. Binnen fünf Jahren stieg die Zahl um 31 Prozent.
Wer näher hinsieht, erkennt, dass das gesellschaftliche Leitbild „Kindeswohlschutz” scheibchenweise immer stärker ausgehöhlt wird. Familien erhalten schlicht keine Hilfe mehr. Sozialpädiatrische Zentren haben Aufnahmestopp. Ebenso Kinder- und Jugendärzte. Gleiches gilt für Spezialsprechstunden für autistische Kids und Frühförderstellen.
Logopädische Praxen sehen sich ebenfalls nicht mehr imstande, eine Warteliste zu führen, weil die ruckzuck auf mehr als ein Jahr hinaus ausgebucht wäre. Die Antwort auf wachsende familiäre Not lautet: „Schaut zu, wo ihr Hilfe herkriegt! Helft euch selbst!“
Sicher gibt es sie noch, glückliche, behütete Kinder, die vielleicht gerade mit ihren Eltern im Winterurlaub waren, dort Schlitten und Ski gefahren sind. Sicher gibt es sie noch, jene Eltern, die wissen, wie man mit Kindern umgeht. Die schon mal etwas von „Bindung“ gehört haben. Die instinktiv begreifen, welche Bedürfnisse ihre Kinder haben. Sehr viele Eltern wissen das nicht mehr. Zehntausende Kinder werden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland vernachlässigt. Zehntausende Kinder werden in Deutschland psychisch gequält. Viele tausende Kinder werden hierzulande von ihren Eltern geschlagen.
Aus der Kita rausgekickt
Aus Schulen und Kitas dringen immer öfter Berichte von Kids, die sich schier schrankenlos ausagieren, weil sie nicht gelernt haben, was es bedeutet, sich sozial zu verhalten. Oder weil sie das schlicht nicht können. Sahra ist so ein Kind. Aufgrund ihrer Störung war es ihr mit eineinhalb Jahren schon nicht möglich, Regeln zu akzeptieren. Sie fiel in der Krippe durch Distanzlosigkeit auf. So gut wie nie reagierte sie auf Ansprachen. Später im Kindergarten eskalierte die Situation in einem Maße, dass den Erzieherinnen nichts anderes einfiel, als Sahra nach sechs Wochen aus der Kita hinauszuwerfen.
Leicht begreiflich, wie sehr ihrer Mutter das alles auf der Seele lastete. In einem Internet-Forum berichtete sie über das, was sie erlebte. Bei Sahra, erzählte sie, fünf Jahre ist das inzwischen her, begann sich allmählich der Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung zu erhärten.
Ihre Mutter wollte unbedingt eine eindeutige Diagnose. Das war nicht möglich, denn wo auch immer sie anfragte, bei Sozialpädiatrischen Zentren oder in der Kinderpsychiatrie, hörte sie von mindestens zwölfmonatigen Wartezeiten. Als Begründung gab man damals völlige Überlastung durch die Coronakrise an. Dieser Zustand hat sich fünf Jahre später nicht geändert. Ganz im Gegenteil. Er hat sich verstärkt.
Warten ist grundsätzlich ärgerlich, wenn man etwas unbedingt erledigt haben möchte. Das gilt genauso fürs Rathaus, wo Verwaltungsbeamte vielerorts völlig überfordert und ständig mit der Erledigung ihrer Aufgaben im Rückstand sind. Zum Leidwesen der Bürger.
Schlecht, wenn man unbedingt einen Pass braucht, aber keinen Termin bekommt. Oder ewig auf die Baugenehmigung warten muss. Viel dramatischer ist es jedoch, wenn es um Kinder geht. Darauf verweist auch der inzwischen pensionierte Marburger Kinder- und Jugendarzt Stephan Heinrich Nolte. „Kindliche Forderungen sind von ihrer Unaufschiebbarkeit geprägt, je jünger das Kind ist, umso mehr“, unterstreicht er.
Wie ein Herzinfarkt
Was mit Blick auf die Kinder gerade abgeht, ist ausdrücklich nicht im ursprünglichen Sinne der Politik, sagt Stephan Heirich Nolte. „Frühe Hilfen“ waren einst tatsächlich als „Frühe Hilfen“ gedacht. Installiert wurden faktisch jedoch „vermeintlich frühe Hilfen“. Regelhaft kämen die inzwischen zu spät. Wie dramatisch das ist, erklärt der Arzt am Beispiel der Wochenbettdepression. Leidet eine Mutter hieran, mache es keinen Sinn, sie in drei oder sechs Monaten stationär zu behandeln: „Es muss hier, jetzt und sofort gehandelt werden.“ Geschieht dies nicht, wird der Entfremdungsprozess zwischen Mutter und Kind verstärkt: „Es ist ein echter Notfall, genauso schlimm wie etwa ein Herzinfarkt.“
In der Weihnachtszeit waren Spendensammlerinnen und Spendensammler wie jedes Jahr für alle möglichen Kinderprojekte fleißig. Die sich beschleunigende Abwärtsspirale hielten sie dadurch freilich nicht auf. Im Gegenteil: Es wird immer schlimmer.
