Zum Inhalt:
Unterstützen Sie Manova mit einer Spende
Unterstützen Sie Manova
Zu Hause die Welt bereisen

Zu Hause die Welt bereisen

Die weltweiten Sehenswürdigkeiten sind kaum noch sinnlich erfahrbar, weil die Atmosphäre an diesen Orten von Selfie-Touristen zerstört wird — ein KI-Künstler verschafft Abhilfe mit einer Deep-Fake-App. Eine Satire.

Vor mir sitzt ein Mann von Welt in seinen Mittdreißigern. Die schwer zu bändigenden Rastalocken fallen Kosma Travelinski in das sonnengebräunte Gesicht. Aus Kork geflochtene Ketten, die um den Kragen des brusttief geöffneten, ockerfarbenen Safariehemdes baumeln, zeugen von etlichen Reisen, die dieser Mann schon hinter sich hat. Vor seinem MacBook in der kleinen Berliner Altbauwohnung wirkt er fast etwas fehlt am Platz.

Bei einem Kaffee zeigt mir der studierte Medieninformatiker und Virtual-Reality-Design-Developer die Beta-Version seiner App „Sight-Keying“. Ich erkundige mich zunächst, was der Name genau zu bedeuten hat.

„Zugegebenermaßen ist der Name nicht sofort eingängig. Doch er bringt die Funktion der App sehr passend auf den Punkt und ist an Sightseeing angelehnt, ein Begriff, den so ziemlich jeder kennt. Keying bezeichnet in der Videopostproduktion das Freistellen von Bildelementen. Wohl jeder kennt den Blue- oder Greenscreen aus TV- und Filmproduktionen: Der Hintergrund wird entfernt und durch andere Bildelemente ersetzt. Mittlerweile ist die Technik KI sei Dank so weit ausgereift, dass es nicht mehr zwingend eines Greenscreens bedarf. Denk mal an die vielen Zoom-Meetings in den Jahren 2020 und 2021, bei denen es schon damals möglich war, den Hintergrund entweder unscharf zu stellen oder durch einen künstlichen zu ersetzen. Die Software konnte zwischen Körper, Gesicht und dem Hintergrund unterscheiden. Die damals noch etwas unausgereifte Technik ist mittlerweile weit gediehen und ermöglicht es, den im Vordergrund stehenden Menschen harmonisch, das heißt fotorealistisch mit jedem beliebigen Hintergrund zu synthetisieren.“

Er will mir die Ausgereiftheit der App demonstrieren. Dazu müssen wir in den Hinterhof gehen, denn für den fotorealistischen Fake ist es noch erforderlich, das Selfie bei Tageslicht aufzunehmen. Ab der nächsten Version soll der Fake allerdings auch bei Lampenlicht vollzogen werden können.

So betreten wir beide einen tristen Hinterhof im Prenzlauer Berg. Kosma reicht mir ein Smartphone und bittet mich, ein Selfie zu schießen. Ich tue, wie mir geheißen, und gebe ihm das Smartphone mit dem belanglosen Selfie von mir zurück. Nun bittet er mich, ihm einen Ort zu nennen. Ganz spontan. Ich wähle die Long Street in Kapstadt. Er tippt den Ortsnamen in die App ein, eine halbe Minute müssen wir warten — et voilà: Mein hyperrealistisches Selfie aus Kapstadt ist von der KI angefertigt worden! Ich sehe mich in der südafrikanischen Hauptstadt, obwohl ich noch nie dort war.

Doch die App kann noch mehr. Er gibt mir abermals das Smartphone und bittet mich, ein kurzes Selfie-Video zu machen. Ich nehme das Handy und drücke auf den roten Videobutton, filme mich selbst und dreh mich dabei ein wenig nach links und nach rechts. „Okay, das sollte genügen.“ Kosma Travelinski nimmt das Smartphone wieder an sich. Erneut soll ich ganz spontan einen Ort nennen. Diesmal gebe ich den Markusplatz in Venedig an. Wieder tippt er den Ort in die App ein. Diesmal müssen wir etwas länger warten. Doch dann ist das Ergebnis fertig, und ich sehe mich selbst auf dem Video. Die App hat den deprimierenden Hintergrund des Prenzlauer Bergs in den Markusplatz verwandelt.

Im Gegensatz zu hier scheint mir auf dem Video eine virtuelle Sonne ins Gesicht, hinter mir fliegt ein Schwarm Tauben in die Höhe, während der Markusplatz vollkommen frei von anderen Touris ist. Hier habe ich den Markusplatz als Kulisse ganz für mich allein. Unterlegt ist das Ganze mit den zur Örtlichkeit passenden ASMR-Geräuschen.

Zutiefst beeindruckt blicke ich auf das Video. „Die Tourismus-Branche wird dich hassen!“ Kosma lacht laut auf. „Diese Tourismus-Branche wird gerade genauso abgewickelt wie alle anderen Industrien auch.“ Wir gehen wieder rein in sein Büro. Ich möchte wissen, was seine Motivation ist.

