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Deutschlands Wiedergeburt

Deutschlands Wiedergeburt

Das Hambacher Fest 1832 gilt als Wiege der deutschen Demokratie — wenn wir nicht aufpassen, schaufelt unsere Generation ihr das Grab.

Das Hambacher Schloss ist ein annähernd würfelförmiges Gebäude, das sich gleichsam auf einem Wellenkamm inmitten eines Meeres von Bäumen erhebt: Wir befinden uns in den Ostausläufern des Pfälzer Waldes, oberhalb des Städtchens Neustadt an der Weinstraße. Die Region wirkt „deutscher“ als andere innerhalb unseres Staatsgebiets. Das Schloss befindet sich just an der Grenzscheide zwischen von Weinstöcken bepflanzten Hängen und dem ebenso mythenumrankten wie klischeebeladenen deutschen Wald, malerisch ergänzt durch bizarre Felsformationen, Burgruinen und Fachwerkstädtchen. Man kann sich hier in Gedanken relativ leicht in vergangene Zeiten hineinversetzen. Zum Schloss führt eine gewundene Straße mit Parkplätzen oder — zu Fuß — der erinnerungsträchtige Siebenpfeiffer-Weg. Man atmet frei, wenn man vom Schloss ins Tal blickt, als hätte man sich über die Niederungen gegenwärtiger politischer Kämpfe erhoben.

Das Schloss finden wir nicht mehr in der Gestalt vor, die es anlässlich des Hambacher Fests von 1832 hatte. Damals war es noch eine Ruine. Seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts wurde es in mehreren Bauphasen zu einem vollständigen, jedoch etwas schmucklos und klotzig wirkenden Gebäude ergänzt, das man kaum um seiner selbst willen besucht — eher wegen des dort oben wehenden Helmut Kohl’schen „Mantels der Geschichte“. Hauptanziehungspunkt für Reisende ist die Dauerausstellung „Hinauf, hinauf zum Schloss!“ im obersten Stockwerk mit vielen Erinnerungsstücken, historischen Erklärungstafeln sowie von Schauspielern eingesprochenen, als Audiodateien abrufbaren Originalreden mehrerer Hambach-Helden von 1832. Eines der wenigen Ereignisse deutscher Geschichte, die „nur mit guten und positiven Dingen in Verbindung gebracht werden können,“ erklärte der YouTube-Geschichtslehrer Mirko Drotschmann in einem Lehrfilm zum Hambacher Fest.

Aussöhnung mit einer schwierigen Heimat

Es ist schwer zu glauben, dass es so etwas hierzulande gegeben hat. Bekanntlich tragen wir Deutschen schwer an unserer Geschichte. Wenn wir uns nicht ohnehin fast ausschließlich auf die Nazi-Diktatur fokussieren, fallen uns vielleicht noch der preußische Militarismus, Kaiser Wilhelms Kanonenbootpolitik sowie die Tatsache ein, dass Martin Luther und Richard Wagner Antisemiten waren. Richtig ist, dass Zweiter Weltkrieg und Holocaust kein „Vogelschiss deutscher Geschichte“ waren, sondern eines der ganz großen inhumanen Verbrechen in der Weltgeschichte.

Richtig ist auch, dass dieses negative Großereignis eingebettet war in Strömungen der Geschichte, die zu ihm hinführten, und solchen, die von ihm ausgehend in späteren Jahrzehnten weiterwirkten. Und obwohl sich die Schrecken der Nazi-Ära heute nicht in genau derselben Weise wiederholen:

Eine freundlichere Einstellung zum eigenen Land ist schwer zu entwickeln in einer Zeit, in der der hässliche Deutsche in der Gestalt des hyperangepassten, denunzierenden, Andersdenkende gnadenlos ausgrenzenden Corona-Untertanen wieder auferstanden ist.

Dennoch gibt es eine Lichtspur in der deutschen Geschichte, der nachzuspüren sich lohnt. Eine Sehnsucht nach Freiheit, Würde und Bürgerselbstbestimmung zieht sich durch die Jahrhunderte, die uns inspirieren und motivieren kann — mag sich auch damals wie heute immer nur eine Minderheit der Deutschen dafür begeistern lassen. Es geht nicht darum, sich unter Verdrängung der dunklen Seiten in einen für die Tatsachen blinden Neopatriotismus hineinzusteigern; vielmehr sollte unser Bild von Deutschland möglichst vollständig und möglichst gerecht ausfallen. Für manche, die sich durch permanente kollektive Selbstbeschimpfung der Art „Deutschland verrecke!“ von einer gefühlten Kollektivschuld reinwaschen möchten, könnte eine vertiefte Beschäftigung mit der eigenen Geschichte sogar zu der Erkenntnis führen, das Land sei in vielem besser als sein Ruf.

