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Unter den roten Teppich gekehrt

Unter den roten Teppich gekehrt

Wer glaubt, #MeToo sei Schnee von gestern, der verkennt die Lebensrealität vieler Frauen in der Medien- und Kulturbranche.

Schnee von gestern oder erst der Anfang?

Wieder einmal wurde in Cannes der rote Teppich ausgerollt. Beim diesjährigen Filmfestival an der Côte d’Azur beklagte die australische Schauspielerin Cate Blanchett, die MeToo-Bewegung „got killed very quickly“ — sei sehr schnell beendet, totgetreten worden; dies sei umso erstaunlicher, so die zweifache Oscar-Preisträgerin, als sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch doch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen seien und nicht auf die Filmbranche beschränkt. (1, 2) Fürwahr: „Viele hochqualifizierte Ärztinnen erleben in ihrer Laufbahn eine derart gravierende geschlechtsbezogene Diskriminierung, dass sie ihre ursprünglichen Karriereziele frustriert aufgeben — und die Medizin womöglich ganz verlassen“, so der Deutsche Ärztinnenbund e.V. (3) MeToo scheint also doch noch nicht tot, denn ähnlich berichteten aktuell auch große Zeitungen (4, 5, 6).

77 Jahre „Gleichberechtigung“

1949 trat das Grundgesetz in Kraft. Seither gilt: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Zu verdanken haben wir das vier Politikerinnen, den einzigen Frauen im Parlamentarischen Rat. Sie kämpften gegen 61 Männer, die alles taten, um Herr im Haus zu bleiben. Doch gegen Tausende von Frauen, die per Briefaktion ihr Recht einforderten, kamen sie dann doch nicht an (7).

Und heute, 77 Jahre später? Ob es um Besitz geht, um Erziehung oder Ausbildung, um Beruf, Gesundheit oder Sorgearbeit, Ausgaben, Einkommen, Privatleben oder Beziehungen: Auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen Bereichen erleben Frauen täglich Einschränkungen, Benachteiligungen, Herabwürdigungen, Eingriffe, Angriffe und Übergriffe.

Anfänge und Illusionen

Ich gehöre zur ersten Frauengeneration, die gleichberechtigt aufgewachsen ist — auf dem Papier. Seit 56 Jahren arbeite ich in der Theater- und Medienbranche, vier Jahrzehnte davon als Freiberuflerin und zwei Dekaden als Singlemama. Auch wenn — oder gerade weil — die meisten meiner Erlebnisse schon weit zurückliegen und nur wenige davon justitiabel gewesen wären: Vielleicht kann ich etwas zum Hausputz unter dem roten Teppich beisteuern.

Als ich mit neunzehn, damals noch nicht einmal volljährig, ins Berufsleben einstieg, fühlte ich mich frei — und selbstverständlich gleichberechtigt. Gewiss, mein Einkommen war geringer als das meiner männlichen Kollegen. Aber so war das eben; und ich brauchte ja nicht viel.

Gewiss, ab und zu mussten wir Frauen uns gegen übergriffige Männer zur Wehr setzen, aber so war das eben; den schlimmsten Regisseuren, vor denen ich gewarnt wurde, ging ich aus dem Weg, Rollen hin oder her, ich hatte ja auch so gut zu tun.

Gewiss, als junge Schauspielerin wurde von mir verlangt, halbnackt vor der Kamera zu agieren, aber mein „Nein“ wurde akzeptiert … glaubte ich.

„Mehr Gretchen, mehr sexy“

„Zu jung, zu alt, zu dick, zu dünn“ … Wir alle bekam es zu hören. „Nein danke“ lautete das Urteil nach einem Vorsprechen, „wir wollen was anderes: mehr Gretchen, mehr sexy!“

„Wir“ — das waren die Herren, die im dunklen Zuschauerraum saßen und über mein Weiterkommen befanden: Oberspielleiter, Dramaturg, Hausregisseur und Regieassistent … vermute ich mal; vorgestellt haben sie sich mir nicht.

