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Hitzerückblick

Hitzerückblick

Die Artisten zwischen Himmel und Erde verschwinden mit dem Lauf der Zeit.

Die heißen Tage hatten die Provinzstadt erreicht. Bei der Fahrt mit dem Rad zum Waldsee sah ich rechts des Weges das kleine Plakat an eine große Werbefläche geklebt. Artisten und Pferde zwischen Himmel und Erde. Ich wandte den Kopf zur anderen Seite. 200 Meter entfernt über ein Feld mit einem weidenden Kamel hin stand das Zirkuszelt in der prallen Sonne. Auf dem Asphalt neben MediaMarkt. Die Dinge aber mischten sich in meinem Kopf und der Satz ergriff mich zunehmend. Ein Satz gegen den Lauf der Zeit, gegen MediaMarkt. Ein verlorener, trauriger und in dieser Trauer wunderhaft schöner Satz. Und ich sah die Pferde und die Artisten schweben, dachte daran, wie sie buchstäblich alles für dieses Schweben hergeben und es am Ende der Asphaltplatz neben MediaMarkt ist, was ihnen bleibt, gleichgültig, welch kühnen Figuren sie mit ihren Körpern und Künsten in die Welt zaubern. In meinem Freundeskreis, so fiel mir aber ein, gibt es keine Artisten. Niemand schwebt zwischen Himmel und Erde. Staatsangestellte, mehrfach gesichert, Unternehmer, angeschlossen ans Kapital. Auch die Kritischen, zumeist Pensionäre, sind staatlich oder börsenmäßig abgesorgt. Einige über Bitcoin. Vor manchen Jahren war ich ein letztes Mal im Zirkus. In den Pausen gingen die Artisten mit Töpfen durch die spärlich besetzten Reihen, um Geld für ihre Krankenversicherung zu sammeln.

Als ich einen Tag später auf dem Weg zum See wieder vorbeifuhr, hörte ich Musik aus dem Zelt herüberschallen. Waren an Mittwochnachmittagen einstmals die Vorstellungen stets ausverkauft, so konnte ich allerdings nur wenige Räder seitlich des Eingangs zum Zelt erkennen. Und auf dem Schotterplatz davor verloren sich kaum zehn Autos, womöglich bloß abgestellt, weil der asphaltierte Parkbereich unmittelbar neben MediaMarkt bereits besetzt war. Ich hielt an, lauschte.

Applaus war keiner zu hören, nur stets die Musik vom Band. Vor Jahren an jener Zirkusaufführung klatschten die Artisten, die gerade keinen Auftritt hatten, von der Seite her mit. Das Applausvolumen ließ sich dadurch erhöhen.

Am Freitagnachmittag, als ich wieder vorbeikam, vermied ich es, den Kopf zum Zelt zu wenden, als ich die Musik hörte. Die Hitze mochte die Letzten vertrieben haben und ich ertrug das Elend nicht. Vielleicht wären Artisten und Pferde auch bei zehn Grad weniger unter sich geblieben. Am Samstag, ich schaute doch wieder hin, war das Zelt niedergestellt und, wie es schien, in Teilen abgebaut. Sattelschlepper, Wohnwagen und Tierbaracken standen verwaist. Kein Mensch, kein Tier, niemand. Dabei behauptete das Plakat, das weiterhin an der Werbefläche klebte, eine Aufführung für eben diese Uhrzeit und darüber hinaus an fünf weiteren Tagen.

Am Sonntag aber war der Platz leer bis auf die vier Container für Altglas am Rande, die da immer waren. Das Plakat aber hing und darauf Artisten und Pferde in einem Lichtermeer.

Zum Ende des Sommers, als ich aus dem Süden zurückkam, war das Plakat weg. Stattdessen ein anderes, ein übergroßes Wahlplakat, die ganze Werbewand einnehmend. Abgebildet ein Unternehmer mit tatenfrohem Gesicht und griffigen Händen. Dazu stand: Zusammen in die Zukunft.

