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Die Würfel-Wüste

Die Würfel-Wüste

Weltweit wuchert die architektonische Verödung der Städte, sodass Körper, Geist und Seele der Menschen in den monokulturell-modernistischen Tetris-Bauten zu verkümmern drohen — die Suche nach Ursachen und Auswegen ist existenziell. Teil 5.

Nicolas Riedl: In Ihrem Werk „Outópos“ schreiben Sie:

„Der erste Mensch sah eine Welt des Chaos. Er suchte nach einem Ort, wo er und die Welt in einer umfassenden Relation vereint sind; wo die Welt Sinn macht. Genau dieser Ort ist die Stadt (...)“ (Seite 61).

Haben Sie eine Erklärung dafür, weswegen der Mensch im Laufe seiner Entwicklung einen Sinn in der Städtebildung vermutet hat? Warum war die unbebaute Natur nicht genug?

Gerhard Martin Burs: Das ist eine schwierige Frage. Faktisch kennen wir den Menschen, der vor dem Entstehen der Stadt lebte, so gut wie gar nicht. Wenn man sich die Frühgeschichte des Menschen oder der Menschheit anschaut, fällt ziemlich schnell auf, dass wir Objekte wie Steinkeile vorfinden. Aber eigentlich fängt unser Wissen über den Menschen erst mit der Stadt an — also zu einer Zeit, aus der wir Artefakte im großen Stil finden.

Deswegen ist so ziemlich alles, was mit menschlicher Frühgeschichte zusammenhängt, ein sehr vages Feld. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass der Mensch als vielbeschworene Jäger und Sammler so durch die Natur streifte und irgendwann begann, sesshaft zu werden, größtenteils durch die Kultivierung der Landwirtschaft. Das geht eigentlich Hand in Hand. Verstädterung, Landwirtschaft, dann die Notwendigkeit, einzulagern, also an einem Ort zu bleiben, ein Feld zu bestellen und dieses auch zu verteidigen gegen feindliche oder zerstörerische Umstände. Das ist, glaube ich, der eigentliche strukturelle Kern, der dahintersteht.

Aber das große, interessante Phänomen, das sich in dieser Sesshaftwerdung ausdrückt ist eigentlich — ganz pathetisch gesagt — das Wesen des Menschen. Anders, als die meisten Tiere oder Lebewesen, ist der Mensch, nicht „nur“ im Sein und in der Natur. Vielmehr kann er sich in seinem Bewusstsein etwas vorstellen, das es nicht gibt.

Ich kann als Mensch beispielsweise in den Wald sehen und einen Ast erblicken. Dann stelle ich mir vor, dass ich diesen Ast abbreche, ihn nehmen und damit irgendwas anstellen kann — etwa eine Banane vom Baum holen oder Ähnliches. Ich kann mir etwas vorstellen, das in der Realität nicht existiert. Und im nächsten Schritt kann ich diese Realität, die ich im Außen vorfinde, dem anpassen, was ich mir vorstelle. Bleiben wir bei dem Ast. Wenn ich feststelle, dass es regnet, kann ich mehr von diesen Ästen abbrechen und ein Dach bauen. Will heißen; der Mensch kann aufgrund eines geistigen Konstrukts Orte erschaffen, die irgendwo in seinem Verstand existieren und dadurch die Welt prägen. Und die Stadt als Phänomen ist wesentlich von dieser abstrahierten Leistung getragen. Sie ist schließlich ein Umfeld, das komplett von Menschen nach ihren Vorstellungen geschaffen worden ist.

In der Natur läuft der Mensch umher und ist ständig bedroht. Oder er ist auf ständiger Suche nach Nahrung. So bewegt er sich durch das Sein. Die Stadt hingegen ist eine Welt, die Sinn ergibt. Als Mensch weiß ich in diesem Habitat, wo ich mein Essen finde. Die Orte sind mit Themen und Kontexten verknüpft. Ich muss nicht mehr suchen, denn ich weiß, dass beispielsweise die Hauptstraße mich zu Ort XY führt.

Die Stadt ist für den Menschen die Verkörperung eines abstrakten, geistigen Zusammenhangs im Sein.

Die Konzeption von Städten war im Laufe der Menschheitsgeschichte Wandlungen unterworfen. Sie legen dar, dass Städte in der Vormoderne nach „religiös-göttlichen“ und nach der Aufklärung gemäß mathematischen und wissenschaftlichen Gesichtspunkten errichtet wurden. Wo liegen hierbei Ihrer Ansicht nach die größten Unterschiede?

Das sind natürlich vereinfachte Kategorien, aber ich sage mal so ganz frech: Eigentlich gibt es kaum einen Unterschied — zumindest auf der strukturellen Ebene. Bleiben wir mal kurz bei den religiös-göttlichen Städten. Die finden wir vor allem im fruchtbaren Orient. Babylon ist da immer so das Sinnbild — ein Ort, an dem eine göttliche Ordnung konstruiert und gefunden wird und sich in der Stadt manifestiert.

Diese Fähigkeit des Menschen zum Denken führt natürlich zu einem religiösen Denken, und die Materie wird zur Verkörperung einer abstrakten Ordnung. Aber auch die technisch orientierten, naturwissenschaftlichen Städte sind heutzutage eigentlich nichts anderes. Dahinter steht zwar längst kein Götterglaube mehr, also die Stadt als Verkörperung eines Gottes oder einer göttlichen Struktur, sondern vielmehr die Stadt als Verkörperung einer bestimmten Logik — vielleicht einer materialistischen oder irgendwie ikonischen, individuellen Logik, an der sich alles festmacht. Nehmen wir als Beispiel mittelalterliche Städte: Die waren im europäischen Raum an Kathedralen gebunden, sozusagen als körperliche Anbindung an das Göttliche. Der Turm ist ein Element, das in den Himmel wächst, hin zur Unendlichkeit. Von diesen Kathedralen aus, geht die göttliche Logik in die Städte und in das Land über. Der Geist durchdringt die Welt, ordnet sie nach seinen Relationen und manifestiert sich im Alltag der Menschen in Gegenständen, die auf ihn verweisen. Gerade im Süden von Deutschland findet man überall kleine Gebetsecken die über das Land verteilt sind und sich alle darauf beziehen.

