Auf dem Weg zu einer Lesung halten wir in Hannover. Die Wohnung meiner Schwiegereltern wurde nach ihrem Umzug ins Heim vor Jahren an ein junges Paar vermietet. Seit einem Jahr keine Miete, keine Reaktion auf Schreiben oder Anrufe. Nun steht eine Räumungsklage im Raum. Der Mieter sitzt in einer italienischen Haftanstalt.
Wir gehen durch das vertraute Treppenhaus — nicht mehr als Familie, sondern als Vermieter in das Zuhause einer dysfunktionalen Familie. Die Frau öffnet. Im Wohnzimmer läuft der Fernseher. Flackernde Bilder, Stimmen ohne Bezug. Auf einer Krabbeldecke versucht ein einjähriger Junge, sich am Tisch hochzuziehen.
„Luigi“, sagt seine Mutter. Seine Augen wirken wach. Sein Körper angespannt.
Diese Szene erinnert mich vor allem wegen des laufenden Fernsehers an Einsätze in meinem alten Leben als Polizeibeamtin. 1994 begann meine Ausbildung. Ich sicherte und ermittelte an Tatorten, las Spuren. Doch ich nahm oft andere Spuren wahr als die, nach denen ich offiziell suchen sollte: Blicke, Loyalitäten, Suchtmuster. Das Schweigen zwischen den Beteiligten. In Vernehmungen stellte ich immer wieder ähnliche Fragen. Und irgendwann war da dieser rote Faden: „Kennen Sie das von zu Hause?“
Nicht selten zeigte sich, dass Gewalt keine isolierte Tat war, sondern Wiederholung. Transgenerationale Muster — lange bevor dieses Wort öffentlich verbreitet war.
1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe strafbar. 2002 trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft. Ich war da längst im Streifendienst. Und trotzdem stellte ich mir immer wieder dieselbe Frage: Warum geht sie zurück? Jetzt, wo sie nicht mehr nur die Wahl aufs Frauenhaus hat, sondern rechtlich andere Schutzräume gewährt bekommt. Später verstand ich mehr von Bindung, Trauma, emotionaler und finanzieller Abhängigkeit. Heute arbeite ich traumasensibel in meiner Praxis, zusammen mit meinem Mann und im Schwerpunkt mit Paaren. Aber der Blick von damals ist geblieben. Vielleicht ist er nur präziser geworden.
Zurück ins Wohnzimmer.
Ich bitte die Mutter, den Fernseher auszuschalten. Sie erzählt stockend. Von Überforderung. Von finanziellen Engpässen. Von ihrem Mann. Von Scham. Die Briefe habe sie nicht geöffnet. Sie habe es ihren Eltern nicht sagen können.
Scham ist nicht nur ein Gefühl. Sie ist ein Machtinstrument. Sie bindet Menschen an Situationen, die sie innerlich längst überfordern. Sie sorgt dafür, dass Briefe ungeöffnet bleiben. Dass Hilfe nicht eingefordert wird. Dass Loyalität stärker wirkt als Selbstschutz.
Luigi hängt inzwischen auf ihrem Arm. Regungslos. Kein Strampeln, kein Suchen nach Blickkontakt. In der traumasensiblen Arbeit nennt man diesen Zustand Erstarren — ein früher Überlebensmodus, wenn Sicherheit unsicher wird.
Wer gibt hier wem Halt? Der Vater jedenfalls nicht. Er sitzt im Gefängnis. Offensichtlich selbst haltlos — sonst wäre er nicht dort gelandet.
Ich frage nach. Die alte Ermittlerin in mir kann es nicht lassen. Ich hatte von Betrug gehört, von großspurigen Erzählungen über Häuserkäufe in Sizilien und einem Onkel mit mafiösem Einfluss. Dann fällt der Satz, der alles verschiebt: Er sitze wegen sexueller Gewalt. Mehrere Jahre habe er eine Cousine missbraucht. Sie sagt es leise. Und sie errötet — als läge die Schande in ihr.
Wer wegen sexueller Gewalt tatsächlich eine Haftstrafe verbüßt, gehört zu einer Minderheit. Die meisten Taten bleiben im Dunkelfeld. Viele werden nicht angezeigt. Viele Verfahren enden auf Bewährung oder Geldstrafe. Wenn sie überhaupt angezeigt werden. Dass dieser Mann verurteilt wurde, bedeutet: Die Gewalt war erheblich.
