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Selbstzerstörung als Erlösungsfantasie

Selbstzerstörung als Erlösungsfantasie

Anhänger der Kollektivschuldthese inszenieren sich als hyperachtsame Wiedergutmacher — in Wahrheit diffamieren sie sich und andere. Exklusivabdruck aus „Die Heldenreise des Bürgers“.

Über die Frage, wie viele Deutsche man in den Jahren 1933 bis 1945 zum direkten Täterkreis der Naziverbrechen rechnen soll, ist viel gestritten worden. Oftmals wird pauschal der gesamten Erwachsenengeneration dieser Jahre die Verantwortung für das Grauen zugeschrieben. Geht man von der wissenschaftlich diskutierten Verteilung kollektiver Hypnosegrade innerhalb einer Massenbildung aus, wären 30 Prozent der erwachsenen Population restlos vom Massen-Mem überzeugt.

Bei Corona waren dies Täter der Kategorie I, jene, die bereit waren, Maskenlose und Ungeimpfte direkt anzugehen, die Steine nach Autos mit fremden Kennzeichen warfen oder Nachbarn denunzierten, wenn diese mit zu vielen Personen Weihnachten oder Geburtstag feierten.

50 Prozent hingegen wären nach Mattias Desmet reine Mittläufer, ich nenne sie Täter der Kategorie II. Diese Gruppe ist moralisch vielleicht noch problematischer als die komplett Hypnotisierten. Nötigung, aber auch Bequemlichkeit führte dazu, alle Maßnahmen klaglos mitzumachen, ohne tatsächlich von der Gefährlichkeit des Virus überzeugt zu sein. Lediglich 20 Prozent der Menschen widerstanden der Corona-Massenbildung. Diese Population wurde dann zur neuen Opfergruppe, ertrug öffentliche Diffamierungen und Ausgrenzungen, Kündigungen des Arbeitsplatzes und vieles mehr.

Übertragen auf die Nazizeit hieße das: 80 Prozent der erwachsenen Deutschen mittleren Alters, die in den Jahren 1933 bis 1945 gelebt haben, müssten sich mit Fragen von persönlicher Schuld und Verantwortung auseinandersetzen. Worauf Viktor Frankl jedoch hinaus will, ist Folgendes:

Selbst wenn es nicht 80, sondern 95 Prozent wären, ist eine Pauschalisierung der Täterschaft immer unzulässig, da man einer nicht zu bemessenden Zahl von Opfern innerhalb dieser Gruppe gröbstes Unrecht antun würde.

Viele derer, die sich heute als gnadenlose Richter aufspielen, um die Erwachsenengeneration der Nazizeit zu verdammen, sind jedoch vollkommen blind für ihre eigenen Projektionen. Dieselben faschistoiden Muster, die man bei der damaligen Generation kritisiert, leben viele der selbst ernannten „Nazijäger“ in den Narrativen der zeitgenössischen Massenbildungen, Klima, Corona, Ukraine, hemmungslos aus.

Gänzlich dramatisch wird es jedoch, wenn man darüber hinaus auch vorangegangene oder nachgeborene Generationen für das Grauen der Nazizeit verantwortlich machen will.

Die Argumentation, die Deutschen seien per se ein „Tätervolk“, ist nichts Geringeres als eine rassistische Pauschalisierung.

Diese faschistoide Denkweise treibt die zu Unrecht Beschuldigten in eine Trotzreaktion hinein, die brandgefährlich ist, was Frankl immer wieder betonte — ein Grund, warum er von einigen seiner jüdischen Kollegen angefeindet wurde. Im Jahr 1988 hielt Viktor Frankl die bereits erwähnte historische Rede anlässlich des Gedenkjahres des „Anschlusses“ Österreichs an Nazideutschland. Ich messe dieser Rede zentrale Bedeutung für die deutsche Schulddebatte zu:

„Meine Damen und Herren, ich hoffe auf Ihr Verständnis, wenn ich Sie bitte, zu dieser Stunde des Gedenkens gemeinsam mit mir zu gedenken:

meines Vaters — er ist im Lager Theresienstadt zugrunde gegangen; meines Bruders — er ist im Lager Auschwitz umgekommen; meiner Mutter — sie ist in der Gaskammer von Auschwitz ums Leben gekommen; und meiner ersten Frau — sie hat im Lager Bergen-Belsen ihr Leben lassen müssen. Und doch muss ich Sie darum bitten, von mir kein Wort des Hasses zu erwarten.

