Wenn man alle Atomkerne des Universums zusammenpressen würde, so lautet ein physikalischer Leitsatz, hätten sie in einem Fingerhut Platz. Das Universum besteht zu über 99,9 Prozent aus Leere. Im Weltraum findet sich pro Kubikmeter ein einziges Wasserstoffatom. Es ist vor allem leerer Raum, von dem wir umgeben sind. Dennoch tun viele Menschen so, als gäbe es nur die Materie. Das Unbegreifliche bezeichnen wir abfällig als dunkle Materie, dunkle Energie oder Junk DNA und machen die Partikel, die in einen Fingerhut passen, zu unserer einzigen Realität.
Aus dieser Weltanschauung spricht ein großes Bedürfnis nach Sicherheit. Wir brauchen ein Gerüst, an dem wir uns festhalten und entlanghangeln können. Hier soll es möglichst keine Überraschungen geben. Unsere Welt soll kalkulierbar sein. Wir wollen Wahrscheinlichkeiten berechnen und Ereignisse vorhersagen können. Dabei ist eine schlechte Nachricht immer noch besser als etwas Unvorhersehbares, nicht Greifbares, was sich unserem Kalkül entzieht.
Eingesperrt
In diesem Bestreben haben wir das Geistige dem Materiellen untergeordnet und so lange destilliert, bis es in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Der Materialismus findet sich bereits im vorsokratischen Denken. Zur Entfaltung kommt er mit dem 17. Jahrhundert und dem Zeitalter der Vernunft. Nach diesem Weltbild resultieren alle Phänomene auf materiellen Interaktionen, einschließlich Geist und Bewusstsein. Im 18. Jahrhundert präsentierte der französische Arzt und Philosoph La Mettrie in seinem Werk „Der Mensch eine Maschine“ die erste streng materialistische Konzeption der menschlichen Seele. Die Existenz geistiger Substanzen wird geleugnet und nur die Existenz körperlicher Substanzen anerkannt.
Im 19. Jahrhundert versuchte man, mit dem Darwinismus den Beweis zu führen, dass die Einheit des Lebens kein Mysterium mehr ist, welches eine höhere Intelligenz erfordert. Man muss nur verstehen, dass alle Lebewesen gemeinsame Vorfahren haben.
Der Mensch ist ein Produkt der Evolution und keine göttliche Schöpfung. Dieses Produkt wird in das Tierreich integriert und darf nicht mit dem Bild Gottes identifiziert werden.
Der Marxismus vertritt die Ansicht, dass das gesamte politische, geistige und kulturelle Leben einer Gesellschaft durch die ökonomischen Strukturen und Verhältnisse bestimmt wird. Alle Ideen, Vorstellungen und Gedanken würden sich aus einer gesellschaftlichen Realität und den jeweiligen Machtverhältnissen heraus entwickeln, in letzter Instanz also aus den materiellen Gegebenheiten.
Mechanismus, Reduktionismus, Physikalismus, Determinismus, Darwinismus, Kommunismus, Marxismus, Behaviorismus, Atheismus — in allen Wissenschafts- und Wirtschaftsbereichen spiegelt sich die materialistisch orientierte Weltanschauung wider. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, die Gene entscheiden über die Gesundheit, Vater Staat hat die Hoheit über das Leben seiner Bürger, und die globalen Institutionen herrschen über alles. Da kann man nichts machen. Es gibt keine Alternativen.
Nicht mehr die Biologie, sondern die Gesellschaft bestimmt, welchem Geschlecht jemand angehört. Das Natürliche wird neu gemacht. In den Laboren wird der neue Mensch erschaffen, und der Funktionalismus, bei dem der Geist als Computer gesehen wird und Gehirn und Geist im selben Verhältnis stehen wie Hardware und Software, schließt den Menschen endgültig in die Materie ein.
Hoffnungslos
Die Matrix, in die uns das materialistische Denken sperrt, ist immer engmaschiger geworden. Diejenigen, die ihr zu entkommen versuchen, werden als rechtsextrem geframt, als demokratiefeindlich und gefährlich. Sie wollen wohl ins dunkle Mittelalter zurück, in die Zeit des Aberglaubens, in die Höhlen der Steinzeit gar. Geschickt wurde das Paket verschnürt.
Die Seele wurde zur Psyche, Religion zu einem Rauschmittel, und das Unsichtbare verschwand in der zur Schmuddelecke degradierten Esoterik.
Das Innerliche, das von innen her Verstehbare, so die eigentliche Bedeutung des Wortes Esoterik, wurde durch den Kult des Äußerlichen ersetzt. Spiritualität ist etwas für Menschen, die nicht den Mut haben zu erkennen, dass das Leben eben keinen Sinn hat. Mythen wurden zu Märchen, die Magie verkam zu einer Zirkusnummer, und Wunder gibt es lange nicht mehr. Gott ist tot und bald auch der Mensch, der einmal nach seinem Bilde geschaffen wurde.