Es gibt positive Vorbilder, an denen man sich als Oppositioneller im 21. Jahrhundert durchaus orientieren kann — mag die Sprache der historischen Helden auch zeittypisch verstaubt und überpathetisch anmuten. Es geht dabei nicht darum, andere Nationen abzuwerten. Dies wäre speziell im Kontext des Hambacher Fests absurd, dessen Protagonisten sich explizit mit den Freiheitsbewegungen der ganzen Welt verbrüdert haben, speziell mit Franzosen und Polen, die mit großen Delegationen auf dem Fest vertreten waren. Den Freiheits- und Demokratiebewegungen anderer Länder und Jahrhunderte gilt meine Sympathie. Deutschland geht uns nur deshalb buchstäblich nahe, weil wir quasi schicksalhaft hier hineingestellt wurden, um das Land — je nach Betrachtungsweise — zu genießen oder zu erleiden.

Aufhellung im Südwesten

Sich auf die Suche zu machen nach geschichtlichen Ereignissen, die inspirieren und für heute anstehende Auseinandersetzungen Mut machen, ist eine lohnende Aufgabe.

Jakob Grimm, Abgeordneter im Paulskirchenparlament von 1848: „Alle Deutschen sind frei, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.“

Natürlich konnten diese großen Worte langfristig nicht realisiert werden, der deutsche Boden erwies sich als geduldig, oft blutgetränkt, der idealistische Ausruf des Paulskirchenabgeordneten und Mitglieds der „Göttinger Sieben“ wirkt im Nachklang wie eines von Grimms Märchen. Es zeigt aber, dass es zumindest im Reich der Ideen schon sehr lange ein anderes Deutschland gibt: eines ohne Fürstenwillkür und Untertanen-Duckmäusertum.

Der Südwesten Deutschlands war vom Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine Keimzelle der Freiheit, Gegenbild insofern zum preußischen Militarismus und Autoritarismus. In Mainz wurde 1792 der Einmarsch französischer Revolutionstruppen von vielen als Akt der Befreiung begrüßt. Die Revolution schwappte auf jene Teile Deutschland über, die geografisch nahe bei Frankreich lagen. Im kurfürstlichen Schloss in Mainz tagten so genannte „Freiheitsfreunde“. Ihr Ziel: Mainz sollte eine Republik werden, mit freien Wahlen zu einem rheinisch-deutschen Nationalkonvent. Eine demokratische Verfassung wurde anvisiert.

Die „Mainzer Republik“, die nur während einiger Monate des Jahres 1793 Bestand hatte, war das erste teilweise demokratische Staatsgebilde auf deutschem Boden, lange vor dem Paulskirchenparlament 1848. Das kurzlebige Experiment wurde von preußischen Truppen mit Gewalt beendet, beteiligte Parlamentarier wurden misshandelt und eingekerkert. „Wir ermahnen alle unsere treuen Untertanen, uns Gehorsam zu leisten, ohne sich auch nur die mindeste Eigenmächtigkeit zu erlauben“, ließ der Kurfürst verlautbaren.

Nur ein Jahr nach ihrem Rückzug standen französische Truppen jedoch erneut vor den Toren von Mainz. Diesmal unter dem Befehl von Napoleon. Die Regionen links des Rheins sollten Teile des französischen Staatsgebiets werden. Rechtsrheinisch wurden die Länder Baden und Württemberg geschaffen, die unter französischem Einfluss blieben. Der Code Napoleon wurde als fortschrittliches Gesetzbuch eingeführt, mit in Deutschland zuvor unbekannten Freiheitsrechten, etwa weitgehender Pressefreiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz und dem Schutz des Privateigentums. Mit der Säkularisierung wurde auch eine strikte Trennung von Kirche und Staat vollzogen.

