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„Bedarfswehrpflicht?“ Kein Bedarf!

„Bedarfswehrpflicht?“ Kein Bedarf!

Schüler streiken gegen eine Wiederauflage der Wehrpflicht. „Weil die Bundeswehr Profitinteressen schützt, müssen wir auch nicht zur Bundeswehr gehen.“

Es ist der 8. Mai 2026. Vor gut achtzig Jahren besiegelte die Rote Armee das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa und die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. In Russland erinnert man sich an den „Großen Vaterländischen Krieg“.

Man hat verziehen, friedliche Beziehungen geknüpft, seine Soldaten aus Ostdeutschland abgezogen.

Eine Pipeline mit dem russischen Namen Druschba wurde gebaut — zu Deutsch Freundschaft —, und später die Nord-Stream-Pipelines. Wunden begannen in den darauffolgenden Jahrzehnten zu heilen, auch solche, deren Heilung mehrere Generationen braucht.

Die Ereignisse, mit denen es zu kippen begann, und die entsprechende Mischung aus Paranoia und Gier, die die Kriegstreiber seit jeher antreibt, überspringe ich in diesem Text.

Schüler fürchten Wehrpflicht

Jetzt stehe ich am 8. Mai 2026 in Berlin vor dem Brandenburger Tor, sehe in die Augen eines vielleicht siebzehnjährigen Schülers und frage ihn, warum er heute hier steht.

„Weil wir sehen, dass Deutschland mit Propaganda aufrüsten möchte, junge Leute dazu auffordern möchte, in die Wehrpflicht, an die Front zu gehen — und dort auch zu sterben. Und wir sehen, es ist keine gute Politik und keine gute Einstellung der Fraktionschefs. Ich finde, dass kein Krieg den Tod irgendwelcher Menschen rechtfertigt“.

Ich frage ihn: „Wie fändest du es, wenn du ein Schreiben bekommst: Jetzt geht es ab an die Front“.

„Nicht gut. Wenn ich ein Schreiben bekomme: ab an die Front — dann werde ich auswandern. Das werde ich auch offen sagen. Ich werde nicht für Deutschland sterben. Was bringt mir das? Deutschland kennt mich als Person nicht. Es kennt zwar meinen Namen, weil ich mit der Steuer-ID registriert bin, aber sie kennen meinen Charakter nicht, sie wissen nicht, was ich möchte, und sie kennen meine politische Einstellung nicht. Ich finde, man muss sich immer die Frage stellen: Was rechtfertigt die Sache, für ein Land zu sterben, das sich gar nicht um dich kümmert?“

Ich hätte noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten, ein solches Interview führen zu müssen.

Die Deutschen sollen kriegstüchtig gemacht werden. Das Säbelrasseln der Kriegstreiber und Profiteure wird mit dem Ukrainekrieg und den Bedürfnissen der NATO begründet.

Seit 1. Januar 2026 gilt der sogenannte „Neue Wehrdienst“ der Bundesregierung unter Verteidigungsminister Boris Pistorius. Männer der Jahrgänge ab 2008 müssen Fragebögen zur Wehrerfassung ausfüllen, und sie sollen ab 2027 verpflichtend zur Musterung vorgeladen werden.

Im Gesetz ist außerdem die Möglichkeit vorgesehen, künftig auch verpflichtende Einziehungen durchzuführen, falls es zu wenige Freiwillige gibt. Man nennt das „Bedarfswehrpflicht“.

Bis 2035 soll die Bundeswehr über 460.000 Soldaten verfügen, zusammengesetzt aus 260.000 aktiven Soldaten und 200.000 Reservisten. Eine Pflicht — für wessen Bedarf?

„Wir wollen, dass das Wehrdienstmodernisierungsgesetz abgeschafft wird, weil es unsere Freiheit einschränkt“, erklärt mir eine Schülerin kurz vor Beginn der Kundgebung.

