Zwei der Frauen haben spinnenbeindünne Finger. Spitz wie Waffen. Aus einer Hand tropft grellrotes Blut. Grauenvoll sind sie anzusehen, die weiblichen Gestalten, die ein Künstler namens Rasmus in der Galerie jener Bücherei einer finnischen Kleinstadt, die ich heute besuche, zeigt. Auf einem Gemälde ist ein Kind in einem gelben Gewand zu sehen. Ein Junge oder Mädchen. Wohl eher ein Junge. Eine Frau mit Teufelshörnern steht hinter ihm. Von der Seite fahren schrecklich-rote Teufel mit offenen Mäulern das Kind an.
Deutlich ist hier zu sehen, dass da jemand, ein Mann, mit Frauen absolut keine guten Erfahrungen gemacht hat. Auch der Titel der Ausstellung weist darauf hin. Übersetzt lautet er: „Wenn Fürsorge als Waffe dient.“ Da wurde jemand offensichtlich schon als Kind mindestens emotional missbraucht. Möglicherweise auch später. Von Frauen. Von Partnerinnen. Scheußlich sind sie anzusehen. Die weiblichen Gestalten, die Rasmus den ganzen Januar über in der kleinen Ausstellungshalle der kleinen Bücherei jener finnischen Kleinstadt zeigt.
Erst langsam kommt ans Licht, was Frauen ihren Kindern antun. Und Partnerinnen ihren Männern. Häusliche Gewalt — das Thema ist männlich besetzt. Dass Männer Frauen hinter verschlossenen Wohnungstüren piesacken und prügeln, dass sie sie zu sexuellen Handlungen zwingen, dass sie sie demütigen, wirtschaftlich beschneiden oder ausbeuten, das kommt vor. Ogar oft. Überhaupt keine Frage. Aber auch andersherum geschieht es: Männer werden in Paarbeziehungen erniedrigt, emotional erpresst, bespuckt oder sogar körperlich angegriffen.
Wem können die Betroffenen als Freund vertrauen? Wem sich anvertrauen? Bei wem sich mal aussprechen? Für Männer ist es noch schwieriger als für Frauen, sich im Gespräch zu entlasten. Nicht alle haben einen besten Freund. Einen, dem sie bedingungslos vertrauen können.
Und dann ist das Thema auch noch so heikel: Wie soll ein Mann erklären, dass er sich nicht durchsetzen kann?
Dabei ist das Phänomen weit verbreitet. Im November 2025 veröffentlichte das Bundeskriminalamt zuletzt Zahlen zur häuslichen Gewalt. In den vergangenen Jahren kletterte die Zahl der männlichen Opfer von 19 auf nun fast 21 Prozent. 2024 wurden 24 Männer durch Gewalt seitens ihrer Partnerin getötet.
Wo Gewalt beginnt
Dass der Fokus bei häuslicher Gewalt derart stark auf Frauen gerichtet ist, beeinflusst die Sicht auf Männer als Opfer. Wobei grundsätzlich die Frage zu stellen ist, wo Gewalt eigentlich beginnt. Ganz klar: Schläge sind Gewalt. Vergewaltigung ist Gewalt. Stöße, Hiebe, Stiche sind Gewalt. Diese Gewaltformen wenden Frauen offenbar eher seltener an. Männer, die sich in der Arbeit für Männer in Gewaltbeziehungen engagieren, berichten davon, wie schlimm der subtilere psychische Druck ist, der auf männlichen Opfern lastet. Pariert der Mann nicht, ist er schuld an der Depressivität der Partnerin. Vielleicht droht diese gar: „Tust du dieses oder jenes, bring ich mich um.“
Erst, wenn alle Energie aufgebraucht ist, wenn sie überhaupt nicht mehr weiter wissen, suchen Männer Hilfe. Inzwischen gibt es auch einige wenige Hilfsangebote. „Riposo” nennt sich zum Beispiel die erste Wohnung für von häuslicher Gewalt betroffene Männer in Nürnberg. Hier finden Männer nach psychischer, physischer, sexualisierter, wirtschaftlicher oder sozialer Gewalt in der Beziehung Schutz und eine vorübergehende Wohnmöglichkeit. Sie können sogar ihre Kinder mitbringen. Getragen wir die Einrichtung von der Nürnberger Caritas. Das bayerische Sozialministerium fördert das Angebot.
