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Ursprung der Schrift

Ursprung der Schrift

Eine italienische Kulturwissenschaftlerin entführt uns in die Entstehungszeit der ersten Zeichen und Symbole.

Silvia Ferrara legt den Schwerpunkt ihrer Betrachtungen in das durch die schöpferischen Akte ausgedrückte Kommunikationsgeschehen und durchschreitet dabei die Zeitstufen vom Paläolithikum (Altsteinzeit/etwa von vor 2,5 Millionen Jahren bis vor 12.000 Jahren) über das Neolithikum (Neusteinzeit/etwa vor 11.500 Jahren bis vor 5.500 Jahren) bis zur Bronzezeit (je nach geographischer Lage: in Mitteleuropa etwa vor 5.500 bis 2.800 Jahren).

Die Autorin folgt in ihrem Buch jedoch weder der chronologischen Abfolge noch einer geographischen Ordnung, sondern sie springt von französischen Kalksteinhöhlen und den dort entdeckten Felszeichnungen in die saharische Wüste — von Felsgravuren im Niger führt der Weg nach Ägypten in die „Höhle der Schwimmer“, bekannt aus dem Film „Der englische Patient“.

In der Schwarzen Wüste Jordaniens bestaunt man neben Flugdrachen aus neolithischer Zeit auch riesige, nur von oben aus großer Entfernung auszumachende, exakt in den Boden gearbeitete Speichenräder, die 8.500 Jahre alt sind. Und über prähistorische Fundorte in Asien, Amerika und Australien finden wir uns zuletzt in prähistorischen Stätten Europas wieder.

Abstraktion und Information: Zeichen und Bilder

Die Menschheit hat laut Ferrara in vorgeschichtlichen Zeiten eine Idee, das Bild, die Abstraktion von etwas seh- und damit erfahrbar gemacht. Mit diesem Anfang der Vermittlung von Information, die in Zeichen und Bildern noch dem heutigen Menschen Erkenntnis über die Welt in prähistorischen Zeiten ermöglicht — beispielsweise über das Aussehen ausgestorbener Urrinder oder Pferdearten — habe die Menschheit zum großen Sprung, sich schriftlich auszudrücken, angesetzt. Ferrara schreibt: „Unser roter Faden sind die spärlichen Reste, die Handabdrücke, die Tierzeichnungen, die Graffiti auf Fels, die Kreise, Linien, Punkte und die Gestalten von Männern, Frauen, Kindern und Tieren sowie die Abbildungen der Mischwesen aus allem, hineinkatapultiert in die physische Welt durch die Kraft einer Idee, durch das Trampolin der Fantasie.“ All dies drücke aus: „Ich bin hier.“

Nur zu gerne lässt man sich von Silvia Ferrara in die Welt der prähistorischen Bilder und Zeichen entführen, zunächst in die in Frankreich entdeckten Höhlen wie jene von Lascaux mit Zeichnungen und Symbolen, die in der Zeit zwischen 36.000 und 19.000 v.Chr. entstanden zu sein scheinen. Liebevoll werden Details beschrieben und anhand von Fototafeln vorgestellt, die der ungeübte Betrachter kaum selbst entdeckt hätte, wobei sich die Faszination unmittelbar auf den Leser überträgt. So finden sich in den französischen Höhlen Versuche, bei der Abbildung von Nashörnern und Löwen durch Übermalen und Mehrfachzeichnen bewegte Bilder entstehen zu lassen, die zusätzliche „Perspektive, Flucht und räumliche Tiefe“ durch das Lichtspiel lodernder Fackeln erhalten haben.