Die Logik manifestiert sich quasi im Raum. Und bei den kapitalistischen Städten ist das nicht anders.

Wenn man heute in die Welt sieht: Die jungen, aufstrebenden Städte haben alle eine Skyline mit Hochhäusern. Das ist das Zentrum, in dem sich auch alle dahingehend übertrumpfen, wer nun das höchste Hochhaus hat. Hierbei ist nicht die Annäherung an Gott das Thema, sondern die Frage: Wie viel Kapital kann ich an einer Stelle akkumulieren, um damit den höchsten Turm zu bauen?

Am Ende sitzt man als Ego-Mensch on top of the world und blickt gottgleich herab. Dieses Motiv des Von-Oben-auf-die-Welt-Blickens haben im Grunde genommen alle globalisierten Städte gemein — unabhängig davon, welche Ideologien dahinterstecken.

Sprechen wir über die glatten, gleich aussehenden, unschönen Quaderbauten, denen ich meine Serie gewidmet habe. Ganz direkt gefragt: Woher rührt diese architektonische Monotonie, die Neubauviertel in ganz Europa gleich aussehen lässt? Liegt das Problem — wenn man es als solches betrachten möchte — aufseiten der Nachfrager oder der Anbieter; oder gar beidseitig?

Bei diesem Aspekt sollten wir uns zunächst fragen, was eigentlich Schönheit ist. Was verstehen wir darunter? Viele Menschen empfinden Betonbauten als „nicht schön“, etwa brutalistische Bauten. Hingegen werden Jugendstil- oder Gründerzeit-Appartements oft als schön empfunden. Das wird dann vielfach an Details festgemacht: das schöne Ornament oder die hübsche Fassade, die als gebautes Bild dem Auge schmeichelt.

Die viel gescholtene Moderne tritt demgegenüber mit dem Ansatz an, Sachen nicht zu kaschieren, sondern die Logik dessen, was ist, nach vorne zu stellen. Wenn wir uns dann wiederum beispielsweise die ehemaligen Arbeiterhäuser aus der Gründerzeit ansehen, etwa in Berlin, dann nehmen wir sie als schön wahr. Aber warum? Nun, weil sie zum einen schön saniert sind, weil viel Geld hineingeflossen ist. Diese Häuser sind folglich Repräsentanten des Reichtums. Ebenso haben sie sehr viel Platz. Wir kennen das klischeehafte Bild: Da sitzt der Berliner Werber oder Designer in seinem Berliner Loft, das groß, schön und hell ist.

Aber die ursprüngliche Realität dieser Bauten war ja eine ganz andere! Im 19. Jahrhundert, zur Zeit ihrer Errichtung, waren das geradezu höllenartige Zustände. Die Wohnungen waren unglaublich dicht belegt. Die Räume waren nicht den jeweiligen Funktionen zugeordnet, sondern ein Zimmer war beispielsweise Schlafzimmer, Küche und Toilette in einem — und das für weiß Gott wie viel Menschen. Und im Hinterhof hattest du dann vielleicht noch eine Chemiefabrik.

Dieses Elend wurde dann kaschiert, indem man eben schöne Fassaden vor die Häuser geklatscht hat. Dabei waren diese Häuser im Kern selbst kalte, industriell gefertigte Reihenbauten. Das Schöne daran war am Ende eben nur das — Fassade! Und die Moderne sagt dann: „Wir müssen die Logik des Zeitalters sichtbar machen und nicht kaschieren.“

Soweit zur Schönheit der Form, die sich nicht nur darin zeigt, wie etwas ist, sondern vor allem darin welcher spezifische Sinngehalt für einen Ort, welcher Sense of Place bei einem Betrachter entsteht — und das ist überwiegend subjektiv

Ist demgemäß das, was ich als Würfelwüste bezeichne, schlicht eine Form von architektonischer Ehrlichkeit? Insofern, als dass der Wohnraum als das betrachtet wird, was er ist, ohne schöne Schnörkel, ohne Stuckverzierungen? Oder wie es das „Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB)“und das „Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV)“ letztes Jahr gemeinsam vorgelegt haben: „bauen ohne Schnick Schnack“. Geht es am Ende einfach nur um den — sozialen — Zweck, dass Leute ein Dach über dem Kopf haben?

Vielleicht sollten wir die Perspektive etwas weiten und zunächst über die Rolle des Architekten sprechen, genauer über das Bild, welches viele Menschen von diesem haben: ein Typ mit schwarzem Rollkragenpullover, der dann einmal ganz laut „Kunst!“ ruft und am Ende ist das ganze Vorhaben dreimal so teuer. Die Wirklichkeit ist: Die Architektur als Profession ist inzwischen sehr „eingeklemmt“ zwischen vielen zeitgeistigen Strömungen, die sie fast schon verdrängen.

Nehmen wir beispielsweise den Architekten Patrik Schumacher, der auch im dritten Teil der Würfel-Wüsten-Serie ausführlich behandelt wurde. Er schrieb letztes Jahr ein bemerkenswertes Essay zum Tod der Architektur. Darin argumentiert er, wenn auch von einem anderen Standpunkt aus, dass Architektur, verstanden als innovative, eigenständige Disziplin faktisch aufgehört hat zu existieren.