Während VIPs in allen größeren Kommunen des Landes jedes Jahr am 25. November Gewalt gegen Frauen anprangern, gibt es bis heute keine Pendant-Veranstaltungen mit Blick auf Gewalt gegen Männer. Vielleicht wäre es gut, jenen „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ einmal zu hinterfragen. Und zwar deshalb, weil es womöglich unterm Strich gar nicht sehr viel mehr Gewalt gegen Frauen als gegen Männer gibt. Dass Männer in Kriege geschickt werden: Ist das nicht Gewalt? Ausbeutung am Arbeitsplatz: Sind davon nicht genauso viele Männer betroffen? Gewalt an sich jedenfalls ist omnipräsent.
Wenn Gewalt chronisch wird
Gegen Gewalt zu sein, heißt nun nicht, dass es keine Streitigkeiten mehr geben dürfte. Keine Auseinandersetzungen. Manchmal braucht es das Gewitter eines heftigen Streits, um die Luft zu reinigen. Das Problem ist ständige Gewalt. Vor 40 Jahren war die noch in Bezug auf Frauen in Partnerschaften tabuisiert. Hier hat sich viel getan — ohne die Problematik in den Griff zu bekommen. Gewaltberater für Männer stehen noch ganz am Anfang. Sie müssen viel Aufklärungsarbeit leisten. Etwa darüber, wie gravierend Gewalt in der Beziehung Männer belasten kann. Bis hin dazu, dass sich so ein posttraumatisches Belastungssyndrom entwickelt. Oder Suizidalität.
Am Ende ist es unerlässlich, beides zusammenzudenken. Warum beginnen zwei, sich plötzlich zu quälen? Warum schrumpft irgendwann der Raum für Liebe? Für Zärtlichkeit? Warum greift Aggressivität um sich? Daran sind nicht nur die beiden schuld.
Der Mann. Die Frau. Ihr Stresslevel steigt. Umso mehr, wenn auch noch Kinder im Spiel sind. Schwierige Kinder. Fordernde Kinder. Kinder mit ADHS oder Autismus. Kinder, die in ihrem Verhalten befremden bis verstören. Das raubt viel Kraft. Neben der Arbeit. Neben all dem, was zu stemmen ist. Ganz abgesehen von den wachsenden finanziellen Sorgen. Wie das immer teurere Leben bezahlen?
Die oft auf pure Außenwirkung abzielenden Veranstaltungen zum „Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ sind wohlfeil. VIPs posieren für die Presse. Effekthascherisch. Mit gewichtiger Miene: Gewalt gegen Frauen geht gar nicht! Alle finden es klasse, dass mal wieder „ein Zeichen gesetzt wurde“. Danach geht alles wieder seinen üblichen Gang. Und die Gewalt wächst. Laut BKA stieg sie 2024 auf einen Höchststand. In diesem Jahr waren knapp 266.000 Menschen Opfer häuslicher Gewalt. Im Fünf-Jahres-Vergleich bedeutet dies einen Anstieg von nahezu 18 Prozent. Dabei muss man wissen, dass unter 10 Prozent der Betroffenen Anzeige erstatten.
Nicht selten ist Alkohol mit im Spiel. Zu vermuten steht: Sowohl bei Männern als auch bei Frauen als Täterinnen. Neu ist digitale Gewalt. Auch im häuslichen Umfeld. Das Bundesbildungsministerium führt gerade eine Studie namens LeSuBiA durch, die zum Ziel hat, das Dunkelfeld „im Bereich von Gewaltvorkommnissen in Deutschland“ zu erhellen. 2023 wurde versprochen, erste Ergebnisse im Herbst 2025 zu veröffentlichen. Kathrin Gebel von der Linkspartei fragte unlängst nach, wann es denn nun soweit ist. Ein genauer Veröffentlichungstermin, erhielt sie als Auskunft, steht noch immer nicht fest.
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