„Wir wollen nie wieder Krieg und nie wieder Faschismus. Das ist auch das Motto dieser Demo. Wir finden nicht, dass wir in den Kriegen der Reichen sterben müssen. Diese Kriege und das Aufrüsten geschehen vor allem wegen Profitinteressen, und nicht in unserem Interesse. (…) Man sieht es daran, dass die Rheinmetall-Aktien um zweitausend Prozent (…) gestiegen sind. Das ist unglaublich viel. Deswegen stehen wir heute hier. Wir wollen gehört werden, wir wollen eine Stimme haben“.

Krieg und Geld

Die Rheinmetall-Aktie stieg in der Tat um 2.000 Prozent seit 2020. Prozentual gesehen kann der deutsche Rüstungskonzern hier mit Lockheed Martin und Palantir mithalten.

Auf meine Nachfrage hin lässt mich die Demonstrantin wissen, dass ihre Schule recht progressiv mit dem Thema umgeht. Etwa die Hälfte der Schule habe sich am letzten Streik beteiligt, und dieser sei auch von den Lehrern unterstützt worden.. Eine Lehrerin habe sogar einen Ausflug zum Streik organisiert.

Es gebe jedoch auch andere Vorgehensweisen an anderen Schulen, erzählt sie mir, etwa wenn Lehrer dagegen seien. Auch in Familien gebe es große Meinungsverschiedenheiten. Das hänge oft damit zusammen, dass in privilegierteren Familien noch Geld für Urlaub übrig sei. Dann müsse man nicht aus finanziellen Gründen zur Bundeswehr gehen. Andere hingegen müssten sich das ernsthaft überlegen — aufgrund von wirtschaftlichen Anreizen.

Ein starker Anreiz könne zum Beispiel sein, sein Abitur bei der Bundeswehr zu machen — und das in deutlich kürzerer Zeit. Mancher Abschluss dauere dort nur sechs Monate statt eines ganzen Jahres.

Repressionen gegen streikende Schüler

Tausende Schüler haben sich vor dem Brandenburger Tor versammelt, laut Veranstalter waren es 5.000 Teilnehmer, laut Polizei 1.800. Die Demo wurde von den Streitkomitees der Schulen organisiert und ist Teil bundesweiter Proteste gegen die Wehrpflicht.

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Schulstreik in Berlin, Brandenburger Tor, 8. Mai 2026. Foto: Angela Mahr

Die Stimmung ist laut, lebendig, durchweg friedlich und auch bunt. „Die Reichen wollen Krieg, die Jungen wollen Zukunft“ wird skandiert, ebenso: „Kein Mensch, kein Cent, der Bundeswehr“ und manchmal auch „Friedrich Merz an die Front“.

Der BlackRock-Bundeskanzler Deutschlands bekommt auf einigen satirischen Plakaten die Quittung für die Sanktionen, die einige Streikende bereits für ihre politische Aktivität abbekommen haben.

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Schulstreik in Berlin, Brandenburger Tor, 8. Mai 2026. Foto: Angela Mahr

Im Dezember 2025 hatten Stuttgarter Schüler Post von der Bußgeldstelle des Ordnungsamtes bekommen, weil sie während des Streiks im Unterricht gefehlt hatten. Die Jugendlichen mussten schließlich 20 Euro Verwarnungsgeld bezahlen. Theoretisch sind etwa in Nordrhein-Westfalen bis zu 5000 Euro Bußgeld möglich, wurde aber noch nie verhängt. Die enorme Summe dient wohl eher der psychologischen Abschreckung oder Einschüchterung Widerständiger. Bußgelder adressieren dabei die zunehmend wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsgruppen — ebenso wie die zahlreichen Anreize der Bundeswehr für junge Leute.

In Schweinfurt, Kassel und weiteren Städten hatten Schulleitungen für den Streik am 5. März eine Attestpflicht verhängt, um Schüler von den Streiks fernzuhalten.

In Stuttgart und Bonn verschlossen Schulleitungen die Schultore, als die Streikdemonstrationen an den Schulen vorbeizogen, um die Schüler davon abzuhalten, sich den Streiks anzuschließen. Eine absurde Vorstellung.