Dass ich nicht „sexy“ rüberkam, war mein Glück. Und dass ich glimpflich davonkam, lag wohl auch daran, dass ich so naiv war; es war lange vor TikTok und Instagram …

„Er wird mir doch nichts tun?“

Ich war sechzehn oder siebzehn, als ein Regiekollege meines Vaters an unserem Wohnort gastierte. Wir erwarteten seinen Besuch. Als er anrief, war ich allein. „Tut mir leid, meine Eltern sind auf Reisen. Ich werde es ausrichten!“ „Aber Sie könnten ja schon mal vorab bei mir vorbeikommen. Ihr Vater hat erzählt, Sie wollen nach Italien auf die Schauspielschule? Mutig! Kommen Sie doch einfach her; meine Theaterwohnung ist gleich bei Ihnen, gleich ums Eck!“ Ich zögerte; fühlte mich geehrt, wagte nicht, die Einladung abzulehnen. „In einer Stunde? Um halb vier?“ — „Ja … wenn ich nicht störe …“ Ich notierte die Adresse. „Aber sagen Sie hinterher nicht, ich hätte Sie verführt!“ Noch bevor ich reagieren konnte, hatte er aufgelegt.

„Da gehst du nicht hin! Auf keinen Fall!“ — „Aber ich hab ja nicht mal seine Nummer, um noch abzusagen! Das wäre doch unhöflich! Und der wird mir doch nichts tun! Oder?!“ Die Schulfreundin nahm mir das Versprechen ab, sie spätestens um sechs Uhr wieder anzurufen. „Sonst sag ich meinen Eltern Bescheid!“ Handys, mit denen man schnell mal reisende Eltern kontaktieren konnte, gab es noch nicht …

Der 60-Jährige kam mir im Morgenrock auf der Treppe entgegen. „Ich, ähm, möchte lieber ins Café gehen!“ stammelte ich. Er lachte: „Aber Kleine! Was denken Sie denn Kommen Sie rein!“ Ich folgte beschämt. Er hat mir nichts getan. Er zeigte mir die Wohnung, auch das Schlafzimmer mit dem ungemachten Bett. Schockgefroren stand ich im Türrahmen. Er kehrte ins Wohnzimmer zurück, servierte mir eine Tasse Tee und hat mit mir über Theater gesprochen. Um halb sechs war ich wieder daheim. Meine Freundin hatte schon drei Mal versucht, mich zu erreichen.

„Der spinnt ja!“ seufzte meine Mutter. Meinem Vater erzählten wir nur vom Teetrinken. Ein paar Tage später kam der Regisseur mit Ehefrau zu uns zu Besuch. „Ah, da ist ja meine Nonne!“ rief er aus, als ich die beiden artig begrüßte. „Hat die Kleine doch tatsächlich Angst gehabt, ich könnte sie verführen! Ach Gott, ich bin doch völlig uninteressant!“ — „Ach, lieber Herr X“, sagte meine Mutter mit sibyllinischem Lächeln, „große Männer sind doch immer für eine kleine Überraschung gut!“ Die Ehefrau guckte nachhaltend konsterniert, und mein Vater fragte noch Wochen danach: „Wieso ‚Nonne‘? Wie kommt er darauf?“ Er hat es nie erfahren.

Einige Jahre später traf ich nochmal mit dem Morgenrockträger zusammen. Bei der Arbeit. Ich wollte die Rolle nicht absagen, nur weil er Regie führte. Die Zusammenarbeit verlief problemlos. Nur einmal sagte er, frei und ungeniert: „Das hat mir ja gefallen damals, dass Sie nicht gleich die Beine breitgemacht haben!“

Talentsuche: Es ist doch nichts passiert!

