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Rubio spricht Klartext

Rubio spricht Klartext

Der US-Außenminister gesteht auf der Münchner Sicherheitskonferenz dem Kolonialismus seine Liebe und Europa applaudiert.

Staatliche Narrative, die modernen Märchen, verklären das Streben nach Hegemonie zu hehren Werten: Wir kämpfen für Demokratie und Menschenrechte! Aber die USA brauchen kein Narrativ, sie praktizieren eine Propaganda der Tat, verüben Kriegsverbrechen mit Überzeugung und gutem Gewissen — während die EU schwankt, ob sie dem Hegemon unterwürfig schmeicheln oder sich gegen ihn aufplustern soll. Denn ihre Erzählung vom Wertewesten wird gerade weggespült wie eine Sandburg in der Flut: „Wir sind die Gu ...“.

Die EU befindet sich politisch und wirtschaftlich in einer bedrohlichen, großteils selbst verschuldeten Krise; die transatlantische Partnerschaft entpuppt sich zunehmend als Herr-Knecht-Verhältnis. So blickten die geladenen Politfunktionäre und Lobbyisten bei der Münchner „Sicherheitskonferenz“ mit banger Hoffnung der Rede des US-Außenministers Marco Rubio entgegen; der Titel der Konferenz brachte die Stimmung treffend zum Ausdruck: „Under Destruction“.

Und der smarte Minister, zweiter Mann im Herrschaftsapparat der Milliardäre nach Präsident Donald Trump, lieferte eine bemerkenswerte Rede, die im Globalen Süden gewiss mehr Aufmerksamkeit fand als in der deutschen Öffentlichkeit. Rubio fasste die Ziele der Weltmacht USA auf dem Hintergrund historischer Erfahrungen so zusammen: Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs habe sich „der Westen“ fünf Jahrhunderte lang ausgebreitet und über den ganzen Globus ein riesiges Imperium errichtet. Doch seit 1945 befinde sich das westliche Imperium im Niedergang, bedingt durch „gottlose kommunistische Revolutionen und antikoloniale Aufstände“.

Ist die Weltherrschaft des Westens nun zu Ende? Mitnichten, denn die USA haben laut Marco Rubio keine Lust, höfliche Verwalter des Niedergangs zu sein. Sie sind vielmehr stolz auf die Geschichte des westlichen Kolonialreichs. Und sie sind dabei, das glorreiche Weltreich wieder zu errichten: „Wir wollen die größte Zivilisation der Geschichte erneuern!“, verkündete Rubio (1).

Lassen wir die zentralen Aussagen des US-Außenministers auf uns wirken. Er verherrlicht fünfhundert Jahre Kolonialismus und Imperialismus als „Erfolgsgeschichte“ der alten europäischen Mächte.

Seit Jahrzehnten wurde dieses Menschheitsverbrechen gern der kollektiven Amnesie anheimgestellt, da angeblich längst vergangen und bewältigt: etwa die Ausrottung der indigenen Bevölkerung Amerikas, die Versklavung des afrikanischen Kontinents mit ungeheuren Gräueltaten, die blutrünstige Kolonisierung und Ausbeutung Asiens. Die meist christlichen Herrenmenschen kannten keine Gnade beim Morden der Untermenschen und bei der Ausplünderung der eroberten Länder. Hunderte Millionen Tote säumen den Siegeszug kapitalistischer Ausbeutung und christlicher Entmenschlichung der Versklavten — bis hin zur industriellen Ermordung der Juden und zum Vernichtungskrieg gegen die slawischen Untermenschen.

