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Der neue Caligula

Der neue Caligula

Donald Trump wird von Kritikern seit geraumer Zeit mit dem römischen Kaiser Gaius Caeser Augustus Germanicus genannt Caligula verglichen. Der soll verrückt gewesen sein — wie der US-Präsident. Was ist dran an dieser Einschätzung?

Bereits das Römische Kaiserreich kannte einen Verrückten: Gaius Caesar Augustus Germanicus, Sohn des Nero Claudius Germanicus, der wiederum Großneffe von Kaiser Augustus war. Berühmt wurde der Sohn als Caligula — was „Stiefelchen“ bedeutet. Als Kind soll er schon am Rhein in kleinen Soldatenstiefeln herummarschiert sein, während sich sein Vater dort mit Germanenstämmen herumschlug. Caligula war der dritte Kaiser Roms. Seine Herrschaftszeit dauerte nur vier Jahre — von 37 bis 41 nach Christus. Bekannt ist, dass Caligula ein Verrückter war. Durchgeknallt und geistesgestört! Deswegen ziehen heute viele diese Vergleiche zwischen jenem Kaiser und dem aktuellen US-Präsidenten. Und durchaus haben beide Gemeinsamkeiten. Wenn auch nicht unbedingt die vermeintliche Verrücktheit.

Ferndiagnostiker allerorten

Die Weltöffentlichkeit scheint sich nicht darüber einigen zu können, welcher Vergleich im Falle Donald Trumps am treffendsten ist. Der mit Hitler oder Mussolini — oder dann lieber mit jenem Kaiser, dem man nachsagt, er sei geistig degeneriert gewesen. Zuletzt scheint der Caligula-Vergleich die Oberhand gewonnen zu haben. Vielleicht auch, weil das Imperium der Amerikaner teils frappierend an das Römische Reich erinnert. So spricht der Historiker Stephen Dando-Collins bei History News Network vom „Mad Emperor of Rome“ und diskutiert ausdrücklich Trumps „questionable mental state”. Ähnlich Martin Longdale in *Washington Monthly: Er sieht bei Trump — mit Rückgriff auf Caligula — einen Fall von „klarer Geisteskrankheit”. Der renommierte US-Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman glaubt gar, dass Trump Caligula besser aussehen lasse, weil er offenbar noch verrückter sei als der alte Römer — so schrieb er es schon vor längerer Zeit in der *New York Times.

Die deutsche Presse steht da selbstverständlich nicht nach. In der Frankfurter Rundschau erklärt Althistoriker Christian Mark auf Nachfrage, dass sich Trump „auch mit (...) Figuren der römischen Geschichte vergleichen (ließe), mit Caligula oder Nero zum Beispiel”. René Pfister stellt indes im Spiegel fest, dass „der Caligula der Gegenwart” Trump heiße. Auch Lena Wachter geht bei BR24 dieser Frage nach, wie viel Caligula im US-Präsidenten stecke. Und der berühmte Publizist Heribert Prantl empfiehlt auf seiner Webpräsenz ein Drama von Albert Camus namens „Caligula”, welches er mit der Überschrift „Donald Caligula” titelt. Diese Liste von Publikationen, Artikeln, Kommentaren und Blogbeiträgen ließe sich in der Tat schier endlos erweitern. Caligula ist überall — seine kaiserliche Verrücktheit polarisiert offenbar die politischen Beobachter noch fast 2.000 Jahre nach seinem gewaltsamen Ende.

Alle sind sich indes einig, dass der römische Kaiser geistig nicht bei voller Gesundheit war. Und allzu viele wissen heute auch sicher, dass Donald Trump mentale Probleme hat. Härter ausgedrückt: Dass er verrückt und völlig durchgeknallt ist. Und das per Ferndiagnose.

Über solche Verfahren ohne Sichtung eines Patienten regt man sich gemeinhin nur auf, wenn die Rentenkasse einen Antragsteller auf Frührente nicht selbst zum Amtsarzt schickt, sondern einfach nur das Konvolut seiner Arztbriefe und Befunde einem solchen Mediziner zukommen lässt. Ohne Sichtung des Antragstellers Schlüsse zu ziehen: Das hält man im Regelfall für nicht statthaft. Aber bei Staatsleuten, die einen wegen ihrer Politik und ihrer Positionen nerven, finden es zu viele in Ordnung, auf die Ferndiagnose irgendwelcher Experten zu setzen. Dabei lässt sich nur zweierlei in der Tat sicher sagen: Wie es Donald Trump psychisch geht, weiß nur sein Leibarzt. Und außerdem weiß man ganz und gar nicht sicher, ob der römische Kaiser verrückt war.

