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Neoliberale U-Boote

Neoliberale U-Boote

Organisierte „Libertäre“ unterwandern unbemerkt die verschiedenartigsten Protestbewegungen. Teil 1/2.

Prokapitalistische „Freiheits“-Propaganda

Während der Debatte um das Energiesicherungsgesetz ging es Mitte April im Bundestag hoch her. Nicht jeder fand die damit für den Staat geschaffene Möglichkeit gut, Energiekonzernen bei zu arger Preistreiberei Vermögen vorübergehend zu beschlagnahmen. Karsten Hilse von der AfD witterte sogar „Sozialismus“ im Anmarsch.

Jeden noch so kleinen Versuch sozialer Minimalabfederung im realimperialistischen „Wertewesten“ als „Sozialismus“ zu verteufeln, ist Programm von neoliberalen Denkfabriken.

Ende April hatten die in London praktizierende coronakritische Neurologin Margareta Griesz-Brisson und die Partei dieBasis zu einer „Großdemonstration“ in Magdeburg aufgerufen. Die Aktion unter dem Label „Reformation 2.0 ― für Frieden, Freiheit, Souveränität“ war teuer aufgezogen mit großer Bühne und viel Equipment, einschließlich Riesenbildschirm. Es ging um alles mögliche: Jesus, Luther, Ungeimpfte. Wieder warnte jemand lauthals vor „schlimmem Sozialismus“, diesmal ein Funktionär der „Freien Sachsen“.

Die „Freien Sachsen“ propagieren viele Versatzstücke neoliberaler Thinktanks. Unter dem Label „Freiheit“ trommeln sie zum Beispiel für kirchliche Doktrin statt Sozialstaat, für die Privatisierung aller Gemeingüter, weniger Steuern für Konzerne und allumfassende Konkurrenz. Vom westlichen Imperialismus produzierte Migranten wollen sie freilich draußenhalten ― ein rechter Bilderbuch-„Widerstand“.

Der ehemalige deutsche Geheimdienstchef Hans-Georg Maaßen ließ als solcher sechs Jahre lang Leute bespitzeln. Wer weiß, wie viele staatliche Schweinereien er deckte. Seit seinem 56. Lebensjahr, 2018, kassiert er ein sattes Ruhegehalt vom Staat. Trotzdem tingelt er heute im angeblichen „Widerstand“ gegen den die Regierung als selbst ernannter „Freiheitskämpfer“ durch alternative Kanäle. Ist er etwa urplötzlich vom Saulus zum Paulus mutiert? Kaum jemandem scheint das komisch vorzukommen.

Im Kanal von Paul Brandenburg gab sich Maaßen als Bürgerrechtler, warnte vor angeblich „linker CDU-Politik“ und dem einem „Ende des Bürgertums“, was zum „Ende der Freiheit“ führe. Das ist die bekannte Hysterie neoliberaler „Denker“. Dem Arzt Brandenburg, der sich im Protest gegen die Coronamaßnahmen durchaus verdient gemacht hat, scheint dabei nicht aufzufallen, wie Maaßen diverse Begriffe bis zur Unkenntlichkeit verdreht. Ein Ex-Geheimdienstchef als „Widerstandsexperte“?

Markus Krall: von McKinsey zum Finck-Zögling

Schon länger wird ein weiteres neoliberales „U-Boot“ durch die alternative Medienszene gereicht: der angeblich alles durchschauende „Star-Ökonom“ Markus Krall. Ob 2020 bei KenFM, jetzt apolut, oder in diesem Jahr bei Jasmin Kosubek, Fair Talk mit Moderator Jens Lehrich oder bei Marc Friedrich: Eifrig trägt der studierte Volkswirt seine neoliberale Heilslehre vom „freien Markt“ in den „Widerstand“.

Krall ist teuer gekleidet und rhetorisch einigermaßen begabt. Derlei „Eigenschaften“ scheinen nicht nur bei Zero-Covid-Fans und Waffenlieferfreunden als Ausweis für „Expertentum“ zu genügen. Was Krall sonst so trieb und treibt, darüber erfährt man in den Alternativkanälen meist nur wenig.