Im Seitental des Südens

Auf Steinen in einem Seitental habe ich zuerst das Buch des Bruders über die tote Schwester gelesen. Die tote Schwester war eine Denkerin und eine Erkennende und sie hat zum Preis ihres Lebens das Gift der Zivilisation in allen Gesten des Alltags entdeckt und sie meinte wirklich die westliche Zivilisation, wenn sie von Faschismus sprach. Im Buch des Bruders, der viel jünger ist und immer noch lebt, obgleich die Schwester schon 1973 verstorben ist, findet sich die Schärfe und Präzision ihrer Hellsicht ersetzt durch Umzüge von Kärnten nach Wien und Rom und Zürich und Berlin und wieder Rom, ersetzt durch etwas Geldsorgen und ersetzt durch Bekanntschaften, darunter ein Herr Frisch, den der Bruder, ich kann es verstehen, nie gemocht hat. Das Artige herrscht vor und dies nicht aus politischer Verdrehung heraus, nicht aus Heimtücke oder als Psy-Op: Die Schwester ist einfach die Tochter einer ganz normalen Familie des 20. Jahrhunderts in Europa. Der Krieg, durchaus, spielt eine Rolle, ehrlich ausgeschrieben. Doch die Normalität und die Familie zerstört er nicht. So wird die Geschichte der toten Schwester vom Bruder erzählt, die Geschichte einer Schwester, die heutzutage keinen Verleger für ihr Todesarten-Projekt fände. Auch ihr Verbrennungstod schlägt im Buch nicht aus der Normalität. Von Verschwörungstheorien ihrer damaligen Freunde, die hinter der brennenden Zigarette und der Schmerzunempfindlichkeit etwas anderes sahen als das offenkundig Rationale, hält der Bruder auch heute wenig. Er schreibt das alles in einfachen, klaren Worten. Das Buch ist angenehm zu lesen, hat paar Bilder, nur wenig über hundert Seiten und ich war fertig damit, ehe die Sonne, im Talausschnitt sich verschiebend, meinen Stein erreicht hatte.

Für die Entstehung des Bewusstseins aus dem Zusammenbruch der Zweikammerpsyche wechselte ich auf einen anderen Stein. Und ich erkannte sehr bald, ich müsste auf alle Steine wechseln, wollte ich dieses Werk von Julian Jaynes aus dem Jahre 1976 noch im Schatten des Seitentals begreifen.

Anhand der Ilias und der Odyssee wird der Verlust der göttlichen Stimmen und die Entstehung eines Ich im analogen Raum vorgeführt, und weil allein dies das Tal bei weitem sprengte, legte ich das Buch erst einmal auf dem Stein aus und malte mir den Horizont dessen aus, was alles betroffen ist vom Verlust der göttlichen Stimmen, die in diesem ungeheuren Werk allerdings immer wieder zu einem Erzeugnis von Gehirntätigkeit werden und dadurch zu Materie werden.

Was – ich greife der Augenblicklichkeit des kühlen Seitentals vor – am Ende des Werks allerdings alles überlagert, ist die Erkenntnis, dass jedes Streben und Suchen und Orakeln und Meditieren und Analysieren danach trachtet, vom Unglück des Bewusstseins loszukommen und in einen Urzustand zurückzugleiten. Und dass Schizophrenie und einiges mehr Relikte jener Zweikammerpsyche mit göttlichen Stimmen sind: Ich ahnte es schon immer. Der Irrsinn der Welt aber, der um das Seitental herrscht, so dachte ich weiter auf den Steinen sitzend – ab und an kam ein Wanderer vorbei –, ist vielleicht nichts anderes als das kamikazehafte Schwirren von Wesen, deren Versuche, dem Bewusstsein zu entkommen, allesamt fehlgeschlagen sind und die darob ihre Fassung verloren hätten.