Es war 1969. Der Leiter der Schauspielschule des Piccolo Teatro Mailand stellte uns angehenden Profis einen Regisseur vor. „Er ist auf Talentsuche; will euch kennenlernen; dreht einen neuen Film, da ist einiges zu besetzen. Also: in bocca al lupo!“ Ins Maul des Wolfes. Nun wusste ich, was Toitoitoi auf Italienisch heißt.

Als Minderjährige fand ich ein Zimmer nur im „Fräuleinhaus“ der Grauen Schwestern der Heiligen Elisabeth. Die Oberschwester holte mich ans Telefon: Der Regisseur! Er habe da vielleicht eine Rolle, eine blutjunge Deutsche; wie alt ich sei? 18? Perfekt! Ich solle doch gleich mal bei ihm vorbeikommen; er wolle mit mir arbeiten.

In seinem Ein-Zimmer-Appartement setzte er sich auf den Rand eines mit Fellen bedeckten Riesenbettes und drückte mir einen Text in die Hand. „Mach einfach mal, was dir so dazu einfällt!“

Ich legte mich ins Zeug. „Aber kannst du vielleicht die dicke Jacke ausziehen? Man kann ja gar nicht sehen, wie du dich bewegst.“ Ich zog die Jacke aus. Wir arbeiteten weiter. Danach schlüpfte ich aus den Schuhen, denn „barfuß stehst du viel geerdeter! Ja! So! Viel besser! Toll!“

Am nächsten Tag saß ich weinend vor dem Leiter der Schauspielschule. „Ich konnte ja nicht ahnen … Sie hatten uns den doch empfohlen …“ — „Und dann?“ fragte der Direttore zunehmend nervös. „… wollte er, dass ich die Jacke ausziehe.“ — „Und dann?“ — „Ich weiß gar nicht richtig, wie das alles passiert ist …“ — „Was denn, um Himmels willen?!“ — „Ich bin erst so richtig zu mir gekommen, als er mir den BH aufmachen wollte.“ — „Und dann???“ — „… hab ich meine Sachen gepackt und bin raus!“, schluchzte ich. Erleichtert seufzte der Direttore auf: „Madonna!!“ Damit war die Sache erledigt. Es war ja auch nichts passiert — oder?

Debüt

Vorsprechen für die erste Rolle. La tedeschina, ich, die kleine Deutsche, durfte am großen Theater meine erste Rolle spielen! Auf Italienisch! Doch der französische Regisseur hatte eine blonde Italienerin favorisiert, somit an mir viel auszusetzen, und bestellte mich schließlich zu Extraproben in sein Hotel. Ich rannte zum Intendanten: „Nicht noch einmal! Nicht mit mir!“ Ein älterer Kollege wurde mir als Coach und Aufpasser zur Seite gestellt. Er wohnte theaternah in einem kleinen Hotel; dorthin zog nun auch ich, denn die Grauen Schwestern schlossen ihre Pforte um Punkt 22 Uhr — keine bühnenverträgliche Zeit. Vor dem Hotel standen plaudernd immer ein paar nette Frauen; auch das gab mir Sicherheit in den sommerwarmen Nächten.

Zur Premiere reisten meine Eltern an. Nach einem kurzen Rundumblick zog meine Mutter amüsiert ihre schöne Braue hoch und erklärte mir, was ein Stundenhotel ist. Aber auch auf das Auto meiner Mutter haben die Damen gut aufgepasst.

Weiter geht’s!

Deutschland, Fernsehen, Hauptrolle, großer Sender, fette Gage. Eine Komödie. Das Drehbuch sah eine Szene vor, in der ich halbnackt durchs Bild laufen sollte; nur so, „weil lustig“.

Meine Mutter bestärkte mich in meinem Widerstand, mein Vater stöhnte, der Agent drohte genervt mit Rollenverlust, doch schließlich wurde mein „Nein“ akzeptiert und festgeschrieben. Der Dreh verlief vertragskonform. Dass ich danach sieben Jahre bei dem Sender nichts mehr zu tun bekam, das ist mir erst Jahrzehnte später bewusst geworden, als „MeToo“ losgetreten wurde.

