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Arenen der Arroganz

Arenen der Arroganz

Fußball-Turniere dienen der Bereicherung der Wenigen sowie der Ablenkung und Ruhigstellung der Vielen nach dem Vorbild der Römer: Brot und Spiele.

„Ich habe ein einfaches Rezept, um fit zu bleiben. Ich laufe jeden Tag Amok.“ (Hildegard Knef)

Es wird wohl kein Sommermärchen werden. Schon gar kein euphorisierendes. Hatte der verblichene „Kaiser“ Franz im Vorfeld der Fußball-WM 2006 nichts unversucht gelassen, um die Nation in Turnierlaune zu versetzen — wen kümmern in diesem Kontext schon ein paar Millionen Bestechungsgeld — gibt sich das korporatistische System im Jahr 2024 alle Mühe, den Fans die Heim-EM bereits vor dem ersten Spiel madig zu machen. Die von Deutschem Fußballbund (DFB) und Nationalmannschaftsausrüster Adidas vorgestellten Auswärtstrikots der Nationalmannschaft lösten ob ihres, zurückhaltend ausgedrückt, visuell herausfordernden Designs einen veritablen Shitstorm aus. Die Berliner Polizeibehörde verbietet Beamten, Deutschlandflaggen auf oder an ihren Autos zu führen — das könne „eskalierend wirken“. DFB und UEFA gelten als von Klüngel und Korruption durchsetzte Organisationen ohnehin nicht gerade als Sympathieträger. Und die Mannschaft macht unter Bundestrainer Julian Nagelsmann eher durch Regenbogenagitation und dürftige Leistungen von sich reden als durch Traumtore und Siege.

Normalerweise nutzt der Staatsapparat derartige Großanlässe nur allzu gerne, um unbeachtet von der im Fußballfieber feiernden Masse unliebsame Gesetze auf den Weg zu bringen. Brot und Spiele — „Panem et circenses“, wie die alten Römer es nannten — sind gerade in Zeiten zunehmender Politikverdrossenheit, um nicht zu sagen intensiven Widerstands, ein bewährtes Mittel zur Besänftigung schwelenden Volkszorns. Sedativum Spitzensport. „Opium fürs Volk“, wie Karl Marx die Religion und der Fußballprofi Percy Clummings seinen Sport bezeichnete.

Der postmodernen Pluralismussimulation sollte demzufolge an einem Hype um das Turnier im eigenen Land gelegen sein. Lenkt der Bannstrahl emotionalisierender Wettkämpfe den Pöbel doch auf willkommene Weise von den negativen Entwicklungen ab, denen er sich im Alltag des Ampel-Abrissprogramms ausgesetzt sehen muss.

Doch die Vorfreude war bereits im Vorfeld eher verhalten ausgefallen. „Deutschland muss die Euphorie erst wieder entfachen“, titelte die Berliner Zeitung am 9. Juli 2021, und führte anschließend aus, dass circa 300 Millionen Euro in die Renovierung verschiedener Stadien investiert werden müssten, bevor die Europameisterschaft dort überhaupt stattfinden kann. Dass daraus schnell 500 Millionen, eine Milliarde oder gar mehr werden, war den Lesern des Beitrages vermutlich bewusst. Immerhin steht gerade Berlin mit dem Flughafen BER für ein Kostendebakel der Extraklasse. Aus den zu Beginn budgetierten 800 Millionen wurden Stand Oktober 2020 ganze 7,1 Milliarden. 7.100 Millionen Euro. Auch der Süden des Landes gibt sich mit „Stuttgart 21“ alle Mühe, Negativrekorde in punkto Kostenexplosion aufzustellen. Anstatt der 1995 in den Raum gestellten 2,5 Milliarden Euro, lag der Finanzierungsrahmen Ende 2023 schon bei 9,79 Milliarden Euro. Weitere Kostensteigerungen stehen in Aussicht. Selbstverständlich wurde auch die EM-Vorbereitung allerorten teurer als geplant. Allein in Stuttgart kostete der Stadionumbau 130 Millionen. Veranschlagt war ursprünglich die Hälfte. Das kann dem Steuerzahler, der solch luxuriöse Millionengräber mit seinen Abgaben finanzieren muss, schon mal die Laune vermiesen. Speziell dann, wenn die UEFA für die EM 2024 mit Einnahmen von zwei Milliarden und einem Gewinn von 800 Millionen Euro rechnet.