Im Raum Stuttgart zum Beispiel gibt es immer weniger Kinderarztpraxen. Darauf wies ein Kinderarzt kürzlich hin. In seiner eigenen Praxis ist man bemüht, die aufgenommenen Patienten gut zu versorgen: „Aus diesen Gründen haben wir einen Aufnahmestopp beschlossen.” Selbst Kinder von Kollegen, die ihre Praxis schließen, würden abgewiesen: „Bitte sehen Sie von entsprechenden Anfragen ab.”
Wir rasen auf einen Abgrund zu und geben dem Pferd auch noch die Sporen … Dieser Eindruck drängt sich auf, blickt man auf das, was im Moment mit einer ganzen Generation geschieht. „Das Wort ‚Aufnahmestopp‘ ist für viele Eltern zu einem Schreckgespenst geworden und die Verzweiflung groß“, berichtete bereits vor zweieinhalb Jahren die Ärztin Andrea Caby. Dabei habe die Regierung die Gesundheit von Kindern nach der Coronakrise stärken wollen. Andrea Caby erinnert an eine Aussage von Karl Lauterbach: Die Kinder hätten die meisten Opfer erbracht. Natürlich müsste es heißen: Wurden zu Opfer gezwungen. Es lässt sich ja nicht mehr darüber streiten, dass alles überflüssig war.
Das Papier nicht wert
Nicht, dass die Bundesregierung vollkommen tatenlos geblieben wäre, Mitte 2021, also zu einem Zeitpunkt, als sie die Kinder im Lande immer noch terrorisierte, brachte sie ein „Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen“ auf den Weg. Gedacht ist es für junge Menschen, „die benachteiligt sind, die unter belastenden Lebensbedingungen aufwachsen oder die Gefahr laufen, von der sozialen Teilhabe abgehängt zu werden”. Der Kinder- und Jugendschutz soll damit verbessert werden. Mehr Prävention wird versprochen. Das alles liest sich wie Hohn angesichts der tatsächlichen Lage. Auch dieses Gesetz ist das Papier nicht wert, auf dem es steht.
Mit vielen Kindern kann man heute schlicht und einfach keinen Stoff in der Schule mehr durchnehmen. Ich sprach mit einigen Lehrern hierüber. Es gibt Kinder, die vom Schulamt in die Schule gewiesen werden, nur, damit sie dort anwesend sind. Aufgrund ihrer massiven Störung wird gar nicht mehr erwartet, dass sie irgendeinen Stoff begreifen.
Meist kommen sie mit Schulbegleiterin an. Die nimmt sie raus und lenkt sie ab, wenn sie sich in der Klasse allzu unmöglich benehmen.
Begeben wir uns noch einmal weg aus der sozialen in die materielle Welt. Begeben wir uns auf ein Schiff – ein Schiff, auf dem sofort die gesamte Mannschaft eine Sturmwarnung erhält, wenn sie durch einen heftigen Wind in Seenot gerät. Diese „Sturmwarnung“ hätte in Bezug auf Kinder und Jugendliche längst ausgegeben werden müssen. Derart vielen Kids geht es richtig dreckig. Das Störungsbild „Autismus” greift um sich. Ebenso die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Schon kleine Kinder leiden an Depressionen. Die Zahl der Teenies mit Essstörungen hat ein bedenkliches Ausmaß erreicht. Zwölfjährige Kiffer sind keine Seltenheit mehr.
Nicht zuletzt im Zuge einer Aufarbeitung der Coronakrise müsste dieses Elend endlich deutlich gemacht werden. Stattdessen erleben wir Verleugnung, Taktiererei und eine Politik, die die Abwärtsspirale noch weiter befeuert. An jedem Tag entdecken Mitarbeiter von Jugendämtern Kinder, die unter völlig verwahrlosten Verhältnissen leben. Jeden Tag haben es Sozialpädagogen mit psychisch gequälten Kids zu tun. Ach ja: Auch Inobhutnahme-Plätze fehlen. Nicht selten müssen die aus den Familien genommenen Kinder im Jugendamt übernachten. Die Tagesschau hat davon bereits vor zwei Jahren berichtet.
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