Für Ausziehrollen wurde ich danach nicht mehr angefragt — bis ich um die 60 war: Da wollte mich ein angehender Filmregisseur für ein Hochschulprojekt engagieren; für Gotteslohn. Als ältere Vermieterin sollte ich „spärlich mit Reizwäsche bekleidet“ den jungen Untermieter verführen.

Im Festengagement: Unverschämt und hüllenlos

Stadttheater. Proben. Die Kussszene mit einem Kollegen rückt immer näher; ich werde immer stiller und starrer. Da rettet der Regisseur mich elegant: „Kein echter Kuss! Schön weggedreht wie im Western, okay?“ Intimitäts-Koordinatoren? Gab es noch nicht.

Zwei-Frauen-Stück. Meine Kollegin, ein paar Jahre älter als ich und ledige Mutter, reiste zu den Vorstellungen an; von München war‘s ja nur ein Stündchen mit dem Zug.

„Heute Abend muss ich den 22-Uhr-Zug bekommen“, flüsterte sie mir einmal panisch zu. „Unbedingt; länger kann ich das Kind nicht alleinlassen, ich hab keine Betreuung!“

Erbarmungslos improvisierend kürzten wir das Stück um gute zehn Minuten, während die Souffleuse wie verrückt im Textbuch blätterte — sie einzuweihen, war uns zu riskant erschienen. Wütend verpetzte sie uns beim Chef, zornentbrannt zitierte der uns in sein Büro. „Unprofessionell! Unverschämt!“ Ja doch. „Durch nichts zu rechtfertigen! Schämen Sie sich!“ Doch solange hie und da ein Schauspielkollege oder TV-Regisseur, ehelich rundumversorgt, besoffen durch eine Vorstellung oder einen Drehtag torkeln durfte, ohne dafür kritisiert zu werden … Nein, geschämt habe ich mich nicht für die Rettungsaktion.

In meinem dritten Theaterjahr stand ich dann doch einmal hüllenlos auf der Bühne. „Der Lauf des Bösen“ von Jacques Audiberti. (Damals habe ich nur in Männerwerken gespielt; Stücke von Frauen standen in kaum einem Spielplan.)

Prinzessin Alarica, von einem korrupten Hofstaat all ihrer unschuldigen Mädchenträume beraubt, reißt sich verzweifelt die Kleider vom Leib. Tolles Stück, tolle Rolle, tolle Szene, tolles Team. Und es war nur ein Wimpernschlag, bevor meine Blöße bedeckt wurde. Doch in Kantinengesprächen soll mann zu dem Schluss gekommen sein, dass „Prinzessin Kenter“ ja wohl nicht Cameliaträgerin sei, sondern o.b. benutze, „sonst kann die ja schlecht spielen, wenn sie ihre Tage hat“. In der nächsten Spielzeit musste ich ins Krankenhaus. „Die kann doch ruhig zugeben, dass sie eine Abtreibung hatte!“, wurde hinter den Kulissen geraunt. Ich konnte nichts zugeben: Ich hatte Uteruspolypen.

„Der letzte Tango in Paris“

„Der letzte Tango in Paris“. 1973. Kultfilm. Ich bewunderte Maria Schneider. Den Film habe ich nicht verstanden. „Haha, die Butterszene“, hörte ich hie und da. Dass Schneiders Gage 2.500 Dollar betrug und die von Marlon Brando 250.000, war nie Gesprächsthema; vielleicht auch gar nicht bekannt.

„Butterszene“? Ich konnte mich nicht erinnern; hatte wohl instinktiv weggesehen.