Wer die Welt nur in ihrer materiellen Dimension erfasst, stößt schnell an Grenzen und findet den Ausweg nicht. Wo der Geist vom Körper getrennt wurde, kann es keine Visionen geben, keinen Idealismus, keine Perspektive, keine Weiterentwicklung aus der dritten Dimension, die uns in Raum und Zeit gefangen hält. Wir können bestenfalls protestieren, doch ändern tut sich nichts Wesentliches. Uns bleibt, den Untergang zu dokumentieren, den sich andere für uns ausgedacht haben.
Im Hintergrund
„Soratisch“ nennt die Anthroposophie die Kräfte, die uns an die Erdenschlacke zu binden versuchen. Für die von Rudolf Steiner (1861 bis 1925) begründete Weltanschauung, die Elemente des deutschen Idealismus, der Weltanschauung Goethes, der Gnosis, der christlichen Mystik sowie fernöstlicher Lehren und naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu Steiners Zeit miteinander verbindet, ist Sorat gleichzeitig Sonnen- und Erddämon. In der Apokalypse des Johannes ist er das Tier mit den zwei Hörnern, verschlüsselt durch die Zahl 666, das die Vergeistlichung des Menschen und die Vereinigung der Erde mit der Sonne verhindern will (1).
Man muss das nicht glauben. Es ist keine Aufforderung, zum Mystiker zu werden oder zum Anhänger der Anthroposophie. Es ist eine Sicht auf die Dinge, die die aktuellen Ereignisse unter einem anderen Blickwinkel beleuchtet. Ziel dabei ist, nicht Spielball bestimmter Mächte zu sein, sondern die eigenen Möglichkeiten zu erkennen. Wer die Programme nicht erkennt, die im Hintergrund laufen, wird sich nicht aus der Matrix befreien können.
In der anthroposophischen Lehre ist Sorat der größte Gegner der Christuskraft. Er nährt sich von den Abfällen, die sich nicht zum Christus-Prinzip hinneigen, von jenen Menschen, die in der Materie stecken geblieben sind. Soratmenschen sind geistfeindlich, fanatisch und brutal. Es wird unterschieden zwischen Wesen, die sich in voller Bewusstheit der schwarzen Magie verschrieben haben, und unbewussten Menschen, die sich nicht aus ihrer Animalität erheben wollen. Sie verspotten und bekämpfen alles, was geistiger Art ist, und wenden sich voller Wut gegen das Spirituelle.
Ihr Denken, so Steiner, ist gelähmt, ihr Fühlen verleiblicht, ihr Wille eingeschlafen. Sorat will das Ich des Menschen für eine Höherentwicklung unbrauchbar machen. Das macht sich unter anderem erkenntlich in Rassismus, Völkermord oder dem Missbrauch der modernen Wissenschaft mit Genmanipulation, Rassenhygiene, Eugenik, Genselektion, Digitalisierung und Transhumanismus.
Den soratischen stehen die ahrimanischen oder mephistophelischen Geister zur Seite. Auch durch Ahrimans Wirken verdunkelt sich der Einblick des Menschen in die geistige Welt, sodass er nur noch die materielle Außenwelt sieht. Ahriman ist der Herr des Intellekts, der die Menschen zu Irrtum, Hochmut und Lüge führt. Seine Intelligenz ist kalt, brillant und seelenlos und nährt sich von allem, was sich vom Göttlichen losgesagt hat. Als Gegenpol zum rauschhaft schwelgenden und weltflüchtigen Luzifer repräsentiert Ahriman die Überspitzung des materialistisch-technischen Verstandes, der die Menschen ins Physische hinunterzieht und sie dazu verführt, nicht durch das Stoffliche hindurch auf das Geistige zu schauen.
Materielles Bypassing
Steiners Sicht auf die Dinge muss man nicht teilen. Doch sie gibt Hinweise darauf, welche Kraft sich hinter den aktuellen Ereignissen und der Haltung der Menschen dazu verbergen kann. Und diese Kraft hat etwas mit uns zu tun. Sie ist nicht irgendwo da draußen, sondern hier in uns drinnen. Sie ist die Stimme, die uns zu innerer Sterilität verführt, die Stimme, die versucht, uns die Seele zu nehmen und das Geistige zu verneinen.
Sie sperrt uns in die materielle Dimension und reduziert unseren Handlungsspielraum. Sie degradiert uns zu Zuschauern der Apokalypse, die sich ihr Leben diktieren lassen. Wir scrollen, teilen und kommentieren, so heißt es in einem Text des Pazifisten Bernd M. Schmid, und glauben, wenn wir nur genug wissen, wird sich irgendwann etwas verändern. Erwachen ist ein Feed, ein Telegram-Kanal, ein Zoom-Call, ein Meme. Die Szene weiß alles, doch sie bewegt nichts. Information ohne Handlung.