Und doch verändert eine Haftstrafe allein kein Machtverständnis. Veränderung beginnt dort, wo ein Mensch aufhört zu leugnen. Wo er sagt: Ja, ich habe das getan. Wo er Verantwortung übernimmt, um Entschuldigung bittet und sich der Wiedergutmachung stellt.
Täterarbeit für Sexualstraftäter war schon in meiner Zeit als Präventionerin bei der Polizei Thema, aber es gab zu wenige Angebote für zu viele Täter. In meiner späteren Arbeit erlebte ich oft: Betroffene wollen nicht in erster Linie Rache. Sie wollen, dass die Tat aufhört. Sie wollen Anerkennung des Geschehenen. Sie wollen Sicherheit, dass es sich nicht wiederholt. Ohne diese innere Bewegung bleibt Strafe äußerlich. Solange Täter sich selbst und anderen eine Lügenwelt vorgaukeln, wirkt die Tat weiter — in Scham, in Loyalität, in den Körpern der Kinder.
Und so hängt hier ein einjähriger Junge in den Armen einer Frau, die innerlich noch gebunden ist an einen Mann hinter Gittern, der vielleicht noch immer nicht wirklich hinsieht.
Geschlecht ist mehr als Biologie. Es ist ein Geflecht aus Rollenbildern, Erwartungen und Machtvorstellungen.
Macht ist mehr als Hierarchie. Sie zeigt sich darin, wer sich schämt und wer nicht. Wer den Mut hat, die eigene Ohnmacht wirklich zu fühlen, entwickelt ein anderes Bewusstsein zu seiner Macht. Eine gesunde Macht, die nicht demütigen muss. Eine Macht, der es nicht ums Herrschen geht.
Ich habe viele Jahre bei One Billion Rising mitgetanzt, Flashmobs selbst in unserer Nachbarstadt organisiert und kreative Performances initiiert, zuletzt 2020 mit 300 Menschen in einer poetischen Demonstration. Wir tanzten gegen Gewalt an Frauen und Mädchen. Doch irgendwann wurde mir klar: Protest ist wichtig. Aber er greift erst, wenn Gewalt sichtbar geworden und in der eigenen Biografie anerkannt ist, nicht mehr geleugnet, weder aus Täter- noch aus Opferperspektive.
Die eigentliche Arbeit beginnt früher. Sie beginnt in Familien. In Bindung. In der Art, wie Jungen Männlichkeit erleben.
Was wird aus einem Jungen, dessen erster männlicher Bezugspunkt ein wegen sexueller Gewalt verurteilter Vater ist? Dessen Vater im ersten Lebensjahr nicht spürbar für ihn da ist und doch allgegenwärtig durch sein Tun und Unterlassen die Gefühle der Mutter beeinflusst? Was wird aus einem Kind, das im Bauch einer Mutter heranwächst, die gerade verlassen wurde und mit existenziellen Ängsten und Scham kämpft? Nichts ist zwangsläufig. Doch frühe Spuren wirken.
Wenn Dominanz, Leugnen und Geheimhaltung Teil eines männlichen Rollenbildes bleiben, reproduziert sich ein System. Nicht automatisch — aber wahrscheinlich.
Die Machtfrage unserer Zeit lautet deshalb nicht nur: Wie bestrafen wir Täter? Sondern: Welche Bedingungen bringen sie hervor? Und wo unterbrechen wir die Weitergabe?
Als wir die Wohnung verließen, war nichts gelöst. Aber eine erste Klärung hatte stattgefunden, eine Brücke über dem Sumpf der Scham war zumindest betreten. Die Zwangsräumung konnte abgewiesen werden. Zwei Monate später stand die Wohnung leer. Vermüllt. Keine Reaktion mehr auf Anrufe. Trotz Versprechen, sich zu kümmern. Auch das ist eine Spur.
Worte ohne Handlung.
Reue ohne Konsequenz.
Versprechen ohne Veränderung.
Ein kleiner Junge.
Eine beschämte Mutter.
Ein abwesender Vater.
Und die offene Frage, ob wir bereit sind, Macht neu zu denken — nicht erst auf der Straße, sondern im Wohnzimmer. Zu Hause. Dort, wo uns die erste Prägung von Mann- und Frausein als Kind vorgelebt wird. Nicht erst im Gerichtssaal, sondern in der Bereitschaft, die eigenen Spuren zu lesen. In uns selbst.
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