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Der Maßnahmen-Jetlag

Der Maßnahmen-Jetlag

Über Mitternacht entfiel die Maskenpflicht im Fernverkehr — nie war ihre Absurdität deutlicher.

Es ist Mittwoch, der 1. Februar 2023, eine halbe Stunde vor Mitternacht. Ich warte am verlassenen Augsburger Hauptbahnhof. Um 23:44 Uhr soll der Intercity aus Zürich einfahren und mich über Mitternacht nach München bringen. In der ersten Hälfte der Fahrt gilt die Maskenpflicht, ab der zweiten darf die Maske abgenommen werden.

Was für ein Hin und Her das wohl für die aus Zürich reisenden Fahrgäste sein muss? Diese durften unmaskiert um 18:30 Uhr in Zürich den Zug besteigen und bis Schaffhausen frische Luft schnuppern. Doch irgendwann in der Viertelstunde zwischen Schaffhausen und dem baden-württembergischen Singen (Hohentwiel), beim Übertreten der schweizerisch-deutschen Grenze, mussten dann die Kaffeefilter über das Gesicht gestülpt werden, ehe sie dann circa 4,5 Stunden später, kurz vor München-Pasing, wieder abgesetzt werden durften.

Um Zeit und Geld zu sparen, hatte ich mir für den Übertritt von der einen Maßnahmen-Dimension in die nächste eine kurze Zugstrecke in diesem knapp bemessenen Zeitraum ausgesucht. Der Minutenzeiger bewegte sich auf die Acht zu, und im Osten erschienen bereits die Frontlichter der herannahenden Intercity-Lokomotive. Ich verspürte eine leichte Aufregung. Für den Fall der Fälle hatte ich noch eine frisch verpackte FFP2-Maske mit „Bußgeldschutz“-Aufdruck in der Seitentasche. Man weiß ja nie.

Der Zug fuhr ein und die ersten grauen Wagons zogen an mir vorbei, vielleicht zu einem Drittel besetzt. Ich versuchte, einen Blick auf Fahrgäste zu erhaschen, die keine Maske trugen. Quietschend kam der Intercity zum Stehen, und mit einem lauten Klacken öffneten sich die Türen. Ich betrat die Fahrgastkabine zu meiner Rechten. Im Wagon saßen etwa ein Dutzend Fahrgäste. Alle maskiert. Mich und mein unmaskiertes Gesicht würdigten sie jedoch keines Blickes.

Ich nahm auf einem der bequemen Polstersitze Platz und legte schon mal meine Fahrkarte und Bahncard auf den herunterklappbaren Tisch am Rücken der Sitzlehne meines Vordermanns. Sanft fuhr der Zug an und rollte gemächlich in Richtung München. Gerade als wir den Bahnsteigrand passierten, drang die Begrüßung des Zugbegleiters durch die Lautsprecher:

„Bitte beachten Sie die Pflicht zum Tragen einer Mund- und Nasenbedeckung in den Fernverkehrszügen der Deutschen Bahn. Die Maske muss über dem Mund und der Nase sitzen!“

Ich rollte mit den Augen. Wenn die Bahn es doch nur mit der Pünktlichkeit genauso streng nähme, dann wären die Züge ebenso verlässlich wie in dem Land, aus dem der Intercity gerade kam.

Es dauerte nicht lange, da kam auch schon der etwa 1,80 Meter große Schaffner mit FFP2-Maske im Gesicht und dem Ticketentwertungsgerät in der Hand. Ich reichte ihm Ticket und Bahncard.

„Wo ist Ihre Maske?“, blaffte er mich an, ohne von meinem Ticket Notiz zu nehmen. Ich sah ihn verwundert an. „Die gilt doch seit dem 2. Februar nicht mehr?“, fragte ich ihn. „Heute ist der 1. Februar“, entgegnete er mir knapp und streng.

