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Die Herrschaft wegwerfen

Die Herrschaft wegwerfen

Um aus der Unmündigkeit herauszukommen, genügt es nicht, dass wir Bürger auf einen anderen, „besseren“ Machthaber hoffen — die Macht selbst muss infrage gestellt werden.

Es gibt genug gute Gründe, um die Reißleine zu ziehen und eine neue Form ökonomischer und gesellschaftlicher Organisation zu etablieren: der Hunger in der Welt, das Elend vor der Haustür, der Völkermord in Gaza, der Krieg in der Ukraine oder die politische Klasse in Berlin, Paris oder Brüssel, die sich in ihrer irrationalen Kriegsrhetorik zu übertreffen sucht, während Pauperisierung und soziale Deprivation die Gesellschaften zerfressen.

Den dritten Weltkrieg herbeizureden, was Ablenkung vom Offensichtlichen verschaffen mag, ist aber unnötig. Er tobt bereits seit 2001, als nach den Anschlägen vom 11. September der damalige US-Präsident George W. Bush im Stil eines christlichen Fundamentalisten den „Kreuzzug“ gegen den internationalen Terrorismus verkündete. Der „War on Terror“, das Alibi, um jede Form von legitimen Widerstand gegen Unrecht und Tyrannei auszuradieren, ganze Regionen in Schutt und Asche zu legen, Millionen Menschen zu ermorden und den Ausnahmezustand zur Regel zu erklären, ist Selbstzweck.

Es gilt, ein System der Herrschaft zu erhalten, um der Herrschaft willen. Eben wie ein Krieg, der geführt wird, um den Krieg zu ernähren, wie es in Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie heißt.

Das alles sind aber nur Momentaufnahmen im Lauf der Menschheitsgeschichte, die einem unausweichlichen Wendepunkt entgegenstrebt. Es geht um einen Aufstand der Gedanken, eine Revolte des Verstandes, eine Revolution des Bewusstseins. Es geht um einen Zivilisationssprung, der die Herrschaft von Menschen über Menschen beendet und einem Ordnungsprinzip Platz macht, das auf gegenseitiger Verantwortung beruht und ohne Zwang, Herrschaft und Gewalt auskommt: die Anarchie.

Macht, Gewalt und Zwang

Der 1934 ermordete Antimilitarist, Pazifist und Anarchist Erich Mühsam benannte den dafür notwendigen evolutionären Schritt: die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Sein gleichnamiges Werk (1) erschien 1932 als Artikelserie, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und wenige Jahre vor Ausbruch des sich bereits abzeichnenden Zweiten Weltkriegs.

Jeder Staat ist per Definition ein politisches Gewaltgebilde. In ihm wird Herrschaft von Menschen über Menschen ausgeübt. Unabhängig davon, ob das installierte Herrschaftssystem Monarchie, Demokratie oder Diktatur genannt wird oder ihm Parteien, ein Kaiser, Kanzler oder Hitler vorstehen, ist der Staat als einseitige Ausformung organisierter Macht zu begreifen.

Mühsam schreibt:

„Macht ist ein Dauerzustand von Gewalt und Zwang zur Niederhaltung von Gleichheitsgelüsten, ist das von oben her verfügte Zwangs- und Gewaltmonopol der Herrschaft.“

Der kapitalistisch durchdrungene Staat, in der Gegenwart globaler Standard, dient mit Haut und Haaren, mit Recht, Gesetz und Polizei jedem Regime und zwei übergeordneten Interessen: dem Verlangen von Konzernen und der Industrie nach Absatzmärkten und der unersättlichen Gier des Kapitals nach Rendite. Das führt unweigerlich zu Konfrontationen und Krieg.

Der Staat ist das Werkzeug, um den planvollen Kampf um Einfluss, Ressourcen, Land und Märkte auf andere Regionen, Staaten und Menschen auszudehnen — sie zu umklammern und festzuhalten wie eine Spinne, sie auszuplündern und zu benutzen, solange es den Zielen dienlich ist.

Afrika als Beute der europäischen Staaten und das Deutsche Kaiserreich mit seinem Kolonialismus und Imperialismus stehen exemplarisch für eine Vorgehensweise, die bis in die Gegenwart anhält. Lediglich die Methodik verfeinerte sich: Missionare, Handel, Pachtverträge, Schürfrechte, willkürliche Grenzziehungen, militärische Aktionen, Krieg und Völkermord natürlich, Installation dienlicher Despoten und Regime, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) als Vorhut, Entwicklungshilfe als verlängerter Arm, der füttert, aber nie satt macht, Freihandelsabkommen und so weiter. Das Spiel läuft, bis sich die Opfer zu befreien suchen. Das passiert gerade im globalen Süden.