Markus Krall ist ein Zögling der eng mit neoliberalen Denkfabriken verbandelten Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Dort studierte er Volkswirtschaftslehre und erwarb darin ein Diplom. Später arbeitete er in der Finanz- und Beraterbranche, zum Beispiel beim Versicherungskonzern Allianz und bei der global agierenden Beratungsgesellschaft McKinsey. Letztere berät übrigens auch die Bundesregierung. Das gigantische Sozialabbaukonzept „Agenda 2010“ ist mit auf ihrem Mist gewachsen.

Schließlich holte der 2021 verstorbene Multimilliardär August von Finck junior im Jahr 2019 Krall an die Spitze seines Firmengeflechts, machte ihn zum Manager seines Goldhändlers Degussa. Von Finck vertrat wie Krall den sogenannten Libertarismus nach dem Vorbild von Friedrich August von Hayek. Er förderte in diesem Sinne Parteien mit hohen Spenden ― ab 2013 auch die AfD.

Das Netz der Mont-Pèlerin-Gesellschaft

Von Hayek, der einst an jener Freiburger Uni lehrte, an der Krall studierte, ist so etwas wie der Szenevater der heutigen Hardcore-Neoliberalen. Um seine Ideologie zu verbreiten, gründete von Hayek kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Mont Pèlerin Society (MPS) bei Genf. Als Mutter neoliberaler Agenden hat die MPS einigermaßen Einfluss auf die Politik. Mitglieder sind auch einige Politiker, zum Beispiel Alice Weidel und Beatrix von Storch von der AfD sowie vermeintlich „alternative“ Journalisten wie Roland Tichy.

Um die MPS herum ist mittlerweile ein global verzweigtes Netzwerk von Hunderten neoliberalen Denkfabriken, Vereinen und „Klubs“ gewachsen: das sogenannte Atlas Network. In Deutschland gehören dazu beispielsweise die Hayek-Gesellschaft samt Stiftung, die FDP-nahe Naumann-Stiftung und das Walter Eucken Institut, das wiederum eng mit der Albert-Ludwigs-Uni verbandelt ist, wo Krall studierte. Auch kleinere Akteure sind Teil des Konglomerats, wie das Europäische Institut für Klima und Energie (EIKE) und das Institut für Unternehmerische Freiheit (IUF), die beide der AfD nahestehen.

Das Atlas Network lebt von Großspenden. Die fließen vor allem von großen Konzernverbänden, wie ExxonMobil, Koch Industries, Philip Morris, Google und Microsoft. Ein wichtiger Akteur in der MPS und ihrem Atlas-Netzwerk war der 2012 verstorbene Roland Baader. Als langjähriger Autor des Haus- und Hofmagazins der Libertären eigentümlich frei, für das auch Krall arbeitet, forderte Baader zum Beispiel die Abschaffung des Sozialstaats und die Einführung christlicher Doktrin.

Krall will Arbeitslosen Wahlrecht entziehen ...

Wer sich in der neoliberalen Gemeinde verdient macht, wird entsprechend bedacht. 2019 erhielt Krall etwa den „Hayek-Preis Münster“, ein Jahr später die „Roland-Baader-Auszeichnung“. Im selben Jahr, kurz bevor die Bundesregierung wegen Corona alles lahmlegte, hielt Krall bei der sächsischen AfD einen Vortrag mit dem Titel: „Der Weg aus der Krise“. Kralls Vorschlag für diesen Weg: Die gesamte Infrastruktur Deutschland sei zu privatisieren, Unternehmenssteuern radikal zu senken und Arbeitslosen gehöre das Wahlrecht entzogen.

Mit derartigen Vorträgen tingelt Krall auch durch die anarchokapitalistische Klubszene der Marke „von Hayek“. In Frankfurt am Main, Fulda, Hannover und anderswo beschwor er dort die Alternativlosigkeit totaler Marktfreiheit herbei und zitierte hier und da aus einem seiner Bücher. In einem ruft er beispielsweise nach einer neuen „bürgerlichen Revolution“ und sagte den totalen Finanzcrash für Ende 2020 voraus.

... sieht Arme als plündernde Affenhorde ...

In diesem Buch mit dem gleichnamigen Titel „Die Bürgerliche Revolution“ vertritt Krall so manche abenteuerliche These, die wir von neoliberalen Extremisten der Marke Thatcher kennen. Kapitalisten sind seiner Meinung nach „die Leistungsträger“ einer Gesellschaft, und wer es nicht zum Kapitalisten bringe, dem mangele es halt an Fleiß. Arme seien an ihrer Lage grundsätzlich selber Schuld, da sie nicht fähig seien, ihr Leben zu planen. Man dürfe sie nicht unterstützen, weil man damit ein „Bonobo-Verhalten für schnelle Bedürfnisbefriedigung“ fördere. Dies gefährde die „soziale Evolution“.