Ich mimte einen Ausdruck des Erstaunens und zückte mein Handy, um auf die Uhr zu blicken. „Es ist 23 Uhr 50, Sie wollen, dass ich die letzten zehn ...“ „Ziehen Sie jetzt eine Maske auf, oder ich informiere die Bundespolizei, die dann am nächsten Bahnhof auf sie wartet!“

Unter großer Mühe, mir das Lachen zu verkneifen, fischte ich meine FFP2-Maske aus der Jackeninnentasche, riss die Plastikverpackung auf und zog mir das Ding über Mund und Nase. Dieser Geruch! So lange hatte ich dieses Teil schon nicht mehr getragen und ganz vergessen, wie die Maske aus der Schuhfabrik „duftet“.

Indes hatte sich der Schaffner an meinem Ticket zu schaffen gemacht und es entwertet. „In neun Minuten können Sie dann die Maske wieder absetzen“, knurrte er und ging dann weiter im Wagon. Fassungslos darüber, dass der Schaffner die Regeltreue eines preußischen Beamten an den Tag legte, blickte ich erst einmal in die dunkle Nacht hinaus. Dann zückte ich abermals mein Handy und öffnete die Seite der Atomuhr. Um Punkt Mitternacht wollte ich diese schreckliche Maske von meinem Gesicht reißen und zusehen, ob meine restlichen Fahrgäste es mir gleichtun würden.

23:57, 23:58, 23:59 Uhr. Mitternacht rückte immer näher, näher und näher, und dann geschah — nichts. Nichts, abgesehen davon, dass ich mir mit einem lauten Atemzug die Schnabelmaske vom Gesicht riss. Doch außer mir tat dies keiner.

Der Zug leitete die Bremsung ein und glitt langsam auf den Bahnhof München-Pasing zu, während ich Richtung Ausgang ging. In dem gummiumhüllten Bereich zwischen den Wagons begegnete mir abermals der Schaffner. Immer noch maskiert. Ich, der demonstrativ von dem Recht auf Unmaskiert-Sein Gebrauch gemacht hatte, grinste ihn an. „Sie dürfen das Ding doch jetzt auch abnehmen!“, ermunterte ich ihn. Wortlos und zornig funkelnd entließ er mich in die kalte Nacht.

Die Bahn bleibt klassisch

Das oben Beschriebene hat sich so nicht zugetragen. Es entsprach meiner Vorab-Fantasie dessen, wie die Bahnfahrt verlaufen würde. Denn tatsächlich sollte es ganz anders kommen. Ja, ich wartete tatsächlich in dieser windigen, kalten Nacht des ersten Februars in Augsburg auf besagten Intercity aus Zürich, um damit über Mitternacht nach München zu fahren. Doch nun, da ich dies so schreibe, dämmert Ihnen vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, woran dieses Experiment scheitern sollte: Der Zug hatte Verspätung. Und zwar deutlich mehr als die sechs Minuten, ab denen die Bahn einen Zug als verspätet ausweist. Mehr als eineinhalb Stunden verspätet sollte der Intercity aus Zürich anrollen.

Gut, das hätte ich mir eigentlich denken können. Hätte ich mich vorher informiert, hätte ich gewusst, dass meine Chance, genau in diesem knappen Zeitraum einen pünktlichen Fernverkehrszug zu erwischen, bei gerade mal 65,2 Prozent lag.

Damit war nun der ganze Witz aus der Sache draußen. Wenn ich um Viertel nach eins den Intercity betreten würde, wäre die Maskenpflicht schon seit über einer Stunde aufgehoben. Ich wartete also natürlich nicht über 90 Minuten an der Dauerbaustelle des Augsburger Hauptbahnhofs, an der nicht einmal eine Toilette offen hatte, sondern nahm frustriert den nächsten Regionalzug nach München, den ich freilich unmaskiert betreten durfte.