Wen sollte ich hassen? Ich kenne ja nur die Opfer, aber nicht die Täter, zumindest kenne ich sie nicht persönlich — und ich lehne es ab, jemanden kollektiv schuldig zu sprechen.

Eine Kollektivschuld gibt es nämlich nicht, und ich sage das nicht erst heute, sondern ich habe das vom ersten Tag an gesagt, an dem ich aus meinem letzten Konzentrationslager befreit wurde — und zu der Zeit hat man sich wahrlich nicht beliebt gemacht, wenn man es gewagt hat, öffentlich gegen die Kollektivschuld Stellung zu nehmen.

Schuld kann jedenfalls nur persönliche Schuld sein — die Schuld an etwas, das ich selbst getan habe — oder vielleicht zu tun unterlassen habe! Aber ich kann nicht schuld sein an etwas, das andere Leute getan haben, und seien es auch die Eltern oder Großeltern. Und den Österreichern, die heute zwischen 0 und 50 Jahre (Rede von 1988) alt sind, in diesem Sinne eine sozusagen ‚rückwirkende Kollektivschuld‘ einzureden, halte ich für ein Verbrechen und für Wahnsinn — oder, um es psychisch zu formulieren, es wäre ein Verbrechen, würde es sich nicht um einen Fall von Wahnsinn handeln. Und um einen Rückfall in die sogenannte Sippenhaftung der Nazis!

Und ich denke, gerade die Opfer ehemaliger kollektiver Verfolgung sollten die ersten sein, die mir da zustimmen.

Es wäre denn, Sie legen Wert darauf, die jungen Leute den alten Nazis oder den Neonazis in die Arme zu treiben! (…)“ (1).

Da Frankl den Mechanismus der Massenbildung verstanden hat, erklärt er gegen Ende seiner Rede, dass „grundsätzlich jede Nation holocaustfähig“ sei. Wer hingegen an per se „böse Völker“ glaube, führe lediglich das Werk der Nazis fort.

Ein wesentlicher Kern deutscher „Wiedergutmacher“-Ideologien, die seitens oligarchischer Netzwerke schamlos ausgenutzt werden, ist aber gerade die prinzipielle Anerkennung von Kollektivschuld über Generationen hinweg. Dieselbe Idee wird auch bezüglich anderer historischer Missetaten verfolgt, in der Regel, um zeitgenössische Generationen hypermoralisch unter Druck zu setzten. In „Vom Verlust der Freiheit“ heißt es:

„Die dem Menschen eingeborene Schuld der ‚Erbsünde‘ findet in ihrer säkularen Variante die Sublimation in den Schuldkulten der Neuzeit. Dies ist der eigentliche Grund, warum das säkulare Europa nach Vergebung und Wiedergutmachung auf politischer Ebene lechzt. Hierbei zelebrieren die Hohepriester der Hypermoral mit demselben religiösen Ernst dieselben Rituale wie klassische Priester. Man kniet nieder, wirft sich zu Boden, zündet Kerzen an, legt Kränze ab und öffnet die Türen für jedermann. In ganz Europa ist es dasselbe: Je leerer die Kirchen werden, desto voller werden die Gedenkstätten für jede noch so erdenkliche Untat der Ahnen, selbst wenn diese Hunderte Jahre zurückliegt. Oder sofern es um die Gegenwart geht, ist die religionslose Gesellschaft vom moralischen Gerechtigkeitswahn beherrscht: Minderheitenschutz, Gender-Mainstreaming, Refugees welcome et cetera sind die Folgen. (…)