Damit vergleicht er jene, die es nicht schaffen, im System nach oben aufzusteigen, mit einer faulen, minderbemittelten Affenhorde, die, so Krall, stets nur darauf bedacht sei, die Leistungsträger, also die Kapitalisten, auszuplündern. Was er ökonomisch daran anknüpft, klingt mit Blick auf die kapitalistisch-imperialistische Realität einigermaßen wirr: Die Armen scheiterten daran, dass sie ihre Bedürfnisse nicht zurückstellen könnten, um sich etwas anzusparen und in ihre Zukunft zu investieren.

Die Armen würden demnach zu viel konsumieren, weshalb sie nicht selbst reich werden könnten und folglich die „armen“ Kapitalisten ausplündern müssten. Wobei der Staat den Armen auch noch helfe und damit allgemeine Dummheit fördere ― denn intelligent seien ja nur die Kapitalisten. Nun leben aber die Kapitalisten aber gerade vom Massenkonsum, sonst würden sie schlicht nichts verkaufen und pleite gehen.

... und die Marktkonkurrenz als „soziale Evolution“

Es gibt noch mehr Widersprüche in Kralls „Logik“. In der alternativen Medienszene kritisiert Krall gerne, die Bundesregierung zerstöre den Mittelstand. Dagegen wirbt er in seinem Buch indes dafür, Betriebe und Unternehmen, die im globalen Monopoly nicht mithalten können, nicht zu fördern, sondern rigoros untergehen zu lassen. Denn nach seiner neoliberalen Doktrin regelt der Markt bekanntlich alles. Dazu dürften eine Menge kleinerer und größerer Unternehmen in Deutschland gehören. All die erfolglosen Kleinunternehmer, die dem Preisdruck der großen Monopole nicht standhalten, könnten dann schnell in seiner Kategorie „dumme Bonobo-Horde“ landen ― „soziale Evolution“ der Marke Krall eben.

Seiner Doktrin nach produziert nicht etwa der Kapitalismus aus sich heraus Krisen, die dann von den Staaten mehr schlecht als recht gemanagt werden. Vielmehr sei allein die Politik daran schuld.

So habe die Europäische Zentralbank (EZB) beispielsweise mit ihrer jahrelangen Nullzinspolitik nur Nichtsnutze durch billiges Geld zum Investieren eingeladen. Auf die Idee, dass der Kapitalismus Wachstum braucht und die EZB selbiges mit ihrer Zinspolitik wieder fördern wollte, kommt er in seinem Machwerk nicht.

Auch die Tatsache, dass die ständige Konkurrenz zwischen Kapitalisten auf dem Markt automatisch dazu führen muss, dass sich das Kapital immer stärker konzentriert, sich also global agierende Monopole herausbildeten, die Märkte dominieren, Preise bestimmen und kleine Unternehmen niederkonkurrieren, ist zwar nicht so schwer zu verstehen. Doch auch das ignoriert Krall geflissentlich. Seine Schuldigen heißen Arme und Sozialstaat. Man weiß es nicht: Ist es Dummheit, eiskaltes Kalkül oder beides?

Kralls Ideologie kann man simpel herunterbrechen: Kapitalisten sind gut und fleißig, Arme faul und dumm. Nicht die Kapitalisten beuten Lohnarbeit aus, sondern die Armen die Kapitalisten. Darum sei es auch nicht schlimm, sondern „Evolution“, wenn der Markt die Habenichtse ausmerze. Dies sei sogar notwendig, da an allem Übel nur der „sozialistische Sozialstaat“ schuld sei, womit Krall freilich jeglichen sozialen Ausgleich meint. Dieser „Sozialismus sei des Teufels“ ― wie Krall immer wieder betont.

Missionierungseifer mit der „libertären Bibel“

Seit 2019 versucht der selbst ernannte „Leistungsträger“ Krall nun, seine Doktrin mit einem eigenen Thinktank unters Volk zu bringen. Er gründete die Atlas-Initiative. Der Name erinnert an das Atlas-Netzwerk der MPS, auch wenn über Verbindungen dahin bisher so wenig bekannt ist wie über die Spender: nichts.