Doch die US-Regierung blickt mit Stolz auf die Geschichte des unmenschlichen Grauens; sie will die Kolonisierung wiederholen, die imperialistische Ausbeutung weiterführen und ausbauen und sie lädt die EU ein, es zusammen mit den USA zu tun: „Wir wollen nicht, dass unsere Verbündeten durch Schuld und Scham gefesselt sind!“

Dafür müssen die Feinde des glorreichen Imperiums wieder vernichtet werden, laut Rubio die „gottlosen kommunistischen Revolutionen und die antikolonialen Aufstände“. Damals waren es zum Beispiel die Demokratie im Iran unter Präsident Mohammad Mossadegh, die 1953 von den USA und Großbritannien zerschlagen wurde, die Aufstände und Befreiungsbewegungen in Kuba, Indien, Vietnam, Kongo, Algerien, die alle blutig bekämpft wurden — fast alle Länder des Globalen Südens könnte man aufzählen. Als Feind gilt aber auch heute noch jeder Staat, der sich dem westlichen Herrschaftsanspruch in den Weg stellt. Den Systemkonkurrenten China gilt es zu besiegen! Demokratie, Selbstbestimmung, Menschenrechte? Macht euch nicht lächerlich, wird uns zu verstehen gegeben, lasst euch nicht durch solche Floskeln irritieren!

Rubios klarer Appell für entfesselten Kolonialismus und für Weltherrschaft, für Rassismus und organisierte Gewalt ist Einladung an die EU und zugleich Drohung gegen jeden Widerstand, wie wir ihn derzeit in Venezuela, Kuba, Iran oder Palästina verfolgen können.

Dafür betreiben die USA weltweit etwa 900 Militärstützpunkte, dafür wird in den NATO-Staaten gigantisch aufgerüstet. Hat der Westen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Kriege und die Ausdehnung der NATO noch als Kampf für Demokratie und Freiheit bemäntelt, legt der Weltherrscher nun die Maske ab und benennt klar die Zielrichtung: Die ganze Welt zu beherrschen durch militärische Übermacht, ohne Scham und Schuld. Die EU darf dabei helfen.

Und die europäische Machtelite, die Staatschefs, Militärs und Rüstungsbosse lauschen gebannt der Botschaft — und jubeln, erheben sich nach der Rede zu Standing Ovations! Es macht fassungslos: Begeisterter Applaus für einen Aufruf zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit. Teilen alle Mitglieder der Machtelite das Bekenntnis zum Ziel von Kolonialismus und Imperialismus, die Verhöhnung aller erkämpften Rechte und internationalen Regeln zur Zivilisierung der Beziehungen zwischen Staaten, zur Souveränität und Gleichberechtigung aller Länder, zur Gewaltfreiheit bei der Lösung von Interessenkonflikten? Und wenn sie schon nicht unter Protest den Saal verlassen — was veranlasst sie, zu den menschenverachtenden Zielen des Regimes in den USA begeistert zu applaudieren?

Sie wirken geradezu erlöst. Offensichtlich hat ihnen der Minister eine große Angst genommen.

Der deutsche Außenminister Johann Wadephul sagt, es sei die Rede gewesen, die er erwartet habe. „Und natürlich haben wir eine gemeinsame Basis“ mit den USA. Kein Wort der Kritik.

Dahinter steht die Erleichterung, dass Marco Rubio nicht das EU-Bashing des letzten Jahres durch Vizepräsident JD Vance wiederholte. Das Aufatmen spiegelt sich in den Schlagzeilen der großen Medien: „Erleichterung, aber auch Skepsis nach der Rede …“, so der Deutschlandfunk (DLF), „...betont den Zusammenhalt von Europa und den USA“, schreibt zeit.de und die Süddeutsche Zeitung „Der US-Außenminister hält eine freundliche, stellenweise fast sentimentale Rede zu den transatlantischen Beziehungen“. Man zeigt sich erfreut, dass die EU nicht als Feind, sondern als Kumpan und als Vasall bei der Eroberung der globalen Herrschaft mitmachen darf.

