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Verschickt

Verschickt

Das Geschäft mit den Kindern in der Nachkriegszeit erfährt eine späte Aufarbeitung.

Sechs Wochen. Eine Ewigkeit für ein sechsjähriges Kind. Wie viele andere Kinder in der Nachkriegszeit wurde ich Anfang der 1970er-Jahre in ein Kinderheim nach Niendorf an der Ostsee verschickt. Kurz vor Ostern. Zur Kräftigung. Das Klima würde mir guttun. Ich habe keine Erinnerung daran, ein besonders kränkliches Kind gewesen zu sein. Doch ich erinnere mich an das volle Zugabteil mit den anderen Kindern, die ebenfalls zur Stärkung verschickt wurden.

Zwischen acht und zwölf Millionen Kinder wurden seit 1945 aus vorgeblich gesundheitlichen Gründen zur Erholung in sich in ganz Deutschland befindende Heime gebracht (1). Häufig waren sie systematischer psychischer und körperlicher Misshandlung ausgesetzt. Ich erinnere mich nicht daran, geschlagen oder wie viele andere dazu gezwungen worden zu sein, mein eigenes Erbrochenes zu essen. Nur eine Ahnung bleibt in mir zurück, dass es so etwas gegeben hat.

Ich erinnere mich vage an die Angst, nachts auf die Toilette zu müssen. In den kasernenartigen Schlafsälen wurden viele derer, die man daran hinderte, aufzustehen, zu Bettnässern. Die Wäsche durfte nicht gewechselt werden und wurde am nächsten Morgen vor allen anderen zur Schau gestellt. Einmal, daran erinnere ich mich, lachte der ganze Schlafsaal, als ich beim Daumenlutschen erwischt wurde.

Meine Eltern durfte ich in der ganzen Zeit nicht sehen. Das gefährde den Kurerfolg. Telefonieren war ebenfalls nicht erlaubt. Wer sich nicht daran hielt, riskierte, die Kurkosten selbst tragen zu müssen. Spiele gab es wenige. Die Päckchen, die von zu Hause kamen, mussten mit allen geteilt werden. Mitteilen konnte ich meinen Eltern das nicht. Ich konnte kaum schreiben, und die Post wurde kontrolliert und entsprechend zensiert.

Zweifelhaftes Geschäft

Bis in die 1980er-Jahre wurden auf diese Weise Kinder verschickt, um sie „wieder aufzupäppeln“. Krankenkassen, Rentenversicherungen, Jugend- und Gesundheitsämter initiierten die Kuren, die von der Caritas, der Diakonie, dem Roten Kreuz oder den Städten betrieben wurden. Ärzte bekamen eine Sondervergütung, wenn sie eine Kur verschrieben. So wurden die Pflegeplätze, die durch den Rückgang von Polio und Tuberkulose frei geworden waren, neu besetzt und die Heime das ganze Jahr über ausgelastet.

Für viele ein lukratives Geschäft, dessen Leidtragende die Kinder waren. Auch gesunden Kindern wurden ärztliche Diagnosen aufgepfropft. Um verschickt zu werden, musste man oft einfach nur blass sein. Das reichte, um zwischen sechs und zwölf Wochen lang von medizinisch und psychologisch kaum geschulten Pflegern betreut zu werden.

Viele der Kinder haben diese Kur als die schlimmste Zeit ihrer Kindheit in Erinnerung. Harte Strafen, Bloßstellungen, sexueller Missbrauch, Medikamentenversuche und eine ständige Überwachung und Kontrolle haben bei vielen zu Verlustängsten geführt, Schlafstörungen und Angstzuständen. Viele haben das Vertrauen in die Eltern verloren (2).

Heilung durch Anerkennung

Bindung gehört zu unseren grundlegendsten Bedürfnissen. Wir alle brauchen Menschen, bei denen wir uns sicher und geborgen fühlen, bei denen wir Halt und Trost finden. Die verschickten Kinder konnten das nicht. In der Zeit, in der sie von ihren Eltern getrennt waren, haben sie gelernt, dass Protest sinnlos ist. Sie haben erfahren, dass sie keine Chance haben, wenn sie sich nicht fügen. Wie auch immer die Kur verlief — Ohnmacht war das Gefühl, das für alle zurückblieb (3).

Nachdem ehemalige Verschickte einen Verein gründeten, um Aufmerksamkeit für das Thema zu bekommen, wird das Thema seit 2020 auf staatlicher Ebene juristisch aufgearbeitet (4). Betroffene stehen nicht weiter alleine da. Es wird klar: Missbrauch betrifft uns alle.