Das Imperium schlägt zu

Auch nach der endgültigen Niederlage Napoleons 1815 galt der Code Napoleon in ehemals von Frankreich besetzten Gebieten weiter. Die Pfälzer und andere Südwestdeutsche waren somit in gewisser Weise freiheitsverwöhnt. Ein weiteres frühes Parlament auf deutschem Boden war die Badische Ständeversammlung, die von 1819 bis 1822 im Karlsruher Stadtschloss tagte und zu deren wichtigsten Abgeordneten der freiheitliche Vordenker Johann Adam von Itzstein gehörte. Nachdem die zweite, bürgerlich besetzte Kammer — vergleichbar dem britischen Unterhaus — eine Aufstockung des Militäretats verweigerte, wurde sie vom Großherzog kurzerhand aufgelöst, Itzstein wurde strafversetzt. Demokratische Elemente waren in Deutschland lange prekär und mit dem Makel behaftet, von den Fürsten lediglich auf Zeit und unter Vorbehalt „gewährt“ worden zu sein.

Herrscher über die Pfalz war seit 1816 der bayerische König Maximilian II. Joseph, der mit der Bürgermitbestimmung und den Freiheitsrechten, die er aus der Franzosenzeit mit übernehmen sollte, erkennbar fremdelte. Wegen einer besonders hohen Steuerlast und hohen Zöllen auf die Einfuhr pfälzischer Waren — etwa des Weines — in andere deutsche Länder kam es im Südwesten zu einer verheerenden Wirtschaftskrise und grassierender Armut („Pauperismus“). Holz, der überlebenswichtige Brennstoff, wurde für die Einwohner erheblich verknappt und verteuert. Das verbreitete Sammeln von Reisig im Pfälzer Wald wurde als „Holzfrevel“ verfolgt, so dass sich rund ein Fünftel der Bevölkerung damals vor Gericht wiederfand. Obwohl der „Diebstahl“ erkennbar aus der Not geboren wurde, gingen die Behörden absolut brutal vor. Als Folge der verbreiteten Armut kam es zu einer Auswanderungswelle nach Amerika.

Gleichzeitig formte sich speziell in studentischen und intellektuellen Kreisen eine Oppositionsbewegung, die im Wartburgfest von 1817 einen ersten sichtbaren Höhepunkt fand. Anknüpfend an die Erfahrung der französischen Besatzung und der als bedrückend empfundenen deutschen „Kleinstaaterei“ war diese Bewegung patriotisch aufgeladen. Die Obrigkeit nahm dieses Ereignis zum Anlass für eine verschärfte Überwachung und Behinderung der Burschenschaften. Nach der Ermordung des Dichters August von Kotzebue durch den Studenten Karl Sand ging eine Welle staatlicher Repression durch die deutschen Länder, dirigiert vom österreichischen Staatskanzler Fürst von Metternich. Zu den berüchtigten „Karlsbader Beschlüssen“ von 1819 zählten ein Verbot der Burschenschaften, die Entlassung liberaler Professoren, die Überwachung der Universitäten, die Zensur der Presse und ein System der Bespitzelung und Verfolgung von Oppositionellen.

Erste „Alternativmedien“

Nach der französischen Julirevolution von 1830 fühlten sich liberale und nationale Kräfte in vielen Teilen Europas wieder im Aufwind. So kam es zu einem Aufstand der Polen gegen die russische Besatzung unter Zar Nikolaus I. Im Pfälzer Bürgertum machte sich eine regelrechte Polen-Begeisterung breit, man leistete den Aufständischen materielle und moralische Unterstützung, die von „Polenkomitees“ organisiert wurde. Fortschrittliche Bürger sahen die eigenen, deutschen Verhältnisse im Kampf der Polen gegen eine überwältigende Übermacht widergespiegelt und fühlten sich zu eigenen freiheitlichen Bemühungen ermutigt, die ihren Ausdruck unter anderem im Hambacher Fest von 1832 fanden.

Nach Unruhen der „Unterschichten“ musste eine Reihe deutscher Kleinfürsten ihren Bürgern widerwillig relativ fortschrittliche Verfassungen zugestehen. Pfälzische Abgeordnete legten sich offen mit ihrem damaligen Landesherrn, dem bayerischen König Ludwig I. an, der mit Unterdrückungsmaßnahmen regierte. Speziell in der Pfalz spielte in dieser Auseinandersetzung die oppositionelle Presse eine zunehmend wichtige Rolle. Herausragende Persönlichkeiten der damaligen „Alternativmedien“ waren der Homburger Landkommissar Philipp Jakob Siebenpfeiffer, der seit 1830 die Zeitschrift „Rheinbayern“ herausgab, sowie der Jurist Johann Georg August Wirth, Herausgeber der „Deutschen Tribüne“.

