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Weiter mit dem Einheitsbrei

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Die Medienwächter wissen, dass die Pressevielfalt schrumpft, glauben aber trotzdem immer noch, dass alles von alleine wieder besser wird.

Meine Mutter war außer sich. So weit gefahren und dann das. Ich muss dazu sagen, dass wir normalerweise nicht über den Journalismus reden. Sie weiß, was ich dazu zu sagen hätte, und will sich weder die Tagesschau vermiesen lassen noch ihre Ostsee-Zeitung. Mit 80 ist es selbst dann schwer, Gewohnheiten zu ändern, wenn man nicht erträgt, wie im Fernsehen über Russland gesprochen wird, und im nass-kalten Rügener Winter gegen die LNG-Politik der Bundesregierung demonstrieren muss, die schon heute tote Fische an den Strand spült und die Stille am Meer bei manchen Windlagen zur nostalgischen Erinnerung werden lässt. Jeder ahnt, wie das mit dem Terminal wird, das jetzt gebaut werden soll.

Nun aber dieses Erlebnis in Moritzburg. Ein Stopp auf der Fahrt nach Bayern. Mal was anderes sehen. Auch eine andere Zeitung. Mutter schüttelt den Kopf. Oben auf der Titelseite stand zwar Dresdner Neueste Nachrichten, den Rest aber hatte sie schon gelesen. Vor der Abfahrt, in ihrem Heimatblatt, das ganz anders heißt. Die gleichen Überschriften, die gleichen Fotos. Überhaupt alles ― gleich. Wie kann das sein, mein lieber Sohn?

Der Presseforscher kennt die Antwort natürlich. Redaktionsnetzwerk Deutschland. Hannover. Seit 2020 sitzen dort knapp 200 Redakteure in einem riesengroßen Büro und füllen über 60 Zeitungen im ganzen Land. Auch die beiden, die meine Mutter morgens zu Hause gelesen hat und nachmittags in Sachsen. Sie hätte auch nach Leipzig fahren können, nach Lübeck oder nach Regensburg. Das RND ist überall. Selbst in Dortmund, Bremen, Wolfsburg. In Hannover ist man darauf stolz. Mehr als zwei Millionen Exemplare und fast sieben Millionen Leser. Da lohnt es sich, einen Artikel zu schreiben. Da lohnt es sich auch, einen Artikel zu lancieren. Wer das RND in der Hand hat, kontrolliert 20 Prozent der deutschen Presse.

Meine Mutter ist gerade wieder abgefahren, als die KEK ihren Jahresbericht für 2022 veröffentlicht. KEK: Das ist die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich. Zwölf Menschen, die sich eigentlich um das Privatfernsehen kümmern sollen. Sechs direkt von den Ministerpräsidenten benannt und sechs indirekt, weil sie aus den Landesmedienanstalten kommen und damit aus politischen Behörden. Ihr Auftrag: Meinungsvielfalt sichern. In grauer Vorzeit hat es wahrscheinlich gereicht, auf die Eigentümer von RTL, Sat.1 und ProSieben zu schauen und mit dem Kopf zu schütteln, wenn einer der Mitspieler zu stark zu werden drohte. Inzwischen hat dort jeder was mit jedem. Axel Springer zum Beispiel macht selbst Fernsehen, mischt aber auch bei RTL II mit und steckt so mit Bertelsmann unter einer Decke. Springer wiederum gehört inzwischen zu gar nicht so kleinen Teilen KKR, einer Heuschrecke aus den USA, und damit in gewisser Weise BlackRock und Vanguard, die auch bei KKR ein paar Prozente halten. Und dann sind da noch Hörfunk, Gedrucktes, Internet. Kurz: Die KEK muss längst über das Privatfernsehen hinaus und auf das große Ganze schauen.

Zum „Tageszeitungsmarkt“ heißt es im aktuellen Bericht: Es gibt kaum Fusionen, die „publizistische Konzentration“ aber steigt. Auf gut Deutsch: immer mehr Zentralredaktionen, immer mehr „inhaltliche Kooperationen“ zwischen den Verlagen.