Stellen wir uns heute die Frage, wo Missbrauch und Gewalt beginnen. Schläge sind nur die Spitze des Eisbergs. Tiefer noch als körperliche Züchtigung wirken die Programme der seelischen Verletzungen, die Demütigungen, Erniedrigungen und mangelnde Wertschätzung. Schlimmer noch als physischer Schmerz ist das Gefühl, nicht richtig zu sein und nicht willkommen in dieser Welt.

Tiefe Wunden

Es ist Gewalt, Kinder als Untergebene zu betrachten. Es ist Gewalt, sie aus ihrem Lebenszusammenhang herauszureißen und in eine fremde Umgebung zu schicken. Es ist Gewalt, sie in Räume zu zwingen, in denen sie nicht sein wollen, und in Rhythmen, die ihnen nicht entsprechen. Es ist Gewalt, ihnen Gerichte aufzutischen, vor denen sie sich ekeln, und sie mit Informationen vollzustopfen, die sie nicht wollen.

Es ist Gewalt, die Bedürfnisse des Kindes nicht wahrzunehmen und ihm die Aufmerksamkeit zu verwehren. Es ist Gewalt, einem Menschen nicht zuzuhören und mit Verachtung und Kälte zu strafen. Es ist Gewalt, Kinder so zu instrumentalisieren, dass sie die Interessen und Bedürfnisse anderer bedienen.

Kinder sind nicht dazu da, so zu werden, wie ihre Eltern es wollen. Jeder hat ein Anrecht darauf, der zu sein, der er ist.

Es ist Gewalt, bei familiären Schwierigkeiten abwesend zu sein und sich in gesellschaftliche Aufgaben zu flüchten. Es ist Gewalt, so zu tun, als sei nichts, und das unter den Teppich zu kehren, was einem nicht passt. Es ist Gewalt, die Dinge zu verdrehen. Es ist Gewalt, andere zu verurteilen und sich selbst nicht infrage zu stellen. Es ist Gewalt, nur die eigene Meinung gelten zu lassen. Es ist Gewalt, die eigene Opferrolle zu pflegen und andere als Täter zu stigmatisieren. Es ist Gewalt, einen Menschen aus der Gemeinschaft auszuschließen.

Wir haben ein Problem

Menschen brauchen keine Gewalt. Wer behauptet, ein paar Schläge hätten noch niemandem geschadet, hat sich ein so dickes Fell zugelegt, dass er nichts mehr spürt. Sein Herz ist verhärtet und kann sich für nichts anderes mehr erwärmen als für das, was das eigene Überleben sichert. Viele sind davon betroffen. Daran, wie viele Menschen in den vergangenen Jahren weggeschaut haben, als die Kinder eingesperrt, isoliert und zwangsbehandelt wurden, erkennen wir die Verhärtung einer ganzen Gesellschaft.

So haben wir es heute in aller Deutlichkeit vor Augen: Uns allen wurde Gewalt angetan. Wir alle sind mehr oder weniger stark traumatisiert. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: In dem Moment, in dem wir das Problem erkennen, kann es gelöst werden.

Das Schlimmste, was wir uns und anderen antun können, ist, die eigenen Verletzungen nicht wahrhaben zu wollen und es „normal“ zu finden, dass Mensch und Tier so unendlich viel Leid angetan wird.

Wie verzerrt unsere Wahrnehmung ist, sehen wir an der Bereitschaft, uns mit denen besonders verständnisvoll zu zeigen, die weit weg sind, und die zu ignorieren, die sich in unserer Nähe befinden. Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Doch wir haben etwas damit zu tun. Wer eine Familie gründet, ohne sich mit den eigenen Verletzungen auseinandergesetzt zu haben, der legt seinen Kindern das Unverarbeitete mit in die Wiege. Was eine Generation nicht löst, so wusste C. G. Jung, widerfährt der anderen als Schicksal. Traumata, das wissen wir heute, reisen von Generation zu Generation. Erst wenn sie ans Licht kommen, können sie aufgelöst werden. Nur was wir anerkennen, kann Heilung erfahren.

Volkskrankheit Normopathie

Was im Unbewussten wirkt, steuert unser Verhalten, ohne dass wir es merken. Wir sehen einfach nicht, was wir anrichten. Nicht erkannte Probleme sind, so der Psychiater Hans Joachim Maaz, die psychodynamische Grundlage für jede Form von Extremismus (5). Sie wird dann möglich, wenn die Mehrheit einer Gesellschaft selbstentfremdet ist. Wir trauen unserer eigenen Wahrnehmung nicht und tun, was alle tun, nur weil man es ihnen sagt.