Beide standen in ständiger Auseinandersetzung mit den Zensurbehörden. Um den Kampf für die Pressefreiheit zu unterstützen, wurde im Januar 1832 der „Deutsche Vaterlandsverein zur Unterstützung der freien Presse“ — abgekürzt „Preßverein“ — gegründet, der bald 5.000 Mitglieder umfasste und Wesentliches zur Organisation der liberalen Opposition beitrug. Ziel der Bewegung war ein demokratischer deutscher Nationalstaat. Der Verein wurde im März vorübergehend verboten, Wirth wegen Hochverrats verhaftet, jedoch im April desselben Jahres freigesprochen.

Unmittelbarer Anlass des „Hambacher Fests“ war eine geplante Jubiläumsfeier zum Jahrestag der bayerischen Verfassung, die Bürger von Neustadt an der Weinstraße am 26. Mai 1832 auf dem Hambacher Schloss feiern wollten. Durch Einflussnahme Philipp Jakob Siebenpfeiffers wurde der Zweck des Festes jedoch „gedreht“, das Ereignis selbst um einen Tag auf den 27. Mai verschoben. Ein „Nationalfest“ war intendiert, das nicht die vom König „gewährte“ Verfassung, sondern die Freiheitsrechte und die intendierte deutsche Einheit feiern sollte.

In der Einladung formulierte Siebenpfeiffer, das Fest gelte „dem Kampfe für Abschüttelung innerer und äußerer Gewalt, für Erstrebung gesetzlicher Freiheit und deutscher Nationalwürde“.

Eingeladen waren ausdrücklich auch Frauen — damals alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Selbstermächtigung des Volkes

Tatsächlich wurde die Veranstaltungen von der Regierung des „Rheinkreises“ zunächst massiv behindert. Ein Verbot von öffentlichen Versammlungen mit mehr als fünf Personen, ebenso von Reden, hätte de facto das Ende des Hambacher Fests bedeutet. Parallelen zu heutiger obrigkeitlicher Praxis mag jeder selbst ziehen. Zum Glück wurde das Verbot aufgrund des Drucks einflussreicher Neustadter Bürger schließlich gekippt. Zum Fest kamen etwa 30.000 Menschen, die sich, wie ein berühmtes Gemälde zeigt, auf gewundenem Weg, fahnengeschmückt in Richtung Schloss wälzten — eine eindrucksvolle Massendemonstration.

Es gab Musik und Gesang, für Bewirtung war reichlich gesorgt. Politisch standen flammende Reden von Siebenpfeiffer, Wirth und anderen im Mittelpunkt. Das Fest verlief friedlich, war völkerverbindend und besaß trotz aller politischer Anklagerhetorik eine lebensfreundliche, freudvolle, fast sinnliche Kraft. Die Redner beschränkten sich nicht auf düsteren Hass auf die Unterdrücker, obwohl diese den sich erhebenden Gegenwind mehr als verdient gehabt hätten. Hoffnung, Begeisterung und Aufbruchstimmung prägten die Atmosphäre. Betrachtet man die Bevölkerungsgruppen, die anwesend waren, so war es übrigens eindeutig nicht Teil einer „proletarischen“ Erhebung, sondern ein Aufstand des Bürgertums.

Charakteristisch für das „Programm“ des Hambacher Fests und die dort herrschende emphatische Stimmung war die Rede Siebenpfeiffers, deren Wortlaut erhalten ist:

„Seit das Joch abgeschüttelt des fremden Eroberers, erwartet das deutsche Volk, lammfromm, von seinen Fürsten die verheißene Wiedergeburt; es sieht sich getäuscht, darum schüttelt es zürnend die Locken und drohet dem Meineid. Die Natur der Herrschenden ist Unterdrückung, der Völker Streben ist Freiheit.