Wir sammeln, analysieren und verlinken. Was wir Bewusstseinsarbeit nennen, ist in Wahrheit oft nur verlängertes Vermeiden. Wer alles weiß, muss nichts tun. Wer immer noch wartet, trägt keine Verantwortung (2).
Die Lösung ist nicht, immer noch mehr Informationen zu sammeln, sondern sich die Frage zu stellen: Und nun? Was mache ich nun damit? Anstatt früher oder später frustriert, verbittert und desillusioniert in Fatalismus, Zynismus oder Verzweiflung zu enden und die einzige Genugtuung darin zu finden, sich für besser informiert als andere zu halten, können wir dorthin schauen, wo wir erfinderisch sind. Hierzu brauchen wir die geistige Dimension des Lebens und Zugang zu dem, was manche den göttlichen Funken nennen.
Befreit
Neue Wege finden können wir nur dann, wenn wir uns der schöpferischen Kraft des eigenen Geistes bewusst werden. Täten wir das, wäre unsere Welt augenblicklich eine andere. Wir hätten den Wahnsinn nicht, der sich auf allen Ebenen breitmacht. Es gäbe nicht überall Kriege, Hunger und Verzweiflung. Die Menschen würden nicht wie Automaten durch die Straßen laufen und sich gegenseitig nicht mehr in die Augen schauen. Sie würden nicht wie betäubt bestimmten Programmen folgen, sondern sich um Lösungen kümmern.
Sie würden zur Kenntnis nehmen, dass dunkle unsichtbare Mächte existieren, und sich von den lichten Kräften leiten lassen. Manche nennen sie Christuskraft. Diese Kraft hat nichts mit dem Vatikan zu tun, der die ursprüngliche Lehre von Anfang an verdrehte und zu einem Totenkult machte, nichts mit der Scheinheiligkeit der Inquisitoren und Eroberer und nichts mit der evangelischen Kirche, die heute zum Krieg aufruft. Dieser Christus hängt nicht seit Jahrtausenden gemartert und blutüberströmt am Kreuz, sondern ist ein mächtiger Lebensgeist, mit dem wir uns verbinden können.
Von dieser Kraft geleitet können wir ins Handeln kommen. Dazu braucht es einen Glauben, der nichts mit Dogmen und Zwängen zu tun hat, sondern nur in Freiheit möglich ist. Diese Freiheit braucht es, um wieder in unsere Mitte zu kommen, eine Mitte zwischen Materiellem und Spirituellem. Wir taumeln nicht mehr von einem Extrem ins andere, sondern bekommen Zugang zu dem, was gemeinhin als gesunder Menschenverstand bezeichnet wird. Kein kalter, berechnender Intellekt, kein seelenloses Urteilen, kein Verlieren im Sinnlosen, sondern ein intuitives Gespür dafür, was jetzt zu tun ist.
Durchatmen
Wofür entscheiden wir uns? Beschränken wir uns darauf, das Böse in all seinen Facetten darzustellen, die Kraft, die uns in eine Normalität sperrt, in der es keine Alternativen gibt, keine Auswege, keine Wunder, oder öffnen wir uns dafür, dass die Lösungen vielleicht aus einer Dimension kommen, die wir bisher vernachlässigt haben?
Spiritualität ist kein schmückendes Beiwerk für Abgehobene, kein Rauschmittel für diejenigen, die der Realität nicht ins Auge blicken wollen, sondern eine Energie, ohne die es nicht weitergeht. Sie ist in uns. Jeder kann sie spüren, der atmet. Vielleicht konzentrieren wir uns einen Augenblick auf das regelmäßige Ein und Aus, den unaufhörlichen Austausch zwischen Innen und Außen, Sichtbarem und Unsichtbarem. Im Altertum galten die Lungen als Flügel der Seele und der Atem als Möglichkeit, sich mit der Seele zu verbinden. Das Wort einatmen stammt vom lateinischen inspirare: inspiriert oder beseelt sein.
Zwischen Atem und Geist besteht eine enge Beziehung. Um sie zu stören, zwang man uns Masken auf oder will unseren Atem besteuern. Prana, im Sanskrit Lebenshauch, ist wie das chinesische Qi oder das tibetanische Lung die Lebensenergie, die alles durchdringt. Wir schöpfen sie aus der Leere, die alles umgibt. Sie ist nicht zu sehen, doch wir können sie spüren, wenn wir jetzt einen tiefen Atemzug nehmen. Ist das wirklich nur ein rein physikalischer Prozess? Oder ist da vielleicht noch etwas mehr?
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Quellen und Anmerkungen:
(1) https://anthrowiki.at/Sorat
(2) https://www.zeitpunkt.ch/dasein-einem-zwischenraum