2013 räumte der Regisseur Bernardo Bertolucci ein, Maria sei ahnungslos gewesen: „Da wir ihr nicht vorher gesagt hatten, was kommt, war es wie eine echte Vergewaltigung.“ Auf DVD und per Stream ist der Missbrauch bis heute zu sehen (8, 9, 10).

Women’s Lib, Down Under, Upside Down

Dreharbeiten in Sydney, 1974. Ich wohnte in einem schicken Appartement mit Blick auf eine traumhafte Bucht und hörte zum ersten Mal von „Women’s Lib“. Nach einem anstrengenden Drehtag in englischer Sprache schlenderte ich die belebte Kings Cross entlang. Ich wollte mir etwas Gutes tun. „Massage“ las ich auf einem großen goldenen Türschild. Gute Idee!

Ich klingelte, eine junge Frau in weißem Medizinkittel öffnete, ich fragte nach einem Termin für eine Rückenmassage und bekam sie sofort. Am nächsten Tag erzählte ich am Set davon. Die Frauen waren erschrocken — auch über die Kollegen, die vor Lachen brüllten; ich kam mir dumm vor. Rückblickend habe ich mit den Damen des horizontalen Gewerbes sehr viel bessere Erfahrungen gemacht als mit den Herren im Mediengeschäft.

Falsche Bewegungen

1974 wurde „Falsche Bewegung“ zum Kinohit; 1977 der Tatort „Reifezeugnis“ zum TV-Straßenfeger.

In beiden Filmen war Nastassja Kinski zu sehen — in Nacktszenen: Sie war 13 beziehungsweise 15 Jahre jung. Die Regisseure Wim Wenders und Wolfgang Petersen fanden das künstlerisch notwendig; niemand am Set hat sie beschützt, niemand hat sie davor bewahrt.

Die mittlerweile 65-Jährige kämpft bis heute vergeblich darum, dass „die Szene“ ihres ersten Films nicht mehr gezeigt werden darf. Ein aktueller Bericht findet sich in der Süddeutschen Zeitung vom 22. Mai 2026:

Freiberuflich. Vogelfrei.

München, erste eigene Wohnung. Freiberuflich sollte es nun weitergehen. An vogelfrei dachte ich dabei nicht. „Begabt bist du ja“, lobte mich ein namhafter Kollege, aber für Hosen ist dein Hintern wirklich zu dick!“ Essstörungen. Welche Frau hatte sie nicht? „Schlanke Frauen sehen nur in Kleidern gut aus“, kritisierte mich ein anderer Star.

Allmählich dämmerte mir, dass es jede von uns traf: Unvorhersehbare Kussattacke während einer Aufzugfahrt im Theater. Eine TV-Produktion will nach unerwartet spätem Drehschluss mitten in der Nacht zwei Schauspielerinnen kein Taxi für die Heimfahrt zahlen, obwohl kein Nachtbus fährt. „Krimidinner“. Nach langer Fahrt zum Spielort sind vor allem die Frauen hungrig und wollen noch etwas essen gehen, bevor sie ihrer Verpflichtung zum Bühnenaufbau nachkommen. „Nix da“, sagt der Verantwortliche „vorher gibt’s kein Futter für euch, sonst kackt ihr während der Vorstellung so ab!“ Ein Kollege ruft laut über den Kantinentisch, er würde gern mal der berühmten X ins Hirn vögeln. Eine Liebesbeziehung geht in die Brüche — und sie, die Schauspielerin, muss das Ensemble verlassen. Er bleibt; er ist der Chef. Weihnachtszeit: Märchen, tägliche Doppelvorstellungen. Nach der 9-Uhr-Schülervorstellung geht eine von uns zur Abtreibung, bei der 17-Uhr-Nachmittagsvorstellung steht sie als Goldmarie wieder auf der Bühne. Das hat sie aber erst viel später erzählt. „Denk nicht, spiel!“ So ein Regisseur, als ich Fragen zu meiner Rolle habe. „Quatsch nicht, spiel!“, weist mich ein anderer an; ich bin weisungsgebunden.