Ein Kind tut alles, um seinen Eltern zu gefallen. Aufmerksamkeitsentzug, Zurückweisung, Bestrafung, Demütigung, Verrat — was auch immer die Eltern ihrem Kind entgegenbringen: Es wird denken, es liegt an ihm, und entsprechend versuchen, geliebt und bestätigt zu werden. Um jeden Preis. Denn von der Anerkennung der anderen hängt das Überleben des Kindes ab.

Ausgrenzung, Diffamierung und Verhöhnung sind für einen Menschen das Schlimmste, was man ihm antun kann. Um das zu verhindern, tun wir auch als Erwachsene, was man uns sagt. Selbst vor Verbrechen schrecken die meisten nicht zurück. Das haben wir in den totalitären Systemen des vergangenen Jahrhunderts gesehen. Wir gehorchen, um dazuzugehören. Keine Widerworte. An der Tatsache, dass alle es machen, meinen wir zu erkennen, dass es in Ordnung ist. Würden sie es sonst tun?

Ganz so, wie wir es in der Kindheit gelernt haben, werden die eigenen Gefühle und Wahrnehmungen verdrängt. Der hierdurch entstehende Gefühlsstau, so Maaz, macht schließlich entweder krank oder böse. Wir suchen uns Feindbilder, an denen wir uns abreagieren können: Russen, Terrorristen, Ungeimpfte, Klimaskeptiker, Verschwörungstheoretiker, unwoke Menschen, schwarze Schafe. Wer gestern noch gefeiert wurde, kann heute schon in Ungnade fallen und neues Futter für eine stets hungrige Meute werden.

Vergoldet

Um von der Normopathie zu heilen, der Krankheit der Anpassung, Folgsamkeit und Kritiklosigkeit, führt kein Weg daran vorbei, uns mit dem Verletzten und Abgespaltenen in uns auseinanderzusetzen, um es erneut zu integrieren. Wenn aus traumatisierten, entwurzelten und orientierungslosen Kindern verantwortungs- und selbstbewusste Erwachsene werden sollen, müssen wir ran an den alten Speck.

Gehen wir noch einmal, wie es der Verein der Verschickungsheime anbietet, durch die alten Flure und Säle hindurch. Schauen wir uns um. Fühlen wir. Betrauern wir, was wir als Kinder erlitten haben. Doch tun wir es nicht alleine. Lassen wir uns begleiten. Gemeinsam lassen wir unsere Wut zu, unsere Tränen, unsere Angst. Und dann verlassen wir diesen Raum.

So gelangen wir in einen neuen Raum. Hier sind wir nicht mehr in Gefahr. Wohlwollende Arme und offene Herzen empfangen uns. Hier hört man uns zu. Hier lässt man uns nicht allein. Keinen Verrat gibt es hier, keine Zurückweisung, keine Verhöhnung, keine Ausgrenzung, keine Gewalt. Wir sind bei uns angekommen, bei dem Menschen, der wir sind und der uns bedingungslos liebt.

So werden wir erwachsen. Mutter und Vater haben getan, was sie konnten. An uns ist es nun, das Begonnene weiterzuführen. Jetzt haben wir die Möglichkeit, uns selbst eine gute Mutter und ein guter Vater zu sein. Als Erwachsene holen wir das Abgespaltene zurück und integrieren es in unser Leben. Es gehört dazu. Es gehört zu uns und macht die aus, die wir geworden sind: gereifte Menschen, die an ihren Wunden nicht zerbrochen sind, sondern gewachsen.

Wir sind noch da. Es ist überstanden. Vergessen wir nicht, was geschehen ist. Zwingen wir uns nicht dazu, zu verzeihen.

Tun wir uns keine Gewalt mehr an, sondern vergolden wir die Risse, die in unserer Persönlichkeit entstanden sind, wie in der japanischen Reparaturkunst Kintsugi. Mit großer Sorgfalt wird zerbrochenes Porzellan wieder zusammengesetzt, sodass mit Liebe und Aufmerksamkeit ein noch stärkeres, schöneres und vollkommen einzigartiges Kunstwerk entstehen kann.


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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://www.bildungsserver.de/onlineressource.html?onlineressourcen_id=61843
(2) https://www.deutschlandfunkkultur.de/verschickungsheime-in-westdeutschland-leidvolle-kinderkur-100.html
(3) https://raikgarve.com/inhalte-fuer-dich/unsere-traumatisierte-menschheit-braucht-endlich-heilung/marion-und-raik-im-informationsaustausch-gespraech/
(4) https://verschickungsheime.de/
(5) https://www.manova.news/artikel/jenseits-der-angst-2

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