Das deutsche Volk, wenn die Fürsten nicht ihren Wolkenthron verlassen und Bürger werden, wird in einem Moment erhabener Begeisterung allein vollenden das Werk, wovor der siechkranke Dünkel erschrickt, wovor die auszehrende Selbstsucht erbebt, und wogegen die hinsterbende Gewalt vergebens die Streiche des Wahnsinns in die Luft führt; das deutsche Volk wird vollbringen das heilige Werk durch einen jener allmächtigen Entschlüsse, wodurch die Völker, wenn die Fürsten sie an den Abgrund geführt, sich einzig zu retten vermögen. Dies der Gedanke des heutigen Festes, des herrlichsten, bedeutungsvollsten, das seit Jahrhunderten in Deutschland gefeiert ward — der Gedanke, der Tausende von ausgezeichneten deutschen Bürgern auf dieser Höhe versammelt und den Millionen andere Deutsche mitempfinden, der Gedanke der Wiedergeburt des Vaterlandes.“

Deutschland — „Wächter der Freiheit?“

In der Rede Wirths ist sogar von einer führenden Rolle Deutschlands im Befreiungskampf der Völker die Rede:

„Das Land, das unsere Sprache spricht, das Land, wo unsere Hoffnung wohnt, wo unsere Liebe schwelgt, wo unsere Freuden blühen, das Land, wo das Geheimnis aller unserer Sympathien und all’ unserer Sehnsucht ruht, dieses schöne Land wird verwüstet und geplündert, zerrissen und entnervt, geknebelt und entehrt. Reich an allen Hülfsquellen der Natur sollte es für alle seine Kinder die Wohnung der Freude und der Zufriedenheit seyn, allein ausgesogen von 34 Königen, ist es für die Mehrzahl seiner Bewohner der Aufenthalt des Hungers, des Jammers und des Elends.

Deutschland, das große, reiche, mächtige Deutschland, sollte die erste Stelle einnehmen in der Gesellschaft der europäischen Staaten, allein beraubt durch verräterische Aristokratenfamilien, ist es aus der Liste der europäischen Reiche gestrichen und der Verspottung des Auslandes Preiß gegeben. Berufen von der Natur, um in Europa der Wächter des Lichts, der Freiheit und der völkerrechtlichen Ordnung zu seyn, wird die deutsche Kraft gerade umgekehrt zur Unterdrückung der Freiheit aller Völker und zur Gründung eines ewigen Reiches der Finsterniß, der Sklaverei und der rohen Gewalt verwendet. So ist denn das Elend unseres Vaterlandes zugleich der Fluch für ganz Europa.“

Mögen diese Reden auch im Tonfall heutigen Lesern fremd sein, mag man Elemente pathostrunkener Überspannung und deutscher Erwähltheitsideologie darin entdecken, die auf schlimme Entgleisungen unserer Geschichte verweisen — der Hambacher Geist vermag bis heute zu inspirieren, vor allem als Aufruf zur Selbstermächtigung der Bevölkerung.

Diese solle ihre Rettung nicht von „den Fürsten“ erwarten, welche das Land ja selbst an den Abgrund geführt hätten. Die „Wiedergeburt Deutschlands“, die auf der berühmten Hambacher Fahne beschworen wird, muss von den Menschen selbst vollbracht werden, oder das Land wird weiter mehr tot als lebendig dahinvegetieren.

Menschenjagd auf Oppositionelle

Das Fest blieb — man möchte fast sagen: „natürlich“ — ohne direkte positive politische Auswirkungen. Ebenso „natürlich“ folgten kontrarevolutionäre Repressionen auf diese in ihrem Ablauf ja überaus friedliche kleine Revolution. Sogar die Farbkombination Schwarz-Rot-Gold wurde kurzfristig verboten. Für Fürst Metternich war das Hambacher Fest ein „Umsturzversuch“. Die bayerische Regierung warf den Rednern einen „an Wahnsinn grenzenden Fanatismus“ vor.

Der König ließ weitere 8.500 Soldaten in der Region stationieren, die zum Teil in Privathäusern zwangseinquartiert wurden. Gemeinden mussten kollektiv für Strafen wegen Gesetzesverstößen haften. Die Zensur wurde in vielen Staaten des deutschen Bundes verschärft. Hauptredner und Organisatoren des Hambacher Fests wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Siebenpfeiffer und Wirth wurden wegen „Beamtenbeleidigung“ zu je zwei Jahren Haft verurteilt, wobei der Erstere in die Schweiz entkommen konnte, während der Zweitere seine Strafe abbüßte.