Vor diesem Hintergrund sollten wir die sogenannten Würfel-Wüsten betrachten, die meist nicht der Ausdruck eines originär schöpfenden Ästheten sind. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland seit Jahren einen massiven Zuzug in die Städte haben. Wir haben eine regelrechte Fluchtbewegung in Richtung urbaner Räume. Es ist erst wenige Jahre her, seit das Land-Stadt-Verhältnis gekippt ist; inzwischen leben global betrachtet mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Diese Entwicklung hält an, wodurch die Städte strukturell überlastet sind.

Da nehme ich mich einfach mal selbst als Beispiel:

Ich lebe momentan in Freiburg. Wenn man hier auf einer Party ist, dann lautet die Frage nicht, wie viel man für die Miete bezahlt, sondern: „Wie habt ihr überhaupt eine Wohnung gefunden?!“

Es ist ein massives Problem, auf das man eben reagiert, indem man schnell Wohnraum schafft. Aufgrund des begrenzten Baulandes wird dabei massiv und günstig verdichtet, und die Würfel-Wüsten sind das Ergebnis davon. Die Schaffung von Freiräumen gerät ins Hintertreffen. Es geht primär darum, so viel Wohnraum wie möglich und so schnell wie möglich zu schaffen.

Das ist ein Aspekt. Der zweite Aspekt ist ein Kulturwandel in der Architektur, weg von einem ganzheitlichen Entwurfsdenken. Da gibt es nicht mehr diesen Architekten, wie man ihn sich in den 1960er- und 70er-Jahren vorstellt, der sich eine Flasche Rotwein öffnet und dann als freier Künstler Bilder kreiert und sich Gedanken macht. Architektur entsteht heute überwiegend im 3D-Simulationsprogramm, vor allem durch BIM — Building Information Modeling. Die Arbeit mit dieser Software ist ein additives Zusammenfügen von Fertigteilen.

Man hat riesige 3D-Kataloge, etwa von Fensterherstellern und Ähnlichem. Am Ende fügt man das alles zu einem Haus zusammen. Früher hat der Architekt noch ein Fenster entworfen, ist damit zum Schreiner gegangen und hat hundert Stück geordert. Heute ist das ganz anders: Man schaut, was der Massenmarkt an Produkten anbietet und wie sich das in das Bauprojekt einfügen lässt. Das erklärt auch, weshalb überall immer wieder die gleichen Elemente auftauchen.

Dritter Aspekt: Man unterschätzt von außen, wie eng das Korsett innerhalb der Gesetzesvorgaben ist — insbesondere in Europa und ganz speziell in Deutschland. Die gesetzliche Reglementierung ist enorm, bis ins kleinste Detail, bis hin zu der Frage, wo eine Wand sein darf und wo nicht.

Entwerfen ist heutzutage eher so: Du sitzt nicht vor einem weißen Blatt, sondern links von dir steht ein Regal mit den europäischen Bauvorschriften und rechts eines mit den deutschen Bauvorschriften. Und hinter dir sitzt der Investor mit seinen Excel-Tabellen. Der Job besteht nun eigentlich nur noch darin, diese drei in einem Plan zusammenzufügen, der dann auch wie eine Tabelle aussieht.

Der vierte Aspekt ist die Wirtschaft selbst. Wohnen ist zu einem gigantischen Markt geworden. Wie alles andere auch in unserer Kultur wird alles zu einem Markt. Häuser müssen in der Produktion günstig sein, werden dabei aber auch häufig wie ein Proxy für Produktplatzierungen betrachtet — analog zu Smartphones, auf die man sich bestimmte Apps laden kann.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen: Seit der Mensch baut, baut er auch gegen Umwelteinflüsse. Gebäude dienen auch immer als Abwehr, zum Beispiel gegen den Regen oder die Hitze, denen wir ursprünglich ausgesetzt sind.

Über die Jahrtausende haben sich dabei viele kreative Formen entwickelt, die sich recht einfach in Architektur umsetzen lassen. Kühlung der Gebäude etwa durch Rücksprünge in den Fassaden, natürliche Durchlüftungskonzepte durch spezifische Raumabfolgen oder die Einbeziehung von größeren Wasserflächen und Pflanzen. Diese sind relativ simpel zu entwerfen und zu verbauen. Das „Problem“: Daran verdient niemand etwas.

Bei heutigen Neubauten verhält es sich oft so, dass ein Drittel des Kellers eines Hauses aus TGA (Technische Gebäudeausrüstung) besteht. Diese Installationen, wie etwa Heizungen oder Lüftungen, steuern durch technische Maßnahmen das Klima in Häusern. Auch wenn diese Systeme als nachhaltig „geframt“ werden und es mitunter ja auch sind, verbrauchen all diese Einrichtungen Strom, müssen von Zeit zu Zeit ausgetauscht werden und so weiter, was selbstredend kontinuierlich Kosten und Einnahmen generiert. Fast der ganze Aspekt des Bauens, vor allem im Wohnungsbau, wird marktwirtschaftlich betrachtet.

Fünfter Aspekt: Wir leben inzwischen in einer Welt, in der alles objektiviert wird. Man darf nicht vergessen: Früher, etwa im frühen europäischen Mittelalter, wurden Häuser überwiegend nicht von Architekten entworfen, sondern von den Menschen selbst — in Form einer den Menschen zugänglichen Handwerkskunst, die von den Bewohnern selbst kam. Natürlich gab es auch Zimmermänner und Spezialisten, aber im Grunde hat man sich sein Haus im weitesten Sinne selbst gebaut. Demgegenüber standen vor allem Sakralbauten wie die Kirchen in den Städten. Da kamen zunehmend die entsprechenden Fachexperten hinzu, die etwa wussten, wie man eine Kirche statisch und stilistisch baut.