Ein Pferd als Konsul

Geschichte wird immer von den Siegern geschrieben. Oder von denen, die übrig- und zurückbleiben. Denn Tote können keine Widerworte mehr geben. Caligula hat in seiner Zeit als Kaiser des Römischen Reiches vielen Aristokraten vor den Kopf gestoßen. Maßgeblich hatte das mit seinem Vorgänger zu tun: Tiberius Iulius Caesar Augustus, dem ungeliebten Adoptivsohn des großes Augustus. Kaiser Tiberius war — so würde man es heute ausdrücken — nicht gerade ein Kommunikationstalent. Anders als sein Adoptivvater und Vorgänger bemühte er sich weder um freundschaftliche Bande zur Aristokratie, noch brachte er zum Ausdruck, was er vom Senat forderte — das ging so weit, dass Senatoren verunsichert waren, wie sie zu gewissen Themen Stellung beziehen sollten. Die Furcht ging um, den Kaiser vor den Kopf zu stoßen — und da er auch keine Freundschaften mit Aristokraten pflegte, etablierte sich im Laufe seiner 23-jährigen Regierungszeit ein System der Intrigen und der Denunziation.

Die lex majestatis diente ursprünglich dazu, Vergehen gegen die Hoheit des römischen Gemeinwesens zu ahnden. Mit dem Gesetz sollten Fahnenflucht, Volksverhetzung und schlechte Amtsführung von Magistraten verfolgt werden — unter Tiberius nutzte man es, um kritische Worte gegen den Kaiser justiziabel zu machen. Der römische Adel setzte traditionell auf ein System der Patronage — dass der Kaiser diese nun links liegen ließ, für keinen der Ihren zugänglich war, ließ die hohen Herren um seine Gunst buhlen. So entstand ein Denunziationswettbewerb. Wenn dabei nebenher noch lästige Nebenbuhler ausgeschaltet wurden, indem sie verbannt oder gar getötet wurden, erfreuten sie sich dieses für sie erfreulichen Nebeneffektes.

Auf diese Weise entstand während der Jahre des Kaisers Tiberius ein Klima der Missgunst, des Misstrauens und des fortwährenden Verrates — selbstverständlich unterstellte man auch unschuldigen Zeitgenossen, sich gegen den Kaiser versündigt zu haben.

Es versteht sich von selbst, dass in wenigen Sätzen nicht die gesamte Gemengelage jener Zeit dokumentiert werden kann. Ein Blick in die Caligula-Biographie von Aloys Winterling lohnt sich daher. Der Historiker zeichnet auch ein Gesellschafts- und Sittenbild dieser Jahre, denn es war die Zeit, in der Caligula sozialisiert wurde — zumal seine Familie selbst denunziert wurde.

Caligula hatte also mit dieser Gruppe der Aristokraten, diesem Geschlecht von Karrieristen und Opportunisten eine Rechnung zu begleichen. Der fortwährenden Kultur der Missgunst sollte Einhalt durch kaiserliche Kraft geboten werden. Caligula behandelte diese Herren mit purer Verachtung — und mit Grausamkeit. So ließ er sie offenbar gerne über Stunden gebeugt neben seiner Sänfte herlaufen. Eine Episode erlangte dabei Weltruhm und beschäftigt die Nachwelt noch immer: Sein Lieblingspferd sollte zum Konsul erhoben werden. Die Zeitgenossen hielten das, so berichten die Geschichtsschreiber, für eine Verrücktheit sondergleichen. Fraglich ist indes, ob sich diese Geschichte wirklich so ereignete, schließlich haben die Aristokraten und Chronisten nach Caligulas Tod mit großer Wonne Dreck auf den getöteten ehemaligen Kaiser, dessen Andenken, wenn man es schon nicht komplett vergessen machen konnte — die damnatio memoriae griff nicht immer vollumfänglich —, so doch wenigstens beschmutzt werden sollte.

Die Episode vom Pferd könnte man aber auch anders lesen: Caligula hätte mit dieser Aktion zum Ausdruck bringen wollen, dass selbst ein Pferd für einen hohen Beamtenposten moralisch geeigneter ist als irgendjemand aus dem aristokratischen Establishment der Urbs.