Weiter geht es zu amerikanischen Gewässern, auch solchen, die schon längst ausgetrocknet sind, wie der Winnemucca Lake im US-Bundesstaat Nevada. Dort finden sich die ältesten Felszeichnungen Nordamerikas, die mindestens 10.500 Jahre alt sind, was wohl bedeutet, dass die Menschen der indigenen Bevölkerung Amerikas bereits mit „mit abstrakten Formen experimentierten, mit Geometrien, und zwar im großen Stil“. Der Homo sapiens soll in Amerika erst vor etwa 35.000 Jahren eingetroffen sein — oder vielleicht doch schon vor 40.000 Jahren über die Beringstraße? Ferrara folgert:

„In unserer kulturellen Entwicklung gibt es keinen Determinismus und keine lineare Progression. Es gibt keine höhere oder niederere Kultur, keine Vorhut und keine Nachzügler. Es gibt nur verschiedene Kontexte, Präferenzen, Traditionen und Symbole, die ihre besondere Bedeutung haben und in der Entwicklung ihrer eigenen Bahn folgen, von äußeren Bedingungen begünstigt oder auch nicht.“

Malereien, Gravuren und Bauwerke

Zurück in Europa wird Ferrara insbesondere im italienischen Apulien und dessen Kalksteinhöhlen fündig, wo in einer einzigen Höhle über 3.000 neolithische Zeichen zu bestaunen sind, abstrakte Zeichen und Jagdszenen, gezeichnet mit Fledermausguano.

Und natürlich dürfen auch hier Handabdrücke nicht fehlen, wie wir sie schon aus den französischen Höhlen kennen. Wie spannend ist es, in den unterschiedlichen Weltregionen und aus verschiedenen Zeiten immer wieder die Abdrücke von Händen, Fingern und Füßen zu finden, ausgeführt mit Ockerpigmenten oder anderen Techniken, und daraus vorsichtig zu schlussfolgern, es könnte sich um eine Frühform des Ausdrucks von Zahlen handeln, um „die tatsächlichen Anfänge, die Versuche und Irrtümer, das große Labor zur Schöpfung schriftlicher Texte“.

Faszinierend ist der Besuch im türkischen Göbekli Tepe, dem ältesten Tempel der Welt, einer monolithischen Kreisanlage aus zweihundert Stelen, geschmückt mit Zeichen, Drachen- und anderen Tierabbildungen, die durchweg aggressiv und gefährlich auf den Betrachter wirken. Nach der Entdeckung von Göbekli Tepe musste die Geschichte umgeschrieben werden, denn die Anlage ist gesichert vor 10.000 Jahren entstanden.

Es heißt, zur damaligen Zeit seien die Menschen noch nicht sesshaft gewesen. An dieser Stelle möchte ich als Leser den Einwand wagen, ob die Errichtung solcher riesigen Kultstätten durch Nomaden wirklich plausibel ist.
Als Nächstes lernen wir, dass die ältesten Pyramiden der Welt nicht in Ägypten, sondern im Iran stehen. Sie tragen den Namen Zikkurats und stammen aus der Neusteinzeit, sind also etwa 9.000 Jahre alt. Leider sind deren Überreste nur spärlich.

Im Mittelmeer besuchen wir die zwischen Europa und Afrika gelegenen Inseln Malta und Gozo, wo sich neolithische unterirdische Anlagen sowie die archäologischen Stätten von Hagar Qim und Mnajdra finden, errichtet aus riesigen Kalksteinplatten, der Legende nach von Riesen. Es sind die Fundorte vieler weiblicher Statuetten mit weitausladenden Hüften. Leider erwähnt die Autorin nicht die punischen Gräber in unmittelbarer Nähe sowie die unheilvolle Rolle des Papsttums, das alles daransetzte, Überlieferungen dieser Kulturen auszulöschen.

Ferrara schreibt auch nicht über die prähistorischen Bauten auf Sardinien oder in Kalabrien, wo im Wald bei Nardodipace prähistorische Steinbauten von Wald überwuchert sind, und die als das italienische „Machu Picchu“ betitelt werden. Und nicht nur auf Malta, sondern auch auf Sardinien und in Kalabrien erzählen Sagen von Riesinnen und Riesen, die in Kalabrien als giganti noch immer im Brauchtum fortleben.