Das ist ein nicht einfach zu erwerbendes Wissen. Seit der Renaissance haben sich die Baumeister in gewisser Weise den Mächtigen angedient. Das führte zu einem Perspektivwechsel. Große Baumaßnahmen wurden infolge dieser Zeit vorgenommen, und vor allem Städte wurden nun in ihrer Ganzheit, mitsamt den Häusern der Bewohner, zunehmend einer absolutistischen Stadtplanung unterzogen.

Der Raum der Menschen formte sich zunehmend nach abstrakten Prinzipien. Sozusagen wurde von oben herab geschaut und die Grundperspektive der Moderne gelegt, bei der beim Errichten der Gebäude nicht mehr darauf geachtet wird, welcher Mensch dort lebt. Der Mensch wurde in den folgenden Jahrhunderten zunehmend zu einer Zahl. „Eine Million Menschen brauchen jetzt eine Million Wohnungen, also bauen wir das jetzt.“

Diese Entwicklung hat sich immer weiter verselbstständigt und auch die Sicht der Menschen auf die Welt geprägt und verändert: Man baut Gebäude auf Grundlage scheinbar objektiver Kriterien.

Wie der Architekt Tor Lindstrand es einmal sinngemäß anmerkte: Das Programm Excel hat einen größeren Einfluss auf die zeitgenössische Architektur als alle Stararchitekten zusammen.

Unter Architekten gibt es rebellische Konterbewegungen gegen detailarme Neubauten, wie etwa Architectural Uprising, die sich auf ältere Architekturstile des 19. und 20. Jahrhunderts zurückbesinnen möchten. Halten Sie das für den richtigen Weg, oder sollte Ihrer Meinung nach der Blick in die Zukunft gerichtet werden? Sie scheinen tendenziell ein Faible für das Modernistische zu haben?

Architektur ist trotz allem sehr viel disperser oder mannigfaltiger, als es manchmal scheint. Es gibt auch noch heute viele wunderbare Konzepte für alternativen Stadtbau. Und was wir jetzt in der Würfel-Wüste sehen, ist nicht das Ergebnis eines ästhetischen Prozesses, sondern die Manifestation des Denkens unserer Zeit.

Und dieses Denken drückt sich dadurch aus, dass wir zum einen alles nach ökonomischen Kriterien bewerten und zum anderen sehr oberflächlich in Bildern denken. Wir sehen beispielsweise ein Bild und sagen dann: „Oh, das ist aber schön!“ Doch da stellt sich die Frage: Was sehen wir überhaupt in Bildern? Einen Gegenstand oder eine bildliche Atmosphäre?

Ich kann zum Beispiel etwas fotografieren und es sieht ganz furchtbar aus. Oder ich fotografiere es in einem anderen Stil, verändere es ein klein wenig und plötzlich sieht es ganz toll aus. Genauso verhält es sich bei den plakativen Bildern, bei denen man schnell zu sagen neigt: „Sieh mal! So schön war das früher und so hässlich ist es heute!“

Ich bin absolut nicht der Meinung, dass unser Seelenheil darin liegen kann, dass wir zurück in die Vergangenheit gehen!

Die Vergangenheit, die wir uns vorstellen, ist eine imaginierte Vergangenheit, die wir uns aus irgendwelchen Bildern zusammensetzen. Ich habe das bereits an den früheren Berliner Altbauwohnungen skizziert. Man stellt sich dann die damalige Zeit vor, schwelgt darin, mit welchen Klamotten die Menschen damals rumgelaufen sind, welchen Stil und welche Haltung sie verkörperten, wie reich sie waren und so weiter. Hinzu kommen noch diese plakativen Bilder aus Film und Fernsehen et cetera. Wir malen uns das alles in den schönsten Farben aus — nur war die damalige Realität doch eine ganz andere!

Und diese vermeintlich schöne Vergangenheit wird nicht allein dadurch wieder lebendig, dass wir heute erneut in bestimmten historischen Stilen bauen. Das wäre letztlich eine Form magischen Denkens. Man übernimmt etwa einen Torbogen aus vergangenen Zeiten und glaubt, damit zugleich auch den damaligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext zurückholen zu können. Doch so funktioniert das nicht.

Davon abgesehen, mangelt es zugleich an jenen Menschen, die heute noch so etwas errichten könnten. Wo bekäme man heute die vielen dafür erforderlichen Steinmetze her?

So habe ich das noch nie gesehen. Nichtsdestotrotz empfinde ich in dem Münchner Altbauviertel, in welchem ich lebe, mit all seinen verspielten Hausfassaden und den kleinen Statuen über den Türen sowie dem Kopfsteinpflaster ein gewissen Gefühl wohliger Erhabenheit, wenn ich dort spazieren gehe. Das fehlt mir in Neubauvierteln mit ihren kalten Flächen aus Beton gänzlich. Lässt sich dieses wohlige Gefühl irgendwie in die Moderne transferieren, oder ist das ohnehin nur Luxusdenken?

Das wohlige Gefühl kann man durchaus auch bei zeitgenössischer Architektur empfinden. Die Empfindung von Schönheit wird weniger durch Formen induziert, als vielmehr durch die Art, wie wir etwas wahrnehmen. Unser Gehirn interpretiert die Umgebung und liefert uns eine Simulation, in der wir uns als Ich verorten. Dies geschieht wesentlich durch die Narrative und Bezüge die wir in unserem Geist tragen und mit denen wir das, was von außen kommt verknüpfen und einsortieren.

Wir bilden einen Gesamtzusammenhang aus, einen sinnstiftenden Kontext, anhand dessen unsere Umgebung Gehalt bekommt — aber dieser ist ganz subjektiv.

Ich würde Ihre Frage mal umdrehen. Unser Problem ist wohl die fehlgeleitete Reduzierung der Moderne auf ihre reine Oberfläche wie sie sich in vielen Neubauvierteln zeigt. Das, was der modernen Architektur aber eigentlich zugrunde liegt ist nicht das Bild, sondern die strukturelle Organisation des menschlichen Lebens.