Teile der Bevölkerung verhielten sich während der Prozesse solidarisch mit den Angeklagten, der Hambacher Geist lebte weiter. Ein mögliche Fortsetzungsfeier am ersten Jahrestag 1833 wurde jedoch von der Obrigkeit brutal im Keim erstickt. Eine im Hambacher Schloss zu erwerbende Broschüre spricht sogar von „Menschenjagd“ und konstatiert: „Zahlreiche Bürger wurden durch die Straßen getrieben und misshandelt, ihre Wohnungen verwüstet. Auch hier kam ein Mann zu Tode.“ Bis zu einem erneuten und diesmal heftigeren und wirklich gewalttätigen Aufflammen der Revolution in den Jahren 1848 und 1849 war die liberale Bewegung damit zunächst weitgehend zurückgedrängt.

Klar ist: Wenn uns das Hambacher Fest heute inspirieren kann, dann nicht, weil es überaus erfolgreich gewesen wäre — sondern einzig deshalb, weil es friedfertig war, völkerverbindend, idealistisch und beschwingt. Der Durchgang durch eine verhältnismäßig kurze Epoche deutscher Geschichte –überwiegend begrenzt auf die südwestliche „Ecke“ des Landes — zeigt deutlich ein Jahrzehnte andauerndes Tauziehen zwischen Bürgerfreiheit und Fürstenarroganz, bei dem mal die eine, mal die andere Kraft einen Punkt zu machen vermochte, insgesamt jedoch die Unterdrückung meist die Oberhand behielt.

Man kann dabei an ein schwelendes Feuer denken, aus dem gelegentlich hier oder dort ein Flämmchen hervortritt, um dann von herrschaftlichen Stiefeln ebenso regelmäßig wieder ausgetreten zu werden. Klar ist auch: Ein geschichtlicher Prozess, dessen vorläufigen Endpunkt die Regierung von Olaf Scholz und Nancy Faeser darstellt, kann nicht als Erfolgsstory gefeiert werden.

„Abwegige historische Vergleiche“

Versuche, das Hambacher Fest wieder aufleben zu lassen, waren in den letzten Jahren begleitet von Polizeischikanen und dem Vorwurf, „Rechte“ würden das Gedenken für ihre finsteren Zwecke missbrauchen. Mein Eindruck ist, dass das Publikum ähnlich gemischt war wie bei so genannten Querdenkerdemos, die sich vor allem gegen Coronamaßnahmen der Jahre 2020 bis 2022 richteten. Das zeigt auch die Relevanz dieses historischen Ereignisses für die Gegenwart.

So rief 2023 auch Michael Ballweg, frisch aus dem Gefängnis entlassen, zur Teilnahme auf. Vermutlich liegt die Wahrheit auch hier in der Mitte. Einerseits waren tatsächlich „Rechte“ dort. „Rechts“ zu sein ist aber kein Verbrechen, es weist nur in eine politische Richtung, der ich mich nicht zugehörig fühle. Eher verstehe ich mich als enttäuschten Linken mit konservativen Wesensanteilen. Zum zweiten war bei den Hambacher Festen 2022 und 2023 deutlich zu erkennen, dass die Staatsmacht nicht dulden wollte, dass unerwünschte Schlussfolgerungen aus dem Gedenken gezogen würden. Zu viel ziviler Ungehorsam ist, wie es Konstantin Wecker formuliert hatte, „nur historisch hoch angesehen“.

In einer Stellungnahme der „Stiftung Hambacher Schloss“, die sich wohl gegen „rechte Umtriebe“ bei Gedenkfeierlichkeiten zum Hambacher Fest richtet, heißt es:

„Gerade ein Blick in die deutsche Geschichte zeigt eindrücklich, dass jede Generation aufs Neue darum ringt, was für sie Demokratie als Regierungs- und als Lebensform bedeutet. Wir sehen jedoch eine Grenze dort erreicht, wo unter Zuhilfenahme verantwortungsloser und abwegiger historischer Vergleiche unsere Demokratie delegitimiert werden soll, wo ihre Vertreterinnen und Vertreter diffamiert und wo Opfer autoritärer oder diktatorischer Systeme verhöhnt werden.“

Hier geht es also — geschrieben 2021 — nicht um die Grenzen staatlicher Willkür, wie sie auch Hambacher Redner wie Siebenpfeiffer und Wirth zu erdulden hatten, sondern um die Grenzen legitimer Debatten über Demokratie, über die selbsternannte Debatten-Schafhirten zu bestimmen haben.