Winterling behandelt natürlich auch die mögliche Verrücktheit Caligulas, stellt in den Raum, dass das Andenken absichtsvoll befleckt wurde und kann — wie auch? — keine Diagnose stellen.

Verrücktes früher und heute

Zu jener Zeit gab es ohnehin noch keine gesicherten Diagnosen. Verrücktheit wurde nicht nach psychologischen Kriterien angenommen, sondern aus einem Gefühl verletzter Konventionen heraus. Seinerzeit konnte ein Feldherr schon deswegen als vollkommen irre betrachtet werden, weil er die Überlebenden eines widerständigen Barbarenstammes nicht einfach ermorden ließ, sondern ihnen das Leben schenkte. Die Römer liebten zwar den Großmut — aber nicht die Fahrlässigkeit. Und eine solche Unterlassung hätten zumindest die innenpolitischen Feinde eines solchen Heerführers sofort ausgenutzt, um seinen Geisteszustand öffentlich in Frage zu stellen. Rom kannte auch sogenannte „gute Kaiser” — es waren fünf an der Zahl: Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius und Marcus Aurelius. Sie herrschten zusammen etwas weniger als ein Jahrhundert — ihre Zeit brach etwa 50 Jahre nach Caligulas Ermordung an. Doch auch sie könnten, wollte man ihnen etwas Übles nachsagen, als degenerierte und geistig nicht ganz gesunde Herrscher aufgefasst werden.

So ließ etwa Hadrian seinen ums Leben gekommenen Geliebten — einen Jüngling namens Antinoos — zum Gott erheben. Ein Schritt, den man Kaiser Nero 70 Jahre zuvor noch übelnahm, als er seine verstorbene Gattin Poppaea vergöttlichte. Der Philosophenkaiser Marcus Aurelius verübte Massaker an Gefangenen. Auf der Siegessäule, die seinen Namen trägt und auf der Plaza Colonna in Rom steht, finden sich Reliefs, die diesen Akt der Brutalität dokumentieren. Solche Taten hielt man nicht verborgen, man ließ die Bürger wissen, wie hart man gegen Feinde vorging — mit auf dem Rücken gefesselten Händen standen die besiegten Gegner vor den römischen Legionären und warteten auf ihren Tod. Doch niemand kategorisierte all jene Männer als verrückt. Im Gegenteil, einige gelten bis heute als ausgewiesen gute Kaiser — ihre Prinzipate gelten als goldenes Zeitalter und mancher wird noch immer als feiner Geist und Denker betrachtet.

Gleichwohl gibt es freilich Parallelen zwischen Caligula und Trump. Und es ist nicht die vermeintliche Verrücktheit, von der man ohnehin nichts Genaues weiß. Was sie teilen: Beide stehen gegen das Establishment ihrer Zeit und pflegten ihren Argwohn gegen die Systemaristokraten. Für beide trifft zu, dass sie Freude daran haben, den hohen Herrschaften grausam vor den Kopf zu stoßen und sie zu brüskieren. Und ja, beide verstehen sich als Schauspieler — Caligula zwang seinem Umfeld gerne und häufig auf, ihn als Mimen zu bewundern. Der Vergleich, so wie er angewandt wird im öffentlichen Diskurs heute, ist ein dummer Streich von politischen Beobachtern, die händeringend ihre Expertise unter Beweis stellen wollen und dafür von Prämissen ausgehen, von denen man nichts Genaues weiß. Dabei bemerken sie außerdem offenbar nicht, dass sie der modernen und wissenschaftlichen Auffassung von psychischen Störungen eine Abfuhr erteilen und die altertümliche Lesart etablieren. Damals galt Verrücktheit als Makel, als Ausdruck eines schwachen Charakters und damit auch als Schuld. Heute betrachten wir solcherlei Störungen als Krankheit — und damit entziehen wir dem Patienten zu recht die Schuldfähigkeit. Taugt also so ein Vergleich, wo er ohnehin vielleicht nur das Produkt antiker Chronisten ist, die verärgert waren über jenen Kaiser und ihn vor der Geschichte strafen wollten? Und ist Verrücktheit überhaupt ein Ansatz, mit dem man Trump schmähen könnte? Wäre er tatsächlich verrückt, wäre damit ja alles entschuldigt, was unter seiner Regierung geschieht.


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