Wer hier nicht erkennt, dass es in Wirklichkeit um eine dem Menschen eingeborene, universale Schuld geht, die auf historische Gründe übertragen wird, hat nichts von der menschlichen Psyche verstanden. Trotz der unbedingten Notwendigkeit, den Holocaust niemals zu vergessen, lässt die Vehemenz in der Verteidigung der ultimativen, kollektiven, deutschen Schuld ebenfalls den religiösen Bezug des Themas erahnen. Und wer es wagt, dieses Dogma in seiner Absolutheit zu hinterfragen, setzt sich demselben Zorn aus wie Menschen vor 400 Jahren, die es wagten, die Existenz Gottes anzuzweifeln.“

Die große Bereitschaft der Nachfolgegeneration der Babyboomer, ein toxisches und letztendlich faschistoides Konzept wie die Kollektivschuld-These anzuerkennen, hat in erster Linie tiefenpsychologische Gründe.

Individuell empfundene Schuld und Scham, deren Wurzeln in der persönlichen Biografie begründet sind, werden externalisiert, historisiert und kollektiviert. Angehöriger eines prinzipiell „bösen Volkes“ zu sein schafft Erleichterung in Bezug auf persönlich gefühlte Schuld, deren Ursachen ich weiter oben und in meinen anderen Büchern beschriebe habe. Mehr noch, das ostentative Bekenntnis zur Kollektivschuld, verbunden mit der weithin sichtbaren „Mahnung an alle“, ist Labsal für das verletzte Ego:

„Das transgenerationale Kriegstrauma erzeugt zwei innerpsychische Grundverfassungen:

1. internalisierte Scham- und Schuldgefühle,
2. ein unendlich bedürftiges Ego

Der zwangsläufig ablaufende Selbstheilungsversuch narzisstischer Persönlichkeiten besteht darin, Honig aus dem Defizit zu saugen. Schuldstolz ist das Ergebnis dieses Prozesses. Grundsätzlich muss die narzisstische Persönlichkeit viel Energie aufwenden, um den verleugneten, unbewussten Selbstwertmangel auszugleichen. (…)

Schuld und Scham müssen in einer neuen Legende recycelt und einer neuen Bewertung zugeführt werden. Da die totale Verleugnung internalisierter Scham unmöglich ist, bleibt der Psyche ein anderer, genialer Kunstgriff: Durch Überhöhung und ostentative Anerkennung von Schuld — bei gleichzeitiger Projektion und Kollektivierung — kann das Ego viel Zuspruch für seinen ‚Mut‘ und seine ‚Kraft‘ erwarten, welche die Vergegenwärtigung der großen ‚Verantwortung‘ mit sich bringt, um zukünftige Schuld zu verhindern.

Schuldstolz ist daher Labsal für die toxisch beschämte Seele. Egal zu welchem Thema: Es gibt praktisch keine Rede deutscher Politiker, in der nicht mit sauertöpfischer Miene auf die große Schuld und Verantwortung Deutschlands hingewiesen wird. Wenn Deutschland seine große Schuld bezüglich der Klimakrise nicht annimmt und sofort die Vorreiterrolle in der Klimapolitik übernimmt — wer dann?, sagen Politikerinnen wie Katrin Göring-Eckardt. Meint: Ohne Deutschland würde die Welt untergehen. Zwar macht der deutsche Anteil der CO2-Emissionen lediglich 2 Prozent aus, und Giganten wie Russland, China, USA, Indien und Brasilien denken im Traum nicht daran, es Deutschland gleichzutun — aber egal.

Wer, wenn nicht Deutschland, kann und wird die Welt retten? Das fühlt sich schon mal ziemlich groß(artig) an. Grandiosität und Größe, die das bedürftige narzisstische Ego so dringend braucht, können also über das Anerkennen von Schuld generiert werden“ (2).

