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Nach der Hitze des Sommers

Nach der Hitze des Sommers

Die Erkenntnisse des Psychoanalytikers Wilhelm Reich lenkten den Blick auf die befreiende Schöpferkraft in unserer Sexualität.

Sexualität ist Leben. Sie schafft die Grundlage dafür, wie es auf diesem Planeten aussieht. Von einer erfüllten Sexualität, das wusste Wilhelm Reich, ein Schüler Sigmund Freuds, hängt nicht nur die psychische, sondern auch die soziale Gesundheit ab. Sexualität ist politisch. Auch wenn sie sich in intimen Räumen abspielt, so hat sie eine enorme gesellschaftliche Bedeutung, die oft unterschätzt wird.

In Weiterführung der Arbeit Freuds und seiner Libidotheorie schlug Reich als Kriterium für eine erfolgreich abgeschlossene Psychoanalyse das Erreichen der orgiastischen Potenz vor, die hemmungslose Hingabe an das Strömen der biologischen Energie. Reich nannte diese Energie Orgon. Der Begriff ist verwandt mit dem Wort Orgasmus, altgriechisch „heftige Erregung“, der Höhepunkt der sexuellen Lust, die beim Geschlechtsverkehr oder durch Masturbation eintritt.

Doch der Orgasmus ist nicht nur das Erleben eines überwältigenden Rausches, während dem sich die sexuelle Spannung entlädt. Mit dem Fließen der Lebensenergien, so Reich, können sich die psychischen und muskulären Verpanzerungen lösen, die sich im Laufe eines Lebens aufbauen. Nach Reichs Auffassung resultieren sämtliche seelischen Leiden aus der gesellschaftlichen Sexualunterdrückung. Doch die unerfüllte sexuelle Energie behindert nicht nur die individuelle Entwicklung, sondern auch die kulturelle Leistung. Die frühkindliche Vorbereitung auf eine bis heute übliche Zwangsmonogamie schafft Charaktere, die sich nur allzu bereitwillig einer repressiven Ordnung unterwerfen.

Die Befreiung der Scham

Eine erfüllte Sexualität ist weit mehr als ein persönliches Pläsier. Sie ist die Voraussetzung dafür, totalitären und faschistischen Tendenzen entgegenzuwirken. Mit Menschen, die sich in ihrer Sexualität entfalten, haben Autoritäten kein leichtes Spiel. Denn wer Zugang zu der Quelle der Lebensenergie in sich findet, den kann man weniger kontrollieren, unterdrücken oder mit ein paar Privilegien ködern. Ihm kann man keine Angst vor dem Mangel einreden, die ihn gefügig macht. Er weiß, dass er aus dem Vollen schöpft.

So ist es heute dringender denn je, unsere Sexualität zu entfalten und den Schambereich von der Scham zu befreien. Öffnen wir den Keuschheitsgürtel. Lösen wir uns aus der Konfusion, die uns daran hindert, eine freie, lebensbejahende und wilde Sexualität zu leben, die nichts zu tun hat mit dem unangenehmen Gefühl, sich vor anderen Menschen in einer peinlichen Situation zu befinden.

Wer sich schämt, der fürchtet sich davor, dass andere denken könnten, er sei schwach. Wer sich hingegen von der Scham befreit, der spürt die unbändige Kraft, die in seinem Schossraum schlummert und nur darauf wartet, erweckt zu werden.

Hier setzt sie an, die Macht, die das Lebendige zu kontrollieren und zu unterdrücken sucht. Hier beginnt der Fluch. Hier nimmt das Übel seinen Lauf.

Seit der inszenierten Flucht aus dem Paradies schämen sich Frau und Mann voreinander. Tierhäute haben sie sich übergeworfen, sodass sie sich fortan nicht mehr erkennen konnten. Die Frau wurde zur Verführerin, der Mann zum Schwächling, der immer wieder neu seine Stärke beweisen muss, und beide zu hoffnungslosen Sündern. An der Frustration und Ohnmacht, die daraus resultiert, hat auch die sexuelle Revolution der 1960er Jahre nicht wesentlich etwas geändert. Oder meinen wir tatsächlich, Pille und Tampons hätten uns wirkliche Freiheit gebracht?