In Berlin und München griff die Polizei im März zu Verhaftungen: Rufe und Plakate mit Aufschriften wie „Merz leck Eier“ und „Merz, stirb doch selbst an der Ostfront“ wurden als Begründung genannt, um Schüler festzunehmen.

Diese Repressionen hielten die Schüler aber nicht davon ab, weiterzumachen. Offensichtlich sorgten sie vielmehr für noch mehr Satire, Songs und Subkultur.

Selbstbestimmt statt instrumentalisiert

Soweit sich Strömungen durch Farben oder Schilder bemerkbar machen, sind es linke Strömungen. Insgesamt geht es jedoch um das Thema selbst und nicht um Selbstdarstellung. Alles was gesprochen wird, wirkt authentisch — eine Demo, die zu diesem Zeitpunkt offenbar noch niemand gekapert hat.

Keine Jugendbewegung ist davor gefeit, instrumentalisiert zu werden. So hatte die Bewegung Extinction Rebellion zunächst eine große Bandbreite an Umweltthemen auf dem Schirm — und plötzlich ging es fast nur noch um das Klima, das für sämtliche Übel der Welt herhalten musste. Die Rebellion musste also die Extinction (Auslöschung) der Bandbreite ihrer ursprünglichen Ziele miterleben. Ähnliches kann jeder Bewegung blühen, die nicht sehr wachsam ist.

Die Linke unterstützt gegenwärtig das Ziel der Schulstreiks und läuft mit Namen und Plakaten mit. Wo waren diese Leute, als man Soldaten zur Corona-„Impfung“ zwang?

Geldstrafen, Disziplinarverfahren wegen „Befehlsverweigerung“ und fristlose Entlassungen waren unter anderem die Folgen.

Der authentische Ursprung einer Antifa spricht aus den jugendlichen Rufen „Alerta Alerta Antifascista!“ zu Beginn des Demonstrationszuges. Werden sie bemerken, wann und wo der bezahlte Flügel der Antifa aktiv wird, der jede noch so demokratisch und friedlich angesetzte Demo gegen die Coronapolitik diffamierte? Offene Fragen — verbunden mit meiner Hoffnung, dass die Wachsamkeit und Skepsis gegenüber solchen Dynamiken insgesamt vielleicht inzwischen angestiegen sind.

Die Jugendlichen hier sind insgesamt besser informiert als viele Menschen, die seit Jahrzehnten die Politik miterleben — oder sie vielleicht auch eher mit-erleiden als mitgestalten.

Ein Sprecher verweist auf die deutsche Geschichte, auf Konzerne wie BASF und Bayer sowie deren Rolle unter dem damaligen Namen IG Farben während des Nationalsozialismus und auf weitere Profiteure des Zweiten Weltkriegs.

July ist Schülerin am Gottfried-Keller-Gymnasium und aktiv in einem der Streikkomitees. Sie ist die erste Rednerin:

„Wir wissen nicht, ob wir nicht schon bald an der Front stehen und für die Interessen der Großkonzerne kämpfen müssen. (…) Lasst euch nicht verarschen. Die Medien berichten nicht neutral. Sie verharmlosen. ‚Nur eine Übung‘, ‚nur für die Verteidigung‘, ‚wir müssen abschrecken‘. Erkennt die Propaganda. Sprecht sie an und lasst es niemals unkommentiert!“

Die Orga kündigt auch „Awareness-Teams“ an. Sie sind in weißen T-Shirts unterwegs. Wer sich unwohl fühlt, Unterstützung braucht, darf sich an sie wenden. Manch ein Veranstalter könnte viel von den jungen Leuten lernen.

Die streikenden Schüler haben meine Solidarität. Es wird allerhöchste Zeit, dass sich die Deutschen an das erinnern, was wir aus unserer Geschichte gelernt haben müssten: Nie wieder Krieg — und das bedeutet vor allem auch: Frieden mit Russland.


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