Das ist wohl die Wissenschaft, von der immer alle reden. Wie kreischen MaiLab und Carolin Kebekus in ihrem Foltersong „Science ist meins“:

„Wissenschaft ist das, was uns die Richtung weist/
anscheinend nicht so deins/
aber Science ist meins“

Also, wenn das „Science“ sein soll, dann ist es wirklich nicht so meins, sondern in meinen Augen vielmehr ein Entfremden und Missbrauchen der Wissenschaften zu dem Auftragszweck, politische Maßnahmen zu legitimieren, indem ihnen ein wissenschaftliches Gewand umgehängt wird. Mit dem Wissenschaftsverständnis, welches mir im ersten Semester vermittelt wurde, hat das dies rein gar nichts mehr zu tun.

Warum Menschen in einem Regionalzug keine Maske und in einem Fernverkehrszug eben schon eine tragen müssen oder mussten, kann nun wirklich niemand mehr wissenschaftlich begründen. Neu ist diese Widersinnigkeit dabei keineswegs.

Zum Beginn der Plandemie war es nämlich genau umgekehrt: Zuerst galt die Tragepflicht in Regionalzügen und erst ab Mitte Mai (!) 2020 in den Fernverkehrszügen.

Was darauf folgte, sollte nicht nur nicht in Vergessenheit geraten, sondern muss konsequent aufgearbeitet werden. Menschen wurden — teils unter schadenfrohem Applaus — reihenweise aus den Zügen geschmissen, weil sie von ihrem Recht auf freies Atmen Gebrauch gemacht hatten. Manche Zugschaffner, nun mit ganz neuen Befugnissen ausgestattet, entdeckten ihre Autoritätsgelüste, lebten diese teils ungestüm aus und schwangen sich zum machtpotenten Gesundheitssheriff auf. Auch darf niemals in Vergessenheit geraten: Bei einem bundesweiten Aktionstag zur Kontrolle der Maskenpflicht im Dezember 2020 kontrollierten Bundespolizisten mit Maschinenpistolen (!) die Einhaltung des Maskentragens.

Und nun flattern nach fast drei Jahren die Masken von den Gesichtern und es wird so getan, als sei nie etwas geschehen. Leider konnte ich nicht mit eigenen Augen Zeuge dessen werden, was sich um Mitternacht zwischen dem 1. und 2. Februar auf bundesdeutschem Gebiet in den Fernverkehrszügen abspielte. Ich konnte nicht sehen, ob die Masken mit einem Paukenschlag von den Gesichtern gerissen wurden oder ob es nur ein sanftes Dahingleiten von der einen Maßnahmenzone in die nächste gab. Ob die Menschen irgendwann gegen ein Uhr morgens mit Blick auf die Uhrzeit feststellten, dass sie die Maske nicht mehr tragen mussten, sie dann aber aus Gewohnheit noch aufbehielten.

Gott sei Dank ist dem Medienspiegel vielfach der Hinweis zu entnehmen, dass Fahrgäste die Maske selbstverständlich weiterhin tragen dürfen. Wichtiger Hinweis! Manch einer wäre in diesem Land nach diesen drei Jahren ohne klar formulierte Gebote und Verbote wohl vollkommen handlungsunfähig.

Schlussbetrachtung

Der Spuk ist vorbei und der helle Bahnsinn reduziert sich jetzt wieder auf die altbekannten Probleme wie Zugverspätungen und -ausfälle. Jedoch muss bei Letzteren die Frage gestellt werden, inwieweit dies ebenfalls mit den Corona-Verbrechen zusammenhängen könnte. So wie die Maskenpflicht ein Verbrechen darstellte, zeitigen auch die Corona-Spritzen ihre Wirkung in Gestalt einer Übersterblichkeit und explodierender Krankenstände, die sich auch bei der Bahn bemerkbar machen. Die Leitmedien thematisieren dies nur fragmentiert und berichten lediglich über die krankheitsbedingten Personalengpässe in einzelnen Regionen und Bundesländern, anstatt das große, zusammenhängende Bild eines deutschlandweiten Krankenstandes bei der Bahn zu zeigen.

Doch bei der Bahn geht es nun weg von Corona, hin in eine andere Richtung. Wohin, das zeigt ein Social-Media-Bild der Regionalbahn von Baden-Württemberg gar nicht mal so subtil:

Bild

Foto: © bwegt


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