Staat, Autorität und Krieg

Wenn der Zugriff auf Kolonien und die Ausbeutung der Lohnarbeit nicht mehr ausreichen, um die übergeordneten Interessen zu befriedigen, nehmen die Spannungen zwischen den konkurrierenden Staatsgebilden zu. Sie alle verfolgen identische Absichten — das wird zum Problem. Während sich die Widersprüche im Inneren verschärfen und sich die soziale Ungleichheit ausbreitet, wird Krieg zur Option nach außen. Am Materialismus, der dies hervorbringt, übt Erich Mühsam entsprechende Kritik:

„(…) Wir glauben ferner, dass die Verrottung der kapitalistischen Gesellschaft, ihr hilfloses Herumtorkeln in der eigenen Misswirtschaft, ihr Zufluchtsuchen bei Kriegen und immer brutalerer Knechtung der enteigneten und entrechteten Massen ihre tiefste Ursache im Widersinn des nur materialistischen Fühlens, Denkens und Handelns hat.“

Bleiben wir bei der Monarchie, die Erich Mühsam erlebte. Sie stützte sich bei ihrer Machtausübung natürlich auf den Beamtenapparat, die Justiz, das Militär, die Polizei und die Bourgeoisie. Aber sie konnte sich auch auf eine Bevölkerung verlassen, die den Autoritäten, ihren Titeln, Ämtern und Posten mehr vertraute als dem eigenen gesunden Menschenverstand oder diesen den Anordnungen und Befehlen der Autoritäten unterordnete. Erst das ermöglicht Herrschaft und am Ende jeden Krieg. Erich Mühsam bemerkt:

„Macht bezeichnet somit die tatsächliche Gegebenheit, die aus jedem zentralistischen, obrigkeitlichen, gesetzgebundenen, staatlichen Verhältnis erwächst. Als sittlicher Grundlage ihrer Herrschaftsbefugnisse bedient sie sich des den Menschen eingeimpften Glaubens an die Berechtigung und Notwendigkeit der Autorität. Autorität ist die Maßgeblichkeit fremder Erkenntnis für das eigene Urteil.“

Mit „Hurra“ zog das beherrschte Volk in den Horror des Ersten Weltkriegs. Für Vaterland, Glanz, Gloria und Kaiser wurde zur Waffe gegriffen, schossen Arbeiter auf Arbeiter und brachten sich gegenseitig um. Die höheren Offiziere aus den Reihen der Bourgeoisie dirigierten aus sicherer Entfernung das Sterben in den Schützengräben. Abermillionen Menschenleben wurden geopfert. Ein gigantisches Heer aus psychischen und physischen Krüppeln, die Schlacke des Graben- und Giftgaskrieges, säumte nach der Niederlage 1918 die Straßen des Deutschen Reichs.

Die Novemberrevolution kam, der Kaiser dankte ab, die Sieger forderten Gebietsabtretungen, Abrüstung und gewaltige Reparationszahlungen. Die Wirtschaft konnte sich kaum erholen, sodass die Arbeitslosigkeit anstieg. Unzählige Menschen lebten in Armut. Die Weimarer Republik mit ihrem Verständnis von Demokratie rückte an die Stelle der Monarchie. Die bewährten Beamten und Juristen und sonstige Autoritäten verblieben weitestgehend in Amt und Würden.

Der Obrigkeitsstaat mit seiner Monarchie lebte im neuen Staat mit seiner Demokratie weiter und erfüllte seinen alten Zweck: der Herrschaft dienen. Spätestens an dieser Stelle offenbart sich eine unüberwindbare Bruchlinie.

„Ein obrigkeitlich zugerichtetes Verwaltungswesen ist Regierung, Bürokratie, Befehlsgewalt, und dies ist das Merkmal des Staates; eine auf Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit aufgebaute Gemeinschaft ist in den Grenzen der räumlichen Verbundenheit der Menschen Volk, als allgemeine Lebensform der Menschheit betrachtet, Gesellschaft. Staat und Gesellschaft sind gegensätzliche Begriffe; eins schließt das andere aus. (….) Staat ist nichts anderes, kann nichts anderes sein als zentralisierter Ausführungsdienst einer vom Volk gelösten Klasse zur Beherrschung des entrechteten und zur beherrschten Klasse erniedrigten Volkes.“

Selbstverfügung gegen Normalität des Absurden

Die passende Antwort auf diese Gegensätzlichkeit, die auf einem irreparablen Strukturfehler beruht, der sich eben nicht durch neue Parteien, Führer oder sonstige Regierungen lösen lässt, ist folgerichtig die von Erich Mühsam geforderte Befreiung der Gesellschaft vom Staat.