Bei den meisten Menschen im vormodernen Zeitalter haben sich Räume stets überlagert, was zugleich eines bedeutete: Menschen waren so gut wie nie alleine, sondern in Großfamilien strukturiert. Da ist man einfach nicht alleine. Das heutige Phänomen, dass man allein in einem Raum befindlich, ja atomisiert ist, gab es damals nicht — oder nur sehr selten. Allenfalls finden wir das bei Klosterzellen. Dort hatten viele das bauliche Ideal, sich in einem Raum mit kalten, weißen Wänden aufzuhalten — mit der Wirkung, dass der Mensch durch dieses Setting auf sich selbst zurückgeworfen wird. Keine äußeren Eindrücke sollen die Innenschau, respektive die Gottesschau, unterbrechen.

Dieses Konzept des Rückzugs aus der Außenwelt zur Förderung der Innerlichkeit findet sich auch in der Moderne wieder. Man denke nur an Le Corbusier. Von ihm stammen die maßgeblichen Konzepte der modernen Stadt mit all den Hochhäusern.

Er ging so weit, dass er ganz Paris abreißen und durch eine Reihe von Hochhäusern ersetzen wollte.

Der Gedanke der dabei indirekt durchscheint: Der Mensch sollte in die Innerlichkeit gehen, Meditationskammern finden, in denen er zu einer höheren Bewusstseinsstufe gelangt. Und ich vermute, dass dieses Konzept der Moderne von vielen Menschen auf eine vulgär vereinfachte, auf Bildlichkeit reduzierte Weise übernommen wurde — einfach einen weißen Raum errichten und das auch noch möglichst billig.

So idealistisch eine Architektur im Entwurf auch sein mag, sie wird wahrgenommen durch die Art, wie sie realisiert wird. Gerade eines wird dabei immer als besonders ablehnendes Merkmal genannt: Das Material Beton, das für die Moderne prägend ist und bei den meisten kein wohliges Gefühl erzeugt.

Da müssen wir über das Wesen des Betons sprechen. Beton ist im Prinzip eines der ältesten Baummaterialien der Welt und besteht im Grunde genommen nur aus Wasser und Sand mit einem Bindemittel — eigentlich. Heute wird zusätzlich viel Chemie beigemischt. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls lässt sich mit Beton auf unterschiedliche Weisen arbeiten. Es gibt Möglichkeiten, Beton so zu gestalten, dass er den Eindruck erweckt, Marmor zu sein. Der Haken bei der Sache: Das ist sehr teuer.

Grober Beton ist wiederum sehr günstig. Aus diesem wurden beispielsweise viele der 70er-Jahre-Großwohnsiedlungen errichtet, die oft auch einen schlechten Ruf haben, denn diese Art von Beton ist mitunter anfälliger für Wettereinflüsse und kann bröckeln.

Nun ist Schönheit nicht rein subjektiv. Im ersten Teil meiner Serie habe ich die Designer Jessica Walsh und Stefan Sagmeister zitiert. Sie haben durch Umfragen herausgefunden, dass Schönheit und ihre Wahrnehmung, in gewisser Weise universell sind. So wurden bestimmte Form- und Farbkombinationen kultur- und milieuübergreifend als hässlich oder schön wahrgenommen. Ebenso hatten Menschen nachweislich in schöneren Vierteln ein höheres Wohlempfinden als in hässlichen. Entspringen diese Empfindungen bloß einem romantisierten Nostalgiedenken?

Ja es gibt zahlreiche Ansätze, Schönheit objektiv zu erfassen. Aber ich muss dabei im Endeffekt immer an das Werk America’s Most Wanted Painting von Vitaly Komar und Alex Melamid denken. Basierend auf statistischen Umfragen darüber, was Menschen am schönsten finden, wurde ein Bild gemalt, das am Ende sehr eigenartig wirkt, obwohl es vordergründig einem romantischen Massengeschmack von Schönheit zu entsprechen scheint. Es mag bestimmte anthropologische Konstanten geben, aber ich denke nicht, dass wir Schönheit objektiv bestimmen können — und vielleicht sollten wir das auch nicht, um nicht auch noch diesen freien Bereich des Menschen objektiv zu vermessen und zu kategorisieren.

Werfen wir in diesem Zusammenhang noch einmal einen Blick auf die Altstadtbauten, die gemeinhin als romantisch betrachtet werden. Warum werden sie als „romantisch“ betrachtet? „Romantisch“ leitet sich vom Wort „Roman“ ab. Aus einzelnen Elementen entsteht im Kopf des Betrachters eine zusammenhängende Erzählung, in die er eintaucht und in der er sich selbst wiederfindet. Diese Städte sind wie ein Roman, der mehrere Einzelelemente zusammenstellt und verbindet, wodurch eine Beziehung hergestellt werden kann.

Man hat gegenständliche Beziehungen von Dingen zueinander. Die sind allerdings objektiv in dieser Weise nicht da. Sie entstehen im Menschen selbst, der an diesem Ort ist. Es sind Phänomene, die durch architektonische Motive angeregt werden können, aber vor allem im Verstand entstehen — aus Gedankenbildern, Assoziationen, Emotionen und Erinnerungen. Und sie sind auch nicht für alle gleich. Es ist eben nicht automatisch so, dass jeder sagt, dass er das schön findet.

Und ich glaube, wenn wir aber dahin kommen wollen, Schönheit wieder zu schaffen, müssen wir diese Subjekt-Objekt-Schranke, die sich in der Architektur manifestiert, irgendwie überwinden.

Meine nächste Frage lässt sich zugegebenermaßen nur sehr spekulativ beantworten: Vermuten Sie, dass sich ein Großteil jener Bewohner der Gebäude, die ich als Würfel-Wüsten bezeichne, wohlfühlen?