Sicher sollte das Fest nicht „den Rechten“ (in der negativen Bedeutung des Wortes) gehören — der ausgeprägte Patriotismus des Vormärz-Liberalismus lädt Anhänger von AfD oder noch weiter rechtsstehender Kräfte in gewisser Weise ja geradezu ein —; aber der schikanöse neue Straftatbestand der „verfassungsschutzrelevanten Delegitimierung des Staates“ liegt hier als Assoziation sehr nahe. Regierende Politiker können die Werte des Hambacher Fests noch so sehr mit Füßen treten — die Sorge der Verwalter des historischen Erbes gilt vor allem den Kritikern, selbst noch in Coronazeiten.

Auf „abwegige historische Vergleiche“ könnte so mancher Leser vielleicht bei meiner Schilderung der historischen Ereignisse gekommen sein. Welche Formen der Zensur sind beispielsweise heute wieder üblich — auch auf „privaten“ Plattformen? Welche Professoren und Journalisten wurden in letzter Zeit drangsaliert, entehrt oder sogar verhaftet? Wie nimmt der Staat Zugriff auf die Universitäten? Welche Großdemonstrationen sind oder wären fast von den Behörden verboten worden? Und welche Organisatoren oppositioneller Großveranstaltungen mussten in den letzten Jahren für ihre Aufmüpfigkeit im Gefängnis büßen? Wo finden wir heute Anzeichen sich ausbreitender extremer Armut („Pauperismus“), die auch auf Fehlleistungen der Politik zurückzuführen ist?

Die von Gott eingesetzte Obrigkeit

War und ist nicht die Mentalität der Obrigkeit in den meisten Epochen der Geschichte eine ähnliche? Gustav von Rochow, preußischer Innen- und Polizeiminister und bekannt für die eifrige Unterdrückung von Oppositionellen, ließ 1837/38 in einem „amtlichen Verweis“ an die Bürger verlauten:

„Es ziemt dem Untertanen, seinem Könige und Landesherrn schuldigen Gehorsam zu leisten und sich bei Befolgung der an ihn ergehenden Befehle mit der Verantwortlichkeit zu beruhigen, welche die von Gott eingesetzte Obrigkeit dafür übernimmt; aber es ziemt ihm nicht, an die Handlungen des Staatsoberhauptes den Maßstab seiner beschränkten Einsicht anzulegen und sich in dünkelhaftem Übermute ein öffentliches Urteil über die Rechtmäßigkeit derselben anzumaßen.“

Das würden heutige Politiker kaum so direkt sagen, ihr Denken und Handeln weist jedoch in eine ähnliche Richtung.

Das freundliche, zivilisierte Gesicht der Staatsmacht zeigt sich auch heute nur so lange, wie man sich ihrem Willen mit einer gewissen routinierten Selbstverständlichkeit beugt.

In der Bevölkerung macht sich indes eine Mentalität breit, die an das Biedermeier erinnert, das sich parallel zu dem politischen Gärungsprozess des „Vormärz“ im Bürgertum des frühen 19. Jahrhunderts entfaltete. So heißt in einem aktuellen Online-Artikel über die Deutschen:

„Nach einer repräsentativen Studie des Rheingold-Instituts mit 1.000 Befragten und 35 tiefenpsychologischen Interviews ziehen sich die Deutschen als Reaktion auf die Krisenkaskade mehr und mehr ins Private zurück. Demnach dominiert ein ‚diffuses Grundgefühl der Bedrohung und Endzeitstimmung‘. Um sich selbst zu schützen, verengen die Menschen ihren Fokus auf die persönliche Lebenswelt. ‚Das ist, als würde ein Verdrängungsvorhang heruntergelassen‘.“

Diese sich ergänzenden Faktoren — eine zunehmend herrisch auftretende Obrigkeit und eine biedermeierlich-zurückgezogen duldende Bevölkerung — ergeben ein toxisches und leider in gewisser Weise sehr deutsches Gemisch. Mit dem Unterschied, dass die Menschen damals durch eine Blütezeit des deutschen Geistes hindurchgegangen waren; heute bilden uns Richard David Precht und gestreamte Junk-Serien.