Dagegen ist es Silvia Ferrara hoch anzurechnen, dass sie jeder religiösen oder mystischen Interpretation der prähistorischen Hinterlassenschaften mit großer Skepsis begegnet, ebenso wie Schamanen- oder Astronauten-Theorien. Ihre Skepsis ist hergeleitet aus der Einsicht, dass wir es einfach nicht wissen können, was damals wirklich in den Höhlen und an den versteckten Orten und aus welchen Gründen auch immer vor sich ging.

Interpretationen sind subjektiv und entspringen dem herrschenden Zeitgeist. Aus den gleichen Gründen weigert Ferrara sich, die Erscheinungsformen früher menschlicher Schöpfungen unter den Begriffen „Kultur“ oder „Kunst“ einzuordnen. Trotzdem oder gerade deswegen nähert sich Ferrara mit Respekt, umfassender Achtung und größtmöglichem Einfühlungsvermögen den Zeugnissen frühmenschlicher „Abstraktionen, Schöpfung eines reduzierten Abbilds vom vollständigen Objekt“, mit dem „Symbole in die Welt gesetzt“ werden.

Oft sind Darstellungen zeitlich nicht genau oder nur hypothetisch einzuordnen. Und eine Neudatierung durch bessere wissenschaftliche Methoden hat schon ganze Theoriegebäude zum Einsturz gebracht, beispielsweise durch das Auffinden bereits während der Eiszeit geschaffener Bilder in französischen Höhlen. Oder wie in Australien die Funde menschengemachter Farbpigmente zum Malen von Bildern, welche die von Paläoanthropologen aufgestellten Zeittafeln ins Wanken bringen.

Von den Zeichen zur Schrift

Gut verständlich beschreibt die Autorin den kognitiven Erkennungsprozess, über die der Mensch mit dem gesamten Körper die Umwelt wahrnimmt und innerlich widerspiegelt. Laut der Neurophysiologie sind für den Verarbeitungsprozess von Wahrnehmungen Umrisse und Kanten, insbesondere aber auch horizontale und vertikale Linien grundlegend. Dies steht in Übereinstimmung mit archäologischen Funden, die eingeritzte geometrische Muster aufweisen und rund 60.000 Jahre alt sind. Fast 100.000 Jahre alt sind Funde mit Gittern und einfachen Zeichen, die in Südafrika entdeckt wurden.

„Die geometrischen Formen und die Konturen der Zeichnungen — von Tieren und allem Übrigen sowie der ‚primitiven‘ Formen, die wir anderswo in anderen Regionen der Welt aus nachfolgenden Perioden vorfinden — bilden aller Wahrscheinlichkeit nach das Substrat, aus dem sich die Buchstaben, die Zeichen und damit auch die Schrift entwickelt haben, in einer für uns nicht nachvollziehbaren kontinuierlichen Entwicklung, die nicht durch direkte Weitergabe, sondern durch einen kognitiven Antrieb erfolgt ist.“

Schöpferisch tätig, das „sind immer noch wir Menschen, in früherer wie späterer Zeit. Je mehr wir uns verändern, desto mehr bleiben wir uns gleich: Gehirn, Bilder, Zeichen“. Zeichen, die auch schon die Natur kennt, so in Form von dunklen Wolken, die für Regen stehen, vom Fußabdruck, der für einen Fuß steht. Dabei ist es dem Menschen vorbehalten, sich Dinge auszudenken, die es nicht gibt, „die Irrealität zu denken“, wie sich schon in prähistorischen Darstellungen von Fabelwesen zeigt.

Ferrara schreibt, dass zu diesem Sprung vom Zeichen zur Schrift nicht erst der Homo sapiens, sondern schon der bald darauf ausgestorbene Neandertaler ansetzte, wie systematisch gesetzte, idiomorphe Zeichen in der spanischen Höhle La Pasiega aus der Zeit von vor 64.000 Jahren (Uran-Thorium-Datierung) belegen, als der Homo sapiens in Europa noch gar nicht eingewandert war. Der Anfang der Kommunikation mittels Symbole? Dies leitet weiter zu der Vermutung, dass die Schrift nicht nur aus Zeichnungen hervorgegangen ist, sondern auch aus geometrischen und linearen Zeichen, gefunden in China, Mesopotamien, Ägypten, Mittelamerika, auf Kreta, den Osterinseln, im Industal und an anderen Orten.