Drei Kolleginnen und ich gründen ein „Frauenensemble“. Wir wollen was Eigenes machen.

Die Aufführungsrechte für das Frauenstück bekommen wir aber nur, weil der Regisseur ein renommierter Mann ist. Da heißt es dann: „Frauenensemble? „Ohne Mann bringt ihr ja nichts zustande.“

… und keine blieb verschont

Einmal, bei einer seltenen, „frauenlastig“ genannten Produktion, kam ich mit sechs Kolleginnen ins Gespräch.

Jede von uns hatte Gewalt erfahren: Drohungen, Ohrfeigen, Prügel, Stalking, eine Morddrohung, eine Fast-Vergewaltigung. Keine war verschont geblieben.

„Das ist doch keine Frau!“ Der Regisseur wollte mich umbesetzen. Er wurde mich aber nicht los: Ich war schon die dritte Besetzung; denn keine war ihm Frau genug gewesen. „Dressierte Affen, diese Schauspieler“, motzte eine Schulfreundin, nachdem sie als Regieassistentin gejobbt hatte. „Und die Frauen? Abhängige und hörige Sklavinnen!“

Und einmal, als ich sehr verliebt war, stellte mein Geliebter mich einer Verwandten vor. „Na“, zwinkerte sie ihm zu, „da wirst du dich ja nicht mehr langweilen, wenn du jetzt eine Dame aus dem Milieu hast!“

„Aber Sie sind doch Schauspielerin!“ wunderte sich ein Theaterleiter, als ich eine Rolle ablehne, weil sie grottendummes Frauenbild transportiert.

Care- und Kehrarbeiten

1977 erlebte ich in der Arbeit zum ersten Mal eine Frau in der Regie; da war ich schon sieben Jahre im Beruf. Bis 1977 durfte eine Frau in Westdeutschland nur dann berufstätig werden, sein oder bleiben, wenn das „mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar“ war. „Er“ hatte keine Care- und Kehrpflichten. Er hatte es ganz anders schwer: 1969, im Jahr meines Abiturs, urteilte ein Gericht:

„Wird der Lenker eines Fahrzeugs in einen Unfall verwickelt, so gilt die mitreisende Ehegattin als am Unfall beteiligt, da regelmäßig davon auszugehen ist, daß sie durch ständiges Gerede den Fahrer vom Straßengeschehen abgelenkt hat.“

Das Urteil findet sich in Strafrecht BT, 7. Auflage, S. 228. Dank dem Kabarettisten Werner Koczwara hörte ich davon — allerdings erst 50 Jahre später.

Doch bis Ende der 1970er Jahre lebte ich — beruflich erfolgreich, frei und ungebunden — mitten in der Welt von Gauklern, Träumerinnen und Verrückten, die glaubten, durch Theater, Therapie und Meditation die Welt zum Besseren verändern zu können.

Milchstau und Hundeleben

Statt der Welt veränderte sich mit der Geburt meiner Tochter meine Welt. „Wo hamsn des Kind herbracht?“, fragte einer; und ein anderer: „Wissen Sie überhaupt, wer der Vater ist?“ Und noch ein anderer sah zu, wie ich mit Baby auf dem Rücken eine Getränkekiste die Treppe hochschleppte, und sagte: „Schwer, was?“

Ich stillte noch, da kam die Anfrage für einen „Minidreh“: ohne Aufwand, Kostüm und Maske. „Sie sind garantiert in einer Stunde abgedreht!“ Ich sagte zu; ich brauchte das Geld. Nach sechs Stunden kam die Babysitterin im Taxi ans Set gebraust; mein Kind brüllte vor Hunger wie am Spieß, und ich hätte auch gern gebrüllt, weil der Milchstau so schmerzte.