Die Folge: eine „Angleichung der Titel“. Dresdner Neueste Nachrichten oder Ostsee-Zeitung? Eigentlich egal. Alles, was über die Region hinausweist, kommt aus einer Hand. Online sowieso. Exklusiv hat meine Mutter in der heimischen Küche nur noch die Todesanzeigen, die Berichte über Hansa Rostock und das, was es über Rügen zu erzählen gibt. Wobei: Das „Café Habeck’s“, ein Kleinod direkt am Weg zum Wasser, dürfte es auch in das Hannoveraner RND-Raumschiff geschafft haben. Besitzerin ändert Namen, weil sie den Minister nicht mehr mag. So was steht heute in jeder Zeitung.

Zurück zum KEK-Bericht. Vermutlich waren die Vertrauensleute des Parteienstaates froh, dass die Presse nicht ihr Thema ist. Sie hätten sich sonst nicht nur mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland beschäftigen müssen, sondern zum Beispiel auch mit Ippen Digital, einer Tochter des Merkur in München, die mehr als 50 „Mandanten“ hat, wie das heute so schön heißt. Oder mit den 200 Redakteuren, die von Augsburg aus die Allgemeine vor Ort versorgen, die Allgäuer Zeitung, die Main-Post in Würzburg und den Südkurier in Konstanz. Oder mit der Neuen Osnabrücker Zeitung, die ihr Herz in Hamburg hat und von dort Osnabrück, Flensburg und Schwerin beliefert, ohne dass den Lesern vor Ort unter die Nase zu reiben. Die müssen schon ein Stückchen fahren, damit sie sehen, wer noch alles zu ihrer Zeitungsfamilie gehört.

Man kann mit dem Finger auf Nachrichtenagenturen wie die dpa zeigen und so erklären, warum man das Gefühl hat, die Bundesrepublik sei auf dem Weg zu einer Einheitspresse à la DDR.

Die Zwischenebene Zentralredaktion ist mindestens genauso wichtig ― auch für den Frust beim Publikum. Woher soll jemand in Hannover wissen, was meine Mutter lesen will? Die Ost-West-Kluft beginnt bei der Sprache und hört nicht auf, wenn es um den Tod von Prominenten geht, die im Leben der alten Rüganer wichtig waren und auf der anderen Seite bis heute trotzdem unbekannt geblieben sind.

Die Hüter der deutschen Leitmedienwelt wissen zwar, dass Auflagen, Werbeeinnahmen und Umsätze zurückgehen und dass „Vielfalt nicht von allein entsteht und erhalten bleibt“, glauben aber trotzdem, dass der Gesetzgeber nicht eingreifen muss. Im Original: „Im Bereich der klassischen, gedruckt verbreiteten Presse stellt sich Vielfalt ― unter den aktuell obwaltenden Umständen ― ohne staatliches Zutun ein.“ Das muss man erst einmal fertigbringen. Erst schreiben, dass sich die Unterschiede zwischen den Zeitungen mehr und mehr auf Kopf und Namen beschränken, und dann generös darauf vertrauen, dass es der Markt schon richten wird. Heilige Einfalt. Oder: „aktuell obwaltende Umstände“. Die KEK ist fest in der Hand von Juristen mit Professorentiteln.

Deshalb ist es vermutlich fast schon revolutionär, dass der Jahresbericht für 2022 gleich mehrere Seiten für „Medienintermediäre“ reserviert ― für Plattformen wie Facebook, YouTube, TikTok oder Instagram, die inzwischen auch für die Zeitungsredaktionen immer wichtiger werden. Das heißt: Meine Mutter sieht zwar jeden Tag zuverlässig, was in Hannover zusammengerührt wird, ihre Enkel aber bekommen das auf ihren Geräten vielleicht selbst dann nicht angezeigt, wenn sie im RND-Einzugsgebiet leben sollten. Der Algorithmus. Tracking. Nudging. Wir wissen, wohin der Überwachungskapitalismus führt. Die KEK weiß das auch, verklausuliert das aber in Juristensprache. Sie sagt sogar, dass die Meinungsvielfalt heute nicht mehr nur davon abhängt, was veröffentlicht wird. Auffindbarkeit und Wahrnehmung: Darauf kommt es heute an. Konsequenzen? Vorerst keine. Wir haben schließlich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und damit ein „gewisses Korrektiv gegen Vielfaltsverengung“. Bitte noch einmal lesen, nicht nur wegen des schönen Begriffs am Schluss. Es ist vermutlich ganz gut, dass meine Mutter nur selten über die Qualität des Journalismus sprechen will.


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