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Staatlicher Paternalismus

Staatlicher Paternalismus

In „Die Erlöser“ kritisiert Andreas Tiedke aus libertärer Perspektive die Untertanenmentalität vieler Bürger und setzt ihr das Konzept der Praxeologie entgegen.

Der Mensch braucht nicht die Politik, sondern die Politik den Menschen. Die Herrscher brauchen Beherrschte, um Herrscher zu bleiben. Propaganda stellt dabei den Schlüssel dar, der den geistigen „Gängelwagen“ der Bürger abschließt. In diesem engen Gefährt haben es sich vor allem die Deutschen gemütlich gemacht. Sie flehen förmlich darum, nicht daraus — und zugleich aus dem, was ihnen als „Zivilgesellschaft“ oder „unsere Demokratie“ verkauft wird — ausgeschlossen zu werden. Damit erklärt sich ein Stück weit auch die generelle mentale Krise des Westens. Dessen Geschichte war von der griechischen Polis der Antike bis zur letzten Jahrtausendwende im Kern die Geschichte des Kampfes um Freiheit gegen die Übergriffe der Amtsinhaber, einhergehend mit Fortschritt und stetig mehr Wohlstand für breitere Bevölkerungsschichten.

Dieser aktive permanente Kampf scheint aufgegeben worden zu sein und wurde durch gefährlich naive Passivität ersetzt. Zu offensichtlich werden die politischen Zumutungen ignoriert oder schulterzuckend hingenommen. Dem stellt Andreas Tiedke in seinem Buch „Die Erlöser. Eine kurze Psychologie der Politik“ das Konzept der Praxeologie des Ökonomen Ludwig von Mises entgegen. Angelehnt an Immanuel Kant muss dabei der „Ausgang aus der Unmündigkeit“ mit Blick auf die eigenen wirtschaftlichen Interessen wieder neu erlernt werden. Ob das ausreicht?

Andreas Tiedke stammt aus dem liberalen beziehungsweise libertären Spektrum. Daher überrascht es wenig, dass sein neuestes Buch in der jungen Edition Sandwirt erschien: „Die Erlöser. Eine kurze Psychologie der Politik“ (28 Euro, 126 Seiten). Bei Inhaber Oliver Gorus wird bekanntlich die freiheitliche Fahne besonders hoch gehängt, auch wenn der alte, vermeintlich gut funktionierende Westen unter Führung der USA mit einer Bundesrepublik der 1980er-Jahre immer noch als ein verklärtes Ideal gilt.

Tatsächlich stand damals das Streben nach persönlicher und damit in erster Linie individueller und finanzieller Freiheit mehr im Fokus, als es heute postuliert wird.

In einem Staatsgebilde, in dem man aus Klimaschutzgründen nicht mehr fliegen darf und kein Fleisch essen soll sowie negatives Wirtschaftswachstum („Degrowth“) als Heilsbringer einer dekadenten Gesellschaft im rasanten Sinkflug gilt, ist die österreichische Schule um Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek den meisten Menschen gänzlich unbekannt.

„Eigennutz“ — praxeologisches Handeln, Kapitel 1 — ist daher unsolidarisch, so wird es von den Herrschenden, die selbst allerdings in Saus und Braus leben, den Untertanen gepredigt (Kapitel 2 bis 4, Die größte Gefahr: Die Psyche; Ungenügen, Schuld und Verdrängung der Gewalt; Angst; Kapitel 10, Indoktrination und Propaganda). Was Herrscher und Untertanen übersehen: Wenn nichts mehr produziert wird, kann auch nichts mehr verteilt werden.Wie kommt man aus dem Dilemma wieder heraus? Mit „Aufklärung und Gegenpropaganda“ (Kapitel 7), postuliert Tiedke.

Auf die Idee sind freilich auch schon andere gekommen, auch wenn Tiedkes Referenzen nicht jedem bekannt sind: Ur-Anarchokapitalist Murray Rothbard empfiehlt beispielsweise, die „Kommunikation (…) der ‚Macht-Elite‘ zu umgehen und unmittelbar (und ungehindert) mit der Masse der Menschen Verbindung aufzunehmen“. Frei nach Hayek soll dazu in Anlehnung an die aktuellen Präsidenten der USA und Argentinien eine große Portion „Populismus“ präsentiert werden, um die eigenen libertären Ideen zu verbreiten.

Wer sich schon länger mit Propaganda und Psychologie beschäftigt, wird hier wenig Neues erfahren. An dieser Stelle sei eher an die auch von Tiedke erwähnten Werke von Raymond Unger und Mattias Desmet verwiesen.

Die Stärke von Tiedkes Buch sind unzweifelhaft die vielen verschiedenen interessanten Verbindungen zur europäischen und US-amerikanischen Kulturgeschichte, Philosophie und Psychologie.

Die finalen Thesen zum Aufklärungswillen von Richard Wagner mit seinem Epos „Ring des Nibelungen“ (1876) und J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ (1955) sind ebenso bedenkenswert: „Die äußere Vernichtung des Rings der Macht ist eine Allegorie zum Denken der Menschen, zu ihren Haltungen zu sich und der Welt.“ Es wird gezeigt, dass die Bejahung von Herrschaft über friedliche Menschen notwendigerweise zu der Tragödie führt, dass die Herrscher wegen des Unterdrückens friedlicher Untertanen stets mit dem Rücken zu Wand stehen, aus Angst vor Machtverlust (Seite 107).

Was etwas nervt, sind die Zusammenfassungen des jeweils vorangegangenen, ohnehin sehr kurzen Kapitels in dem darauffolgenden Abschnitt; vermutlich folgt Tiedke damit dem allgemeinen Trend der kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspanne. Für Schüler mag das okay sein, aber nicht, wenn man Menschen erreichen will, die bereits ein paar „rote Pillen“ konsumiert haben.


Hier können Sie das Buch bestellen:Die Erlöser: Eine kurze Psychologie der Politik


Redaktionelle Anmerkung: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel „Politik als Erlösung?“ auf dem Blog „Im Osten. Perspektiven wider den Zeitgeist“.


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