Wie alle anderen rechten „Libertären“ bedient sich Krall bei all seinen Ausführungen gern aus einer Art „Bibel“ der neoliberalen Marktextremisten: dem „Libertären Manifest“. Dessen Autor Stefan Blankertz ist ein hochverehrter Guru der Szene. Wie Krall schreibt er im Szeneportal eigentümlich frei. In seinen Artikeln geißelt Blankertz zum Beispiel die Demokratie als „Tyrannei der Mehrheit“ und kostenlose Mittagessen für arme Kinder in Schulen als „sozialistische Konkurrenzbremse“.

Mit seinem Machwerk von 2001 geht die neoliberale Szene eifrig auf regierungskritischen Protesten missionieren. Logisch, denn auch sie findet ja den Staat doof. Dass sie keine Freiheit für alle, sondern nur fürs Kapital einfordert, verschweigen die Prediger je nach Bühne geflissentlich.

Bis zum Erscheinen dieses „Manifests“ dümpelte die Szene in Deutschland in ihren Thinktanks weitgehend unter sich herum. Anhänger der FDP und einige CDUler tüftelten dort an neuen Ideen und bezirzten damit hier und da die Regierung. Das änderte sich zur Zeit der kapitalistischen Wirtschaftskrise um die Jahrtausendwende mit Blankertz-Machwerk: Die geballte Welle neoliberaler Verbalaufrüstung schwappte aus Übersee und Großbritannien nach Deutschland.

Schnell erkannten die marktextremen Gurus Protestbewegungen als Einfallstor für ihre Ideologien. Unter dem Label „Freiheit“ warfen sie sich 2011 Occupy und ein paar Jahre später den Mahnwachen für den Frieden im Zuge des Maidanputsches in der Ukraine an den Hals. Christlichen Predigern gleich missionierten sie unter Unzufriedenen und versuchten, die Menschen von ihrer Pseudolehre vom „freien Markt“ ― den es nie in vollem Umfang gab ― zu überzeugen. Blankertz-Lesekreise schossen wie Pilze aus dem Boden. Auch den Coronamaßnahmen-Widerstand hatten sie schnell okkupiert.

Loblied auf Kinderarbeit und Ausbeuter

Blankertz „Libertäres Manifest“ ist eine geradezu widerliche Mischung aus radikalem Sozialdarwinismus mit Elementen der Eugenik, technokratischem Selbstoptimierungswahn, Geschichtsklitterung, ein wenig christlich-fanatischer Mythologie und ökonomischem Unfug. Kinderarbeit ist für Blankertz und seine Freunde danach kein Problem, sondern gewöhnliches Marktgeschehen.

Gleich zu Anfang, auf Seite 9, postuliert er etwa, dass ein bettelarmes Kind in Indien nicht vom Staat unterstützt und beschult gehört. Vielmehr müsse nur ein guter Kapitalist kommen und es für sich arbeiten lassen. Denn damit könne das Kind seine Familie vor dem Hungertod bewahren.

Wörtlich führt Blankertz in seiner „Manifest“-Einleitung aus:

„Die achtjährige Reshma lebt davon, daß sie von früh bis spät Kohlen stiehlt, die sie in einen Korb füllt, den sie über einen kilometerlangen Weg auf dem Kopf ins Dorf bringt. Reshma helfen keine Regierungen und keine »Menschenfreunde«, die ein »Recht« auf Kindheit oder Schulbildung proklamieren. Sie und ihre Familie ist auf das bißchen Geld angewiesen, das sie für ihre Hehlerware bekommt. Würde sie gezwungen, zur Schule zu gehen, würde sie verhungern. Wollte die indische Regierung ihr oder ihrer Familie Geld für den Unterhalt schenken, so könnte sie das nur, indem sie es jemand anderes, der über seinen unmittelbaren Lebensbedarf hinaus etwas produziert hat, in Form von Steuern wegnimmt.

Was Reshma fehlt, ist nicht die Kraft, die Ausdauer und der Wille zur Arbeit. Sie arbeitet viel. Sie arbeitet unter extrem gefährlichen Bedingungen. Sie arbeitet länger, als man es für möglich hält. Was Reshma wirklich fehlt, ist jemand, der ihre Arbeit produktiv macht: ein Kapitalist, der ihre Arbeitskraft so mit der Arbeitskraft anderer kombiniert, daß mehr herauskommt, als zum bloßen Überleben notwendig ist“ (1).