Da positive historische Identitätsanker, die jede Nation für ihr Selbstverständnis braucht, seit 1945 verbaut scheinen, bleibt den Deutschen nur die Umwandlung von kollektiver Schuld in „Schuldstolz“, der längst zur neuen deutschen Identität geworden ist:

„Paradoxerweise gelingt Identitätsbildung im Falle Deutschlands nicht durch die Produktion von Stolz auf Errungenschaften, sondern durch die Akzeptanz eigentlich unakzeptierbarer Schande und das Eingeständnis eigentlich uneingestehbarer Schuld. So wird auf nahezu geniale Weise Schande zu Ruhm ‚rezykliert‘. Mit postheroischer Grandeur wird Schuld in Schuldstolz verwandelt. Schuldstolz ist ein moralischer Stolz darauf, die Kraft zu haben, die größtmögliche Schuld zu verinnerlichen und sich mit der Verantwortung dafür zu identifizieren“ (3).

Die unbearbeiteten individualpsychologischen Gründe für Scham- und Schuldgefühle wurden in Deutschland allein schon deshalb kollektiviert, weil schlichtweg zu viele Babyboomer von Transtrauma betroffen waren.

Die emotionale Kälte der Kriegskind-Generation hat massenweise Individuen erzeugt, die das tiefe Gefühl von „Ich bin nicht okay“ internalisiert haben. Die nachfolgenden Infantilisierungen und Selbst-Infragestellungen mündeten in magischem Denken, mit dem man über Ersatzhandlungen Einfluss auf kausal nicht verbundene Ereignisse nehmen will: Die innerfamiliär verursachten Schuld- und Schamgefühle sollen über Wiedergutmachungshandlungen auf politischer Ebene geheilt werden. Das unakzeptable Konzept der Kollektivschuld resoniert also auf besondere Weise mit der innerpsychisch gefühlten Schuld vieler Deutscher. Der österreichische Politikwissenschaftler und Publizist Alexander Meschnig bringt es auf die Formel „Selbstzerstörung als Erlösungsphantasma“:

„Man ist der stolze Vorreiter einer hysterisierten Klimabewegung, ergeht sich in Untergangsszenarien, beschwört Bilder der Apokalypse, hat in einer 16-jährigen Aktivistin eine Heilige gefunden und zerstört um eines Prinzips willen mutwillig die heimischen Industrien, auf denen der Reichtum des Landes beruht.

Man stilisiert sich als moralische Autorität, steht hoch über den Trumps, Putins und Orbans dieser Welt und hat bereits in Gestalt der Partei der Grünen den gender- und diversitysensiblen ‚neuen Menschen‘ institutionalisiert. Man folgt bis hin zur eigenen Selbstzerstörung abstrakten Rechtsprinzipien und gesteht in der Festhaltung an von der Wirklichkeit überholten Asylgesetzen allen Menschen auf der Welt ein prinzipielles Recht auf Partizipation am deutschen Sozialstaat zu. Man sieht überall Rechte oder Nazis und warnt unaufhörlich in aufgeregtem Ton vor Zuständen wie 1933, kategorisiert die gehäuften Gewalttaten der Eingewanderten aber immer noch als vernachlässigbare Einzelfälle“ (4).


Raymond Unger: „Die Heldenreise des Bürgers: Vom Untertan zum Souverän


Quellen und Anmerkungen:

(1) YouTube, Rede Viktor Frankl, Rathausplatz Wien 1988, Gedenkjahr zum „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland , diverse Aufzeichnungen
(2) Raymond Unger: „Vom Verlust der Freiheit“, Europa Verlag 2021
(3) NZZ, „Der Nationalismus des verweigerten Nationalismus — warum es sich gut anfühlt, deutsch zu sein“, Hans-Georg Moeller, 27. August 2019
(4) Achgut.com, „Die deutsche Hysterie“, Alexander Meschnig, 3. März 2019


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