Vielleicht war es aber auch die Ankündigung des DFB, Deutschland für die Dauer der Endrunde „klimaneutral“ präsentieren zu wollen, die den ohnehin von Kostendruck geplagten Fans aufs Gemüt schlug. Denn mittlerweile ist wohl einem Großteil der Menschen klar, dass die beliebig einsetzbare Floskel vor allem für steigende Abgaben und mehr Überwachungsstaatlichkeit steht. Nicht für Umweltschutz. Unter Umständen sind es ja die offiziellen Partner des willfährig gendernden Fußballbundes, die das Stammpublikum davon abhalten, frenetische La-Ola-Wellen loszutreten — siehe Deutsche Bahn (DB). Die kann man als Partner wirklich nur dann gut finden, wenn man noch nie versucht hat, mit einem ICE pünktlich sein Reiseziel zu erreichen. Das Adjektiv „entspannt“ vermeidet man in diesem Zusammenhang am besten gänzlich. Ob Arbeitnehmer ihre Urlaubstage 2024 also tatsächlich auf Basis des EM-Spielplans terminieren, wie es die Frankfurter Rundschau noch am 9. April 2024 empfiehlt, bleibt fraglich.

Dass die notorisch korrupten Verbände aufgrund ihrer seit jeher fragwürdigen bis kriminellen Umtriebe endlich einen Denkzettel von den Fans erhalten, ist dennoch unwahrscheinlich. Spielten Fairness, Transparenz und gute Governance-Strukturen eine Rolle für den Erfolg solcher Turniere, fänden diese längst nicht mehr statt.

Denn Vetternwirtschaft ist Teil des Geschäfts. „Sepp, Du hast ein Monster geschaffen“, überschrieb die ZEIT am 21. Dezember 2022 einen Artikel über den ehemaligen FIFA-Chef Sepp Blatter, der aus einem Sport, der 1975 noch als „unschuldig“ galt, ein „durchkommerzialisiertes und weithin korruptes“ Geschäft machte. 18 Jahre lang. Bestechung, Veruntreuung, Schmiergeldzahlungen. So die Charakteristika von Blatters nonchalantem Führungsstil.

Sein Nachfolger, WEF-Günstling Gianni Infantino, von 2009 bis 2016 Generalsekretär der Europäischen Fußball-Union (UEFA) und seit 2016 amtierender Präsident des Weltfußballverbandes FIFA, scheint dem in nichts nachzustehen. „Er ist nur der nächste Despot, der sich den Fußball untertan macht“, kommentierte der SPIEGEL das autokratische Handeln Infantinos am 2. November 2018. Er war angetreten, um die FIFA aus ihrer größten Krise zu retten und die grassierende Korruption zu bekämpfen — und stand bereits zwei Jahre später selbst wegen Begünstigung und anderer Delikte im Zentrum von Ermittlungen. Diese wurden zwar im Oktober 2023 ohne strafrechtliche Konsequenzen eingestellt, so naiv zu glauben, dass deshalb bei den Verbänden alles mit rechten Dingen zugeht, ist aber wohl niemand mehr. Die meisten Fans haben schlichtweg akzeptiert, dass Korruption im Spitzenfußball gang und gäbe ist. Rechte und Pflichten sind egal. Was zählt, ist der Profit.

Folglich ist es nur konsequent, dass die ARD Sportschau ihre Dokuserie zur Weltmeisterschaft 2022 „Katar — WM der Schande“ nannte. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen den miserablen Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen im Emirat zum Opfer fielen. „Die Qual der Zahl“, formuliert Amnesty International diesbezüglich und führt Werte von 3, 40, 6.500 und 15.021 Toten an — je nachdem, welcher Quelle man folge. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bestätigen lässt sich in diesem Kontext nur, dass die Angaben der FIFA, die selbstverständlich mit der niedrigsten Zahl aufwartet, kaum korrekt sein können. Die Vorbereitung der WM 2022 hat tausende Gastarbeiter das Leben gekostet. Der Hochglanzberichterstattung tat das allerdings kaum Abbruch.

Spitzenfußball erinnert unweigerlich an die Gladiatorenkämpfe im alten Rom. Das „Spiel mit dem Tod“, das seinen Ursprung in morbiden Todeskulten des alten Italien hat, war damals zentraler Bestandteil des öffentlichen Lebens. Wer ein öffentliches Amt bekleiden wollte, kam nicht umhin, solche „Events“ auszurichten. Poster säumten die Straßen der Städte, um auf anstehende Ereignisse hinzuweisen, Arena-Motive zierten Fußböden, Haushaltsgegenstände und Souvenirs, Fans führten Statistiken über die Siege ihrer Lieblingsgladiatoren, Graffitis an Häuserwänden erinnerten über deren Tod hinaus an sie. Seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. ließen die Römer dutzende oder gar hunderte Kämpfer mit verschiedenen Ausrüstungen in Arenen gegeneinander antreten. Auch wilde Tiere standen als Gegner hoch im Kurs.