Das ist beileibe kein einmaliger Ausrutscher, sondern Programm im „Libertären Manifest“. An weiteren Stellen lobt Blankertz die brutale Ausbeutung von Kindern erneut, diesmal im historischen Kontext. Dafür zitiert er Ludwig von Mises, wie von Hayek einer der härtesten neoliberalen Vordenker. Er schreibt:

„Es ist eine Verdrehung der Fakten, zu sagen, daß die Fabrikanten die Hausfrauen von den Wiegen und aus den Küchen weggeholt und die Kinder aus dem Spiel gerissen hätten. Diese Frauen hatten nichts zum Kochen, um ihre Kinder zu sättigen. Diese Kinder litten arge Not. Ihre einzige Zuflucht war die Fabrik. Sie bewahrte sie vor dem Verhungern" (2).

Blankertz singt sein Loblied auf Kinderarbeit weiter, wobei er wie gehabt den Kapitalisten als „Arbeitgeber“ wie einen sozialen und moralisch reinen „Beschützer“ dieser vom Elend gequälten Kinder ― die ja nach Kralls Doktrin der „minderbemittelten Bonobo-Horde“ angehören ― darstellt:

„Ein so unverdächtiger Zeuge wie Robert Owen berichtet, daß die Kinder, die in der von ihm 1799 erworbenen Fabrik arbeiteten, bei der Übernahme wohlgenährt, anständig gekleidet und gut untergebracht waren. (...) Für viele Kinder war Fabrikarbeit eine Möglichkeit, dem ungeheuren Druck, dem sie in der vorindustriellen Heimarbeit ausgesetzt waren, zu entkommen und erstmals geregelte Arbeitszeiten, Ausbildung, Ferien, angemessene Löhne und soziale Sicherheit vorzufinden“ (3).

Mindestlohn und Mutterschutz als „sozialistisches Teufelswerk“

Wie erwartet verteufelt der Guru der Marktextremisten vom Schlage Krall jedwede hart erkämpfte Errungenschaft der Arbeiterklasse. Mindestlöhne, Mutter- und Jugendschutz ― all das gehört nach seiner Meinung abgeschafft, da es „die freie Konkurrenz“ behindere. So fabuliert er beispielsweise:

„Mindestlöhne werden oft als notwendig proklamiert, damit Arbeitenden mit geringem Einkommen wenigstens ein Minimum garantiert wird. Die Konsequenz ist jedoch, daß die Arbeit für wenig Qualifizierte einfach wegfällt. Sie werden arbeitslos. Die wirklichen Absichten der Mindestlohnbestimmungen kommen jedoch bisweilen ans Licht. Im Südafrika der Apartheid und in den USA haben rassistische weiße Gewerkschaften Mindestlohnbestimmungen bewußt eingesetzt, um die billige schwarze Konkurrenz auszugrenzen. Ebenso werden in Deutschland im Baugewerbe Mindestlöhne benutzt, um billige Konkurrenz aus Osteuropa fern zu halten“ (4).

„Der Mutterschutz hat die Folge, dass Frauen erst gar nicht eingestellt werden. Der Jugendschutz hat die Folge, dass Jugendliche sich gar nicht erst ihren Lebensunterhalt verdienen können, sondern abhängig von den Eltern (oder den Institutionen des Sozialstaates) bleiben. Der Mieterschutz führt zu objektiv höheren Preisen, zu weniger Mietangeboten für arme Familien und zu stärkerer Diskriminierung“ (5).

Verdrehte Sicht: Kapitalisten als Opfer der Armen

An nicht wenigen Stellen bejammert Blankertz in seinem Machwerk ausführlich das angebliche Los seiner geliebten „Leistungsträger“, also der Kapitalisten. Dass sie einen schlechten Ruf hätten, liege nur am Staat und an den „faulen“ Armen. Die nämlich wollten diese einzig „Produktiven“ im System nur ausplündern, um ihr schönes „Leistungsträger“-Geld zu „rauben“. Gleich zu Anfang schreibt er etwa:

„Der Abscheu vor den Kapitalisten hat seine Ursache nicht in irgend einem unerklärlichen psychologischen Defekt. Er ist das Ergebnis eines kalkulierten ökonomischen Interesses: Wenn nämlich die Produktiven als Volksschädlinge hingestellt werden können, erscheint es als gerecht, ihnen so viel wie möglich von ihrem Produkt, das sie in Form von Geld besitzen, abzunehmen, um es dann anders zu verwenden, als sie es verwendet sehen möchten: Mit dem Steuergeld, das den Produktiven enteignet wird, finanziert der Staat Unproduktivität ― entweder unproduktive Arbeiten, das heißt Arbeiten, für die niemand im freien Tausch seine eigene Arbeit oder sein eigenes Geld hergibt, oder Untätigkeit“ (6).