Als ich im Souvenirshop des Hambacher Schlosses stöberte, fiel mir sofort auf, dass ein Buch von Frank Walter Steinmeier zum Verkauf stand. In der Ausstellung hingen vergrößert Sprüche lebender deutscher Politiker über Demokratie. Mir wurde klar, mit welch verschiedenen Vorstellungen das deutsche „Establishment“ und ich an das Hambacher Fest herangingen. Für mich sind die Feiernden von damals eher Vorläufer heutiger Protestbewegungen gegen eine übergriffige und brutale Obrigkeit.

Ich will mich für das eigene Streben nach Freiheit in Zeiten einer wieder rigideren Staatsmacht durch das Vorbild von Publizisten und Aktivisten wie Siebenpfeiffer und Wirth inspirieren lassen.

Steinmeier und Konsorten sehen sich indes ebenfalls in der Tradition der Hambacher — quasi als Fleisch gewordene Erfüllung aller Freiheitsträume der Deutschen aus finsteren Jahrhunderten. Heutige Politiker inszenieren sich gern als Nachfolger Siebenpfeiffers und ähneln doch in Wahrheit weitaus mehr dem Regisseur der Restauration, Fürst Metternich.

Wem gehört das Hambacher Fest

Die Museumsverwaltung scheint dieser Geschichtsdeutung folgen zu wollen oder zu müssen. Eine Sonderausstellung mit dem Titel „Wie viel Hambacher steckt in dir?“ versucht mit Hilfe eines Fragespiels Besucher zu motivieren, demokratische Tugenden in sich aufzuspüren und Widerstandsgeist gegen den Ungeist zu entwickeln, wo immer er sich zeigt. Bei genauerem Hinsehen wird aber deutlich: Der Bürgermut soll sich nicht gegen die heute Herrschenden richten, sondern gegen deren Gegner. Museumsbesucher sollen sich wappnen, „Hassreden“ jederzeit mutig entgegenzutreten.

Die Pressefreiheit — von Siebenpfeiffer, Wirth und all den anderen unter großen Opfern hochgehalten — werde heutzutage nicht mehr durch die Regierenden bedroht, vielmehr durch die Medienfeindlichkeit fehlgeleiteter Demonstranten — gemeint sind wohl vor allem „Querdenker“. So gedeutet, erscheint das Hambacher Fest domestiziert und für einen Zweck umgewidmet, dem heutzutage wohl alles dienen muss: der Selbstfeier „demokratischer“ Normalität bei gleichzeitig schwindender Freiheit.

Im Kern „gehört“ das Fest aber weder der AfD, von der im Falle einer Machtergreifung durchaus autoritäres Regieren zu erwarten wäre, noch gehört es den Neo-Spießern von Ampel und Union. Es gehört der nach Freiheit und Selbstbestimmung verlangenden Bevölkerung.

Nachdem das eine große Ziel, die Einheit, erreicht ist — jedenfalls in Form eines zusammenhängenden Staatsgebiets — bleibt als zweites die Freiheit als noch unverwirklichtes Ziel. Dem selbstzufriedenen Beschwichtigungsnarrativ der Mächtigen — die Freiheit sei bereits erreicht und bei ihnen selbst in guten Händen, die Leute sollten also zufrieden sein und den Mund halten — ist dringend zu widersprechen.

„Deutschlands Wiedergeburt“, beschworen auf der berühmten Originalfahne des Hambacher Fests, welche heute noch, vergilbt und verwittert, auf dem Schloss aufbewahrt wird — sie wird im negativen Sinn bereits Wirklichkeit. Als positive Vision müsste sie erst realisiert werden. Denn gemeint war von den Vordenkern des Hambacher Fests zweifellos mehr als das Zusammenfassen der einst politisch getrennten deutschen Teilstaaten zu einer größeren Verwaltungseinheit.

„Die Natur der Herrschenden ist Unterdrückung, der Völker Streben ist Freiheit“, sagte Philipp Jakob Siebenpfeiffer in seiner Hambacher Rede. Mit dem ersten Teil dieses Satzes hatte er zweifellos Recht, für die Richtigkeit des letzteren sind wir alle noch den Beweis schuldig.


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