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Selbsthass unterm Regenbogen

Selbsthass unterm Regenbogen

Lange Zeit war der deutsche Nationalismus ein europäisches Problem — jetzt ist es der deutsche Antinationalismus, der den europäischen Nachbarn zusetzt und sie befremdet.

Schätzen Sie sich glücklich, falls Sie den Eurovision Song Contest nicht geguckt haben. Denn traditionell war er wieder mal eine Beleidigung für alle Sinne. Und eine politisch ziemlich abgeschmackte Show war es außerdem. Als man in der Halle zu Liverpool – der Contest konnte ja nicht beim Vorjahressieger in der Ukraine ausgetragen werden – laut anfing, mit „You‘ll never walk alone“ die Hymne der ortsansässigen Weltfußballklubs zu schmettern, war die Propaganda auf ihrem Höhepunkt angelangt: Die Zuschauer grölten, die Moderatoren und Contest-Teilnehmer marschierten auf die Bühne und sangen laut mit, und am Ende gab es einen Schwenk nach Kiew, wo Menschen ukrainische Fahnen zum Song flattern ließen.

Selten war so viel Inszenierung. So viel Choreographie. Es hatte etwas von einer stalinistischen Aufführung, triefte vor Pathos und der Ästhetik von sozialistischem Realismus. Nur ohne Sozialismus, versteht sich. Mittendrin die deutschen Teilnehmer, eine Band namens Lord of the Lost, mehr oder minder junge geschminkte Männer, die immer dann mit der Regenbogenfahne wedelten, wenn das Kameraobjektiv auf sie gerichtet wurde.

Im Vorfeld des Contests ließen sich alle Teilnehmer für ein Plakat fotografieren: Jeder mit der Fahne seiner Nation. Nur die androgynen Glamourdeutschen nicht: Die ließen sich mit der bunten Farbenpracht der Regenbogenfahne ablichten.

Somewhere over the rainbow

Schwarz-Rot-Gold: Das waren mal die Farben der Bundesrepublik – oder Deutschlands, wenn man, mit Blick auf das Hambacher Fest von 1832, historisch genauer sein möchte. Heute sind sie es ganz offensichtlich nicht mehr. Wo immer man die deutschen Farben vermeiden kann, vermeidet man sie auch. Und man geht noch einen Schritt weiter und ersetzt die ursprüngliche Farbentrias durch die farbliche Vielfalt des Regenbogens.

Noch so eine ästhetisch beleidigende Szene: Denken wir uns zurück in den November 2022, als Innenministerin Nancy Faeser mal eben nach Katar jettete, um die deutschen Farben zu repräsentieren. Also jene, die alle Farbspektren beinhalten. Innen-Nancy lief dort mit einer bunten Armbinde auf, präsentierte dem muslimischen Volk ihre unbedeckten Oberarme under the rainbow. Die Welt schwankte zwischen Verwunderung und Spott. Insbesondere auch deshalb, weil die Nationalmannschaft einen riesigen Aufriss um die Regenbogenbinde machte, auf dem Platz jedoch nur triste Grautöne lieferte und sich ganz und gar nicht aufriss.

Deutschland hat in den letzten Monaten eine neue Farbenlehre erhalten. Natürlich schmückten sich Ministerien schon vormals damit. Um Zeichen zu setzen: „Symbolpolitik“ nannten das die Kritiker. Die Fürsprecher erklärten dieses Zurschaustellen zum großen Wurf.

Welchem Mindestlohnbezieher geholfen ist, weil vor dem Arbeitsministerium das volle Farbspektrum wedelt, wurde bis dato nie gänzlich aufgeklärt. Mancher munkelt gar, dass das genau die Absicht der Symbolpolitik ist: So tun als ob – und ja nichts verbessern.

Regenbogen-Deutschland streitet sich um Identitäten – nicht um Entitäten: Um sozialpolitische Konzepte etwa. Man spricht viel über Gefühle und Befindlichkeiten, weniger von Fakten und Realitäten. Das bunte Deutschland hat sich entschieden, in ein Reich der Gefühlsduselei zu transformieren. Eines, das sich Sendungsbewusstsein auf die farbige Fahne geschrieben hat: Deutschland kennt keine Nationen mehr – es kennt nur noch Antinationen.

Der deutsche (Anti-)Nationalismus

Deutschland gilt in der europäischen Geschichtsschreibung als Hegemon, als ein explodierendes Preußen, das zu einem zentralen Problem für Europa wurde: Wirtschaftlich wuchs man ebenso wie räumlich. Bismarck erklärte mit der Reichsgründung, dass dieses neue Deutschland saturiert sei. Aber schon damals war ein zu großer Koloss entstanden, der sich als Nation definieren musste. Der deutsche Nationalismus war älter als das Deutsche Reich, er war gewissermaßen die Ideologie, die zur Reichsgründung führte. Die arroganten Auswüchse dieser Ideologie zeigten sich aber erst, nachdem es dann endgültig ein Reich gab.