„Seit dem Ende meines Studiums bin ich erfolgreicher Freelancer und kann von überall auf der Welt arbeiten. Entsprechend reise ich viel durch die Welt. Während meiner Aufenthalte in Süd- und Südostasien habe ich immer mehr auch eine spirituelle Seite in mir entdeckt. Seither fühle ich mich zu gewissen Kraftorten dieser Welt hingezogen. Wenn ich dann aber dort bin, ist es mir gänzlich unmöglich, mich mit der Energie dieses Platzes zu verbinden. Überall wuseln Menschen um mich herum, die nichts anderes im Sinn haben, als ihre Visage mit der Sehenswürdigkeit auf Selfies festzuhalten. Sie missbrauchen den Ort als Fotostudio, als Bildkulisse, posieren in fremdzuschämender Weise, um was genau zum Ausdruck zu bringen? ‚Ich bin hier.‘“ Er seufzt tief.

„Ich meine … wen kannst du in den 2020er-Jahren noch damit beeindrucken, dass du an irgendeinem ikonischen Ort gewesen bist? Das war damals mit dem Aufkommen von Facebook und der ersten Smartphones eine coole Sache. Denn da war das wirklich noch etwas Besonderes, wenn du dich vor der Golden-Gate-Bridge fotografiert hast und das in Echtzeit mit deinen Facebook-‚Freunden‘ geteilt hast. Aber heute? Was steckt denn da für eine bewundernswerte Leistung dahinter, mit einem Billigflieger irgendwo hinzujetten und sich vor Sehenswürdigkeiten abzulichten, von denen die meisten nicht mal wissen, warum sie sehenswürdig sind? Und was mich am meisten ärgert, ist einfach die Sache, dass diese Art des ‚Sightseeings‘ einer Sehenswürdigkeit nicht würdig ist.

Eine Sehenswürdigkeit zu sehen, bedeutet für mich, sie mit eigenen Sinnen zu erfassen und nicht als konsumierbare Fotokulisse zu begreifen. Das geschieht aber durch die meisten nicht.

Als bewusst Reisender kannst du dich dem auch nicht entziehen. Selbst wenn du versuchst, die anderen zu ignorieren, kommt irgendwann einer von diesen Kasperln zu dir und fragt: ‚Excuse me. Could you take a photo of my wife and me?‘ Nachdem mir das unzählige Male passiert ist, wusste ich, dass ich etwas ändern muss. Warum sollen diese Menschen Tausende Kilometer durch die Welt reisen, nur um Selfies zu schießen und um dabei den Vibe von bewusst Reisenden wie mir zu zerstören? Könnten die das von zu Hause aus, wäre es doch zum Wohle aller. Die sparen sich Kosten, und Weltenbummler von meinem Schlag könnten endlich diese magischen Orte genießen.“

In der Zwischenzeit hat er mir das KI-Selfie und das Video zugeschickt, welche ich immer noch mit großem Staunen betrachte. Nun möchte ich wissen, was diese App kosten wird.

„Gar nichts!“ antwortet Kosma. „Ich hatte gleich zu Beginn viele Sponsoren, die die Entwicklungskosten vollumfänglich abgedeckt haben. Die Fördergelder haben sogar für Rücklagen gereicht, um die Wartung und Aktualisierung der App über Jahre hinweg zu tragen.“

Wer fördert die Entwicklung solcher Apps, möchte ich von Kosma wissen. Die Tourismus-Branche wird daran wohl kein Interesse haben.

„Meine ersten Sponsoren waren tatsächlich einfache Bürger, nämlich die Bewohner der Pariser Rue Crémieux , die seit Jahren unter der Travel-Influencer-Plage leiden. Später folgte die Mercator-Stiftung, die mir einen beträchtlichen Fördergeldbetrag auszahlte, weil damit dazu rechnen ist, dass meine App in der Zukunft den tourismusbedingten CO2-Ausstoß massiv reduzieren wird. Darüber hinaus kam der Springer-Konzern, genauer gesagt die BILD, auf mich zu und wollte die App abkaufen. Ich habe abgelehnt. Keine Ahnung, was die damit vorhaben.

Derzeit bin ich noch mit einem potenziellen Förderer im Gespräch, der ein überaus dringendes Bedürfnis hat, den Selfie-Tourismus verschwinden zu lassen. Es handelt sich um eine Stiftung, die in Berlin ein Denkmal in der Ebertstraße unterhält.“


Wenn Sie für unabhängige Artikel wie diesen etwas übrig haben, können Sie uns zum Beispiel mit einem Dauerauftrag von 2 Euro oder einer Einzelspende unterstützen.

Oder senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort Manova5 oder Manova10 an die 81190 und mit Ihrer nächsten Handyrechnung werden Ihnen 5, beziehungsweise 10 Euro in Rechnung gestellt, die abzüglich einer Gebühr von 17 Cent unmittelbar unserer Arbeit zugutekommen.

VG-Wort Zählpixel

Weiterlesen

Die Elitenvertreterin
Aktueller Artikel

Die Elitenvertreterin

Ob Ursula von der Leyen persönlich korrupt ist, scheint noch nicht ausgemacht — sicher ist jedoch, dass ihre Arbeit nicht der Bevölkerung, sondern ganz anderen Kräften dient.