Knall in der Provence

Es war ein später Nachmittag im August, als in der Hitze ein Knall durch das weite Rhonetal bei Avignon ging. Der Knall war nachhaltig, es war mir, als wäre sehr weit weg das Große geschehen. Eine raumfüllende Explosion in tiefer Frequenz, gefolgt von mehreren ebenso raumfüllenden, tiefen Nachbeben erfasste mein Inneres gänzlich. Und ich dachte, im Innenhof des Gehöfts sitzend: Vielleicht sind ihnen nun doch die Nerven durchgebrannt, vielleicht haben sie die Geduld nun doch verloren und Berlin, einiges über Tausend Kilometer fortliegend, wäre hochgegangen. Oder das immer noch etliche hundert Kilometer entfernte Paris. Und ich konnte es mir durchaus vorstellen, dass es so klänge, würde, Tausend Kilometer entfernt, eine Atombombe abgeworfen. Dann wiederum aber dachte ich, im Innenhof am kleinen Pool sitzend, dass ich im Grunde keine Ahnung und keine Vorstellung hätte, wie es in der Tat tönen würde, flöge Tausend Kilometer entfernt Berlin oder Paris atomar in die Luft, wirklich keine Ahnung. Vielleicht hörte man gar nichts, vielleicht würde der Liegestuhl leicht wackeln. Und dann entschied ich ob all dieser Gedanken, dass über Berlin eben doch keine Atombombe ausgeworfen worden sei und dass der Knall auch nichts mit Paris zu tun hätte. Und doch blieb leise die Frage hängen, wie es sich denn anfühlen würde, ginge es wirklich los. Bald aber war es einfach bloß noch heiß in den hellockerfarbenen Mauern des Gehöfts und die Gedanken tot.

Schicksal eines Dichters

Es war wohl nicht die Hitze des Sommers, die ihm die Sprache nahm. Es war kein Knall. Doch die Sprache war weg. Auf einen Schlag fast. Kein Schreiben, kein Reden, kein Verstehen, kein Lesen. Dem Autor, der einen Ingeborg Bachmann-mäßig hellsichtigen Text über die Menschen und den Krieg geschrieben hat, die Sprache zu nehmen: Das schreit zum Himmel. Warum nicht den Führern der Länder und Unionen? Warum nicht den Machtversessenen? Warum den Stillen, den Sensiblen? Was ist los mit Gott?

Ende des Sommers

Eine gottesvertraute Freundin schrieb mir am Ende des Sommers:

Der Mensch will nicht nur erkennen, was gut und böse ist. Er will selbst darüber bestimmen. Er möchte beurteilen, definieren – und letztlich beherrschen. Er möchte die Wirklichkeit aus seinem eigenen Zentrum heraus ordnen. Doch vielleicht führt die „dunkle Nacht“ genau aus diesem Zentrum heraus. Wenn unsere Sicherheiten zerbrechen, wenn unsere Vorstellungen von Gott nicht mehr tragen und wir die Kontrolle verlieren, kann etwas geschehen, das wir selbst nicht herstellen können. Vielleicht liegt das Licht gerade darin, dass wir in der Finsternis erkennen, was niemals unser wahrer Halt gewesen ist.

Und so ist dieser Sommer vorbeigegangen, der Knall in der Provence verhallt. Die Sprache des Dichters ist nicht wieder gekommen, Ingeborg Bachmann ist weiter tot und das Seitental menschenleer. Die Artisten und Pferde aber schweben noch – auf einem vergilbten Plakat im letzten Dorf vor der Küste. Und der Traum geht weiter. Der Traum in mir, wo keiner mit der Zeit geht.

Wäre nie einer mit der Zeit gegangen, Auschwitz hätte nicht stattgefunden. Nicht Google, nicht Palantir. Und niemals hätte einer dem Bewusstsein entfliehen müssen.


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst unter dem Titel „Hitzerückblick“ bei der Freien Akademie für Medien und Journalismus.

Die beiden Bücher, auf die im Text Bezug genommen wird: Heinz Bachmann, Ingeborg, meine Schwester. Erinnerungen und Bilder, 2023; Julian Jaynes, Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche, 1988 (Original: The Origin of Consciousness in the Breakdown of the Bicameral Mind, 1976).


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