Kaum glaubten wir, unserer Lust endlich freien Lauf lassen zu können, kam der nächste Hexenhammer, der die Scham erneut verriegelte. AIDS machte Sex zur potenziell tödlichen Gefahr. Corona schließlich setzte der Lust die Dornenkrone auf. Sexualität soll stattfinden, ohne einander zu berühren. Eine boomende Pornoindustrie degradiert uns zu einsam Masturbierenden. Leben wird zunehmend im Labor produziert.

Alles durchdringende Lebensenergie

Immer schwieriger wird es, sich im anderen zu erkennen. So wird es zunehmend unmöglich, die größte Frage der Menschheit zu beantworten: Wer bin ich? Verwirrt, vereinsamt und verängstigt vegetieren wir vor uns hin und erhalten nur noch durch ein paar Privilegienhäppchen, die uns bei Bedarf zugeworfen werden, einen schwachen Trost, der uns zumindest so lange am Leben hält, wie wir als Ressource herhalten können.

Immer mehr zieht sich die ursprüngliche Lebensenergie aus uns zurück. Doch sie ist noch da. Wir können diese Energie in uns neu erwecken. Wir können uns erneut an das anschließen, was Wilhelm Reich Orgonenergie nannte, eine Energie, die außer im pflanzlichen und tierischen Organismus auch im Erdboden und in der Atmosphäre visuell, thermisch sowie elektroskopisch nachweisbar ist. Diese kosmische Energie durchdringt prinzipiell alle Arten von Materie mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.

Reichs besondere Aufmerksamkeit galt der Erforschung von Krebserkrankungen. Nach seiner Erkenntnis ist Krebs eine Erkrankung des gesamten Organismus, der eine gestörte Pulsation des Orgons im Körper zugrunde liegt, die wiederum in der Unfähigkeit des Organismus wurzelt, sich vollständig im Orgasmus hinzugeben. Diese Unfähigkeit, die orgastische Impotenz des Menschen beziehungsweise ihre Behebung, war ein Kernpunkt seiner Arbeit.

Doch Reich entdeckte nicht nur Zusammenhänge zwischen gestauter sexueller Energie und Krankheit, zwischen psychischen und muskulären Panzerungen. Er vereinte Analyse und Revolution, Politik und Sexualität, Masse und Individuum.

Seine Arbeit konnte nur zum Scheitern verurteilt sein. Denn wie sähe eine Welt aus, in der die Menschen aus sich heraus schöpfen und nicht mehr abhängig von Versprechungen sind?

Der Weg der Hingabe

Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) bestand auf der Verbrennung aller Arbeiten Reichs, in denen das Wort Orgon vorkam. Wilhelm Reich selbst wurde 1957 inhaftiert und verstarb im selben Jahr an den medikamentösen Behandlungen, die man ihm im Gefängnis aufgezwungen hatte.

Auch heute beschäftigt sich die wissenschaftliche Welt nicht damit, was eigentlich das Lebendige ist und wie einer Zelle Leben eingehaucht wird. Die „Mutter aller Fragen“ sei, wo das Leben auf der Erde entstanden ist (1). Vor etwa vier Milliarden Jahren soll es gewesen sein, doch die Frage nach den Umständen ist bis heute ungeklärt. Wir können das Lebendige auseinandernehmen, kopieren und neu zusammensetzen. Doch künstlich etwas Lebendiges erzeugen, das können wir nicht.

Auch wenn die natürliche Schöpferkraft ein unentschlüsseltes Mysterium bleibt: Wir können sie erfahren, wenn wir uns unserer eigenen orgastischen Lebensenergie hingeben. Tief aus unserem Inneren heraus strömt sie in die Welt hinein und versetzt das, womit sie in Berührung kommt, in eine Schwingung, die niemand aufhalten kann. Von Mensch zu Mensch vibriert die Lust, die in Sekundenschnelle ein Nein in ein Ja verwandeln kann und die Welt in ein vollkommen anderes Licht zu stellen vermag. Lassen wir uns überraschen.


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ursprung-des-lebens-haben-sie-die-mutter-aller-fragen-geknackt-ulrich-schreiber-a-3c1f4240-9d37-4dc4-825e-52f0a7eb5c9b


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