Eigentlich ist die Reaktion keineswegs überraschend. Wo hat sich die EU in den letzten dreißig Jahren als Friedensmacht engagiert, wann und wodurch zur Vermeidung von Kriegen beigetragen? Wie verhält sie sich derzeit, wenn sich die USA nach Art der Gangsterbosse alles nehmen, was sie zur Steigerung ihrer Macht brauchen und jeden bedrohen und erpressen und mit Krieg zwingen, sich den Interessen der USA zu beugen — in Venezuela, im Iran, in Kuba, in Palästina? Der Generalbundesanwalt weigert sich, Ermittlungen gegen die Täter aufzunehmen. Haben sich Deutschland und die EU für Abrüstung oder die Stärkung internationaler Organisationen — IWF, Weltbank, UN – im Interesse aller Staaten eingesetzt? Liefern sie nicht Waffen für den Völkermord in Gaza und für die Verlängerung des Krieges in der Ukraine? Sie reden zwar nicht mehr als Herrenmenschen einer überlegenen Rasse; sie betreiben aber eine wahnsinnige Aufrüstung und Militarisierung der Gesellschaft, um teilhaben zu können an der globalen Herrschaft. Und notfalls lassen sie die „Drecksarbeit“, so Bundeskanzler Friedrich Merz, von anderen erledigen.

Wie wird die Rede Rubios im Globalen Süden aufgenommen? Wenn die Opfer von fünfhundert Jahren Ausrottung, Versklavung, Ausbeutung, von Rassismus und Herrenmenschentum die Signale hören: Keine Reue — Wiederholung! Wenn die westlichen Narrative von Demokratie und Freiheit kontrastiert werden mit „Wir wollen das koloniale Imperium wieder herstellen!“ Wenn in den Schulen in Afrika und Asien die Kinder hören, wie der Befreiungskampf ihrer Vorfahren in den Dreck gezogen wird? Nein, dieser westliche Block und die NATO kämpfen nicht für Menschenrechte und Demokratie, sondern für die kapitalistische Vorherrschaft der USA — mithilfe der EU. Spätestens seit der Münchner Konferenz wissen alle, welchen Zielen die gigantische Aufrüstung dient, die zugleich große Teile der Bevölkerung in Armut zwingt und die Gesellschaft zerstört – in den USA genauso wie in der EU.

Und die ständig wiederholte Behauptung, ohne Kriegstüchtigkeit und Hunderte Milliarden Euro für neue Waffensysteme stehe der Russe demnächst vor Berlin, ist, psychologisch gesehen, eine Projektion der eigenen verleugneten Ziele auf den Feind im Osten.

Gab es denn gar keine Widerrede auf diese Verhöhnung aller demokratischen Errungenschaften nach Faschismus und Weltkriegen, auf die Zertrümmerung aller Versuche, einer Wiederholung der Entmenschlichung einen Riegel vorzuschieben? Doch, es gab eine klare Entgegnung. Darin konstatierte der Redner, dass in der Welt die Gesetze des Dschungels und des Unilateralismus herrschen — verursacht durch die USA. Die UNO sei zwar nicht perfekt, aber dort habe jedes Land eine Stimme und gleiche Pflichten und Rechte. Das funktioniere nur deshalb nicht, weil sich ein Land über alle anderen stelle und die Konfrontation suche. Dringend notwendig sei eine multipolare Welt mit Demokratie in den internationalen Beziehungen: Gleichheit aller Länder!

Es müsse sichergestellt werden, dass alle Länder die gleichen Regeln befolgen. Diesem Ziel diene die „Global Governance Initiative“ mit den Prinzipien von Souveränität und Gleichheit, der internationalen Herrschaft des Rechts, des Multilateralismus und der vorrangigen Beachtung der Bedürfnisse und Rechte der Menschen. Die Rede hielt nicht Bundeskanzler Friedrich Merz, Präsident Emmanuel Macron oder Premierminister Keir Starmer, auch nicht EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Der Redner war Wang Yi, Außenminister der Volksrepublik China. Sein Beitrag könnte die Grundlage für Verhandlungen aller Länder sein, die guten Willens sind, gegen Kolonialismus und Imperialismus eine neue Weltordnung zu errichten.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) s. Ausschnitte der Rede im Video des Journalisten und Polit-Ökonomen Ben Norton, „Geopolitical Economy Report“, 18. Februar 2026

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