An dieser Stelle möchte ich auf den ersten Buchstaben des arabischen Alphabets, Alif, hinweisen, der aus einem senkrechten Strich besteht, aus dem phönizischen (punischen) Alphabet abgeleitet ist und dem der Zahlenwert eins zugerechnet wird.

Seit der Zeit vor etwa 40.000 Jahren finden sich laut Ferrara abstrakte und geometrische Zeichen, genannt „idiomorphe Zeichen“, in Höhlen auf der ganzen Welt, so beispielsweise sechshundert an der Zahl in der Höhle von Pech Merle (Frankreich). Zu diesen Codes zählen Pünktchen, Kreise, Ovale, Kreuzschraffuren, Spiralen, dachförmige, federförmige, schlangenförmige und klumpenförmige Zeichen.

Es sei mir der Hinweis erlaubt, dass bei einem — zugegeben weit hergeholten Vergleich – der auf einer Tafel dargestellten prähistorischen Zeichen und den auf einer anderen Tafel dargestellten Bakterienarten verblüffende Ähnlichkeiten zu Tage treten. Könnte es sich bei diesen Symbolen um die den Menschen immanent eingeschriebenen Grundformen des Lebens handeln? Findet sich hier die von Ferrara so benannte „DNA der Schrift“?

Hinter allem steht die Frage, wie entwickelten sich beim Menschen Denken, Sprache und Schrift und wie bedingten sie einander? Sprache als Symbolisierung, Wörter als „symbolhafte Stellvertreter“, als Namen von Dingen, kompositorisch als Architektur der Sprache, ihre Syntax, angelegt, damit „Sinn, Ordnung, Hierarchie und Zeit“ ausgedrückt werden können. Die Protosprache des Homo erectus vor etwa 300.000 Jahren war wahrscheinlich der erste Schritt. Schrift wiederum zeichnet die Laute einer Sprache auf.

Zeichnungen, die einen Löwen darstellen, können auch als Symbol für Mut gelesen werden. Um diesen Interpretationsschritt vollziehen zu dürfen, müssten wir viel mehr wissen aus den versunkenen Zeiten. Und müssen mit Silvia Ferrara bekennen: Viele Zeichen der Vergangenheit verstehen wir nicht und werden wir wohl niemals verstehen.

Ich selbst durfte die überaus beglückende Erfahrung machen, sowohl in der libyschen, nigrischen und algerischen Sahara Felszeichnungen und Ritzungen ebenso wie die prähistorischen Bauten und Figurinen auf Malta und an anderen Orten besucht zu haben. Beim Betreten all dieser Orte kann ich mich nur der Autorin anschließen, die von einer „mit Händen zu greifender Empfindung“ spricht, in dem Wissen, „dass hier schon andere hineingegangen sind und dass Jahrtausende zwischen uns liegen“.

Das Empfinden des direkten Kontakts mit Menschen weit vor unserer Zeit.



Hier können Sie das Buch bestellen:Der Sprung. Eine Reise zu den Anfängen des Denkens in der Steinzeit


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„Der erste Buchstabe Alif“: Skulptur 2017, Kalligraphie von Shahid Alam


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Tafel: Geometrische und schematische Zeichen, erfasst von Genevieve von Petzinger in Tafel: Formen einzelliger Bakterien

paläontologischen Höhlen auf der ganzen Welt (aus: „Bakterien“, Georg Schön) (aus: „Der Sprung“, Silvia Ferrara)

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Tafel: Formen einzelliger Bakterien paläontologischen Höhlen auf der ganzen Welt (aus: „Bakterien“, Georg Schön)


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Malta, Hagar Qim (Foto: A. Gutsche)


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Libyen, Akakus-Gebirge, Felszeichnung Gazellenjagd (A. Gutsche)



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