An anderer Stelle bekundet er ausgiebig seine Liebe zu Spekulanten. Er verstehe gar nicht, warum man sie so hasse, sie seien nämlich unabdingbar für einen guten Markt. In abenteuerlicher Weise mystifiziert er diese Klientel und verbreitet einen wirklich selten gelesenen Unsinn, der so weit entfernt von jeder Realität ist, dass man ihn wohl nicht mehr kommentieren muss:

„Mit Haß werden Spekulanten verfolgt. Gleichwohl steht fest, daß Spekulanten in jeder komplexen Volkswirtschaft eine unersetzliche Funktion haben. So unersetzlich ist die Funktion der Spekulanten, daß sie sogar in den zusammengebrochenen Planwirtschaften des realen Sozialismus geduldet werden mußten. Wenn ein Spekulant wußte, daß in Leningrad eine Ladung Schrauben überflüssig herumstand, die in Novosibirsk zur Produktion von Traktoren gebraucht wurde, trug er zur Planerfüllung bei, obgleich er nicht einen einzigen Gegenstand hergestellt hatte. Es ist die Leistung der Spekulation, vorhandenes Geld, produzierte Waren und akkumuliertes Wissen jeweils an die Orte zu bringen, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Dies ist die Leistung, mit der Spekulanten ihr Geld verdienen“ (7).

Wenn neoliberale „Experten“ von „Freiheit“ säuseln

Bei all der Lektüre müsste eigentlich jedem, der noch einen Rest gesellschaftlicher Verantwortung verspürt, schlecht werden. Nach diesen Doktrinen gäbe es keine Rente, keine Sozialversicherung, kein Arbeitslosengeld, keine Unterstützung für obdachlose Jugendliche und Behinderte ― rein gar nichts. Wer krank, alt oder schlicht arm geboren ist, muss eben sterben, wenn er nicht anderweitig durchkommt.

Warum fragt sich eigentlich keiner der Interviewer und Bühnengeber, welche Agenda der angebliche „Wirtschaftsexperte“ Krall mit seinem Geschwätz von Freiheit tatsächlich verfolgt?

Lesen sie nicht seine Pamphlete und die Ergüsse seiner neoliberalen Sekte? Viele kritisieren an anderer Stelle doch gerade den Neoliberalismus als Übel. Rainer Mausfeld warnt seit Jahren vor diesen Leuten ― und wird dann auch beklatscht. Ausgerechnet den neoliberalsten Extremisten geht man im Anschluss auf den Leim.

Ist es eine politische Bildungslücke oder just kognitive Dissonanz? Will man einfach einen geschulten Redner mit Diplom präsentieren, weil das irgendwie ein bisschen souverän wirkt, wenn er von Freiheit säuselt, aber nicht sagt, dass er damit nur den Markt meint? Entschuldigung, aber das ist dann exakt die gleiche Masche, mit der die vielfach verhassten Mainstream-Medien die Massen indoktrinieren: Indem sie irgendwelche „Experten“ aus dem Hut zaubern, die ihnen nach dem Munde reden und das als „die Wissenschaft“ und einzige „Wahrheit“ präsentieren.

Im zweiten Teil dieses Artikels werde ich erläutern, warum das neoliberale Märchen, die Politik steuere derzeit die Welt in einen neuen Sozialismus, ökonomisch und politisch kompletter Unsinn ist.


Quellen und Anmerkungen:

(1) Stefan Blankertz: Das Libertäre Manifest, Seite 9/10.
(2) Ebenda, Seite 207/208.
(3) Ebenda, Seite 208.
(4) Ebenda, Seite 174/175.
(5) Ebenda, Seite 175.
(6) Ebenda, Seite 10/11.
(7) Ebenda, Seite 125/126.


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