„Was die Fliegen für die Wanton Boys, sind wir für die Götter. Sie töten uns, weil es ihr Sport ist. Bald werden wir unsterblich sein. Nur Unfälle, Verbrechen und Kriege werden uns noch töten. Unglücklicherweise vervielfältigen sich Verbrechen und Kriege. Ich liebe Fußball!“ (Eric Cantona, 2019, Shakespeares König Lear zitierend)

Bereits im Jahr 80 n. Chr. verfügte Rom mit dem „Amphitheatrum Flavium“ — besser bekannt als Kolosseum — über eine Arena mit 40.000 bis 50.000 Sitzplätzen. Die von Furor und Adrenalin berauschte Masse: schon damals ein nicht zu vernachlässigender Faktor für politischen Erfolg.

Auch heutzutage sonnen sich Minister, Kanzler, Präsidenten und sonstige Granden des Neofeudalismus gerne im Glanze sportlichen Erfolges. Das Instagram-Selfie mit einer siegreichen Fußballnationalmannschaft steht dabei besonders hoch im Kurs. Die Skandale, krummen Geschäfte, Probleme und Kontroversen, die Spieler und Tross vor oder nach den Turnieren medial begleiten, werden ausgeblendet, sobald der von einer dunklen Geschichte gezeichnete „König Fußball“ das rationale Denken für ein paar Tage oder Wochen auf Stand-by geschaltet hat. Auch dieser Umstand erinnert an das alte Rom, wo der Begriff „Gladiator“ als Schimpfwort galt und den Profikillern die Bürgerrechte entzogen wurden – während sie zugleich eine ausgezeichnete Versorgung genossen, medizinisch exzellent betreut und von sensationslustigen Massen verehrt wurden.

Fußballstadien repräsentieren die postmoderne Adaption solch archaischer Bräuche. Ob vor über 2.000 Jahren oder im Juni 2024 — das tumbe Humankapital muss nicht nur regiert, sondern vor allem unterhalten werden. Sonst käme es dem kriminellen Herrschaftssystem im Hintergrund noch irgendwann auf die Schliche.

Schließlich ist „Politik die Unterhaltungsabteilung der Konzernwirtschaft“ (Frank Zappa) während „der große Sport da anfängt, wo er längst aufgehört hat, gesund zu sein“ (Bertolt Brecht). Und das gilt längst nicht mehr nur für die gestriezten Athleten, die seit dem mRNA-Rollout nun auch noch plötzlich und unerwartet sterben, sondern gleichermaßen für ihr Publikum.

Denn moderne Gladiatorenkämpfe, seichte Unterhaltung und politische Scharmützel lenken ab vom wahren Kern des Seins. Dem Innenleben. Dem Sein um seines Selbstzweckes willens. Dass es kaum mehr braucht, um die Frage nach dem Sinn des Lebens zu beantworten, erkannte schon Dante Alighieri vor fast 800 Jahren. Geholfen hat diese betagte Erkenntnis dem Homo demens bisher augenscheinlich kaum.

Noch immer folgt die von Emotionsamplituden aufgeschaukelte Verfügungsmasse der wertewestlichen Gesellschaft nicht der inneren Stimme in eine selbstbestimmte Zukunft, sondern lässt sich von externen Faktoren durch eine zunehmend sinnentleerte Existenz hetzen.

Eine Existenz, deren verzweifelte Aufrechterhaltung nicht selten die persönlichen Energiereserven kostet.

Dabei wäre gerade Sport, gerade die physische Herausforderung und das Erkunden der eigenen Leistungsgrenzen geeignet, um sich auch mental in Form zu bringen und zu halten. Wie Musizieren, Schreiben, Malen, Kunsthandwerk oder Gartenarbeit ist körperliche Ertüchtigung desiderable Qualitätszeit mit dem Ich. Die investierte Bewegungsenergie amortisiert sich in geistiger Regeneration. Äußere Einflüsse verlieren an Bedeutung und die Konzentration auf das eigene Wirken steht im Vordergrund. Gedanken schweifen ab, befreien sich vom kontinuierlich straffer geschnürten Korsett eines drögen und von Displays dirigierten Alltags. Fokussieren das Wesentliche. Und auch die fleischliche Hülle dankt es einem, vor allem mit zunehmendem Alter, wenn man sie diszipliniert und in gesundem Maße fordert.

Umso betrüblicher erscheint der obskure Umstand, dass man sich, wenn man über Spitzensport schreibt, kaum noch mit diesen Aspekten beschäftigt, weil die Gladiatorenkämpfe der Gegenwart vom Negativen dominiert sind. Von „Neongöttern“ und einer plastilinen Aura des Surrealen. Von Gier, Manipulation, Korruption und Propaganda, die mehr Raum einnehmen als der Sport selbst. So vergällt die auf Verbandsebene überreizt instrumentalisierte Kommerzialisierung des Ballspiels dem reflektierten Beobachter ein im Kern erquickliches Spiel. Die EM 2024 verbringt man demnach besser mit Freunden auf dem Bolzplatz als vor der Glotze.


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