Auch wenn wir uns hier im Bereich des Spekulativen bewegen, lässt sich diese Frage dennoch tendenziell beantworten. Was die heutigen modernen Räume der vermeintlichen Moderne auszeichnet, ist das Dogma der Öffnung zum Licht, verbunden mit dem Umstand, dass man allzeit in die Räume hineinsehen kann. Das schafft eine Kultur der permanenten Beobachtung. Das macht etwas mit Menschen, worauf sie häufig mit zusätzlichen Abschottungselementen reagieren.

Zum anderen kann man in den Neubaugebieten immer wieder Akte der Aneignung beobachten. Wir sehen doch immer wieder, dass Menschen an die Fassaden irgendetwas dran basteln oder sie irgendwie verzieren. Daran merkt man auch, dass diese Bauweise nicht angenommen wird.

Das sehen wir auch in dem Eskapismus in mediale Räume, der häufig in der „Würfelwüste“ zu beobachten ist: Wir leben mittlerweile in einer völligen Mediengesellschaft. Und das, was im städtischen Bereich Raum und Architektur einmal war — damit meine ich auch das Definieren menschlicher Räume und dessen, was der Mensch eigentlich ist — all das wird zunehmend in digitale Welten verlagert. So gesehen ist die Schönheit, die man in der Welt finden könnte und die man früher vielleicht in der Stadt als gelebten Zusammenhang zwischen sich und der Welt wahrgenommen hat, ins Virtuelle ausgelagert worden.

Gehen wir noch einmal in das vordigitale Zeitalter zurück. Seit Beginn der Industrialisierung haben wir in Kunst, Literatur und Philosophie Diskurse über die entfremdende Wirkung der Stadt auf den Menschen — von Karl Marx, über die Frankfurter Schule bis zu Richard Sennett, Hartmut Rosa und Byung-Chul Han in der Gegenwart. Ist die Entfremdung unzertrennlich mit dem Urbanen verbunden oder steckt das Konzept der Stadt menschheitsgeschichtlich lediglich noch in den Kinderschuhen?

Da haben wir diesen altbekannten Dualismus zwischen Stadt und Land, Kultur und Natur. Ich behaupte jedoch, dass diese Gegensätze gar nicht so stark sind, wie man gemeinhin denkt. Wie ich schon sagte; Die Stadt ist der Ausdruck einer bestimmten Weltzuwendung des Menschen. Die Logik der Stadt finden wir genauso auf dem Land, in den Medien und sogar im Menschen selbst.

Diese scheinbare Gegenüber, dieses vermeintlich Außenstehende — ich bezweifle stark, dass es das wirklich so gibt.

Das ist eine Denkweise, die im 18. Jahrhundert in Europa aufgekommen ist: die Vorstellung einer Entfremdung der Stadtmenschen von einer ursprünglichen Lebensart auf dem Land und in der Natur — vor allem im Zuge der Entdeckung Tahitis in der Südsee. Damals entstand dieser romantische Topos: die Idee eines ursprünglichen Lebens außerhalb kultureller Räume, die Vorstellung, dass es überhaupt so etwas wie ein „Außen“ als Alternative gibt. Man kennt es: „Wir, die Menschen in den Städten, einerseits — und das natürliche, wilde Leben draußen in der Natur andererseits.“

Wir finden das auch bei Rousseau, in der ganzen Eskapismus-Literatur und so weiter. Vergessen wird dabei allerdings immer, dass der moderne Mensch sich bei einer Rückkehr zur Natur immer selbst mitnimmt. Er blickt ja als Stadtmensch in und auf die Natur. Ich behaupte, dass man als urbaner Mensch, die Welt gar nicht anders sehen und wahrnehmen kann.

Das, was wir als urbane Lebensform im Vergleich zu einer natürlichen bezeichnen, ist vor allem eine Denkform. Ein „wildes“ und ursprüngliches Leben ist dabei ein Konstrukt, das aus eben dieser Denkform entspringt. Es ist ein idealisiertes Abbild und nicht das Natürliche als solches.

Das wird ganz anschaulich im Tourismus sichtbar. Da will der Mensch beispielsweise die Südseeromantik eines vermeintlich einfachen Lebens erleben. Aber die negativen Aspekte eines einfachen, von der Natur bestimmten Lebens — der Natur ausgesetzt sein und der mitunter schnelle Tod durch ebendiese Natur — das will er nicht. Wenn er dann diese Romantik sucht, erschafft er sich ein idealisiertes Abbild, das rein auf seine Bedürfnisse hin konstruiert ist. Alles wird zu einem Zeichen für eine vermeintliche Ursprünglichkeit, die jedoch konstruiert ist. Potenziell natürlicher Raum wird so einer bestimmten Logik unterworfen, wodurch er zu einem bloßen Abbild wird, zu einem Art Disneyland.

Ich stimme dem natürlich zu, dass der Mensch in dem heutigen Modus zweifelsohne entfremdet ist, eben weil er im Modus der Objektivierung auf die Welt blickt und sich damit selbst zum Objekt, zum Ding macht.

Der Mensch wird in dieser, unserer Welt permanent definiert — die Welt, die geprägt ist von Zuschreibungen. Die Räume normieren sehr stark, geben vor, wie man wo, wie schnell oder langsam zu gehen hat. Überall sind Sinnbezüge. Jedes Ding, das ein Objekt ist, sagt mir als Mensch, wie es behandelt werden möchte. Beispielsweise sagt mir das Glas „Greif mich auf diese Weise.“ Überall stecken Handlungsanweisungen drinnen.

Und genau dieser Modus der Objektivierung, der sich irgendwann als geistiges Konzept entwickelt hat — davon müssen wir weg! Das funktioniert aber nicht, indem wir diesen Modus zurückgeben in eine Art Natur, die es so meiner Ansicht nach gar nicht mehr gibt. Vielmehr bräuchte es neue symbiotische Systeme, in denen subjektive und objektive Weltwahrnehmungen verschmelzen, sodass wir ganzheitlicher sehen können.