Beim nächsten Dreh stillte ich immer noch, war aber klüger. Meine Tante kam extra angereist, um am Set das Kind zu hüten. Das Kind war brav, der Dreh kurz, auch der Hund einer Kollegin schlief und pupste in der Garderobe — na, geht doch! Doch hinterher beschwerte sich jemand. Nicht über den Hund; sondern über das Kind. Ich sag’s ungern: Es war eine Kollegin.

Schauspielerin, Mutter, Schreibmaus: Der tägliche Sexismus

1983 forderte die Grünen-Abgeordnete Waltraud Schoppe in ihrer ersten Bundestagsrede die Herren auf, den „täglichen Sexismus“ im Bundestag einzustellen. Tumult. Brüllendes Gelächter der Herren Abgeordneten, kaum zu beruhigen.

Es gab keine Kitas oder Krippen. Ich brauchte Geld, bewarb mich flächendeckend, reiste — irrwitzig — mit Kind zum Vorsprechen. Der Intendant war begeistert. „Und welche Gage stellen Sie sich vor? Was? Nein, sowas zahlen wir nur Familienvätern!“ Auch das war 1983.

Nun suchte ich einen „Job“. „Ich brauch immer ein paar Schreibmäuse!“, lachte der nette Drehbuchautor. In seinem sommerheißen Büro holte ich die Texte ab, um sie nachts daheim zu korrigieren. „Tragen Sie eigentlich einen Slip unter Ihrem Kleid?“ Ich bewarb mich weiter. „Wie alt sind Sie jetzt?“, fragte am Telefon ein Fernsehregisseur. „32.“ — „Na, das geht ja noch. Ab 35 kommen die harten Züge, und ab 40 kann man keine Frau mehr in Nahaufnahme zeigen!“

Kaum durfte die dreijährige Tochter in den Kindergarten, probte ich an einem Kleintheater.

Am Tag der Premiere wurde sie krank. Ich hob das Fieberkindchen in den Buggy, fuhr mit Öffis zum Theater, bettete die Kleine auf einen Kostümhaufen in der Garderobe und betete zu Gott, dass kein „Mama!“-Schrei ertönen möge, während ich fünf Meter weiter auf der Bühne stand. Wenn Frauen spielen …

MeToo ist nicht vorbei und wird nicht enden, bis die Letzte von uns all ihre Geschichten erzählt hat. Aber der Text würde zu lang. Und während ich dies schreibe, toben Kinderchen um mich herum. Wenn Frauen schreiben …


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Quellen und Anmerkungen:

(1) https://xenopolias.de/2026/05/18/cate-blanchett-in-cannes-metoo-wurde-schnell-zum-schweigen-gebracht/
(2) https://www.nme.com/news/film/cate-blanchett-says-metoo-movement-got-killed-very-quickly-and-shes-still-on-sets-with-a-minority-of-women-3945894
(3) https://www.aerztinnenbund.de/MeToo.0.423.1.html
(4) https://www.spiegel.de/panorama/sexueller-belaestigung-berichte-von-uebergriffen-auf-deutschem-aerztetag-a-bd35a76f-8659-4fd4-adb4-f9cae9593c7c
(5) https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a099b2ed1570d73067a2ac3/medizinstudentinnen-zutiefst-verstoerend-verbaende-kritisieren-sexuelle-uebergriffe-bei-aerztetag.html
(6) https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/sexuelle-uebergriffe-aerztetag-hannover-medizinstudentinnen-li.3486054?reduced=true
(7) https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/die--muetter-des-grundgesetzes---der-weg-zu-gleichberechtigung-34731726.html
(8) https://www.deutschlandfunkkultur.de/auffuehrung-von-der-letzte-tango-in-paris-nach-protesten-abgesagt-100.html
(9) https://www.diepresse.com/5129556/der-letzte-tango-in-paris-der-missbrauch-war-echt
(10) https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-letzte-tango-in-paris-missbrauch-eines-machtgefaelles-a-1124341.html

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