Der Nationalismus ließ Wilhelm Zwo mit Säbeln rasseln, von Schlieffen einen Angriffs-, von Tirpitz einen Flottenplan ausdenken. Er wollte Frankreich dominieren und die östlichen europäischen Gebiete unter Kontrolle halten. Der nationalistische Dünkel führte dazu, dass man als eine Art Schutzmacht für Österreich auftrat und einen Krieg mit dem halben Kontinent in Kauf nahm. Die Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg ist weitläufig bekannt. Der deutsche Nationalismus gebar ein rigides und totalitäres System.

Andere europäische Länder machten ähnliche Erfahrungen, der Nationalismus kam weit herum in der Welt. Deutschland aber gab nach dem Zweiten Weltkrieg seine nationalistische Attitüde auf – ob nun aus Einsicht oder weil es opportun schien als neuer Freund der USA, sei dahingestellt. Die Außenpolitik mauserte sich zur Scheckbuchdiplomatie, deutsche Interessen waren nun von ökonomischen Interessen geleitet. Der Nationalismus aus dem Herzen Europas schien erfolgreich in die Schranken gewiesen worden zu sein, der Hegemon inmitten des Kontinents hatte zu einer neuen Rolle gefunden.

Bis die Wiedervereinigung drohte und Europa sich vor einem Rückfall ängstigte. Speziell die Polen und Briten waren skeptisch. Phasenweise schien es dann auch so, als sei der deutsche Dünkel wieder da. Beispielsweise während der Eurokrise vernahm man gewöhnungsbedürftige Töne Richtung Südeuropa: Wenn Europa wäre wie Deutschland, würde es aufblühen – Parole: Hartz IV für alle! Aber das war ein Strohfeuer.

Seit einigen Jahren ängstigen die Deutschen diesen Kontinent nicht mehr durch ihren überschäumenden Nationalismus, sondern durch dessen Gegenteil: Den Antinationalismus. Deutschland tritt in der Welt auf wie ein Land, das kein Land sein will, sondern eine Glaubensgemeinschaft.

Das extreme Land inmitten Europas

Ständig glänzt Deutschland auf dem internationalen Parkett als Land, das bereit ist, seine nationalen Interessen abzuschaffen. Jedenfalls auf der rein informellen Schiene: Man betont ständig die westlichen Werte, meint aber damit ganz speziell deutsche Werte. Denn außer in den Vereinigten Staaten werden identitätspolitische Themen, die auch als Wokeness bekannt sind, kaum so hartnäckig und aggressiv verteidigt und auch gegen den Willen der Bevölkerung durchgeboxt wie hierzulande.

Das Land scheint unter antinationalistischer Dauerberieselung zu stehen. Wer sich dafür nicht erwärmen kann, gilt als ewiggestrig, als Rechter und Nazi, ja als ein Mensch, der noch in nationalen oder gar nationalistischen Kategorien denkt – und der sich auf alle Fälle überdauert hat. So wie früher jeder, der dem Internationalismus frönte, ein „vaterlandsloser Geselle“ war, gilt es heute in der deutschen Öffentlichkeit als ausgemachte Sache, jedem sein Vaterland vorzuwerfen, wenn er es mal erwähnt.

Anders gesagt: Deutschland ist wieder mal ein Land der Extreme. Wie fast immer in der deutschen Geschichte zeigt sich, dass dieser Landstrich mitten in Europa ein Nährboden für extremistische Denkweisen zu sein scheint.

Woher kommt das? Möglicherweise hat es mit der geostrategischen Lage zu tun: Als Durchgangsland verschiedener globaler Eindrücke formiert sich unter Umständen immer eine extreme Haltung, die dann als neue Staatsdoktrin vertreten werden soll.

Im Moment ist aus dem gefürchteten Nationalismus der Deutschen ein ebenso gefährlicher Antinationalismus geworden, der nationale Interessen ignoriert und sehenden Auges das Land in eine Situation manövriert, in der es schier handlungsunfähig werden könnte. All das geschieht unter bunter Flagge, umsäumt von laut johlenden Partypeople, die so tun, als sei ein bisschen Diversity-Feeling und Herzchen-Bemalung die halbe Miete im geopolitischen Ringen der Länder. Der deutsche Antinationalist von heute ist der Enkel früherer Nationalisten: Beide haben keinen Sinn für Maßhaltung. Beide sind radikale Träumer, denen es um Ruhm, Geltungssucht und Rechthaberei geht.


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