„Die Verneinung der Macht in der gesellschaftlichen Organisation ist das maßgebliche Wesensmerkmal der Anarchie, oder um dieser verneinenden Erklärung die bejahende Form zu geben: Der Anarchismus kämpft anstatt für irgendeine Form der Macht für die gesellschaftlich organisierte Selbstverfügung und Selbstentschließung der Menschen.“

Peter Kropotkin (1842 bis 1921) beschrieb die Grundlagen der anarchistischen Gesellschaft in seinem Werk „Die Eroberung des Brotes“ (2). Freiwilligkeit und gegenseitige Hilfe bilden das Fundament. Ihr Zweck es ist, durch gemeinschaftlich organisierte Produktion einen Wohlstand zu erschaffen, der allen zugute kommt, weil die Verteilung sozialen Notwendigkeiten folgt und Privilegien durch Amt, Zepter oder Krone abgeschafft sind.

Die anarchistische Ordnung benötigt keinen Zwang, keine Gewalt und folglich auch keinen König, Kaiser oder Vorstandschef, der das 162-Fache dessen bekommt, was demjenigen, der die Arbeit erledigt, als Entgelt zugebilligt wird (3).

Dass eine werdende Mutter mehr Aufmerksamkeit, Unterstützung und Ressourcen benötigt als ein Beamter, dessen Tagwerk im Ausfüllen von Formularen besteht, sollte als Beispiel genügen, um den Unterschied zur kapitalistischen Ordnung zu verdeutlichen. Sie überalimeniert und mästet ihre Diener, schämt sich aber nicht, Schwangere, Kinder und Gebrechliche im Mangel verharren zu lassen, weil Beamte diesen Mangel verwalten, sonst wären sie ohne Beschäftigung. Es ist diese Normalität des Absurden, die keine Zukunft hat.

Die Anarchie ist viel wirkmächtiger. Sie wird getragen von der inneren Überzeugung jedes Einzelnen, die durch sein Handeln in der Praxis für jeden sichtbar wird — seine Verantwortung für sein eigenes und das Wohlergehen aller anderen, seiner Selbstverpflichtung gegenüber der Gesellschaft, die er gemeinsam mit den anderen begründet und gestaltet, um Mangel zu beseitigen. Das mündet in den kommunistischen Anarchismus, der sich nicht zu einem Staat verführen lässt, in dem sich durch Parteien, Politiker und überdauernde Funktionsträger die Macht mehr und mehr verdichtet, während sie die Freiheit erdrosselt. Der Ausgangspunkt ist kleinteiliger angelegt.

Gemeinschaften, ob Betrieb, Schule oder Dorf, mit kollektiver und basisdemokratischer Selbstverwaltung, repräsentiert von gewählten Räten oder Vertretern, die jederzeit abgewählt werden können, bilden Netzwerke. Diese kooperieren bei Bedarf ihrerseits mit anderen Netzwerken, sodass sich aus einem natürlichen Prozess der Vernetzung und Kooperation eine rätedemokratische Organisationsstruktur entwickelt, die atmet und lebt. Dieser Vorgang, der die Lust an der Freiheit spiegelt, schreitet voran. Überall, in Städten, Gemeinden, Wohnblöcken oder im Verborgenen, entstehen kleine Einheiten und Strukturen, die sich beileibe nicht alle als anarchistisch verstehen, wohl aber nach Gemeinschaft, Vernetzung und Zusammenarbeit suchen. Damit beginnt es.

Und auch wenn der Ansatz von Peter Kropotkin und die Forderung von Erich Mühsam heute in größeren Dimensionen gedacht und auf Strukturen wie die Europäische Union, die Monopole und das globalisierte Finanzkapital und deren Methodik ausgedehnt werden müssen, ändert sich an einer historischen Erfahrung nichts:

Macht endet, wenn die Beherrschten ihren Herrschern nicht mehr glauben, ihnen nicht mehr zuhören und sich von ihnen abwenden. Und die Strukturen der Herrschaft zerfallen, wenn die Beherrschten ihre eigenen Strukturen errichten.

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Quellen und Anmerkungen:

(1) Erich Mühsam: Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat. Veröffentlicht 1933 im Fanal Sonderheft (Fanal-Verlag, Berlin). Erstmals erschienen in Die Internationale. Zeitschrift für die revolutionäre Arbeiterbewegung, Gesellschaftskritik und sozialistischen Neuaufbau. Herausgegeben von der Freien Arbeiter-Union Deutschlands, Anarcho-Syndikalisten. Berlin. Jahrgang 5. Heft 6 (Juni 1932), Heft 7 (Juli 1932) und Heft 8 (August 1932). Verfügbar als PDF auf https://libertaereszentrum.de/uploads/BdGvS.pdf (abgerufen am 31. März 2024).
(2) Peter Kropotkin: Die Eroberung des Brotes (französischer Originaltitel: La Conquête du Pain); Paris 1892.
(3) SPIEGEL Wirtschaft (23. Januar 2023): Verteilung des Wohlstands. So ungleich ist Deutschland. Auf https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/so-ungleich-ist-deutschland-loehne-steigen-staerker-als-kapitaleinkommen-a-bb09919c-6231-433e-9256-bc3e65ec41ce (abgerufen am 11. April 2024).

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