Wir erblicken das in Ansätzen in der Welt der Massenmedien und der sozialen Medien. Dort läuft es jedoch wieder in eine Objektivierung hinein, die die Menschen atomisiert und zu Objekten von Zuschreibungen macht. Denken wir nur an die Identitätspolitik. Bis vor Kurzem war das noch ein großes Thema. Und ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an einen Spruch von früher, der da lautet: „Ich bin, was ich bin.“ In der heutigen Zeit wurde dieser Satz gedreht. Jetzt heißt es: „Ich will gesehen werden als …“. Meine Identität ist somit nicht nur das, was ich subjektiv über mich sage, sondern auch das Bild, das durch Zeichen, Gesten und soziale Zuschreibungen im Anderen entsteht. Und genau in dieser Spannung zwischen Selbstbeschreibung und Fremdwahrnehmung geraten wir in eine Sackgasse des objektiven Denkens.

Wie kommen wir dort hinaus? Wir brauchen Daseinsräume, die von diesen objektiven Zuschreibungen befreit sind. Wie die genau aussehen — ich weiß es noch nicht, aber ich arbeite daran.

Wie kann sich der Mensch nun aus diesen Zuschreibungen emanzipieren? In Ihrem Buch haben Sie ausführlich dargelegt, dass das Städtische immer mit Herrschaft verbunden ist, dass die Zeichen der Herrschaft darin eingeschrieben sind. Ebenso skizzierten Sie, wie es dem Städtischen zueigen ist, dass den Menschen spezifische Aufgaben im Sinne der Arbeitsteilung zugewiesen werden. Könnte ein Ausweg paradoxerweise in einer Hightech-Kultur liegen, in der die KI im Verbund mit der Robotik ebendiese Aufgaben übernimmt, der Mensch hierdurch seine Freiheit und mit ihr seine Freizeit zurückgewinnt, ergo um seiner selbst willen sein darf?

Ich denke, dass KI die Falle ist! Sie ist die völlige Einordnung unter einen objektivierten Herrschaftskontext. Was macht KI denn? Sie zerlegt Erscheinungen in Strukturen und Relationen und bildet daraus Wahrscheinlichkeiten. Damit ist sie der konsequente Ausdruck einer Welt, in der nur noch das Erscheinende zählt, nicht mehr das Subjekt, dem etwas erscheint. Sie eignet sich natürlich ideal für alles Objektive; sie ist das ideale Werkzeug für Objekte in einer objektiven Welt. Und alles, was in dieser Welt objektiv ist, kann — und wird möglicherweise — von ihr übernommen werden, weil die Logik der KI, und die Technologie dahinter, bereits in der objektiven Welt angelegt sind. Das sagte ich auch immer wieder meinen Studenten, noch bevor die KI so ein Thema wurde: „Wenn ihr denkt, plant und baut wie ein Roboter, dann seid ihr irgendwann auch durch Roboter ersetzbar!“ Wenn man nur noch nach Bauvorgaben und Excel-Tabellen entwirft, dann macht man als — angehender — Architekt nichts, was die KI nicht auch könnte. Und da stellt sich am Ende des Tages die Frage, was dann der eigentliche Gehalt des Menschen ist, wenn er sich nicht mehr durch seine Tätigkeit definieren kann.

Wir haben uns mit der Stadt eine komplett künstliche Umgebung geschaffen, die uns — zugegebenermaßen — auch gut versorgt, die aber durch ihre Selbsterhaltungslogik unser Dasein als Mensch infrage stellt, insofern, als dass wir als Menschen nicht mehr wissen, was wir mit unserem Dasein überhaupt noch anzufangen gedenken.

Wofür ist das Ganze überhaupt da? Bislang war und ist es immer noch so, dass der Mensch sich selbst in seinen Tätigkeiten findet. Wir lernen Sprache, Berufe, Techniken und so weiter. Aber wenn das alles irgendwann technisch ersetzt ist, dann verschwindet — gefühlt — alles.

Ich denke, die Vereinbarkeit von Geist und Natur, Subjekt und Objekt kann nur entstehen, wenn wir zu einem anderen Bild kommen, in dem die Dualität aufgehoben ist, wenn wir aufhören zu unterscheiden im Sinne von: „Das ist Geist und das ist Natur.“ Nein: Auch Geist ist Natur und die Natur ist Geist. Und weiter gedacht ist — auch wenn das vielleicht blöd klingt — ebenso die Stadt im gewissen Sinne Natur. Was ich denke, was ein Kollektiv denkt, wenn es sich eine „Stadt ausdenkt“, ist ein Ausdruck der Natur; sie ist in sie eingebunden.

Wenn unsere technischen Errungenschaften einerseits und andererseits das, was wir als Menschen sind, irgendwie zusammengehen sollen, dann geht das für meine Begriffe nur, wenn wir eine neue Ebene ausbilden, von der aus wir auf uns selbst auf eine neue Weise blicken können. Wie das genau aussehen könnte, weiß ich — wie gesagt — selbst noch nicht so recht. Das ist wohl eine Art nächste Evolutionsstufe.

