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Fackel der Aufklärung

Fackel der Aufklärung

Zum 150. Geburtstag des Publizisten und Dichters Karl Kraus tun wir gut daran, an Pazifisten zu erinnern, die um 1914 auf verlorenem Posten vor dem Krieg warnten.

Vor mir liegt das Karl-Kraus-Handbuch (1); meine Vorbereitung auf das diesjährige Kraus-Jubiläum. Kraus wurde 1874 geboren; nun kann man ausrechnen, was es da zu feiern gibt. Eigentlich nicht den Geburtstag, sondern was danach bis 1936 folgte.

Doch das Jahrbuch will nicht so recht feiern, was gut ist, sondern auch etwas Wasser in den Wein leeren, wie das ein Freund nennt. Kraus war 1914 nicht der einzige Kriegsgegner; lassen wir die marxistischen Sozialdemokraten und Internationalisten einmal weg, obwohl sie doch die vielleicht wichtigsten waren, gab es da auch einen, der schon vor 1914 Kriegsgegner, das heißt Pazifist war: Gustav Landauer.

„Am 20. Oktober 1914 verdammte Landauer in einem grandiosen Artikel den Opportunismus der den Krieg besingenden ‚Philosophen, Dichter, Forscher, Professoren und Zeitungsschreiber‘; er nahm Motive, die später bei Kraus häufig auftauchen, vorweg: ‚Vielleicht ist auch eure Kriegsbegeisterung nur die verkappteste Form eurer verruchten Bequemlichkeit, ihr Literaten; und vielleicht hat auch Jesus Christus, als er sprach, er sei nicht gekommen den Frieden zu bringen, sondern das Schwert, eher den Krieg gegen euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, im Sinne gehabt, als den gegen die Franzosen.‘“

Nun, warum studiert man die Vergangenheit? Um daraus etwas für das Hier und Heute zu lernen. Hier wäre eine Aktualisierung recht einfach: Ersetzen Sie bitte die Franzosen durch die Russen und die Schriftgelehrten durch die Journalisten der SZ, FAZ oder ÖR.

Es gab auch andere Kriegsgegner wie Alfred Hermann Fried, der in der Friedens-Warte im Oktober 1914 schrieb:

„12. August (…) Die Zeitungen sind voll über die Roheiten der Belgier. Grauenhafte Einzelheiten werden geschildert. Auch den Franzosen wird Roheit vorgeworfen. Man entsetzt sich darüber, und damit ist der gewollte Zweck erreicht. Diejenigen, die solche Greueltaten lesen, hassen den Feind. Wir Pazifisten urteilen anders. Wir hassen nicht den Feind, sondern den Krieg, der der Vater dieser Greuel ist. Sie liegen im System und sind davon nicht zu trennen. Der Weltkrieg wird den Bankrott derjenigen besiegeln, die sich bestreben, den Krieg zu humanisieren. Diesen Bankrott haben wir immer vorausgesagt. Der Krieg lässt sich nicht humanisieren.“

Wollte man heute ein Flugblatt schreiben, wäre es auch hier leicht, die Belgier durch die Russen zu ersetzen. Und — als Modell die Flugblätter des Spartakusbundes, das wäre dann schon ganz hohes Niveau, das kann man von einem braven Sozialdemokraten nicht erwarten.

In meinem Briefkasten liegt trotz der Bitte, keine Werbung einzuwerfen, eine solche von Herrn T., der nicht weiterweiß, offenbar in einer Sinnkrise sich befindet, und mich deshalb fragt: Was ich von ihm als Stadtrat der SPD erwarte? Damit mir die Antwort schwerer fällt, stellt er sich auch noch vor: So ist er 33 Jahre alt, was freilich keine Anspielung sein dürfte, Lehrer, die SPD ist die Partei der Kleinbürger, außerdem hat er Migrationshintergrund, also steht mit den Grünen in Konkurrenz, und lebt mit seinem Partner zusammen! Also in der Diversitäts-Skala fast ganz oben. Klar, dass man mit so viel Hintergrund den Vordergrund durcheinander bringt. Aber sein Wunsch ist immerhin: das Zusammenwachsen der Gesellschaft!

Das wundert mich, hat doch seine Partei viel dafür getan, dass diese Gesellschaft nicht zusammen, sondern auseinanderfällt, zum Beispiel beim zentralen Thema der zunehmenden Verarmung auf der einen Seite und regierungsgefördert auf der anderen Seite: Die Super-Reichen werden super reicher. Schweigen wir von den Corona-Maßnahmen und den Folgen für uns; die für Pfizer waren und sind ja etwas anders, ähnlich übrigens für Rheinmetall und so weiter.

Herr T. Wirbt mit der SPD oder die für ihn: „Soziale Politik für dich“. Das hört sich so an wie eine Einladung zum Versicherungs- oder Vermögensberater, so eines da ist, in die Bank. Auf die arbeitende Klasse bezogen, kann das nur als Rosstäuscherei bezeichnet werden.

Der junge Lehrer, der nicht weiß, was er tun soll — wir hoffen, dass er als Musiklehrer wenigstes ab und an den richtigen Ton trifft —, macht also eine Bürgerbefragung, sammelt Stimmungen und Adressen, wie das andere Firmen ja auch gerne machen.

  1. Frage: Was ich von ihm in meinem Stadtteil erwarte? Das ist einfach: Keine Post in meinem Briefkasten.
  2. Das sollte sich verbessern: Da reichen drei Zeilen leider nicht aus; das fängt bei der Postbank an, die es nicht mehr gibt, geht über die Mieten, die Gaspreise und dann wird es schon eng auf dem Blatt.
  3. Die größten politischen Probleme? Klar: Krieg, Inflation, die Deutsche Bahn, auch hier wird der Platz schnell knapp! Aber man könnte das zusammenfassen: die SPD.
  4. Die Themen, die man auch noch begründen soll! Da kann man sich doch auf Wiederholung beschränken oder: der Krieg!
  5. Und zu schlechter Letzt noch was Persönliches auf den Weg: Guter Mann, Ihr Weg ist eine Sackgasse, besinnen Sie sich! Und keinesfalls möchte ich in Ihrem jetzigen Zustand mit Ihnen in Kontakt treten!

Ich lerne im Handbuch, dass schon der ukrainische Soziologe Jacques Novicow (1849-1912) über den Mangel an Vorstellungsvermögen geschrieben hat; nun konnte der sich sicher, bei aller Fantasie, keinen Krieg im Auftrag des freien(!) Westens unter dem Oberbefehlshaber Selenskyj gegen Russland vorstellen. Die Medien nehmen den Menschen die Fantasie, anschließend glauben diese alles.

Die letzten Tage der Menschheit? Sieht ganz danach aus. Vorher sollten Sie sich vielleicht aber das gleichnamige Drama von Karl Kraus vornehmen. Wenn schon Herr T. Keine Ahnung hat, aber mitmachen möchte, vielleicht ist es bei Ihnen ja genau anders herum!


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Quellen und Anmerkungen:

(1) Prager, Kathrin und Simon Ganahl (Hg.): Karl Kraus Handbuch. Leben — Werk — Wirkung. J.B. Metzler 2022

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