Sie sprachen bereits in Bezug auf das Mittelalter von den Selbstbauern der Städte. Und in dem zweiten Teil meiner Serie zitierte ich ausführlich aus dem Essay des Historikers Michael Sailer, der die alles entscheidende Frage stellte: „Wer hat die Städte gebaut?“ Er beschreibt darin außerdem, dass alle modernen Städte heute schon „bezugsfertig“ vorliegen, aber niemand so recht weiß, oder überhaupt noch darüber nachdenkt, wer diese Städte eigentlich „gemacht“ hat. Nun stellt sich die Frage, wer heute jene Erbauer der wünschenswerten Städte von Morgen sind: Sind das wenige Visionäre, die top-down ein ideales Stadtkonzept vorgeben und verwirklichen, oder sollten das dezentral agierende Menschen mit einem Schöpferbewusstsein sein? Sie erwähnten in Ihrem Buch schließlich wiederholt den Menschen in seiner Funktion als Schöpfer. „Muss“ sich dieses Schöpferbewusstsein somit in Form weniger Visionäre ausdrücken oder in Gestalt einer kollektiven Schwarmintelligenz?

Weder noch. Ich bin der Ansicht, dass wir wirklich das Subjekt brauchen. Ganz sicher brauchen wir nicht den einen Visionär, der den anderen eine Idealarchitektur hinknallt, bei der dann alle sagen: „Oh wow! Wie toll! All unsere Probleme sind gelöst.“ Das ist genau der Ansatz, den wir Menschen schon immer hatten, seit es Städte und Kulturen gibt: „Wir haben eine göttliche Ordnung und die bringen wir jetzt in die Welt.“ Das hat zu dem geführt, wo wir jetzt stehen. Und das ist nicht alles schlecht. Aber um den nächsten Schritt zu machen, müssten wir dieses Denken überwinden.

Nochmal: Wir müssen hin zum Subjekt, hin zum Sein des einzelnen Menschen! Und dieses Sein sollte auch nicht verstanden werden als eine Prägung von außen, im Sinne von zugeschriebenen Rollenbildern. Vielmehr sollte eine Ebene ausgebildet werden, in der es möglich ist, das Sein, das der Mensch in seinem Dasein als Freiheit erfahren kann, strukturiert zu erkennen, zu formen mit anderen zusammenzufinden und daraus dann etwas zu bauen.

Vereinfacht gesagt: Nicht mehr dieses Top-Down, sondern Bottom-Up. Leute finden sich zusammen und erschaffen etwas.

Solche Ansätze gab es in der Vergangenheit schon öfter. Sie scheitern jedoch immer wieder daran, dass viele Menschen sich nicht klar darüber werden, wie sehr sie schon in gewissen Mustern denken und in ihnen verhaftet sind. Und da kommen wir wieder auf die Fragestellung, was Schönheit ist. Da hat jeder gewisse vorgefertigte Vorstellungen. Und jeder Weg zu einer neuen Ebene kann erstmal nur darin liegen, nicht etwas als schön zu bezeichnen oder als Ideal hinzustellen, sondern sich eher zu fragen wie und warum bestimmte Phänomene in mir selbst als Schön angenommen werden.

Es können nur Einzelne sein, aber diese müssen irgendwie eine Art Freiheit vom Selbst haben, um auf unbetretenen Pfaden Schönheit zu schaffen. Das ist ein Erkenntnisprozess.

Eine letzte Frage: Mittlerweile ist unsere Erde so beschaffen, dass es auf ihr keinen Quadratmeter mehr gibt, der nicht Eigentum von Menschen ist. Von der Verteilung her befinden sich die meisten und größten Flächen in den Händen weniger. Können unter diesem Gesichtspunkt überhaupt neue Räume oder auch nur Experimentierfelder entstehen?

Das ist ein tatsächliches Problem. Ich musste das auch schon mehrfach feststellen. Man kennt diese Idealvorstellung: Alles ist so eng, und man möchte irgendwie raus in die Weite und unberührte Orte erreichen. Ich bin aber zu der Erkenntnis gekommen, dass es die eigentlich nicht gibt. Die Räume der Welt sind zerteilt, über jedem Raum steht eine Form der Herrschaft. Man kann beispielsweise nicht in den brasilianischen Busch gehen und sagen, dass man hier eine Stadt errichten möchte, ohne in bestimmte Zwänge eingebunden zu sein.

Es gibt auf der Weltkarte keine weißen Flecken mehr! Und die Räume gleichen sich immer weiter an. Bei meinen Reisen rund um den Globus musste ich doch immer wieder feststellen, dass das Leben allerorts fast das gleiche ist: Leute sitzen in Kisten und glotzen auf Handys.

Das wusste ich vorher schon, aber auf Reisen wurde mir erst richtig klar, dass sich alles vor allem durch gleichartige Räume und Medien angleicht — nicht durch die Inhalte selbst. Auch das ist Herrschaft über den Raum, die zwar irgendwie real vorhanden, aber in erster Linie nicht direkt sichtbar ist, denn im Grunde genommen hat irgendjemand irgendwann damit angefangen, irgendwo hinzuschreiben, dass dieses und jenes Fleckchen Erde ihm gehöre.

Darauf hat Rousseau hingewiesen, als er sagte: „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen ‚Dies gehört mir‘ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.“

Ja, ganz richtig! Ich will jetzt nicht zur totalen Anarchie aufrufen, aber man muss sich eben klar machen, dass vieles nur existiert, weil wir daran glauben, weil es in unseren Köpfen ist, aber in der Welt eigentlich nicht unabhängig davon existiert.

Dementsprechend liegt die Freiheit der Orte in uns selbst, in unserem Bewusstsein von der Welt, in der Art, wie wir auf sie blicken.

Der Weg geht nicht nach außen, in die äußeren Räume und in die Fragestellung nach ihrer formalen Gestaltung, sondern in die Nicht-Räume im Inneren, durch die hindurch wir wiederum die Welt anders sehen können. Es geht nach meinem Dafürhalten darum, genau diese Nicht-Räume wieder zu entdecken um daraus wirklich „schöne“ Daseinsformen zu entwickeln. Erst so sind wirklich ganzheitlich lebenswerte Räume und nicht nur gebaute Abbilder von ihnen denkbar.

Vielen Dank für das Gespräch!


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Teil 2
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